Archiv der Kategorie: Psychologie und Medizin

Heiße Zeiten in Anatolien

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Heiße Zeiten in Anatolien

Bismillah i rahmani rahim

Die Türkei ist natürlich nicht aus meiner Wahrnehmung verschwunden, aber in meinem blog ist sie schon länger nicht mehr vorgekommen. Einmal, weil es so viele andere heiße politische Angelegenheiten gibt, aber auch, weil sich bei mir eine ziemliche Verwirrung breit gemacht hat, seit den letzten Entdeckungen von Verflechtungen zwischen türkischem Geheimdienst und der PKK. Als ob es nicht im Keller des türkischen „Tiefen Staates“ schon voll genug wäre.

Nun, das ist mir alles nach wie vor unklar und auch sonst fällt es mir gerade schwer, Stellung zu beziehen. Das erste Jahr der dritten Regierungsperiode von Tayyip Erdoğan ist vergangen und lässt irgendwie unbefriedigt zurück – es ist nicht wirklich vorangegangen mit der Verfassungsreform, statt dessen gab es allerlei kleine Gesetzesreförmchen, die aber z.T. gewaltig nach Klientelpolitik aussehen – oder es unterblieben eben genau Reformen, auch die von Gesetzen aus Putsch-Zeiten, so dass man sich fragen muss, ob nicht die Regierung insgeheim verhindern möchte, dass sie einmal unangenehmen Fragen ausgesetzt sein wird, was diese Gesetze verhindern.

Ich sehe die türkische Entwicklung im Großen und Ganzen aber weiter positiv, wenn man sich die Lebensbedingungen der einfachen Leute anschaut und diese sehen wir ja nun einmal. Unsere Familie ist ländlich und arm und hier kann man nach wie vor gewaltige Entwicklungssprünge sehen. Aber es muss weiter gehen, besonders mit der demokratischen Entwicklung.

„Heiße Zeiten“ habe ich geschrieben und das kann man wörtlich nehmen. In Sanlıurfa im Südosten, nahe der syrischen Grenze, wurden am letzten Wochenende Temperaturen von mehr als 41 Grad im Schatten erreicht. Das hat zu einer Tragödie beigetragen, bei der 13 Gefangene im überfüllten Gefängnis ums Leben kamen. Es waren Häftlinge in Streit geraten und hatten ihre Betten angezündet, sie verrammelten auch noch die Türen, so dass die Rettungskräfte nicht herein konnten. Auslöser des Streites sollen die schlechte Belüftung, die Hitze und der Platzmangel gewesen sein (http://www.turkishpress.de/de/news/18062012/brand-einem-tuerkischen-gefaengnis-soll-untersucht-werden/1158). Das ist schlimm genug, aber gerade las ich, dass es erneut zu Unruhen dort gekommen sein soll – inschallah gibt es nicht noch mehr Todesopfer. (http://www.fr-online.de/newsticker/neuer-aufstand-in-tuerkischem-gefaengnis—brandstiftung,11005786,16416386,view,asTicker.html). 41% der Häftlinge sollen Untersuchungshäftlinge sein – die Dauer der Untersuchungshaft in der Türkei wird ja mancherorts bemängelt, ich kann aber aktuell nichts zu den Zahlen sagen.

In Besni bei unserer Familie ist es fast genauso heiß, aber glücklicherweise friedlich, :-). Die Kinder haben schon Ferien und so muss sich niemand wegen der Hitze stressen.

Ein anderes heiß diskutiertes Thema, das ich aber jetzt zum Anlass nehmen will, mal wieder mehr in die türkische Politik zu gucken, ist die Debatte um Abtreibungen. D.h. eigentlich fing wohl alles damit an, dass die Regierung die hohe Rate von Kaiserschnittentbindungen besonders in privaten Krankenhäusern thematisiert und kritisiert hat. Und diese Rate ist mit  auch wirklich erschreckend-in den privaten Kliniken liegt sie bei bis zu 80%, landesweit werden über die Hälfte der Kinder per Kaiserschnitt entbunden. Bei steigender Tendenz. (http://www.todayszaman.com/news-282561-doctors-not-to-ask-women-c-section-or-natural-birth.html) In Deutschland liegt die Rate bei 30% und wird von der WHO als viel zu hoch bemängelt. 1991 waren es um die 15% und das ist wohl auch eine realistische Zahl wirklich medizinisch notwendiger Kaiserschnitte. Die steigende Zahl ist eines der Anzeichen für eine zunehmende Medizinisierung der Geburtshilfe – den Hebammen macht man ja auch das Leben immer schwerer (gerade aktuelle Debatte um die Kosten der Haftpflichtversicherungen für Hebammen: http://www.campact.de/hebammen/info/5min).  Aber ich schweife ab, das ist Deutschland – das Problem in der Türkei ist anscheinend, dass Kaiserschnittgeburten erheblich höher honoriert werden (obwohl das schon reduziert wurde) als natürliche Geburten und daher den Frauen gerne als ganz normale Option für die Entbindung angeboten werden. Leider ist der  Informationsstand gerade in ländlichen Gebieten ja bei den jetzt gebärfähigen Frauen oft noch nicht gut, so dass diese nicht wirklich die Risiken abwägen können. Ein Netz von Geburtshilfe- und Geburtsvorbereitungseinrichtungen wie wir es hier kennen, gibt es nicht. Deshalb ist es in den letzten Jahrzehnten üblich geworden, im Krankenhaus zu entbinden, da es keine ausgebildeten freiberuflich tätigen Hebammen gibt. Und im Krankenhaus hört man natürlich gerne auf das, was der Doktor sagt. Erst recht, wenn es eine Privatklinik ist, wo man sich in besonders guten Händen wähnt. Und die Behandlung in Privatkliniken ist eben heute auch für jede gesetzlich versicherte Person möglich. So sind dann auch die Kaiserschnittraten in privaten Kliniken (wegen des Honorars?) und in Universitätskliniken (wegen der erforderlichen Anzahl von Operationen für die Facharztausbildung?) besonders hoch.

Wie aber kommt denn das Thema „Abtreibung“ mit dem Thema „Kaiserschnitte“ zusammen? Da ist tatsächlich einmal diese Honorarfrage: während die Honorare für Kaiserschnitte bereits gekürzt und die für natürliche Geburten angehoben wurden – was aber noch nicht zu einer Abnahme der Kaiserschnittentbindungen geführt hat – ist das Honorar für die in der Türkei bis zur 10. Woche legale Abtreibung dreimal niedriger als eine Abtreibung die medizinisch begründet und nach der 10. Woche durchgeführt wird. Ob diese Gegebenheiten auch zu einer Zunahme von „medizinisch“ begründeten Abtreibungen geführt hat, habe ich nicht gelesen.

So sieht ein Fetus in der 10. Woche aus, wenn die Abtreibung in der TR noch legal ist

(Foto: CC Lizenz (CC BY-SA 3.0) , Some rights reserved by lunarcaustic, http://www.flickr.com/photos/lunarcaustic/)

Wie auch immer: Tayyip Erdoğan hat diese beiden Themen gemeinsam auf die Tagesordnung gebracht und das mit harten Worten. Nicht nur, dass er Abtreibung als Mord bezeichnet (was ich nicht ganz falsch finde), er vermutet auch eine Verschwörung der Putschisten von 1980 dahinter – denn nach diesem Militärputsch war das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung Knall auf Fall, ohne jegliche öffentliche Diskussion installiert worden. Und die Kaiserschnitte bringt er damit ebenfalls in Zusammenhang: da man nicht mehr als drei Kaiserschnitte ohne Risiko für das Leben der Mutter durchführen könnte, würde dadurch die Zahl der Geburten begrenzt.

