Archiv der Kategorie: Türkei-Ansichten und Einsichten einer Europäerin

Lebensunwertes Leben–“das muss doch heute nicht mehr sein”

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Bismillahir rahmanir rahim

Nicht dass Ihr denkt,  ich sei mal wieder verschwunden. Nein, ich bin ganz präsent und aktiv, aber im Hintergrund, da ist nämlich bei mir gerade viel los. Darum kam ich auch gar nicht zum Artikelschreiben, ich hab einiges vor, aber einfach keine Zeit zur Recherche. Ein “kleines” Thema hat sich aber in den Vordergrund gedrängelt. Es freut mich sehr, dass mein uralter Artikel “Islamische Betrachtung von Krankheit und Behinderung” ein echter Dauerbrenner geworden ist, der hat seit Jahren die höchsten Zugriffszahlen. Da hat er sich eine kleine Ergänzung verdient. Und dann sprach mich kürzlich jemand an, weil in einer Diskussion über Syrien, also ganz andere Baustelle, dieser Kommentar gemacht wurde:

Es entspricht doch dem Wesen des Islam, Behinderte auszugrenzen und die Schmach und Gottesstrafe von der Familie fernzuhalten, indem sie weggesperrt werden oder noch besser einfach “verschwinden”. Die Islamisten werden dies umso mehr verwirklichen, wenn sie die Kontrolle über noch mehr Gebete haben.

Ich habe als Argumentationshilfe auf o.g. Artikel verwiesen und gesagt, dass ja wohl derjenige, der so etwas behauptet in der Beweispflicht ist. Aber irgendwie muss die Formulierung vom “verschwinden” etwas bei mir ausgelöst haben, ich hab mich nämlich an das “Euthanasieprogramm” der Nazis für behinderte und kranke Menschen erinnert. Hier sind Tausende von Behinderten mitten aus unserer “christlich-jüdischen” Tradition  verschwunden. Hat man je so etwas je aus islamischen Gebieten gehört?

Nein, das ist hier in Europa geschehen und ich will nicht ungerecht sein: die christlichen Religionsgemeinschaften haben das natürlich nicht gewollt und gefördert. Im Gegenteil war es der Bischof von Münster, Clemens August von Galen, der 1941 in seiner sogenannten “Euthanasiepredigt” diese Praxis anprangerte und damit solche Unruhe auslöste, dass das Regime diese einstellen musste – jedenfalls in dieser offensichtlichen und durchorganisierten Form, natürlich wurden auch nach 1941 Behinderte ermordet, psychisch Kranke verhungerten in der “Anstalt”. Und die Juden waren natürlich auch nicht beteiligt, die waren in dieser Zeit selber Opfer und “verschwanden”. Aus der Predigt von Galens:

«Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden. Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, dass man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe so genannt lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt!»

Trotzdem ist es aus “unserer” Mitte entstanden. Warum waren es so wenige Menschen, die ihre “christliche” Grundorientierung nicht vergessen haben?

Jetzt sollte man meinen, dass wir Deutschen etwas gelernt hätten. Schließlich bringen wir heute ja auch keine Juden mehr um, höchstens ein paar Ausländer, aber in bescheidenem Rahmen (ich beziehe mich hier jetzt mal auf uns Deutsche, obwohl die “christlich-jüdische-westliche” Wertegemeinschaft ja noch ein paar Länder mehr umfasst. So sagt man uns jedenfalls regelmäßig, obwohl ich gar nicht weiß, wie das in anderen europäischen Ländern so bezeichnet wird). Und was Kranke und Behinderte angeht, so haben wir doch ein ausgebautes vorbildliches Gesundheits- und Sozialsystem, oder?

Ich will nicht ungerecht sein: das haben wir tatsächlich. So viel Förderung und Unterstützung wie behinderte Menschen in Deutschland erfahren, bekommen sie fast nirgendwo auf der Welt. Vorausgesetzt, sie haben das Euthanasieprogramm überlebt.

Wie – Euthanasieprogramm?

Ja, ich muss Euch sagen, dass das Vernichtungsprogramm für lebensunwertes Leben der Nazis perfektioniert und ausgebaut wurde und erfolgreich praktiziert wird. Heute wird bei 95% der ungeborenen Kinder bei denen man vorgeburtlich eine schwerwiegendere geistige oder körperliche Behinderung diagnostizieren konnte, verhindert, dass sie lebend das Licht der Welt erblicken. Man bringt sie vorher um.

Im dritten Reich gab es keine pränatale Diagnostik, deshalb musste das “lebensunwerte Leben” erst einmal lebend geboren und dann ermordet werden. Damals argumentierte man:

daß das Leben jener, die unter „unheilbarer Blödsinnigkeit“ litten, „absolut zwecklos“ sei und eine „furchtbar schwere Belastung“ sowohl für die Angehörigen als auch für die Gesellschaft darstelle. „Obwohl sie keinen Wert besitzen, müssen große Massen gesunder Menschen sie pflegen.Zitat aus: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens

Heute werden solche Ausdrücke nicht mehr benutzt. Eine Schwangere, die erfährt dass ihr Kind nicht gesund sein wird, gerät selbstverständlich in eine Krise. Ganz normal. Aber ist es normal dass über 90% der Mütter in einer solchen Situation sich entscheiden, das Kind nicht zu bekommen, wenn man ihnen diese Möglichkeit aufzeigt? Da ist es doch wohl so, dass man nicht tröstet, aufklärt, auf Hilfsmöglichkeiten hinweist, sondern dass ganz schnell “die Lösung” aufgezeigt wird: die Abtreibung als

„medizinische Indikation“ subsumiert, „… um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden.“ wiki

Die Österreicher sind da ehrlicher und schreiben tatsächlich als Grund die körperliche oder geistige Behinderung eines Menschen in ihr Gesetz.

Übrigens gelten die 90-95% Abtreibungen bei diagnostizierten Behinderungen für die ersten 12 Schwangerschaftswochen. Aber immerhin 60% aller später als behindert diagnostizierten Kinder werden auch im späten Stadium der Schwangerschaft noch “abgetrieben”. Und wie man das dann nicht Mord nennen kann ist mir rätselhaft.

Eine schreckliche Geschichte mit einem glücklichen Ausgang, dieses Kind hat überlebt und gedeiht heute in einer Pflegefamilie:

25. Woche, plus vier Tage. Da ist der Bauch schon gewölbt. Das Kind strampelt kräftig. Es erkennt die Stimmen von Mutter und Vater. Es kann leben. Doch Susanne B. war nur verzweifelt, war sich sicher: Ein Leben mit einem behinderten Kind, das schafft sie nicht.

