Ihr „aufgeklärten“ Abendländer: Habt den Mut Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen!

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Bismillahir rahmanir rahim

 „Was ist Aufklärung?“ wurde Immanuel Kant gefragt und formulierte 1784: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Nun bin ich ja eine Abendländerin, die angeblich in einer von solcher aufgeklärten Kultur geprägten Weltgegend aufgewachsen ist. Eine islamisierte Abendländerin allerdings, der vorgeworfen wird, sie würde einer eigenartigen, rückständigen Ideologie anhängen, die dringend der Aufklärung bedürfe.

Aber mal im Ernst: wie weit ist es mit Eurer, also unserer abendländischen aufgeklärten Ideologie her?

Wie die Kinder dem Rattenfänger laufen doch die Bundesbürger mehrheitlich sonderbaren Meinungsmachern nach.

Annähernd drei Millionen „BILD“- „Zeitungen“ werden täglich verkauft. Vermutlich nicht, um Fische darin einzuwickeln. Wieviel Leser mögen das dann sein? Doppelt so viele?

Jeden Müll kann man in diesem Blatt drucken und es wird zum Gesprächsstoff an den Arbeitsplätzen. Und das ist nicht das einzige Produkt. Wieviel Zuschauer haben Verblödungssendungen im Fernsehen?

Und dann die „seriösen“ Medien. Die allermeisten Menschen schauen Nachrichten, Talk-Shows, Politsendungen und nehmen für bare Münze, was dort „berichtet“ wird. Sie überprüfen nicht, ob die Bilder vielleicht gar nicht zum Thema gehören – und das kommt nicht selten vor. Sie nehmen den süffisanten Ton der Moderatoren und Kommentatoren über die dummen und unzivilisierten Bewohner der nicht nicht aufgeklärten Welt zufrieden hin und fühlen sich als Teil der besseren, klügeren Weltbevölkerung.

Und sie erschaudern angesichts der Verbrechen der Bösewichte, womöglich auch noch religiös fanatische Bösewichte und fordern, dass diese aufgehalten werden, egal mit welchen Mitteln. Da zählt dann kein Recht, sei es Völker- oder Bürgerrecht.

Die „aufgeklärten“ Anhänger von Religionen fordern von uns rückständigen Muslimen, dass wir uns auch „aufklären“. Damit ist in der Regel gemeint, dass wir erkennen sollen, dass doch die Religion an sich etwas für Dummies ist und man sie auf ein erträgliches Maß zurechtstutzen soll, so dass sie der abendländischen, kapitalistischen Kultur kompatibel ist. Feste und Feiertage dürfen bleiben, solange man dafür keinen gesetzlichen Feiertag will, Beten bitte nach Feierabend und zuviel Kleidung könnte bei der Arbeit stören. Dem Nachbarn Süßigkeiten schenken geht in Ordnung, aber sonst bitte, seht doch ein, dass Gott zwar angerufen werden darf, aber mit unserem Leben hier nichts weiter zu tun hat. Die Regeln hier machen aufgeklärte Wirtschaftsführer und Politiker, die ihren Verstand benutzen um das Leben für uns alle ganz wunderbar einzurichten.

Hat Kant das gemeint? Und ist es wirklich so, dass der Islam eine „Aufklärung“ braucht? Oder braucht nicht viel mehr diese „jüdisch-christliche“ Kultur eine solche?

Was das genau ist, weiß ja nämlich anscheinend niemand. „Jüdisch-christlich“ hieß ja wohl jahrhundertelang eher, dass die Christen die Juden verfolgten und ermordeten. Und auch heute noch, meinen es die vom christlichen Fundamentalismus geprägten christlichen Zionisten nicht wirklich gut mit den Juden, sondern unterstützen die nur in Erwartung von deren Vernichtung.

Also, ihr Abendländer: Ihr habt Eure Aufklärung gehabt. Nutzt sie gefälligst.

Und die Muslime? Es gibt auch unter uns genug, die ihren Verstand nicht benutzen. Das liegt aber nun wirklich nicht an unserer Religion, sondern tritt dann auf, wenn man diese Religion nicht kennt und nicht praktiziert. Denn Gott fordert uns auf, unseren Verstand zu benutzen. Der Islam ist die Religion des Verstandes. Natürlich auch die Religion der Liebe und Barmherzigkeit – aber das resultiert doch daraus, dass man Gott mit dem Verstand erkennt.