Tayyips (Verschwörungs)Idee: man möchte das türkische Volk zum Aussterben bringen. Nun, das ist wohl eher eine absurde Vorstellung – oder nicht? Ich kann nach meinem jetzigen Wissensstand nicht nachvollziehen, was damals die Militärregierung dazu gebracht hat, ein solches Gesetz einzuführen.

Jetzt schlagen die (Hitze)wellen in der Türkei hoch bei diesen Themen, die man aber m.E. nicht vermischen darf. Erdoğan hat bestritten, dass schon eine Gesetzesvorlage in Arbeit ist, die die Frist für eine legale Abtreibung auf vier Wochen begrenzt. Aber diskussionswürdig finde ich das Thema doch. Auch wenn man natürlich sagen kann, dass die Türkei sich noch nicht ausreichend darum kümmert, ihre bereits lebenden Kinder und Jugendlichen zu fördern, auch wenn man kritisieren muss, dass die Aufklärung über Empfängnisverhütung und der Zugang zu Verhütungsmitteln mangels Bildung in manchen ländlichen Gebieten noch nicht zufriedenstellend ist, auch wenn man darüber reden muss, dass es die Frauen sind, auf denen die Last der Versorgung und Erziehung der Kinder überwiegend ruht: es muss doch möglich sein auszusprechen, dass Abtreibung bedeutet, ein menschliches Leben zu beenden, so winzig der kleine Mensch auch noch sein mag.

Die Türkei ist ein Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung und damit meine ich auch, wirklich gläubige muslimische Bevölkerung. Nicht so wie bei uns, wo die meisten Christen „Taufscheinchristen“ sind. Religion ist in der Türkei in ganz anderer Weise präsent, auch wenn das säkulare Regierungen über Jahrzehnte unterbinden wollten. Nun gibt es aber nun mal eine türkische Regierung die sich als religiös orientiert betrachtet. Und auch wenn man dieser Regierung auch manches vorwerfen kann: ein Thema wie die Abtreibung gehört auf den Tisch. Auf den Verhandlungs-, nicht nur auf den OP-Tisch.

Ich selber halte nichts davon, Abtreibung mit Strafen zu sanktionieren. Das hat immer nur dazu geführt, dass sie illegal durchgeführt wurde, mit erheblichen Gesundheitsrisiken für die Frauen und mit der Möglichkeit der Bereicherung für die „EngelmacherInnen“. Die deutsche Situation, die Abtreibung als rechtswidrig und grundsätzlich strafbar einstuft,  sie aber unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafrechtlich verfolgt, würde ich gar nicht einmal so verkehrt finden – aber…….anscheinend führt das dazu, dass Abtreibung eben doch als legal und vor allem normal angesehen wird. Oder wie kann es sonst sein, dass 14% aller Schwangerschaften in Deutschland abgebrochen werden, wenn man wikipedia glaubt? Alleine 29000 im ersten Quartal 2012?

Eine solche Regelung kann m.E. für das kollektive, hoffentlich vorhandene Gewissen, nur erträglich sein wenn es massive Aufklärung darüber gibt, was eine Abtreibung tatsächlich bedeutet und wenn diese als allerletzter Ausweg betrachtet wird – es gibt in meinen Augen kaum eine Situation, die nicht lösbar wäre. Vielleicht kommen heute in Deutschland Frauen/Familien wegen einer Schwangerschaft in Not – aber dann ist es verdammt noch mal Aufgabe der Gesellschaft dafür zu sorgen, dass das Kinderkriegen eben keine Ursache für Armut oder andere Nöte ist.

Ich war übrigens mal vehement für das Recht auf Abtreibung. Damals, als dieses Thema bei uns ein heißes war, in den 70ern. Aber schon damals wusste ich, dass es für mich nicht in Frage käme. Mir ging es in Wirklichkeit eher darum, dass ich keinem Kind wünschte, ungewollt geboren zu werden. Und das hat sich nicht geändert. Ich wünsche wirklich, dass jedes Kind willkommen ist und dass es gar nicht erst zu einer Situation kommt, in der eine ungewollte Schwangerschaft entsteht. Und schließlich haben wir heute so viele Möglichkeiten, das zu verhüten, bis auf wenige wirklich unabsehbare Ausnahmen.

Zurück zur Türkei: dort gibt es noch ganz anderen Aufklärungsbedarf als bei uns und die Gegebenheiten für Frauen sind oft viel schwieriger. Besonders nichteheliche Schwangerschaften führen immer noch zur gesellschaftlichen Ächtung. Ich bin als Muslima ganz bestimmt nicht dafür, dass Kinder außerhalb gefestigter und legaler Beziehungen gezeugt werden, aber es kann eben auch nicht sein, dass Frauen lieber abtreiben, weil sie sonst von der Familie verstoßen werden. Dazu gibt es natürlich viel mehr Armut und auch Unwissenheit als bei uns. Aber auch in der Türkei muss niemand hungern. Wenn das passiert, dann liegt es an Hartherzigkeit der Mitmenschen und auch an korrupten Verwaltungen, denn ein Mindestmaß an Sozialhilfe gibt es auch dort. Nur kommt die nicht überall bei den Menschen an. Das ist dann aber wieder ein gesellschaftliches Problem.

Gott sagt zu uns im heiligen Quran, Sure 17, Vers 31:

Tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut. Wir sorgen für sie und für euch. Fürwahr, sie zu töten ist eine große Sünde

Dieses Eisen ist also nicht nur in der Türkei heiß – aber hier wird darüber nicht mehr diskutiert. Dass es in der Türkei jetzt zum Thema gemacht wird, finde ich in Ordnung, ob nun die Vermutungen Erdoğans absurde Verschwörungstheorien sind, oder ob er von anderen Themen ablenken will – egal, auch dieses ist ein Problem, das diskutiert gehört.

Es geht eben nicht nur um die Mütter/die Eltern, sondern auch und vor allem um das Recht der ungeborenen Kinder auf ihr Leben!

Ich werde inschallah berichten, wie sich das Thema in der TR entwickelt.

In der Todays-Zaman (http://www.todayszaman.com/mainAction.action) findet man unter den Stichworten „Abortion“ und „C-Section“ allerlei Artikel zum Thema, besonders die kontroversen Kolumnen sind interessant zu lesen.

Buchbesprechung:Tiger Tiger von Margaux Fragoso

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Bismillah

Ich beginne hier mal mit Triggersternchen: ***********, die es betrifft wissen warum, und dann geht es unten nach dem Bild weiter:

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Ein Buch das mich total mitgenommen hat: die autobiographische Geschichte eines sexuellen Mißbrauchs, ein Mädchen/eine junge Frau hatte 15 Jahre eine Beziehung zu einem Pädophilen, begonnen im Alter von 7 Jahren. Man kann sich das Wort „Beziehung“  in diesem Zusammenhang kaum vorstellen, aber hier wird beschrieben, dass ein Pädophiler nicht unbedingt mit roher Gewalt vorgeht, sondern sehr subtil. Peter, so heißt der Täter, ist  geschickt im Umgang mit Kindern und so lernt Margaux ihn auch im Schwimmbad kennen, als er mit seinen Stiefsöhnen herumalbert. Margaux kommt aus schwierigen Familienverhältnissen, ihre Mutter ist psychisch krank, es wird nicht ganz klar was sie hat, die Diagnosen bewegen sich zwischen Borderline-Störung, Schizophrenie und bipolarer Störung. Später wird klar, dass sie auch ein Opfer sexuellen Mißbrauchs war.Jedenfalls kommt es zu häufigen Krisen und Krankenhauseinweisungen und Margauxs Vater, Goldschmied von Beruf, ist damit überfordert. Er flüchtet sich in häufige Barbesuche, muss aber auch noch einen Großteil der Hausarbeit übernehmen. Er versucht, die Familie aus schlechter Umgebung herauszubekommen und Margaux nicht auf die staatliche Schule zu schicken (alle leben in New York) – dabei bleibt immer weniger Verständnis für seine Frau und sein Kind, er zieht sich emotional zurück und agiert zwischen Überstrenge und Gleichgültigkeit.