Alles ging ganz schnell. Um 11.15 Uhr hatte ihr der Arzt die Diagnose mitgeteilt. Um 14.30 Uhr stand sie mit dem Koffer auf der Frauenstation. Eine Medizinerin klärte auf: „Wahrscheinlich stirbt der Fötus während oder kurz nach der Geburt. Vielleicht wird er aber leben.“ Susanne B. war überfordert, reagierte panisch: „Ich will es nicht. Ich verlange, dass Sie mir das wegmachen.“ Sie droht sogar mit Selbstmord. Gegen 16 Uhr wird die Geburt eingeleitet.

Als alles vorbei war, grübelte Susanne B. oft: Wäre es besser gewesen, wenn ich nichts gewusst hätte von der Behinderung? Oder besser, wenn ich viel mehr gewusst hätte – über das Down-Syndrom, das, was sie nur als „Mongolismus“ kannte? „Dann hätte ich mich für eine normale Entbindung und gegen einen Abbruch entschieden“, sagte sie später.

Susanne B. tat, was neunzig Prozent aller Mütter tun, wenn sie erfahren, dass ihr Kind Down-Syndrom hat. Sie entschied sich für eine Abtreibung. Auch in Grenzfällen wie bei Tim, wenn das Kind schon leben kann, brechen 62 Prozent aller Mütter die Schwangerschaft ab. Das belegen Zahlen aus der Frauengesundheitsforschung.

Geboren worden, um zu sterben

Die Spätabtreibung darf allerdings nie mit der Behinderung begründet werden, nur mit einer körperlichen und seelischen Notfallsituation der Mutter. 237 Spätabtreibungen wurden dem Statistischen Bundesamt im vergangenen Jahr gemeldet. Hubert Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung (CDU) schätzt, dass es in Wahrheit viel mehr sind. Denn Embryos, die schon im Mutterleib mit einer Kalium-Chlorid-Spritze getötet und unmittelbar danach geboren werden, tauchen in dem Zahlenwerk nicht auf.

Susannes Baby sollte auf seinem Weg durch den Geburtskanal sterben, an den Anstrengungen und toxischen Medikamenten, die die Wehen einleiteten.

Tim hat seine Mutter nie kennen gelernt. Nach mehr als 30 Stunden Qual und Schmerzen musste der Arzt ihn aus Susannes Leib herausziehen, weil er sich noch nicht gedreht hatte. Ein kleines Bündel Mensch, nur 650 Gramm schwer, leichter als ein Paket Mehl.

Susanne wollte Tim nicht sehen, die Pfleger brachten ihn weg. Neun Stunden lag der Fötus nackt in einem Kreißsaal in Oldenburg, notdürftig in ein paar Handtücher gewickelt. Wozu ein Wärmebettchen, ein Brutkasten? Dieses Kind war geboren worden, um zu sterben. Doch Tim gab nicht auf: Als sein Körper schon auf 28 Grad abgekühlt war, schnappte er noch nach Luft. Da kam er auf die Frühchenstation, und später dann zur Familie G.

Die Mutter dieses kleinen Jungen, die selber gesagt hat, dass sie sich anders entschieden hätte, wenn man sie richtig aufgeklärt hätte, ist laut “Spiegel”-Artikel tot. Es steht nicht genau warum, aber es klingt nach Suizid.

Natürlich kann man sagen, es ist leicht dahergeredet, wenn man nicht in der Situation steckt, so wie es diese Mutter in einem Forum berichtet hat:

Wir hatten uns so sehr ein Kind gewünscht, alles war so schön, bis der Tag X kam. Routineuntersuchung. Schwerstbehindert, Lebenserwartung max 1-2 Jahre, Leben lang OP„s , geistig und körperlich schwerstbehindert.
Oder „die SS vorzeitig beeenden“, von erster Sekunde an, war uns klar, daß dies die Entscheidung sein wird…zwischen Befund und Krankenhaus ließen wir uns dennoch 1 Woche Zeit, (laut Gesetz sind es 3 Tage)….
FA und anderer Arzt, wegen Zweitmeinung, sollen ja neutral auftreten, doch man merkte, daß auch diese unsere Entscheidung aufnahmen und es wohl auch daß beste sein. Für das Kind, ja und auch für die (egoistischen) Eltern. Wir wollten dem Kind , ja und auch uns viel Leid ersparen.
Ich mußte zur Beratung, zu der Dame sagte ich, ich hasse mein Kind, weil es schwerbehindert ist, ich hasse mich, weil ich nicht in der Lage bin, ein gesundes Kind in mir zhu haben. Die Dame meinte;: Sie hassen ihr Kind nicht, SIE HASSEN NUR DIE Situation, in der sie sich befinden.
Recht hatte sie, dennoch schäme ich mich, daß ich kurzfristig mein Kind haßte, auch eine FA meinte zu mir, keiner kann was dafür, Sie nicht, daß Kind nicht, es ist ein Teil von Ihnen, egal wie sie sich entscheiden, es ist ein Teil von Ihnen.
Die stille Geburt wurde eingeleitet, es dauerte 3 Tage bis es losging, dann ging es blitzschnell von heftiger Wehe bis Geburt dauerte 10 MInuten. Danach AS.
Körperlich ging alles sehr gut, nur im Kopf ist es dennoch schwer, auch wenn man sich gegen das Kind entscheidet.
Es ist schwer damit klarzukommen, auch wenn ich mich wieder gegen das Kind entscheiden würde.
Die Sehnsucht nach einem Baby ist groß, doch die Angst auch. Sicher gibt es keinen Anspruch auf ein gesundes Kind, klar, kann daß Kind ein Unfall haben, aber es ist ein Unterschied ob von vornherein klar ist, daß dieses Kind nur leiden wird. Und die Frauen, die selbst nur gesunde Kinder haben“ Ich hätte das Kind bekommen“. Die haben leicht reden.
Ich denke, es versteht jemand nur einen, der in der gleichen Situation war und auch wenn man sozusagen hart ausgedrückt: sein kind umgebracht hat, so ist man dennoch traurig.

Aber was heißt “sozusagen”? Ja, sie haben ihr Kind umgebracht. Und damit will ich gar nicht behaupten, dass sie das Kind nicht geliebt hätten  und dass sie nicht gelitten haben. Aber da war ein lebensfähiges Kind mit schweren Behinderungen und andere haben entschieden, ob sein Leben lebenswert oder lebensunwert ist.

Noch ein Beitrag aus einem Forum:

Letztendlich entschieden wir uns zum Wohl des Kindes ( und auch zu unserem Wohl) die Schwangerschaft abzubrechen.

Hier ging es um ein Kind mit Down-Syndrom. Weiter war nichts bekannt, das war eine Abtreibung in der Frühschwangerschaft. Menschen mit Down-Syndrom können schwer behindert sein, oder auch nur ganz leicht. Aber ist das nicht auch egal? Was heißt hier das “Wohl des Kindes”? Es hätte ein quietschvergnügtes Menschenkind sein können.