Benjamin Idriz, Imam in Penzberg schreibt:

Mit Blick auf das Wiederaufleben der Religion in der Welt und das sichtbare Erscheinen des Islams in Europa gewinnt auch die Frage an Bedeutung, inwieweit Religion, insbesondere der Islam, mit der Vernunft in Einklang zu bringen ist. Tatsächlich sollten wir uns weder Religion noch Verstand getrennt und unabhängig voneinander vorstellen. An 49 Stellen wird im Koran der Begriff “Verstand” gebraucht und an mehr als zehn Stellen die Frage “Denkt ihr nach?” gestellt. Das Nachdenken und der Verstand werden an mehr als 60 Stellen betont, während blinder Gehorsam gegenüber anderen kritisiert wird. Bevor der Koran “Glaub!” gesagt hat, sagte er “Lies!” (Koran 69:1-6), weil durch die Vernunft der Glaube gefunden werden kann (Koran 34:6). Mit der Aussage des Korans, dass zuerst das Lesen und danach der Glaube kommt, rückt die Priorität der Information in den Vordergrund. Glaube, der dem Intellekt vorausginge, wäre demnach mangelhaft.

Im Islam hat das wissenschaftliches Forschen ein Nachdenken sowohl über profane wie auch religiöse Themen angeregt. Zu verschiedenen Zeiten sind einzelne Muslime sicherlich an die Grenzen ihres Verstandes gestoßen, für den Islam jedoch war dies nie der Fall. Immer wenn Muslime ihren Verstand zu nutzen wussten, waren sie produktiv und haben sich entwickelt. Wurde der Verstand vernachlässigt, wie es leider gerade heute teilweise zu beobachten ist, kam es zu Fehlentwicklungen, die die Religion verzerren, und die Muslime blieben sowohl in religiöser wie auch in weltlicher Hinsicht rückständig….

Ayatollah Khamenei betont wieder und wieder, wie wichtig es ist, nachzudenken und den Verstand zu benutzen:

Er sagte der wichtigste Grund für die Aussendung der Propheten Gottes insbesondere des Propheten des Islams (F.s.m.i.) habe darin bestanden, den Menschen den Weg zur Nutzung ihres Verstandes und ihrer Vernunft und Denkkraft zu weisen. Er erklärte, wenn der Einsatz der geistigen Kräfte und das Nachdenken zu einer verbreiteten Regel in der Islamischen Gesellschaft werde, käme es zur Beseitigung zahlreicher Probleme der Islamischen Welt.

Der wichtigste Grund! Wir Muslime müssen uns wirklich auch schämen, dass wir diese Botschaft nicht verstanden haben  und oft genug wie hirnlose Idioten agieren und reagieren – mehr reagieren, denn zum agieren gehört noch mehr geistige Aktivität, während das Hinterherlaufen bei irgendwelchen Aktionen einfacher ist.

Ja, so gesehen brauchen wir auch eine Aufklärung. Aber wenn wir den Verstand nicht benutzen, dann nicht wegen Zuviel an Islam, sondern wegen zu wenig Islam.

Und auch die Abendländer, also die nicht islamisierten, könnten in ihren religiösen Quellen genug finden, was sie von tumbem Nachlaufen bei PEGIDA, oder vom BILD lesen abhält.

Gottes Wort ist bestimmt nicht gegen den Verstand. Nur: wer kennt denn Gottes Wort noch?

Wenn man lernen will, seinen Verstand zu benutzen, dann soll man die Nähe von weisen Menschen suchen, um von ihnen zu lernen. Imam Ali a.s. sagte:

Imam Ali (a.) sagte: „Es ist die Pflicht eines jeden Menschen, seinen Verstand und seine Ansicht mit dem der weisen Menschen zu vergleichen“! (Ghurur al Hikm, 4920, gefunden bei eslam.de)

Weise Menschen, liebe Abendländer, das sind weder Kai Diekmann, noch Lutz Bachmann, nicht mal der Bundespräsident. Und liebe Muslime, weise sind auch nicht der „Kalif von Bagdad“ oder Pierre Vogel.

Wie ich Weisheit verstehe, darüber muss ich vielleicht noch mal genauer nachdenken. Aber jedenfalls gehört zu einem weisen Menschen, dass er seinen Verstand nicht nur benutzt, um eigenen Vorteil zu erreichen und andere Menschen zu seinen zwecken zu manipulieren. Zur Weisheit gehört, dass man das friedliche Zusammenleben fördert und nicht Menschen gegeneinander aufhetzt. Zur Weisheit gehört Bescheidenheit und nicht, sich aufzuspielen und sich über andere lustig zu machen. Und auf jeden Fall gehört dazu, dass man Respekt vor den Rechten anderer hat und sie nicht bestiehlt.