Margauxs Mutter ist sehr zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, da es ihrer Tochter so gut bei Peter und seiner Familie gefäll und sie entlastet ist. Sie leben in einem etwas heruntergekommenen Haus, in dem Peter als Invalidenrentner, ehemaliger Militär, die Hausmeisterfunktion übernommen hat und an allem herumbastelt, während seine Partnerin die Miete verdient. Mich als Leserin gruselt die Beschreibung des Hauses von Anfang an mit vielen Winkeln, freifliegenden Vögeln, Terrarien mit Alligatoren, Kaninchen,einer Katze, geheimnisvollen Truhen und einer Werkstatt und Peters geliebtem Motorrad, auf dem Margaux auch bald schon mitfahren darf. Margauxs Mutter genießt es, im Garten oder Haus herumsitzen zu können, während ihre Tochter zufrieden und beschäftigt ist. Und für Margaux ist das Haus ein Märchenland und ein Zoo. Und sie beschreibt sehr genau, wie Peter ihr Vertrauen gewinnt, er hat Zeit für sie, er denkt sich mit ihr Geschichten aus, er kauft ihr, was sie gerne ißt, sie spielen mit den Tieren. Und so hängt sie mehr und mehr an ihm, während er sich nach und nach mehr Berührungen erschleicht. Margaux sucht körperliche Nähe, Mutter und Vater stehen emotional nicht zur Verfügung. Peter manipuliert geschickt – für Schönes, für Kuscheln, soll Margaux ihn bezahlen und er kann auch sehr nachdrücklich werden und sie an ihre Versprechungen erinnern. Nachdem sie ihm einmal versprochen hat, „alles“ für ihn zu tun, fordert er die ersten sexuellen Handlungen ein und als sie ablehnt, ihn oral zu befriedigen, übt er so lange Druck aus, bis sie nachgibt.

Margaux ist aber nicht einzige Favoritin Peters, er schafft es noch Pflegekinder zu bekommen und durch die Eifersucht hat er noch mehr Möglichkeit auf Margaux einzuwirken. Wenn ich das hier jetzt so schreibe, schaudert´s mich noch mehr, aber für Margaux ist diese Beziehung immer noch etwas Schönes, sie fühlt sich überall als Außenseiterin, auch in der Schule und die einzige Geborgenheit gibt ihr Peter.

Nach ungefähr zwei Jahren setzt Margauxs Vater, dem Peter unheimlich ist, durch, dass seine Tochter und seine Ehefrau den Kontakt abbrechen. Nach wiederum zwei Jahren sucht Margauxs Mutter in einer kleinen Krisensituation Hilfe bei Peter, was ihr Mann dann auch zähneknirschend akzeptiert und fortan wird Peter in Notsituationen einspringen, die Mutter ins Krankenhaus fahren, oder Margaux dort zu Besuchen hinbringen, während Margauxs Vater zunehmend resigniert, seine Frau ihm peinlich ist, er von seiner Tochter mehr Verantwortung verlangt als sie erbringen kann. Für Peter ein zunehmender Freifahrtschein und die sexuellen Handlungen werden mehr und mehr, während er Margaux einredet, dass ihre Beziehung so ganz in Ordnung ist, nur alle anderen zu verklemmt sind. Er tut ihr nie wirklich weh, wenn auch vieles ihr extrem unangenehm und eklig ist, aber das Spiel von Geben und Nehmen funktioniert, obwohl sie spürt, dass das was sie bekommt zu wenig ist bei dem was sie „leisten“ muss. In den nächsten Jahren wird sie immer mehr zur Außenseiterin, findet kaum Freundinnen, weil sie sich selber als eigenartig empfindet und auch psychische Symptome zeigt – Dissoziation nennt man die, was ihr natürlich nicht bewußt ist. Sie träumt sich in unangenehmen Situationen weg, oder schlüpft später in die Rolle einer anderen Person, ein Mädchen das anders als sie sehr dominant ist. Zwischendurch fehlen ihr Monate in der Erinnerung. Ihr verfrühtes sexualisiertes Auftreten, wird in der Schule wie in der Nachbarschaft bemerkt und es wird betuschelt, wie Peter und sie in der Öffentlichkeit auftreten. Peter vernachlässigt sich immer mehr, trägt z.B. seine falschen Zähne nicht mehr und fällt dadurch noch mehr auf.

Anfangs wurde noch der Schein gewahrt, dass Peter und Margaux angeblich nie alleine seien, zunehmend achtet darauf niemand mehr. Je älter Margaux wird, je mehr Streitsituationen gibt es zwischen ihr und Peter, auch mit körperlicher Gewalt von beiden Seiten. Es kommt auch heraus, dass Peter schon wegen sexuellem Mißbrauch angeklagt wurde, auch jetzt wird eine Sozialarbeiterin eingeschaltet, aber Margaux verrät Peter nicht, obwohl es ihr schon zunehmend bewußter wird, dass dieses Verhältnis nicht normal ist. Sie verliebt sich in Jungs, Peter nimmt das hin, mit seiner „du sollst nur tun was du willst“-Masche. Die kindlichen Geschichten die sie früher sich mit Peter ausgedachtet hat, werden zu zunehmend sexualisierten Rollenspielen, auch deswegen weil sie mehr und mehr seinem „Beuteschema“ nicht mehr entspricht. Wo früher verfrühte sexy Kleidung im Spiel war, kauft er ihr jetzt eher Kleidung die nach Kinderkleidung aussieht, aber sie ist damit schon nicht mehr einverstanden. Peters Lebensgefährtin hat längst einen anderen Partner und Peter ist zum einfachen Mitbewohner geworden, sie ist mit sich beschäftigt und achtet nicht auf das, was vorgeht. Ihr Kinder leben auch ihr eigenen Leben.

Während das Wohnhaus zunehmend verwahrlost, die Tiere sind bis auf Peters Katze an Verwahrlosung verstorben,  und Margaux sich vor Scham fast nicht mehr aus Peters Zimmer traut, wird auch das Verhältnis immer desolater. Es ist von außen zu sehen, dass es auf ein dramatisches Ende zusteuert. Margaux schafft es  sich ein wenig aus Peters Einfluss zu entfernen, spätestens als sie mit der Schule fertig ist und studiert.Allerdings versucht sie noch, ein Kind zu bekommen und erreicht somit, dass die beiden den ersten wirklichen Geschlechtsverkehr haben – was für beide fast unmöglich ist, aber schließlich gelingt. Zum Glück wird sie nicht schwanger.  Sie hat schließlich auch einen Freund. Ein Selbstmordversuch von ihr, nach dem vergeblichen Versuch schwanger zu werden ist gescheitert, alle Beteiligten konsumieren aber zunehmend Suchtmittel, der Vater Alkohol, die Mutter ihre Medikamente plus Beruhigungsmittel, Peter Beruhigungsmittel und Antidepressiva – Margaux nimmt von allem etwas. Der Tod seiner Katze zieht Peter noch mehr herunter.

Mit Anfang 20 ist von der Beziehung nicht mehr viel über. Peters Sexualtrieb ist zum Glück durch die Medikamente und durch seinen körperlichen Zustand erloschen und in den letzten Monaten sind sie beide nur noch mit dem Auto unterwegs und drücken sich in dunklen Ecken herum, Suizid schwebt in der Luft und schließlich bringt sich Peter auch um – er hat Margaux insgesamt 10 Abschiedsbriefe hinterlassen die offensichtlich ernst gemeint waren, bis er sich schließlich getraut hat.