Warum raten Ärzte so schnell dazu, eine Schwangerschaft mit einem behinderten Kind abzubrechen und sei es auch in Form einer Spätabtreibung, bei der sie das Ungeborene  dann oft erst mit einer Kaliumchlorid-Spritze in das Herz töten? Es ist tatsächlich so, dass anscheinend viele Ärzte Schadenerzatzklagen fürchten, wenn ein behindertes Kind geboren wird und überlebt. Aber entscheidender scheint mir tatsächlich die gesellschaftliche Haltung zu sein, die schon die Nazis verbreitet haben und die sich in solchen Aussagen zeigt:

Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Köln, Peter Mallmann, vertrat im April 2000 die Position, die Pränataldiagnostik sei „gesundheitsökonomisch notwendig zur Kostenreduktion im Gesundheitswesen” Bei einer Umfrage in Deutschland Anfang 2001 befürwortete mehr als der Hälfte der Befragten pränatale Untersuchungen, „da sie zum Beispiel helfen, Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren“.wiki

Und wie im Dritten Reich sind es die Kirchen, die dieser Haltung widersprechen. Da funktioniert es, mit dem christlichen Wertesystem.

Eine Mitarbeiterin der “Zeit” schrieb dort über die Reaktionen der Mitmenschen auf ihre behinderte Tochter:

Im Sportverein. Ben rennt mit den anderen Kindern um die Wette, ich trinke Latte macchiato und lasse Lotta auf meinen Knien reiten. Sie grinst. Eine andere Mutter:

»Wann hat man das denn festgestellt?«

»Die Fehlbildung? Im neunten Monat, 33. Woche.«

»War es da zu spät?«

»Wofür?«

»Um was dagegen zu machen.«

»Das kann man nicht im Mutterleib operieren.«

»Nein, aber…«

Das Wort »abtreiben« spricht sie schon nicht mehr aus.

Warum gibt es dich, Lotta? Ein behindertes Kind, das muss in Deutschland heute doch nicht mehr sein.

Das ist ein sehr lohnender Artikel und auch seine Fortsetzung. Inzwischen ist auch ein Buch erschienen glaube ich, hab aber noch nicht danach gesucht.

Dieses “das muss doch heute nicht mehr sein” erleben wohl alle Eltern, die sich entscheiden ein Kind trotz Behinderung zu bekommen. Und das ist ein echtes Armutszeugnis für unsere Gesellschaft und zeigt, dass in dieser noch eine Menge Nazi-Ideologie steckt. Ich meine damit nicht die Gewissensnöte von Eltern, die sich für oder gegen ein Kind entscheiden sollen, sondern dass ihnen nicht in diesem Moment schon alles Erdenkliche was man als Gesellschaft leisten kann, als Hilfe angeboten wird und dass man ihnen nicht Mut macht, sondern das kranke Baby als ein lösbares Problem darstellt. Und wenn alle behinderten Kinder geboren würden und das Gesundheits- und Sozialsystem viel Geld kosten würden: unser reiches Land würde daran ebensowenig zugrundegehen wie an ein paar zigtausenden Flüchtlingen mehr, oder daran allen Menschen in diesem Land ein bedingungsloses Grundeinkommen zu garantieren von dem man würdig leben kann. Übrigens würde man damit auch viele ehrenamtliche Helfer mobilisieren, da bin ich ganz sicher.

Aber so rechnet man in einem kapitalistischen Land nicht, denn der Kapitalismus kann bekanntermaßen nicht rechnen. sonst würden ja nicht alle diese irrwitzigen Schuldenkrisen und dgl. entstehen. Hier muss der der lebt, produktiv sein und nicht behindert geboren, krank geworden oder alt und gebrechlich.

Das ist Gedankengut vom “unwerten Leben”. Zum Glück ist diese Ideologie nicht alleine vorhanden, sondern hat einen menschlichen Gegenpol und der ist es, der uns die vielen guten Angebote für Behinderte verschafft. Das will ich nicht in Abrede stellen, sondern wollte nur auf diese starke andere Richtung hinweisen.

Aber zum Schluss nochmal zur Ausgangsbehauptung, dass der Islam behinderte Kinder am liebsten “verschwinden lassen” würde. Wir haben gesehen, dass es in unserer nichtislamischen Gesellschaft die Wahrheit ist, dass Behinderte “verschwinden” und zwar so früh, dass möglichst keiner außer dem medizinischen Personal und den Eltern je davon gewusst hat. Das ist im Islam nicht der Fall, denn Abtreibung aus dem Grund, dass das Kind behindert ist, erlaubt der Islam nicht. Hier  Fatwas von Ayatollah Chamene´i:

F. 181: Nach der Untersuchung über ihren Zustand in den ersten Monaten der Schwangerschaft informierte der Arzt die Frau, dass, wenn die Schwangerschaft fortgesetzt wird, möglicherweise Gefahr für ihr Leben besteht, und dass, wenn die Schwangerschaft fortgesetzt wird, das Kind behindert geboren werden würde. Und deshalb hat der Arzt angeordnet, die Schwangerschaft abzubrechen. Ist diese Handlung dann erlaubt? Und ist (grundsätzlich) der Schwangerschaftsabbruch vor dem Eintritt der Seele in diesen (Embryo) erlaubt?

A: Dass ein Embryo behindert ist, ist keine religionsrechtliche, Rechtfertigung, um ihn abzutreiben, selbst vor dem Eintritt der Seele in diesen (Embryo). Jedoch mit der Befürchtung für das Leben der Mutter bei fortgesetzter Schwangerschaft besteht kein Hindernis zum Schwangerschaftsabbruch des Embryos vor dem Eintritt der Seele in diesen (Embryo), falls diese (Befürchtung) sich auf die Aussage eines Facharztes stützt, der vertrauenswürdig ist.

F. 182: Fachärzte können durch die Anwendung neuer Methoden und Geräte viele der Mängel eines Embryos (bereits) während der Schwangerschaft bestimmen. Ist die Abtreibung des Embryos, über den der vertrauenswürdige Facharzt informiert hat, dass er missgebildet ist, erlaubt im Hinblick auf die Schwierigkeiten, die Missgebildete nach ihrer Geburt erleiden? Und wird in dieser Hinsicht ein bestimmtes Alter (des Embryos) vorausgesetzt?

A: Ein Schwangerschaftsabbruch allein dafür, dass dieser (Embryo) missgebildet ist oder für Schwierigkeiten, unter dem er während seines Lebens leiden wird, ist in keinem Alter erlaubt.

Der Vollständigkeit halber dann noch zur Abtreibung allgemein:

F. 185: Wie ist das Urteil zum Schwangerschaftsabbruch an sich, und wie ist das Urteil, wenn bei Fortsetzung der Schwangerschaft Gefahr für das Leben der Mutter besteht. Und die Erlaubnis (zum Schwangerschaftsabbruch) angenommen, wird dann unterschieden zwischen dem, was vor Eintritt der Seele und dem, was danach erfolgt?