Also, benutzen wir unseren Verstand den Gott uns gegeben hat!

Haben die Zweifler Recht?

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Bismillahir rahmanir rahim

In der “Zeit” gab es zwischen den Jahren einen Artikel, betitelt “Die falsche Rückkehr zur Religion”, im Untertitel “Der Zweifler, nicht der Gläubige hat recht”. Ein Anstoß zum Nachdenken.

Tanja Dückers beklagt in ihrem Artikel, dass den Agnostikern und Atheisten moralische Werte abgesprochen werden. Dabei würden Untersuchungen ergeben, dass diese hilfsbereiter seien als religiöse Menschen. Sowieso sei das Vorhandensein von Moral unabhängig von Glauben, da eine selbstregulierende Entwicklung von Gemeinwesen.

Ihr Beschwerde finde ich berechtigt, natürlich sind “Ungläubige” nicht von Natur aus schlechte Menschen. Genauso wie diejenigen die sich als Gläubige verstehen nicht automatisch nach den ihnen bekannten göttlichen Geboten auch handeln. Tanja Dückers möchte ein Wort einlegen für die diskriminierten Zweifler und Suchenden, die sie für sympathischer hält als die Gläubigen, weil sie keinen Absolutheitsanspruch auf die Wahrheit vertreten. Auch das ist ja in Ordnung, allerdings kann man durchaus Fanatiker auch unter den Atheisten finden, die andere durchaus nicht in ihrem Glauben lassen wollen, ebenso wie fanatische Religiöse.

Beispielhaft ist hier die “Giordano Bruno Stiftung” die sich unglücklicherweise mal ganz abgesehen von ihrem atheistischen Missionskampf nach einem glühenden Antisemiten und Rassisten benannt hat, der von Hitler sehr gelobt wurde.

Aus einem Artikel von Michael Brumlik über die Stiftung

„Die Juden sind eine so pestilenzialische, aussätzige und gemeingefährliche Rasse, dass sie schon vor ihrer Geburt ausgerottet zu werden verdienen.“ Später bezeichnet er die Juden als den „Auswurf“, „die Exkremente“ Ägyptens. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Bruno „Juden und Sarazenen“ an anderer Stelle in einem Atemzug nennt.

Da muss man sich doch wohl fragen, welcher Teufel (huch) die Stifter zu ihrer Namensgebung bewogen hat. Das Auftreten der missionierenden Atheisten ist mir jedenfalls nicht sympathischer als das von salafistischen Predigern à la Pierre Vogel, dessen Massenveranstaltungen und –konversionen mir auch so gar nicht gefallen. Ich kann den Glauben der von ihm “Bekehrten” nicht in Frage stellen, allerdings fand ich sehr viel mehr stilles Forschen und Nachdenken nötig, bis ich vom Islam überzeugt war. Ich komme jedenfalls besser mit “Zeugen Jehovas” klar, als mit einem zotteligen Salafisten mit  Bodyguards. Das Ruhige liegt mir dann doch mehr. Aber das ist jetzt mal persönliche Geschmackssache.

Tanja Dückers selber geht in ihrem Artikel nicht fair mit den religiösen Menschen um. Im Gegenteil,sie unterstellt dass die Gläubigen (hier meint sie überwiegend die Christen), ihre Rückkehr zur Religion nur deswegen kundtun oder praktizieren, weil es gerade schick ist und einem ein besseres gesellschaftliches Ansehen verschafft. Und dann gibt es dann natürlich noch die Fanatiker, da werden dann überwiegend muslimische Staaten genannt, die Anders- oder Ungläubige ermorden lassen.

Da fragt frau sich natürlich, wie denn Frau Dückers zu ihren Schlussfolgerungen kommt. Aber was natürlich eigentlich in ihrer Polemik fehlt, ist eine wirkliche Begründung dafür, dass sie gläubige Menschen als die Unvernünftigeren betrachtet. Da wird wie so oft, die “Aufklärung” und die angebliche “Unmündigkeit” des Gläubigen gegenübergestellt.