Über Margauxs ausführliche Schilderungen, bekommt man auch einen tiefen Einblick in Peters Psyche – zudem haben beide immer viel aufgeschrieben, Geschichten ausgedacht, all das gibt Einblick in seine Gedankenwelt. Bei allem Ekel über seine Perversion, seinen Egoismus und sein manipulatives Verhalten, tat er mir manchmal auch leid, denn es wird klar, dass er aus seiner Haut nicht kann. Erst als über die Medikamente sein Sexualtrieb erloschen ist, kommt er dazu, Bilanz zu ziehen und die fiel anscheinend entsprechend aus, so dass er nicht weiter leben konnte. Er gesteht, dass er Margaux 15 Jahre ihres Lebens gestohlen hat und dass sein Liebe eine egoistische war. Trotzdem: auch er ist ein Opfer sexuellen Mißbrauchs gewesen, ebenso wie Margauxs Mutter die auch deswegen erkrankt ist und nicht die Alarmzeichen wahrnehmen kann.

Margaux hat es trotz ihrer schlechten Startbedingungen geschafft, sich aus der Abhängigkeit zu befreien und das Schreiben dieses Buches, mit dem sie nach Peters Selbstmord begonnen hat, hat ihr dabei geholfen. Sie plädiert für sehr viel mehr Härte gegenüber Pädophilen, wie sie sagt, wird es immer schwerer aus diesem Verhalten herauszufinden, je länger es ausgeübt werden kann. Pädophile nutzen ihre empathischen Fähigkeiten nur dazu aus, die Kinder (und wie man sieht auch die Familien) zu manipulieren. Auf ihre Art lieben sie die Kinder und machen ihnen auch gerne Freude, aber letztlich wollen sie eine Gegenleistung.

Heute ist Margaux verheiratet und hat eine Tochter. Sie hat sich über ihre kreativen Fähigkeiten freigestrampelt und durchschaut, was geschehen ist und sie ist entschlossen, die Kette des Mißbrauchs in der Familiengeschichte zu unterbrechen, während sie fortsetzt, was ihr in guter Erinnerung geblieben ist, z.B. wie ihr Vater ihr Geschichten erzählte. Sie sagt abschließend wenig über ihre Gefühle zu Peter – sie hat ihn viele Jahre geliebt und im Nachhinein hat sie ihn auch sehr gut verstanden. Jetzt scheint sie in die Zukunft zu schauen und ihrem Leben eine gute Richtung zu geben.

Ich denke, man kann sich vorstellen, dass man dieses Buch nicht ohne starke Gefühle lesen kann. Man weiß, Margaux hat es überlebt und der Täter ist tot – das ist schon zu Beginn klar. Nur wie ein kleines Mädchen in eine solche Beziehung hineingezogen wird, weil ihr Umfeld nicht wachsam ist (sein kann) und wieviel Liebe sie für diesen Täter empfindet und wie sie sich nicht ganz befreien kann, bis dieser sich umbringt. Schon alleine bei der Beschreibung der Verhältnisse gruselt es einen als Außenstehende, man möchte die Eltern mit der Nase auf dies Zustände stoßen – man möchte die lästernden Nachbarn dazu bringen, hartnäckiger zu sein, genauso wie die Lehrer denen das seltsame Verhalten Margauxs auffällt. Am Ende des Buches war ich erleichtert und voll Bewunderung für die Stärke der jungen Frau.

Hörbuch-Besprechung: Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger

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Bismillah

Ich hab kürzlich Hörbücher für mich entdeckt und mich zu denen gesellt, die mit Stöpseln im Ohr unterwegs sind – ist nicht so sperrig wie ein papierenes Buch mit in die S-Bahn nehmen und da ich manchmal 1 1/2 Stunden unterwegs bin, ist es schon schön, diese Zeit mit einem Hörbuch zu verbringen.

Ich hab mir ein Audible-Abo zugelegt und dort u.a. dieses Buch, gelesen von Matthias Brandt, heruntergeladen. Das fällt  in die Kategorie „wunderbare Bücher“. Es handelt vom Vater des Autors und seiner Großfamilie und dem Umgang mit der Alzheimer-Erkrankung des Vaters. Es ist aber beileibe kein Ratgeber, obwohl es nützliche Hinweise gibt, aber eigentlich ist es eine Liebeserklärung an den Vater.

Dieser, August Geiger, war immer ein seßhafter Mensch, der nie verreisen wollte. Warum, das wird sein Sohn erst in desse Krankheit verstehen. Ein geselliger, freundlicher Mensch, jemand der gerne am Haus bastelte, ja dieses sogar selbst ge- und ausgebaut hat und der Freude am Verputzen hatte. Jemand der das Familienleben genossen hat, das einzige das ihn wirklich mit seiner Frau verband. Diese Ehe aus der so viele Kinder hervorgingen, war ansonsten ein großer Irrtum: der Vater mochte seine Frau und wollte ihr, die ihre Jugend als Halbwaise und in der Familie herumgereicht verbracht hatte, ein Zuhause bieten. Das was für ihn so eine grundlegende Angelegenheit war. Die Mutter wiederum, 15 Jahre jünger, wollte reisen und Kultur genießen – da verweigerte der Vater schon einen als Hochzeitsreise deklarierten Waldspaziergang am Samstag nach der Trauung. Als der Vater aufgefordert wird, mit zum Baden an den See zu kommen, da die Mutter nicht alleine auf 4 Kinder aufpassen könne, baut er statt dessen einen Pool.

Am Ende seines Arbeits- und Ehelebens angelangt, kultiviert der Vater scheinbar seine weniger guten Eigenschaften, wird eigenbrötlerisch und passiv. Jahrelang ziehen und zerren die Kinder an ihm, machen ihm Vorwürfe, bis die Diagnose „Alzheimer“ gestellt wird. Erst da verstehen sie, dass der Vater kapituliert hat, wo es nichts zu gewinnen gibt. Von da an wird der Umgang entspannter.

Arno Geiger hat als Schriftsteller einen besonderen Blick auf den Vater und besonders auf die Worte die dieser spricht. Und das sind Worte, die man mit einem diagnostischen Auge ansehen könnte, das tut er aber nicht. Vielmehr staunt er über manche Aussagen seines Vaters die so genau seine Situation beschreiben, dass es wirklich wunderbar ist. Zum Beispiel: „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht einfacher“

Ein großes Problem in den ersten Jahren der Erkrankung tritt auf, als der Vater sein Haus, sein Zuhause nicht mehr erkennt. Er fühlt sich heimatlos und daran ändern auch alle Versuche der Kinder nicht, ihm klarmachen zu wollen, dass er doch in seinem eigenen, selbstgebauten Haus sei. Er will nach Hause und das  treibt ihn zur Verzweiflung und zum nächtlichen Wandern. Das ist nicht sein Haus und wenn ihm auch die Möbel bekannt vorkommen, solche haben schließlich andere Leute auch. In dieser Phase erinnert sich Arno Geiger an ein Foto seines Vaters, das ihn gleich nach der Entlassung aus der russischen Kriegsgefangenschaft zeigt, durch eine Ruhr-Erkrankung auf 40 kg abgemagert. Dieses Bild trug der Vater immer bei sich, jetzt scheint es verlorengegangen. Aber die Geschichte des Vaters, der als ganz junger Mann in den Krieg geschickt wurde und der sich so krank und bettelnd nach Hause durchschlagen musste, macht deutlich, warum er dieses zu Hause niemals mehr verlassen wollte. Ein solches Heimweh wollte er nie mehr erleben und brauchte es auch nicht, bis zu dieser Erkrankung. Diese Erkenntnis erleichtert der Familie den Umgang mit dem Vater.