A: Der Schwangerschaftsabbruch ist religionsrechtlich verboten und in keinem Fall erlaubt, außer wenn bei der Fortsetzung der Schwangerschaft eine Gefahr für das Leben der Mutter besteht. In diesem besonderen Fall besteht kein Hindernis dazu, die Schwangerschaft vor dem Eintritt der Seele in diesen (Fötus) abzubrechen. Aber nach dem Eintritt der Seele ist es nicht (mehr) erlaubt, ihn abzutreiben, selbst wenn beim Fortsetzen (der Schwangerschaft) eine Gefahr für das Leben der Mutter besteht, außer wenn die Fortsetzung der Schwangerschaft zum gemeinsamen Ende seines Lebens und (auch des Lebens) der Mutter führt und es nicht möglich ist, das Leben des Fötus auf jegliche Weise zu retten, aber es durch Schwangerschaftsabbruch möglich ist, das Leben der Mutter alleine zu retten.

Der Eintritt der Seele wird in den dritten Schwangerschaftsmonat datiert. Das sind wie gesagt religionsrechtliche Aussagen von Ayatollah Chamene´i, ich glaube aber dass es da kaum Unterschiede zu anderen shiitischen oder sunnitischen Gelehrten geben wird, aber das kann man bei Interesse ja herausfinden. Wir sehen also, dass das Recht zur Abtreibung im Islam grundsätzlich erst einmal nicht gegeben ist und das nur unter schwerwiegenden medizinischen Gründen anders gesehen wird. Wirtschaftliche Gründe zählen dabei übrigens überhaupt nicht und auch nicht die Frage des Geschlechts, was in Indien, China und sogar einigen europäischen Ländern ganz anders ist. Als der Prophet Muhammed, s.a.s., mit der göttlichen Botschaft zu den Arabern kam, wurde übrigens die verbreitete Praxis gestoppt, neugeborenen Mädchen im Wüstensand lebendig zu begraben. Sozusagen auch eine “Spätabtreibung”.

Aus dem heiligen Qur´an dazu (Sure 42, Verse 49+50)

Allahs ist das Königreich der Himmel und der Erde. Er schafft was Er will. Er beschwert Mädchen, wem er will, und er beschert die Knaben, wem Er will.

Oder Er gibt beide, Knaben und Mädchen, und Er macht unfruchtbar, wen Er will. Er ist Allwissend, Allmächtig.

Ob Abtreibung erlaubt sein sollte oder nicht, das ist ein Thema über das man an anderer Stelle diskutieren kann – ich habe dazu meine Meinung im Laufe meines Lebens sehr radikal verändert. Heute weiß ich, dass Gott es uns verbietet, bis auf ganz wenige Ausnahmen, wie sie in den Fatwas genannt sind. Aber Gott sagt nicht, dass die Familien und die Gesellschaft Eltern mit ihren Kindern alleine lassen soll, ob diese nun gesund oder krank und die Familien reich oder arm sind. Jeder kann mit jeder Herausforderung fertig werden, mit der entsprechenden Hilfe.

Aber ganz zum Schluss: Muslime lassen ihre behinderten Kinder nicht vorgeburtlich “verschwinden”, wie es unsere westliche Kultur hier so unschön vormacht. Ob sie sie aber später dann isolieren, verstecken, nicht genügend fördern? Dazu kann man wenig Material finden.

Ich kann nur von einem befreundeten Ehepaar in der Türkei berichten, dem angeboten wurde, das als behindert diagnostizierte Kind abzutreiben – ja, auch in der TR wird das gemacht. Sie haben sich entschieden, das Baby zu bekommen, aber es ist gestorben. Ein anderer kleiner Junge mit einer ziemlichen Entwicklungsverzögerung und einer Sehbehinderung, lebt ganz normal mit seiner Familie, liebevoll umsorgt und alle passen auf ihn auf. Aber da fehlt es ganz sicher an Förderung, in den Kindergarten geht er nicht wie alle anderen und auch in keinen speziellen. Da gibt es noch viel zu tun. Organisationen die sich um behinderte Kinder kümmern gibt es wohl in allen muslimischen Ländern, aber darüber was sie leisten können, findet man nicht so leicht etwas heraus. Aber in einem Forum für “besondere Kinder” habe ich eine interessante Diskussion zum Thema:

Wie steht der Islam zum Thema Behinderung?

gefunden. Da diskutieren verschiedene Eltern, auch muslimische, sehr aufschlussreich.

Hier ein Film aus einer syrischen Behinderteneinrichtung, vor dem Krieg. Da ein Film aus Syrien ja die Inspiration zu diesem Artikel gegeben hat, passt das doch. Was wohl aus den Kindern in dieser Einrichtung geworden ist?

Dieser Artikel ist länger geworden als geplant und hat mich auch schon eine Weile beschäftigt vor der Niederschrift. Obwohl ich über das Thema der Morde an behinderten Kindern, denn so kann ich diese Spätabtreibungen nur sehen schon mal gelesen hatte, hab ich mich nicht so reingehängt und nicht gewusst, dass das Hunderte von Malen im Jahr in Deutschland vorkommt. Abtreibungen in einem früheren Stadium – vielleicht vor dem Einzug der Seele in den Embryo kann ich jetzt aber auch nicht viel anders finden. Das Thema Abtreibung ist ein schweres. Aber es ist nicht nur Verantwortung der Frau bzw. Eltern alleine, die sich überfordert fühlen, sondern die einer Gesellschaft, die sich nicht kümmert und in der nur zählt wer pflegeleicht und produktiv ist. Wieviel Nazi-Gedankengut doch in diesem unserem System steckt!

Fundbüro: Die katastrophale Außenpolitik der Türkei verstehen

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Fundbüro: Die katastrophale Außenpolitik der Türkei verstehen

Bismillahir rahmanir rahim

 


Türkische Politik macht mich wie gesagt derzeit ratlos – und ich komme auch nicht dazu, intensiver zu recherchieren. Aber warum auch, wenn das andere viel besser können. Eine interessante Analyse bei „Mein Parteibuch“:

 

Teil 1

Teil 2

Teil 3

 

 

Istanbul-Ansichten

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Istanbul-Ansichten

Bismillahir rahmanir rahim

Und hier nun eine Auswahl von  Fotos aus Istanbul – wie schön, dass man heute seine Freunde nicht mehr beim Dia-Abend langweilen muss – hier könnt Ihr gucken oder es lassen, 🙂 und ich merke nicht, wenn Ihr einschlaft, *löl*. Viele waren ja schon oft dort, nur ich habe es irgendwie nie geschafft. Bin ja mit einem türkischen Landei aus einer Großfamilie verheiratet und der will im Urlaub immer nur sofort nach Hause, seine Kinder und Geschwister sehen, Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen nicht zu vergessen. Und Geld ist auch nie übrig gewesen für einen Stadturlaub, immer gibts Bauarbeiten oder Bäume zu pflanzen. Aber dieses Jahr hab ich mich durchgesetzt und siehe da, mein Mann war Feuer und Flamme.