Das ist genauso falsch, wie die Unterstellung, dass Atheisten unmoralisch seien. Das sind sie wie gesagt nicht per se – aber was ist die Ursache? Diese Selbstregulierung von menschlichen Gemeinschaften? Ja aber – wer hat die Fähigkeit dazu in den Menschen gepflanzt? Für uns ist es Gott, der alle Menschen sündenfrei und gut erschaffen hat (im Islam gibt es keine Vorstellung einer Erbsünde) und natürlich kann sich diese natürliche Veranlagung des Menschen erhalten, auch unter ungünstigen Bedingungen. Der Mensch ist von Natur aus mit der Fähigkeit zur Liebe und zum Mitfühlen geschaffen, genauso wie mit der Suche nach Erkenntnis. Warum also wird so getan, als ob sich Mündigkeit, Wissensdrang, Unabhängigkeit im Denken im Widerspruch zum Glauben befinden? Den “Wahlspruch der Aufklärung” kann doch auch jeder Gläubige unterschreiben:

«Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.»

Gott hat keine Angst vor dem forschenden Menschen.Und man kann nicht einmal sagen, dass die Kirche früher grundsätzlich gegen Forschung gewesen sei – ja mit Papst Gregor XIII (dem mit dem gregorianischen Kalender) saß sogar ein ausgesprochener Wissenschaftsförderer auf dem Papstthron.

Wenn man meint, dass “Aufklärung” bedeutet, Gott weg zu erklären, dann führt das nicht unbedingt dazu, dass sich die Welt verbessert. Das haben Philosophen schon nach dem zweiten Weltkrieg festgestellt – und wie viel Niedergang hat die menschliche Zivilisation seither erlebt, und das bei allem wissenschaftlichen Fortschritt?

«Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.» (Dialektik der Aufklärung, 1947)“  s. hier

Wissenschaftler sind ja nun einmal in erster Linie Fragende – und wie viele endgültige Antworten haben wir denn wirklich schon erhalten? Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass irgendein Wissenschaftler behauptet, einen Beweis  erbringen zu können, dass es keinen Gott gibt. Im Gegenteil, große Wissenschaftler gestehen ihre Grenzen ein. Auch wenn der Glaube Albert Einsteins vielleicht nicht so war, wie wir aus seiner Aussage:

“Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind.“

schließen, weil er sich an anderer Stelle ganz anders geäußert hat:

„Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.“

gibt es doch genug unbeantwortete Fragen und Aussagen von Wissenschaftlern, die ihre Forschungen nicht von der Überzeugung abgebracht hat, dass es einen Schöpfer gibt – oder die im Gegenteil sogar von ihren Forschungen darauf gebracht wurden:

„Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt, dass die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären lässt.“ Allan Sandage, amerikanischer Kosmologe

Übrigens waren auch  Galileo Galilei  und Nikolaus Kopernikus  gläubige Katholiken.

Wenn geniale Wissenschaftler keine endgültigen Antworten haben, will ich mich in dieses Thema wirklich nicht vertiefen, naturwissenschaftlich bin ich ziemlich unbeleckt. Aber darum geht es mir ja auch gerade nicht, sondern um den gegenseitigen Respekt. Ebenso wie Atheisten nicht als potentiell unmoralische eingestuft werden wollen, gibt es keinen Grund, gläubige Menschen als geistig unbeweglich, fanatisch und unmündig darzustellen. Wirklich Fragende und Suchende gibt es unter den Einen wie den Anderen – denn auch die allermeisten  Gläubigen haben keine endgültige Erkenntnis von Gott – und deshalb sollen wir alle stets Suchende sein. Ich bin überzeugt, dass es Gott gibt – aber darum habe ich doch trotzdem höchstens eine winzige Ahnung davon, wie der Schöpfer ist. Und wenn mein beschränkter Verstand sich davon ein Bild machen will, muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass:

„Blicke können Ihn nicht erreichen, Er aber erreicht die Blicke. Er ist der Unerforschliche und Allwissende.“ (Heiliger Qur´an, 6:103)

Unser erster Imam Ali a.s.Cousin, Schwiegersohn und lebenslanger Unterstützer des Propheten Muhammed, s.a.s., sagte:

„Augen können Ihn nicht sehen, aber die Herzen können Ihn durch den Glauben wahrnehmen.“

und Imam Jaafar as-Sadiq, a.s., erklärt es so, auf die Frage:„Kann man Allah am Tag des Jüngsten Gerichts sehen?“

Der Imam, a.s., antwortete: „Er ist Hocherhaben über so etwas! Die Augen können Objekte wahrnehmen die Farben und Formen besitzen, aber Allah, der Erhabene, ist doch der Schöpfer der Farben und Formen!“

Imam Ali, a.s, hat auch gesagt:

„Wer sich selbst erkennt, der hat dadurch auch Gott erkannt.“

Und wer von uns normalen Sterblichen kann schon behaupten, sich selber in allen Bereichen “erkannt” zu haben? Können wir je aufhören, sowohl unseren Körper als auch unseren Geist zu erforschen, weil wir damit wirklich an ein Ende gekommen sind? Und wächst nicht das Erstaunen mit allem Neuen, was wir darüber erfahren?