Arno Geiger sagt, sein Vater habe sein Erleben in Charakter umgewandelt und der Charakter sei ihm geblieben. Selbst in fortgeschrittenem Stadium der Erkrankung ist August immer noch der freundliche Nachbar und hat immer ein paar nette Worte – auch wenn er vermutlich nicht weiß, an wen er die richtet.

Es gibt einige skurrile Erinnerungen, bei denen man nicht weiß, ob Lachen oder Weinen. Z.B. wenn Arno fragt: „Papa, weißt Du denn, wer ich bin?“ Und der Vater sich verlegen an Arnos Freundin wendet: „als ob das jetzt so interessant wäre“. Oder wenn er Grissini krümelnd in seiner Hosentasche trägt und auf den Hinweis, dass das nicht so schlau sei, meint, die brauche er zum Rasieren. Und als das wiederum als unsinnig verworfen wird meint er, er würde sie im Garten einpflanzen und dann wachse etwas Schönes daraus.

Wenn Arno befürchtet hat, sein Vater würde ihm fremd werden in der Erkrankung, dann ist das nicht der Fall. Er sagt vielmehr, dass sie sich näher gekommen seien. Es gibt eine Phase in der Erkrankung in der alles wieder ein bisschen leichter wird. Da die Familie groß ist, wechseln sich die Familienmitglieder, auch die Mutter in der Betreuung ab. Es kommen Schwestern der häuslichen Krankenpflege dazu, Nachbarinnen und schließlich Frauen aus Slowenien, die sich wochenweise abwechseln. Hier zeigt sich, dass einige den richtigen Ton im Umgang finden können, andere jedoch gar nicht. August lässt sich nicht gerne von kleinen Frauen mit zaghaften Stimmen herumkommandieren. Wer aber den richtigen Ton trifft, mit denen stellt er sich gut und ist zufrieden. „Hier ist es gar nicht so schlecht, man kann es hier aushalten“

Mittendrin feiert der Vater seinen 80.Geburtstag unter großer Beteiligung der ganzen Gemeinde. Er freut sich über die Glückwünsche und wünscht seinerseits jedem Gast Glück und Gesundheit, auch wenn er sich nicht vorstellen kann, dass er mit dem 80.  gemeint sei.

Erstaunlich: dass das Wissen um seine Verluste erhalten bleibt, selbst als er schon einfache Alltagsdinge nicht mehr versteht. „August, hier ist dein Hut“ – „das ist schön und gut, aber wo ist mein Gehirn?“

 

Am Ende zieht der Vater ins örtliche Seniorenheim um, was weniger schwierig ist, als erwartet, da er nicht nur sein Zuhause nicht mehr erkennt, als auch sein Heimweh in den Hintergrund gerückt ist. Durch seine lebenslange Tätigkeit im Gemeindebüro ist er allen bekannt und wird wegen seiner freundlichen Art von allen gemocht. Er schließt Freundschaften und fühlt sich so wohl wie es eben noch geht. Die Familie ist weiterhin ganz viel präsent und lässt ihn keinesfalls im Stich.

Arno Geiger beendet sein Buch in dieser Zeit. Er will nicht über den Vater schreiben, wenn dieser gestorben ist. So bleibt offen, wie es ihm jetzt geht.

Matthias Brandt als Vorleser hat mich sehr berührt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es nicht sein eigener Vater ist, über den er da  erzählt, so anrührend war er.

Shoppismus als Religion

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Bismillah

Ich gebe zu, dass ich wenig gebloggt habe in den letzten Wochen – bei uns war einfach zu viel los, Besuche, Krankenhausaufenthalt, Mini-Job haben viel Zeit in Anspruch genommen. Leider kann ich auch nicht wirklich versprechen, dass sich das ganz bald ändert, aber diesen Artikel will ich schon länger schreiben, kam aber nicht dazu.

Der Artikel im „Spiegel“ auf den ich mich beziehe, ist dann auch nicht mehr ganz aktuell und beschreibt u.a. das „Weihnachtsshopping“ Aber die grundsätzlichen Erkenntniss sind nicht zeitabhängig. Also es geht um die Rolle, die der Konsum heutzutage einnimmt und was die Hirnforschung dazu herausgefunden hat. In der Ausgabe vom 13.12.2010 – gefunden beim Warten in einer Krankenhausambulanz – da sitzt man ja immer Stunden:

Weltreligion Shoppen

Von Müller, Martin U. und Tuma, Thomas

Der private Konsum wächst weltweit und soll aus der Krise helfen. Umso akribischer wird nach den letzten Geheimnissen der Kaufentscheidungen gefahndet. Wo im Kopf ist der Das-will-ich-Knopf? Dort, wo auch der Glaube zu Hause ist.

N.N.  ist anspruchslos, wenn es um die Suche nach ihrem persönlichen Glück geht. Man muss ihr kein ewiges Leben versprechen oder göttliche Erleuchtung. Ein paar neue Pumps reichen völlig.

„Bei einem Superschnäppchen hält mein Seligkeitszustand drei Tage an“, sagt sie. N.N. ist 27 Jahre alt, Juristin und zu klug, um bei der Frage nach ihren Hobbys Ausflüchte zu stammeln von wegen Lesen und Joggen. Sie nutzt ihre Freizeit auch zum Shoppen.

Gerade kommt sie aus Stockholm, wo sie noch am Flughafen zu Dior-Kosmetik griff, obwohl sie sich nur selten schminkt: „Irgendwas musste ich ja kaufen. Die Bücher waren alle auf Schwedisch.“ Davor war sie dieses Jahr schon in Bangalore, New York und Rom. Nicht nur der Sehenswürdigkeiten wegen, „sondern weil das Preis-Leistungs-Verhältnis im Ausland gefühlt besser ist“.

N.N. mag mit ihrer Passion extrem sein. Allein ist sie damit nicht. Shoppen ist die liebste Freizeitbeschäftigung von Abermillionen geworden, mehr noch: Shoppen ist allgegenwärtige Metaphysik auf Kleiderstangen, Gott in Einkaufstüten. ( weiter bei: “ Der Spiegel“ http://www.   spiegel.de/spiegel/print/d-75638315.html)

Der Artikel beschreibt dazu noch die Erkenntnisse der Neurologie in diesem Zusammenhang und stellt fest, dass der Konsum verschiedene Hirnareale beeinflusst (Grafiken) in denen Gefühlsbereiche wie soziales Prestige, Sammelleidenschaft, Abwehr von Ängsten und geheime Wünsche berührt werden.

Das Ausmaß des persönlichen Wohlstands spielt nachdem die Grundbedürfnisse befriedigt sind, keine Rolle mehr – nur die Preisklasse der Waren unterscheidet sich, der Konsumwunsch ist milieuübergreifend und international. Das muss auch so sein, denn ohne Konsumenten bricht das kapitalistische System weg – so motivieren Politiker zum Einkaufen, sei es in den USA, in Deutschland oder in China.

Warum ist es aber so leicht, uns zu verführen? Der Kapitalismus macht sich zunutze, was die Hirnforscher herausgefunden haben: erfolgreiche Produkte befeuern die Hirnareale, dich auch für religiöse Gefühle zuständig sind.

Der Spiegel dazu:

Der dänische Markenberater Martin Lindstrom hat Interviews mit Vertretern aller großen Weltreligionen geführt. Er wollte von ihnen wissen, auf welchen Säulen ihr jeweiliges Glaubensbekenntnis ruht – und identifizierte am Ende rund zehn allgemeingültige Grundpfeiler. Dazu zählen: Symbole, Geheimnisse, eine Vision, tradierte Geschichten, durchaus auch klar umrissene Gegner und Rituale, aber auch die Kultivierung einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Es sind Punkte, „die dem Kern einer Konsummarke extrem ähnlich sind“, sagt Lindstrom. Große Marken pflegen ihre Gründermythen wie ihre Geheimnisse. Man denke nur an das Ur-Rezept von Coca-Cola oder die Hinterhoffirmen-Gründerlegenden von Microsoft & Co. Ihre Symbole verheißen ganze Welten: die Muschel von Shell wie der Apfel von Apple oder Googles bunte Buchstaben. Der Flagship-Store von Prada in New York ist weniger Geschäft als Sakralbau, der Mode zudem wie Reliquien präsentiert.