Istanbul ist aber auch eine wunderschöne Stadt und hat sich uns von der besten Seite gezeigt, so hatten wir es richtig gut.

Ich war sehr beeindruckt von den Gebäuden, vor allem die Hagia Sophia habe ich mir nicht so überwältigend vorgestellt. Die wirkt ja tatsächlich wie schwebend. Schade, dass sie nicht mehr als Gotteshaus genutzt wird, ob christlich oder muslimisch, ich finde sie hat diese Atmosphäre. Allerdings vereint sie als Museum ja die Symbolik beider Religionen in sich, das wäre sonst ja nicht der Fall.

Ja und im Topkapı-Palast war natürlich die Sammlung heiliger Schätze das Schönste – ein Fussabdruckt unseres Propheten Muhammed, s.a.s., maschaAllah, Waffen und Barthaare (die waren allerdings für meine Augen nicht zu erkennen). Aber ebenso großartig der Stab von Moses, a.s., der Turban von Yusuf, a.s., ein Schwert von David, a.s. – Waffen von Imam Ali a.s. und anderen Gefährten des Propheten, a.s., ein Schlüssel zur Kaaba – oh ich hab mir gar nicht alles gemerkt. Dort konnte man ja leider keine Fotos machen, aber ich poste unten links dazu.

Auch sonst war die Palastanlage natürlich interessant. Die Sultan-Ahmet-Moschee trägt ihren Namen „blaue Moschee“ zu Recht und die Atmosphäre dort, mit der Moschee und der Hagia Sophia gegenüber ist vor allem abends besonders.

Fischbrötchen mit Makrelen die praktisch in die Pfanne des Imbiss-Bootes gesprungen sind gibt es am Anleger in Eminonü. Einen Spaziergang über die Galata-Brücke haben wir gemacht und sind auf den Galata-Turm gefahren, tolle Aussicht. Ein Basarbummel musste natürlich sein, allerdings geht das ohne Mann doch besser, :-), auch wenn der gut handeln kann. Eine Bosporus-Fahrt bei Vollmond – also einen besseren Reisetermin konnten wir wohl nicht finden. Ja und nachdem mein Mann gestern morgen schon Richtung seiner Heimat aufgebrochen ist, hab ich noch eine kleine Fährfahrt auf die asiatische Seite nach Üsküdar gemacht. Mal sehen, ob es mir gelingt, die Videos bei youtube zusammenzufügen. Aber jetzt kommen erstmal die Bilder. Bei denen habe ich mühselig überall eine Ortsangabe eingefügt und stelle nun fest, dass man die in der Diashow gar nicht sieht. Nun ja. So fällt wenigstens nicht auf, wenn ich da mal die Moscheen verwechselt haben sollte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

zu den heiligen Schätzen: http://www.muhammedinur.com/Kitaplar/kutsalemanetler/kutsalemanetler.html

Die Türkei im Krieg ?!

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Die Türkei im Krieg ?!

Bismillahir rahmanir rahim

Die Rolle der Türkei in der Syrien-Frage macht mich ratlos. Viele Fragezeichen…..Gleichzeitig läuft massive antiiranische Propaganda in der Türkei: jetzt sind die Iraner für den PKK-Terror verantwortlich. Angeblich haben sie Absprachen mit der PJAK getroffen, dass diese keine Anschläge mehr in Iran verübt, dafür lässt man sie ungehindert Richtung Türkei agieren. Dieser Vorwurf ist nicht neu, wird jetzt aber verstärkt. Angeblich sind mehr als die Hälfte gefangener oder getöteter PKK-Terroristen Syrer oder Iraner.

Da die türkische Armee derzeit massiv gegen die PKK vorgeht, gibt es von diesen eine Menge. Gleichzeitig dreht die PKK im Terror auf, die Zahl der Anschläge und Todesopfer ist erschreckend und ich mach mir Sorgen um unsere Familie.

Gaziantep z.B., 9 Todesopfer, davon 4 Kinder:

Almina Melisa Aker (wurde 1 Jahr alt)

Süleyman Alkan (wurde 3 Jahre alt)

Sevgi Gülperi İnanç (wurde 11 Jahre alt)

Sena Büyükkoruk (wurde 12 Jahre alt)

Davut Adak (wurde 31 Jahre alt)

Fatih Canbaş (wurde 48 Jahre alt)

İsmail Daler, Duygu Aker (wurde 21 Jahre alt)

Onur Fikret Aker (wurde 21 Jahre alt)

Nach dem verehrenden Terroranschlag in Gaziantep, bei dem 9 Menschen getötet und über 67 Menschen verletzt wurden, gibt es erste Ermittlungsergebnisse der Behörden. Fünf Personen, darunter ein Fahrer eines Abschleppdienstes, wurden festgenommen. Erste Details, die in den Medien nun veröffentlicht wurden bestätigen, dass die Terrororganisation PKK hinter dem Anschlag steckt. Drahtzieher soll nach neuesten Erkenntnissen PKK-Top-Terrorist  Irfan Amed (Codename Mehmet Tahir Kılıç) aus der Provinz Diyarbakirs sein. Bereits am 13. August verhinderten Sicherheitskräfte einen Bombenanschlag in Sanliurfa. Auch hier versuchten PKK-Terroristen mit 50 Kg C4-Sprengstoff ein Blutbad anzurichten. Die Bomben seien nach dem gleichen Muster präpariert gewesen. Ziel war es, so viele Menschen wie möglich zu töten, die Bomben waren mit Nägeln präpariert gewesen. Derzeit sitzen 5 Verdächtige in Untersuchungshaft und werden von der Staatsanwaltschaft Gazianteps verhört. ganzer Artikel hier: http://www.turkishpress.de/news/22082012/tuerkei-pkk-fuer-gaziantep-anschlag-verantwortlich/1826

Jetzt sind verstärkte Anschläge im Sommer natürlich nicht ungewöhnlich, ebensowenig wie vermehrte Militäreinsätze. Und da in den letzten Wochen 1000 Terroristen getötet wurden, während vor ein paar Monaten noch von einer Gesamtzahl von 2000-3000 die Rede war, muss man sich fragen, woher der Nachschub kommt.  So viele Kinder kann die PKK wohl nicht von den kurdischen Türken gekauft haben, obwohl auch das erschreckende Verbrechen sind (http://www.turkishpress.de/de/news/02012010/kinder-der-pkk/879) .