Für mich ist es  Arroganz zu behaupten, dass die Wunder der Schöpfung eben keine Schöpfung, sondern Zufallsprodukte seien. Aber das ist das Problem der “Ungläubigen” wie sie ihre Schlüsse ziehen. Sie sollen sich bloß nicht hinstellen und religiöse Menschen verunglimpfen.

Unter “aufgeklärtem” Denken verstehe ich etwas anderes, nämlich gerade nicht aufzuhören zu fragen. Und das ist im Übrigen etwas, dass Gott von uns fordert:

„Stelle es durch Wissen fest, dass es keinen Gott außer ALLAH gibt, und bitte um Vergebung für deine Verfehlung und für die Mumin-Männer und Mumin-Frauen.“ (Heiliger Qur´an, 47:19) (Definition von „Mumin“)

„Und Nichts folgen die meisten von ihnen außer einer Spekulation. Doch das Spekulieren ersetzt nichts von der Wahrheit.“ (Heiliger Qur´an 10:36)

Wenige Menschen können von sich sagen, dass sie wirklich umfassendes Wissen haben. Wir Muslime, jedenfalls die shiitischen, sind davon überzeugt, dass die reinen Imame, a.s., es haben. Weshalb sie auch unsere Vorbilder und Lehrmeister sind und das wirkliche Verständnis der göttlichen Offenbarung lehren können. Denn auch der heilige Qur´an umfasst mehr als seine Oberfläche. Aber auch die bringt uns schon zum Staunen:

Die Ausdehnung des Universums

Den Himmel erbauten Wir mit (Unserer) Kraft und seht, wie Wir ihn (ständig) ausdehnen! (Sure 51:47 – adh-Dhariyat)

Der russische Physiker Alexander Friedmann und der belgische Astrophysiker George Lemaitre haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts berechnet, dass das Universum sich ständig bewegt und ausdehnt.

1929 wurde diese Tatsache auch durch Beobachtungen nachgewiesen. Der amerikanische Astronom Edwin Hubble machte am Mount Wilson Observatorium in Kalifornien eine der größten Entdeckungen der Astrophysik.kompletter Text

Auch gut hier erklärt, da habe sogar ich es verstanden:

Die Schöpfung aus Lehm

Als dein Herr zu Seinen Engeln sprach: „Seht, Ich werde den Menschen aus Lehm erschaffen, und wenn Ich ihn geformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann fallt vor ihm nieder!“ (Sure 38:71, 72 – Sad)

Darum frage sie, ob ihre Schöpfung schwieriger war oder das, was Wir sonst erschufen? Siehe, sie erschufen Wir aus formbarem Lehm. (Sure 37:11 – as-Saffat)

Und wahrlich, Wir erschaffen den Menschen aus reinstem Ton. (Sure 23:12 – al-Mu’minun)

Im Artikel dazu eine interessante Aufstellung der Mineralien im menschlichen Körper und die Schlussfolgerung:

“Das arabische Wort, das hier mit „rein“ übersetzt ist, meint „das Wesentliche“ oder „der beste Teil von etwas“. Wie ersichtlich ist, bestätigen die Informationen, die uns im Quran vor 14 Jahrhunderten mitgeteilt wurden, die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft nämlich die Tatsache, dass die Materialien im Körper des Menschen mit den grundlegenden Elementen der Erde identisch sind.”

Embryonalentwicklung

War er denn nicht ein Tropfen ausfließenden Samens? Dann war er (als Embryo) ein sich Anklammerndes, und so schuf Er ihn und formte ihn. Und machte aus ihm Mann und Frau als Paar. (Sure 75:37-39 – al-Qiyama)

„Lies! Im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus ‚Alaq (einem sich Anklammernden). Lies! Denn dein Herr ist gütig.“ (Sure 96:1-3 – al-‚Alaq)

Dann machen Wir den Tropfen zu etwas, das sich einnistet und das sich Einnistende zu einer Leibesfrucht und formen das Fleisch zu Gebein und bekleiden das Gebein mit Fleisch. Dann bringen Wir dies als eine weitere Schöpfung hervor. Gesegnet sei Allah, der beste der Schöpfer. (Sure 23:14 – al-Mu’minun)

In diesem Artikel wird sowohl erläutert, dass der Qur´an schon vor 1400 Jahren die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter und seine Entwicklung beschreibt, als auch, dass das Geschlecht des Kindes im männlichen Samen festgelegt ist.