Und je stärker eine Marke, umso intensiver aktiviert sie laut Lindstrom dann im Kopf seiner Probanden auch jene Areale, die beim Anblick religiöser Bilder stimuliert wurden.

Konsum ist fast schon eine Weltreligion geworden. Der – man kann sagen – „Shoppismus“ liefert für jeden Geschmack und jeden Lebensentwurf die adäquaten Altäre und Heiligtümer. Er eint, er verspricht schnelle und schlichte Belohnungen. Und letztlich schafft er sogar Identität: Bin ich Mercedes oder BMW, Aldi oder Lidl, Gucci oder Prada, Puma oder Adidas, Tchibo oder Starbucks, Zegna oder Hugo Boss?

Nicht, dass wir es nicht schon geahnt hätten – aber ist es nicht erschreckend, wie leicht wir zu beeinflussen sind? Der Marketing-Profi Lindstrom der die Gehirne von 2000 Probanden aus 5 Ländern untersuchen ließ, fand dabei viel Interessantes heraus – u.a. dass die Warnhinweise auf Zigarettenschachteln bei Rauchern sofort das Bedürfnis nach einer Zigarette auslösen – und predigt jetzt weltweit die Lehre von der perfekten Manipulation.

Ganz schlimm finde ich, dass Kinder schon ganz früh mit Werbung attackiert werden – manche Kinderserie im TV ist ja im Grunde nichts als Werbung für Spielzeug. So ist der Markenwahn schon bei den Jüngsten ganz ausgeprägt und denen kann man nicht mit Vernunft kommen. Das Fazit dass der Spiege-Artikel zieht, ist dann aber nicht so negativ: auch Dinge schaffen eine Ordnung und ein Beziehungssystem, so dass damit Ur-Bedürfnisse befriedigt werden, die von Menschen oder Religion nicht mehr ausgefüllt sind.

Mir fällt dazu natürlich anderes ein: einmal, dass die Atheisten bei solchen Forschungsergebnissen natürlich freudig aufschreien, „siehste Gott ist also auch nur eine Gehirnreizung“ – für Gläubige die allerdings sicher wissen, dass es einen allmächtigen Gott gibt, stellen sich andere Fragen: was ist da am Werk, das uns vorgaukelt, dass Konsum uns erfüllt? Das unsere Zeit raubt, das uns hochmütig macht ( „wie billig die doch angezogen ist“), das Neid auslöst, das Kriege fördert (irgendwoher müssen die Rohstoffe ja kommen), das uns gleichgültig gegenüber unseren Mitmenschen macht und von dem wir nicht merken, wie es uns mit seinem vorgetäuschtem Wert die wirklichen Werte vergessen lässt?

Gläubige Menschen, die sich damit beschäftigen, werden wissen, welche Kraft da Einfluss nimmt und was der Zweck ist: uns von dem Wichtigsten abzulenken, dem Grund aus dem wir auf der Welt sind: um uns so weit wie möglich zu entwickeln um Gott näher zu kommen, um unsere schlechten Eigenschaften abzulegen, um unsere Mitmenschen zu lieben und Mitgefühl zu haben, um unsere Kinder zu starken Charakteren zu erziehen, um unsere Abhängigkeit von Gott zu sehen und anzuerkennen – eine gute Abhängigkeit, denn wir bekommen alles was wir haben von IHM  zur Verfügung gestellt – und uns von jeder anderen Abhängigkeit zu befreien.

Das ist aber keine Entschuldigung dafür, den Dingen anzuhängen – egal wie gerne wir ein Ding haben: macht es uns auf Dauer glücklich? Wird es uns für immer erhalten bleiben? Werden wir es in unser nächstes Leben mitnehmen können? Die Propheten, Friede sei mit ihnen, haben uns nicht beigebracht, irdische Güter zu erwerben  – ist es nicht eher eine Eigenheit der nicht monotheistischen Religionen, Verstorbenen persönliche Dinge mitzugeben (so wie im alten Ägypten) für das Leben nach dem Tod?

Dinge werden uns da nicht nützen – wohl aber die guten Taten, die wir begangen haben. Ebenso wie unsere schlechten Taten von Nachteil für uns sein werden. Und die Seligkeit wird länger als die nach einem Schuhkauf anhalten.

Gläubige Menschen müssen nicht asketisch leben. Natürlich darf man sich an schönen Dingen, gutem Essen und angenehmer Atmosphäre erfreuen – solange man weiß, welche Versuchung darin steckt. Wenn man in einen Kaufrausch verfällt, ist in jedem Fall das Gehirn – oder die Seele – aus den falschen Gründen entzückt. Und die notleidenden Mitmenschen darf man nicht vergessen. Im Islam ist man ja verpflichtet, von erwirtschafteten Überschüssen abzugeben als „Steuer“ – und man wird immer wieder aufgefordert, Bedürftigen zu helfen. Das ist im Christen- und Judentum wohl nicht anders.

Von einem wie eine Kathedrale gestalteten Einkaufszentrum soll man sich nicht abhalten lassen, zum Gottesdienst in die Moschee, Kirche oder Synagoge zu gehen. Immer im Bewußtsein, dass diese irdische Zeit nur begrenzt ist und dass uns als Belohnung für gute Taten mehr Glück erwartet, als wir auf der Erde je erleben können.

Imam Ali, a.s., der viele Predigten über das Diesseits und das Jenseits gehalten hat, sagt:

„Wenn du deine Religion deinem Diesseits unterordnest werden sowohl deine Religion als auch dein Diesseits der Vernichtung anheimfallen und im Jenseits wirst du unter den Verlierenden sein.Wenn du dein Diesseits deiner Religion unterordnest, hast du (damit) sowohl deine Religion als auch dein Diesseits errungen und im Jenseits wirst du unter den Gewinnern sein“ Quelle

Und ist es nicht so, dass man auch mehr Freude an den schönen irdischen Dingen hat, wenn man sie in Dankbarkeit von Gott annimmt und nicht einen Markenerfinder zu seinem Gott macht?

Und eine wunderschöne Überlieferung ist die von Jesus, a.s., die ich schon lange auf meiner Startseite stehen habe:

„Meine Diener sind meine beiden Hände und mein Lasttier sind meine beiden Füße, mein Bett ist die Erde und mein Kissen ist der Stein. Meine Wärme im Winter sind die Osten (Sonnenaufgänge) der Erde, und mein Licht in der Nacht ist der Mond, und mein Zusatz ist der Hunger und meine Losung ist die Furcht und meine Kleidung ist Wolle und meine Früchte und Kräuter sind, was die Erde für die Tiere und für das Vieh herausgebracht hat. Ich übernachte und besitze nichts und wache (morgens) auf und besitze nichts, und niemand auf der Erde ist reicher als ich“

„Shoppismus“ kann man also wohl getrost unter Götzenanbetung (Shirk) einsortieren. Und wenn das „Haben wollen“ zu mächtig wird, dann sollten unsere Alarmglocken heftig läuten. Freiheit und Konsumrausch gehen nicht zusammen.

Weihnachts-Terror, Weihnachtsbraten und psychiatrische Symptome

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Bismillah

Die Türkei hat einen hochrangigen PKK-Terroristen gefangen.In der Türkei wird niemand mehr aufgehängt, so gesehen hat der Terrorist, der für viele Todesopfer in der Türkei verantwortlich ist, noch froh sein. Andere waren leider nicht so erfolgreich, Pakistan hat dementiert, einen Jundollah-Terroristen gefangen zu haben und in Afghanistan wurde kurzzeitig der  Weihnachtsmann inhaftiert.Ein Weihnachtsmärchen sozusagen.