Die durchschnittliche  Überlebensdauer eines PKK-Kämpfers liegt übrigens bei ca. 1,5 Jahren und ungefähr die Hälfte wird von ihren eigenen Kollegen ermordet, besonders Frauen.

Aber die Frage nach der türkischen Rolle im syrischen Bürgerkrieg: es ist inzwischen unbestritten, dass die Türkei massiv Hilfe für die türkischen „Rebellen“ leistet. Und damit stellt sich die Regierung gegen ihre eigene Bevölkerung, die einen Militäreinsatz mit großer Mehrheit ablehnt. Nun ist natürlich die Propaganda, dass man sich ja gegen aus Syrien einsickernden PKK-Terror wehren müsse natürlich ein ziemlich offensichtlicher Versuch, diese Beteiligung zu rechtfertigen. Wenn Assad nun mal nicht willens und in der Lage ist, gegen die PKK vorzugehen, dann muss sich die Türkei doch wehren…

Und da beißt sich für mich die Katze irgendwie in den Schwanz – denn dass die Assad Regierung nun wiederum keine Lust hat, die PKK an die Leine zu nehmen, während die Türkei die fremdgesteuerten „Rebellen“ unterstützt, wundert mich nun auch wieder nicht.

Da kann natürlich ein mehr oder weniger souveränes (syrisches) Kurdistan dabei herauskommen und das passt wiederum sehr gut in die amerikanischen Pläne, hier noch einmal die Karte des „Broader Middle East“ nach US-Plänen:

Ein Projekt, als dessen Unterstützer sich ja Tayyip Erdoğan bezeichnet – und das ganz im Widerspruch zu der türkischen Politik der nationalen Einheit steht.

Den Syrern wird jetzt vorgeworfen, seit Jahren nicht genug gegen den PKK-Terror unternommen zu haben. Ja da frage ich mich, warum das bei der „no problem“ Politik der türkischen Regierung in den letzten Jahren nicht mehr Thema in den Gesprächen mit der damals noch befreundeten Assad Regierung war?

Heute schrieb die „Milliyet“

Ankara (IRNA) – Die türkische Zeitung Milliyet schrieb in ihrem heutigen Leitartikel: „Die USA schieben die Türkei ins syrische Feuer  hinein. Unsere Bevölkerung muss die Rolle der Hauptakteure in Syrien erkennen„.

IRNA zufolge steht im Leitartikel dieser Zeitung: „Das blutige Spiel der USA vor 10 Jahren im Irak wiederholt sich nun in Syrien“.

Der Verfasser dieses Artikels fügte hinzu: „Der einzige Unterschied zwischen der Situation im Irak und in Syrien besteht darin, dass die USA durch die bitteren Erfahrungen im Irak, welche zum Tode von vielen US-Militärs führte, diesmal nicht direkt in Syrien eingreifen, sondern versuchen, die Türkei in dieses Feuer hineinzuschieben“. http://german.irib.ir/nachrichten/politik/item/210061-tuerkische-zeitung-qmilliyyetq-die-usa-schieben-die-tuerkei-ins-feuer-syriens-hinein

Ich sag ja: nur Fragezeichen. Was ist aus der Emanzipation der TR vom USraelischen Einfluss geworden? Sind die Opfer der Mavi Marmara vergessen? spätestens nach der Zustimmung zum NATO-Raketenschild war schon klar, dass die Türkei  sich weiterhin benutzen lässt, und die sonderbare Aktion mit dem angeblich von Syrien abgeschossenen Flugzeug war ja auch eher eine peinliche Propagandaaktion.  Das Thema wurde stillschweigend beerdigt und inzwischen sucht man ja auch gar nicht mehr groß nach Rechtfertigungen für die türkische Beteiligung am syrischen Krieg. Und trifft sich ganz un-heimlich mit der USA zur Besprechung weiterer Strategien: http://german.irib.ir/nachrichten/politik/item/210002-tuerkei-und-amerika-sprechen-ueber-operative-massnahmen-gegen-syrien

Meine Artikel zur Türkei-Politik sind in diesem Jahr alle von Ratlosigkeit geprägt, wie ich beim Stöbern in meinem Archiv festgestellt habe . Ganz anders als in den vergangenen Jahren, in denen ich mich über einen Aufbruch in der Türkei gefreut habe und über eine jedenfalls scheinbar von Demokratisierung und Emanzipation geprägte Politik. Dass es innenpolitisch ein ziemliches „Klein-Klein“ gibt, ist schon ärgerlich, aber vielleicht nicht unüblich, wenn eine Partei die dritte Legislaturperiode alleine regiert. Dass da Lobbyismus und Klientelpolitik Einzug halten wundert mich nicht, vor allem bei einer Opposition, die man nicht ernst nehmen kann.

Innenpolitisch bleibt aber für die AKP immer noch ein gutes Fazit, auch das messe ich an der Verbesserung der Lebensbedingungen für meine Familie, die recht typisch für die türkisch-kurdische Landbevölkerung ist. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sich ein Erdoğan weiterhin als standhafter Muslim zeigt – aber nun ja, Macht korrumpiert nun mal die meisten Menschen.
Ich bin kein Anhänger der Verschwörungstheorien um Fethullah Gülen – allerdings ist dieser auch bekennender Israel-Freund und wenn er tatsächlich erheblichen Einfluss in der Türkei besitzt, dann kann natürlich auch eine US-Israelfreundliche Politik der türkischen Regierung davon beeinflusst sein. Ich bin aber auch hier weit davon entfernt, das zu durchschauen.

Mein Mann, der ja in der Frage von Syrien und Iran mit mir immer über Kreuz liegt, sieht keine verstärkte Abhängigkeit von den USA. Im Gegenteil wertet er inzwischen auch den Geheimdienstskandal dieses Jahres (auch Inhalt eines Fragezeichenartikels) als Zeichen einer emanzipierten Politik Erdoğans, der den Geheimdienstchef vor Anschuldigungen der „alten Garde“ in Schutz nahm.

Ja, ich kann hier wirklich nur ein paar Brocken zum Nachdenken und Nachforschen hineinwerfen. Und meiner Sorge um meine Familie und alle anderen Bewohner des türkischen Südostens Ausdruck verleihen, friedliebende und hart arbeitende Menschen, mit viel Familiensinn und Zusammenhalt.

Mir tun auch die syrischen Flüchtlinge leid, die in der Türkei in Zeltstädten leben, auch wenn sie es dort besser getroffen haben als in anderen Ländern, man darf das Engagement der Türken für die Flüchtlinge nicht kleinreden. Aber Ausbildungslager für Terroristen gehören nicht in die Flüchtlingslager.

Zwei kleine Anmerkungen:

  1. Dies war mein tausendster Artikel, 🙂
  2. Hier ein Einsatz der türkischen Sicherheitskräfte gegen Terroristen in Sirnak – diese wurden von einer Überwachungskamera erfasst und sofort vom Militär verfolgt:
    http://video-galeri.bugun.com.tr/catismanin-en-net-goruntusu-203135-videosu.aspx.
    Was tun auch bewaffnete „Freiheitskämpfer“ nachts mitten in der Stadt?

Türkisches Flugzeug von Syrien abgeschossen – Cui bono?

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Bismillah i rahmani rahim

Erfreulicherweise hat mein Mann hat mich immer noch nicht gesteinigt, obwohl ich ihm widersprochen habe (https://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/2012/06/23/turkisches-flugzeug-uber-syrischem-hoheitsgebiet-versehen-oder-wer-provoziert-hier-wen/), aber ich freue mich natürlich über Besorgnis aus meinem Fanclub, vor allem von denen, die so zahlreich von einer gewissen „Madrassa“ hierhergeleitet werden. Das verschafft dem blog noch bessere Besucherzahlen und vielleicht regt er ja die Hirnfunktion der Besucher an.

Aber zu der Flugzeug-Abschuss-Affäre. Entgegen den Meldungen zu Anfang, sind die beiden Piloten nicht aufgefunden worden, allerdings wurde inzwischen das Flugzeug vom türkischen Militär geortet. Und zwar nach türkischen Angaben.in internationalen Gewässern, in 1300 m Tiefe. Es ist noch nicht geborgen worden. Nach Aussage der Türken hat das Flugzeug, eine F-4, den syrischen Luftraum tatsächlich kurzzeitig verletzt, wurde aber von seiner Bodenstation „zurückgepfiffen“. Der Abschuss sei 10 min. später und ohne Vorwarnung erfolgt, als die Maschine den syrischen Luftraum bereits verlassen hatte. Das würden die Funkprotokolle und der Fundort bestätigen. Das Flugzeug sei unbewaffnet und die Kennzeichnung sichtbar gewesen.

Ebenfalls im Gegensatz zu ersten Meldungen, haben das syrische und das türkische Militär nicht bei der Suche nach dem Flugzeugwrack zusammengearbeitet. Im Gegenteil, am Freitag sei ein Suchflugzeug ebenfalls aus Syrien beschossen worden. Die Türkei hat deshalb den UN-Sicherheitsrat angerufen.( http://www.todayszaman.com/news-284694-turkey-appeals-to-un-security-council-following-jet-crisis-with-syria.html)

Bei „Mein Parteibuch“ werden die Medienberichte und Karten genauer analysiert (http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2012/06/25/nato-medien-verzerren-darstellung-zum-syrischen-abschuss-der-turkischen-f-4-phantom/). Demnach ist der Fundort sehr wohl in syrischen Gewässern. Interessant finde ich auch die Vermutungen eines deutschen ehemaligen F4-Piloten:

Da glaube ich eher an einen Flug, bei dem die Luftabwehr getestet werden sollte. Man fliegt langsam immer näher an den möglichen Standort des Gegners ran, beobachtet das Aufschalten des Suchradars, und wenn dann das Zielradar aufschaltet dreht man ab. Jetzt hat man erfahren wie sich das System auf den bordeigenen Warnsystemen darstellt, zum Beispiel das neu stationierte russische Rakentenabwehrsystem. Daraus lassen sich dann Gegenmaßnahmen und neue Taktiken entwickeln. Dass man hierfür keine bewaffnete Maschine nimmt sondern einen Aufklärer und dass man das mit einem einzelnen Flugzeug macht und nicht in Rotte ist auch klar, man will sich ja unbedarft stellen wenn man bei der Sache erwischt wird.

Ist schief gegangen und den Verantwortlichen ist das auch bewusst, was man an den moderaten Reaktionen der Türkei wie auch am Verhalten der Nato sehr schön ableiten kann.

Originalquelle hier: http://www.flugzeugforum.de/syrien-66075-12.html#post1751781

Heute hat der NATO-Rat über den Vorfall diskutiert und den Abschuss „aufs Schärfste“ verurteilt. Ein Militärschlag sei nicht vorgesehen. (http://german.irib.ir/nachrichten/politik/item/207853-ausserordentliche-sitzung-der-nato-zu-angriff-auf-syrien).

Interessant ist, dass die Türkei berichtet, dass syrische Hubschrauber seit Beginn des Jahres fünfmal den türkischen Luftraum verletzt hätten, ohne gewaltsame Konsequenzen. Sie seien lediglich aufgefordert worden, sich zurückzuziehen. Insgesamt berichtete die Türkei über 114 Luftraumverletzungen seit Januar (Länder wurden nicht genannt, erfahrungsgemäß handelt es sich um israelische und griechische Flugzeuge). Solche Vorfälle seien also durchaus nicht selten und würden nicht gleich mit Schusswaffeneinsatz geahndet.