Iran hat 11 Jundollah Terroristen hingerichtet – diese Terrorgruppe hat während der Ashura Gedenktage in Iran 38 Menschen durch einen Selbstmordanschlag umgebracht und weitaus mehr verletzt.

Italienische Briefbomben kommen nicht von den Taliban, *schnauf* – endlich muss ich mich mal nicht distanzieren – tu ich aber vorsichtshalber hiermit trotzdem. Und Israel bombardiert mal wieder den Gazastreifen. War es nicht genau vor 2 Jahren, dass das letzte große Massake dort anfing? Wahrscheinlich denken die Israelis, dass dann keiner hinguckt.

So richtig  Weihnachtsstimmung kommt dabei nicht auf, oder?

Und wer hat uns das alles eingebrockt? Auch nicht der Weihnachtsmann – hier in deutscher Übersetzung.

O.K. ich weiß ich erzähle nichts Neues, aber irgendwie haben sich diese Nachrichten gerade so gehäuft. Dass es auch noch einen weihnachtlichen Konsumterror gibt, ist dagegen nur eine Kleinigkeit. Mir gefällt ja Weihnachten viel besser, seit ich Muslima bin. Kein Streß, nur friedliche Stimmung, Kerzen und Kekse.Und Erinnerung an die Geburt des Propheten Jesus, a.s. und an seine kluge und standhafte Mutter Maria, a.s. Eine sehr schöne Rezitation der 19. Sure des Koran die nach ihr benannt wurde, hab ich hier gefunden.

Nach christlicher Überlieferung ist ja die Geburt Jesus, a.s., anders verlaufen. Erst einmal  mussten seine Eltern eine Unterkunft finden und kamen schließlich in einem Stall unter,wie wir alle wissen. Eigentlich sollte das besonders dazu inspirieren, an Weihnachten sich um Arme und Obdachlose zu kümmern. Manche sehen das ganz anders, wie Leo berichtet. So bitterkalt wie es dieses Jahr ist, muss es sehr schwer sein, zu überleben ohne Dach über dem Kopf. Wenn ich im öffentlichen Nahverkehr unterwegs bin, sehe ich irgendwie immer mehr Menschen in dicken Schichten abgetragener Kleidung. Ich hoffe, man lässt bei diese Kälte auch nachts die U-Bahnhöfe offen. Außerdem hab ich gerade beim Rumsuchen nach Initiativen für Obdachlose herausgefunden,warum man nur Adelholzener Sprudel trinken sollte. Der ist ja hier sehr verbreitet in Norddeutschland haben wir den nicht – aber jetzt ist die Wasserwahl ja ganz einfach.

Tja – einen Gänsebraten gibt´s dieses Jahr wieder nicht – eine halal geschlachtete Gans zu bekommen ist eben nicht  so einfach. Immerhin gibt´s Putensalami von Wiesenhof, das ist doch auch was. Rotkohl und Klöße geht ja auch mit Hähnchen. Ist ungefähr so wie Methadon statt Heroin, spricht die Drogenberaterin in mir. Nachdem ich mich schon über türkischen Rinderbraten ausgelassen habe und jetzt schon wieder Fleisch erwähne, sollte ich vielleicht wirklich wieder  ein Stück essen – bin ja nicht für reichlich Fleischkonsum und lasse das lieber meinem Mann.

Ich gebe zu, im Moment sind meine Beiträge hier etwas  assoziativ gelockert– da ich an keiner Psychose leide ist das wohl nur ein Spätschaden aus der jahrelangen psychiatrischen Arbeit.


Suizid und Arbeitswelt – Kapitalismus tötet…

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…so habe ich heute gedacht, als ich mal wieder einen Artikel über die Suizidwelle bei der France Telecom, bzw. über die gesellschaftliche Entwicklung in Frankreich in der SZ von heute gelesen habe (Seite Drei). Beklagt wird dort eine Verrohung des Klimas in der Arbeitswelt, mit zunehmendem Konkurrenzdruck unter den Arbeitnehmern, statt der früher üblichen Teamarbeit, mit zunehmendem Leistungsdruck, Standardisierung und Kontrolle.

Suizid kann ansteckend sein und um ein solches Phänomen handelt es sich wohl bei der France Telecom. Wird einer solchen Tat viel Aufmerksamkeit gewidmet, dann bringt sie Nachahmer hervor. Das kennt man von bestimmten Orten, die Selbstmörder anziehen, oder von Gruppenselbstmorden von Jugendlichen. Nun kann man natürlich nicht durch Verschweigen die Verzweiflung der Angestellten mildern, die sich umbringen. Nur ist wohl die Rate bei der France Telecom nicht höher als in anderen Betrieben, die nicht so groß sind und nicht so in der Öffentlichkeit stehen.

Das, was über die Arbeitsbedingungen  in dieser Firma oder überhaupt in Frankreich berichtet wird, ist aber auch kein französisches Phänomen, sondern das machen andere Länder auch durch. Überhaupt sind die Suizidraten weltweit steigend, europaweit liegt Deutschland im Mittelfeld, während Frankreich zum oberen Drittel gehört. Die meisten Suizide werden allerdings in den baltischen Ländern, wie überhaupt in den ehemals zum Ostblock gehörenden Staaten begangen.

Ist damit nun bewiesen, dass der Kapitalismus, in diesem Fall der Wechsel vom Kommunismus zum Kapitalismus tötet? Nein – meine obige These lässt sich rein statistisch nicht bestätigen.

Überhaupt gibt es nur spärliche Untersuchungen zur Suizidgefährdung in der Arbeitswelt. Was man feststellen kann ist, dass bestimmte Berufe besonders gefährdet sind, an erster Stelle Mitarbeiter im Gesundheitswesen, Ärzte dort führend, sowie Polizisten. Dann überhaupt alle Berufe mit Kundenkontakt und dadurch bedingtem emotionalem Stress. Das können Banker sein, Verkäufer usw. Gefährdet sind auch Arbeiter mit besonders hoher körperlicher Belastung und daraus resultierenden körperlichen Erkrankungen.

Alles in allem bringen sich mehr Männer um als Frauen, wobei bei Frauen die Zahl der Suizidversuche höher liegt. Was die Geschlechterspezifizierung angeht, kann man vermuten, dass die Veränderung der Arbeitsbedingungen sich auf Männer mehr auswirkt als auf Frauen, da Männer mehr Vollzeit arbeiten, meistens mehr Verantwortung als Ernährer der Familie tragen und zudem noch häufig in einem Rollenbild verwurzelt sind, nach dem sie keine Gefühle zeigen dürfen, keine Überlastung kundtun, weil sie sonst als Versager gelten.

Und bei der France Telecom werden genau solche Bedingungen geschaffen, die die Mitarbeiter aus der Fassung bringen. Aber das ist wie gesagt, kein französisches Problem. Persönlich habe ich schon Mitte der 90er Jahre einige ehemalige Post- und Bahnbeamte kennengelernt, denen genau das widerfahren ist, was jetzt über die France Telecom berichtet wird.