Dass Tayyip Erdoğan harte Worte gegen die Syrer gerichtet hat, war zu erwarten, dass es keine überstürzte Vergeltungsaktion gegeben hat, finde ich erfreulich. Trotzdem zieht die türkische Armee Kräfte an der syrischen Grenze zusammen und Erdoğan äußerte, dass jegliche Grenzverletzung durch die syrische Armee als Angriff gewertet würde. (http://www.todayszaman.com/news-284663-army-on-high-alert-on-syrian-border-as-turkey-warns-of-retaliation.html). Im April hat es einen syrischen Beschuss über die türkische Grenze hinweg gegeben. Die Syrer sagen, sie hätten auf „Rebellen“ geschossen, die aus dem türkischen Gebiet heraus operierten. Das ist durchaus glaubhaft, da die Türkei ja nicht bestreitet, dass sie den „Widerstandskämpfern“ eine Basis bietet.
Gefährlich ist die Situation für die inzwischen mehr als 30000 syrischen Flüchtlinge die nahe der Grenze in Lagern untergebracht sind.
Die Kritik an der türkischen Reaktion geht dahin, dass das türkische Militär ermächtigt worden sei, bei vermuteter Gefahr schon über die Grenze hinweg gegen syrisches Militär vorzugehen (http://www.jungewelt.de/2012/06-27/038.php).
Interessant ist  die Anmerkung von Abdullah Bozkurt, Kolumnist bei der Today´s Zaman, dass möglicherweise die Türkei sogar das Recht habe, in den syrischen Luftraum zu fliegen auf Grund von bilateralen Abkommen zur Bekämpfung des Terrorismus. Den Kommentar von Bozkurt  (http://www.todayszaman.com/columnist-284587-is-turkey-itching-for-war-with-syria.html) finde ich aber vor allem aus anderen Gründen interessant. Er spricht nämlich an, was auch hier bei der Bloggerin zu Hause Diskussionsthema ist, und zwar nicht einmal besonders strittig, nämlich:
  • dass vermutlich die syrische Regierung von Bashar Assad nicht involviert war in den Befehl zu diesem Abschuss
  • dass es Interessengruppen innerhalb und außerhalb der Türkei gibt, die nichts lieber sähen, als das die Türkei sich in einen Krieg mit Syrien verwickelt. Z.B. in den USA aus denen im April auch unerwartet und unüblich die Senatoren John McCain und John Liebermann die Türkei (und die türkisch-syrische Grenze besuchten). Auch andere Länder des Mittleren Ostens seien interessiert daran, dass die Türkei Krieg gegen Syrien führe.
  • Bozkurt erinnert ebenfalls daran, dass es erst neun Jahre her ist, dass Beteiligte an der „Vorschlaghammer“-Verschwörung planten, die Türkei sich in einen Krieg mit Griechenland verwickeln zu lassen, indem sie selber für einen Abschuss einen türkischen Jets sorgen wollten um die Schuld dann den Griechen zuzuschieben. Das Ziel sollte die Schwächung der damals noch neuen AKP-Regierung sein und der Vorwand für einen erneuten Militärputsch. Die Gerichtsverfahren um die Verschwörer laufen derzeit und die Lobbyarbeit der Militärs ließe trotz allem vermuten, dass es im Militär noch immer starke Kräfte gibt, die sich mit der Demokratisierung der Türkei nicht abgefunden hätten.
  • Bedenklich sei, dass Regierungskräfte der Türkei in den USA dafür plädieren würden, einen Militäreingriff in Syrien nicht bis nach den US-Präsidentschaftswahlen aufzuschieben. Bozkurt warnt davor, türkische Ressourcen für einen militärischen Weg zu verschwenden, statt sich für den Ausbau der Zivilgesellschaft in der Türkei zu engagieren.
  • Die Amerikaner hätten geäußert, dass „kein amerikanischer Stiefel“ syrischen Boden betreten würde. Ein Militäreinsatz der Türkei in Syrien, auch mit Rückendeckung der USA, würde also bedeuten dass das Risiko alleine bei der Türkei liegt – mit ungeahnten Folgen und ungeheurem Blutvergießen unter türkischen Soldaten.

Bozkurt, durchaus Kritiker der syrischen Regierung, mahnt also zur Besonnenheit, um türkische Leben zu bewahren, auch wenn er das Blutvergießen in Syrien verurteilt. Damit spricht er aus, worüber wir hier im Haus der Bloggerin uns durchaus einig sind: Die Türken sollen sich nicht zur Durchsetzung amerikanischer Interessen benutzen lassen.

Nach Auskunft meines Mannes, der die original türkischsprachigen Medien samt der Leserkommentare natürlich sehr viel gründlicher liest als ich, ist „Volkes Stimme“ durchaus auf dieser Linie. Das Volk will keinen Krieg gegen Syrien, auch wenn es naürlich auch Stimmen gibt, die „Vergeltung“ fordern. Die Mehrheit des Volkes scheint besonnen zu reagieren. Mein Mann meint, dass das durchaus nicht Erdoğans Linie wäre, der dazu neigen würde, in Syrien einzumarschieren, aber um seine Wählerstimmen fürchtet (http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2012/06/26/erdogan-lost-all-legitimacy/#more-4625)

Ob Erdoğan tatsächlich mehr als seine übliche starke Rhetorik, die ja schon bei kleineren „Vergehen“ gegen türkische Interessen (man denke an die Armenier-Krise mit Frankreich https://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/?s=armenier) gewaltige Formen annehmen kann, im Sinn hätte? Kann ich nicht beurteilen, wenn ihn aber seine Wählerschaft ausbremst, ist das nur erfreulich und spricht dafür, dass man die Türken eben nicht, wie von mir gerne behauptet, durch Druck auf den „nationalistischen Knopf“ instrumentalisieren kann.

Es bleiben wieder reichlich Fragen offen. Einig sind die Bloggerin und ihr Gatte sich weiterhin nicht über die Einschätzung des syrischen „Aufstandes“. Während mein Mann weiterhin Assad als den größeren Terroristen sieht, auch wenn er mittlerweile zugibt, dass die sogenannte Opposition auch aus ferngesteuerten Terroristen besteht, bin ich der Meinung, dass die syrische Demokratiebewegung gekapert wurde und dass es eine Schande für die Türkei ist, dass sie derartig einseitig die „Rebellen“ unterstützt, die sich grausame Verbrechen zuschulden kommen lassen. Ob das nun mehr oder weniger als die der Regierungsseite sind, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls darf man sie nicht unterstützen, es handelt sich nicht um Freiheitskämpfer. Dass diese sich in der Türkei aufhalten und von dort aus agieren dürfen, spricht dafür, dass die Türkei sich instrumentalisieren lässt. Umso besser, dass das Volk sich nicht blindlings in einen Krieg führen lässt.

Allerdings fürchte ich, wie übrigens auch Bozkurt schreibt, dass sich weitere „Vorfälle“ mit Syrien ereignen werden, eben mit dem Ziel, dass die Bevölkerung schließlich doch überzeugt wird, man müsse mit Syrien Krieg führen. Das ist leider absehbar.

Was nun die Ausgangsfrage betrifft, „wem nützt es“ – also dieser Flugzeugabschuss: Also Assad nützt es nichts und ich glaube auch daher nicht, dass die syrische Regierung involviert war. Ob es sein kann, dass ein syrischer Soldat am Radar überreagiert hat, bezweifle ich. Wir wissen aber ja, dass es in der syrischen Armee durchaus Sympathisanten und Überläufer zu den „Rebellen“ gibt. Es scheint mir also nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein solcher dort beauftragt war, für einen Kriegsanlass zu sorgen. Immerhin eine Möglichkeit, oder?

Dem syrischen Volk, ob es nun noch innerhalb seiner Grenzen lebt, oder als Flüchtlinge in den Nachbarländern, wünsche ich von Herzen, dass dieses Blutvergießen bald ein Ende hat und das Land Frieden findet. Ich bin aber leider pessismistisch, dass sich dieser Wunsch so bald erfüllt, angesichts der Interessen anderer Länder, das Land zu destabilisieren, um dort ihren Einfluss zu verstärken. Die USA und ihre arabischen Verbündeten wollen dort keinen Frieden und auch keine Demokratie.

Was ich übrigens erstaunlich finde, aber wozu ich noch nichts finden konnte ist, dass, so berichtet mein Mann aus türkischen Medien, Israel neuerdings für Assad Stellung beziehen würde. Diesen würden die Zionisten inzwischen als das kleinere Übel sehen, da sie eine Machtübernahme von „Islamisten“ wie in Ägypten fürchten würden. Mal sehen, ob ich dazu was zu berichten finde.