Da wurden Mitarbeiter in einem Jahr noch in spezieller Technik ausgebildet, im nächsten Jahr dann aber in einem Bereich eingesetzt, für den sie absolut überqualifiziert waren. Da wurden sie aus der Stadt in der sie Jahrzehnte gearbeitet hatten, in der ihre Familie verwurzelt war und ihr Haus gebaut, versetzt in Gebiete weit weg in der ehemaligen DDR, während andere ebenfalls versetzt wurden an genau ihren Arbeitsplatz. Da wurde zunehmend Druck ausgeübt was die Leistungen anging. Und warum? Hier wurden ehemalige Beamte auf unser aller Kosten in den vorzeitigen Ruhestand gedrängt, damit die nun nicht mehr staatseigenen Gesellschaften billigere Mitarbeiter und vor allem weniger beschäftigen konnten. Besonders pervers finde ich, dass in der gleichen Zeit die „Volksaktie“ der Telekom in den Markt gedrängt wurde, damit der Aktienboom in der deutschen Durchschnittsbevölkerung ausgelöst, so dass viele mit ihrem Aktienerwerb genau die Entwicklung förderten, die sie ihre Gesundheit und ihren Arbeitsplatz kostete.

Vielleicht ist es aber unser Glück, dass es in Deutschland die Möglichkeit gab, diese Beamten zu pensionieren – sonst hätten wir womöglich auch eine Suizidwelle zu beklagen gehabt. So konnten sich jedenfalls diejenigen, die es geschafft haben diesen Schock zu überwinden, in einem neuen Leben einrichten.

Bekannt ist mir z.B. ein ehemaliger Lokführer, der wegen eines kleinen Fußproblems pensioniert wurde und heute einen florierenden Hausmeister- und -verwaltungsservice betreibt und o.g. Telekommitarbeiter, der seine Ausbildung nutzt um pensioniert in das Telefongeschäft einzusteigen und heute das tut, was er immer schon getan hat, nur mehr verdient. Wie viele aber mit diesen Umwälzungen in ihrem Leben nicht klargekommen sind, ist wohl statistisch nicht erfasst. Nun muss man ja nicht so tun, als ob in den ehemals staatseigenen Betrieben alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen wäre. Auch da hat es Konkurrenzdruck gegeben, Mobbing, Über- und Unterforderung. Und dass sich manche Mitarbeiter dort auf ihrem sicheren Sessel ausgeruht haben, daran erinnern wir uns wohl noch. Allerdings sind die Leistungen von Post, Bahn und Co. durch die Privatisierung nicht besser geworden, im Gegenteil.

Im Versicherungs- und  Bankwesen stehen die Mitarbeiter zunehmend unter Druck, zu verkaufen was im Angebot ist, egal ob es dem Kunden nützlich ist oder völlig unnötig bis schädlich. Gerade dort ist der Druck unheimlich groß, ständig werden die Zahlen überprüft, jeder der nicht die unrealistischen Ziele erreicht wird als Verlierer beschimpft.

Und was das Gesundheitswesen angeht, habe ich die unheilvolle Entwicklung selber mitbekommen. Sicher gab es früher Kollegen, die „mitgeschleppt“ werden mussten, da sie praktisch unkündbar waren und die es an Motivation mangeln ließen, oder durch Suchtkrankheiten eher eine Gefahr für die Patienten waren, als gesundheitsfördernd. Was sich allerdings durch die Privatisierungen nicht verbessert hat, da die Arbeitsbelastung ständig steigt, zunehmend Hilfspersonal eingesetzt wird, statt qualifizierter Kräfte und dazu noch die Bezahlung derartig sinkt, dass viele Pflegekräfte noch einen Nebenjob brauchen um über die Runden zu kommen.

Alles in allem kann man wohl sagen, dass in der Arbeitswelt der Mitarbeiter zunehmend nur als „Kostenfaktor“ gesehen wird, nicht mehr als derjenige, der der Firma überhaupt die Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen. So ist es ja auch wohl pervers, dass Mitarbeiter wegen kleinster Vergehen gekündigt werden können (die Sache mit den Pfandbons, die die Firma sowieso hätte auszahlen müssen z.B.), während andererseits Firmenchefs die große Konzerne in den Ruin geführt haben, noch mit Abfindungen versorgt werden, für die ein normaler Arbeitnehmer tausende Jahre arbeiten müsste. Hier geht immer mehr der soziale Ausgleich verloren und so kann man mindestens sagen, dass der Kapitalismus krank und unglücklich macht. Solche Kündigungen wegen Bagatellen sind übrigens nicht neu, in meinem Berufsleben habe ich auch schon mitbekommen, dass eine Putzfrau wegen einer Banane, die sie aus dem Nachtschrank einer entlassenen Patientin genommen hatte und die eigentlich im Müll landen sollte, gekündigt wurde. So wie die Altenheimmitarbeiterin, die die Maultaschen die sonst weggeworfen würden, mitgenommen hat. Vielleicht wehren sich heute mehr Mitarbeiter und deswegen entsteht mehr Öffentlichkeit, was dann nur gut wäre.

Das Grundproblem des Kapitalismus in der Turboform wie wir ihn heute erleben ist, dass der gesellschaftliche Konsens und alle Ethik flöten gegangen ist. Durch zunehmende Konzentration auf große und weltweit arbeitende Konzerne, spielt der einzelne Mitarbeiter keine Rolle mehr und wird mehr und mehr zum anonymen Kostenfaktor degradiert, den man nach Belieben einsparen kann. Ich behaupte mal, dass so unheilvolle Entwicklungen in vielen mittelständischen Betrieben in denen der Chef seine Mitarbeiter noch persönlich kennt und schätzt nicht vorkommen. Und abgesehen von dem persönlichen Kontakt, der es erschwert, jemanden mal eben so zu kündigen, sind die Besitzer solcher Firmen oft noch moralisch gefestigter und fühlen sich verantwortlich. Hier ist eben die Ethik noch nicht ausgestorben.

Im Islam (klar, dass ich darauf noch zu sprechen komme) ist das Geldverdienen nicht verpönt. Im Gegenteil, auch Handel zu treiben ist sehr angesehen. Allerdings eingebettet in ein soziales System, in dem sich der Einzelne aufgehoben fühlen kann und niemand in soziales Elend abrutschen soll. Und in dem es verboten ist, Zinsen zu nehmen oder Wucherpreise. Nun ist die Suizidrate in islamischen Ländern viel geringer als anderswo, das muss allerdings nicht an besseren Arbeitsbedingungen liegen, denn nach den islamischen Regeln wird auch in den überwiegend von Muslimen bewohnten Ländern nicht immer gearbeitet, gerade dort leben ja oft Arbeiter unter unsäglichen Bedingungen. Da liegt es wohl eher am tief verwurzelten Glauben, dass die Menschen nicht völlig verzweifeln und sich suizidieren. Auch ist der Zusammenhalt untereinander nach meiner Erfahrung viel größer. Es gibt auch Firmen, die sehr beliebt sind bei Arbeitssuchenden, weil sie für ihre soziale Einstellung bekannt sind – und die damit auch Kunden akqurieren. So z.B. eine große Teppichfirma in der Türkei.

In Deutschland würde in so einer Firma wohl ein Ethikpapier erarbeitet, das dann niemanden in der Praxis mehr interessiert.

Leider wird immer nur von „unserem Wertesystem“ gefaselt, vor allem wenn es darum geht, dass Menschen mit anderen Heimatländern ein solches nicht hätten. Würde tatsächlich das christliche Wertesystem noch gelebt, dann würden solche Entwicklungen nicht stattfinden können. Ein Aufschrei und gemeinschaftliche Anstrengungen aller Bürger, die Entmenschlichung unserer Gesellschaft aufzuhalten würde bestimmt nicht folgenlos bleiben. Nur sind wir inzwischen so individualisiert, dass das wohl kaum noch stattfindet. Vom Verlust des Glaubens mal ganz abgesehen.

Ich wünsche den Menschen, die die Hoffnung verloren und sich suizidiert haben, dass Gott ihnen verzeiht. Und so Gott will erleben wir noch Zeiten, in denen weltweit Gerechtigkeit herrscht.

Eine ausführliche Abhandlung über Suizidursachen und -prävention

Suizidraten weltweit