Das nur als Beispiele für offensichtliche Aussagen des Qur´an. Der “Lichtvers” ((Sure 24:35 – an-Nur) gehört zu den Versen, die sehr viel mehr in die Tiefe gehen und an dessen tiefgehender Auslegung Korankommentatoren seit Jahrhunderten arbeiten.

ALLAH ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist vergleichbar einer Nische, in der eine Leuchte ist. Die Leuchte ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über Licht. Allah führt zu seinem Licht, wen Er will, und Allah führt den Menschen die Gleichnisse an. Und ALLAH weiß über alle Dinge Bescheid.“

Aber es gibt auch hier eine “oberflächliche” Ebene mit ganz erstaunlichen Hinweisen auf Technik unserer Zeit, oder auf die Kernfusion.

Die Glühbirne ist ein Objekt, das mit den Beschreibungen im Vers genau übereinstimmt, das innerhalb eines Glases wie ein Stern leuchtet und Licht ausstrahlt. Die Glühbirne wird nicht wie die Öllampe, Petroleumlampe oder ähnliche Beleuchtungen mit Öl betrieben, und bei der Glühbirne verwirklicht sich eine Beleuchtung ohne Flammen, genau wie es auch im Vers beschrieben worden ist. Als Folge der Schwingung zwischen den Atomen des hitzebeständigen Wolfram-Drahtes in der Glühbirne entsteht eine Temperatur von über 2.000 Grad Celsius. Diese Hitze, die andere Metalle schmelzen lässt, ist so hoch, dass durch sie ein starkes Licht entsteht, welches mit bloßem Auge sichtbar ist. Aber trotz dieser hohen Temperatur verbrennt der Draht nicht, wie es auch mit den Beschreibungen im Vers übereinstimmt, weil es in der Glühbirne keinen Sauerstoff gibt. Der Draht in der Glühbirne ähnelt von weitem dem Aussehen eines leuchtenden Sterns.

Da geht einem doch ein Licht auf, oder? 13

Dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse des letzten Jahrhunderts schon im heiligen Qur´an aus dem 7. Jahrhundert nach Christus beschrieben wurden, offenbart von einem arabischen Mann von hervorragendem Charakter aber ohne Schulbildung ist gewiss eines der unzähligen Wunder, die uns Menschen Hinweise geben sollen auf die Existenz Gottes.

Und wie viele  Wunder gibt es, die die Naturgesetze außer Kraft setzen? Sind das nicht göttliche Winke mit dem Zaunpfahl, für die, denen die alltäglichen Wunder der Schöpfung nicht genügen? Und ist es nicht gerade auch die Vernunft, die uns dazu bringt, diese Wunder anzuerkennen?

Wie auch immer: wir sind frei zu glauben, oder nicht – jedenfalls in diesem Leben. Und wer an das nächste Leben nicht glauben will, dem ist diese Freiheit gegeben. Aber man soll doch bitte nicht die Gläubigen aller Religionen als unmündige Geister darstellen und dann noch von sich behaupten, wahrhaft “humanistisch” zu sein.

“Gott hat dich frei erschaffen”

sagt Imam Ali, a.s. Und im Qur´an heißt es über die “Ungläubigen” (hier besser  übersetzt als “Wahrheitsleugner” ):

“Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen”

“Sprich: Oh ihr Wahrheitsleugner

Ich diene nicht dem, dem ihr dient

und ihr dient nicht dem, dem ich diene

und ich werde nicht Diener dessen sein, dem ihr dient

und ihr werdet nicht Diener dessen sein, dem ich diene

Ihr habt eure Religion und ich habe meine Religion”

(Heiliger Quran, Sure 109 Al-Kafiruun)

Der Islam und die „jüdisch-christliche Werteordnung“

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Uns Muslimen wird immer gerne vorgeworfen, unsere Lebenseinstellung vertrage sich nicht mit der o.g. „jüdisch-christlichen“, wahlweise auch abendländischen Werteordnung.

Zunächst einmal, hat mir noch niemand eine wirkliche Definition dieses Konstruktes geben können. Gerne wird natürlich auf die Aufklärung hingewiesen, die aber ja wohl weniger ein Produkt der Religion, als vielmehr ihrer Kritik ist. Wobei in der Epoche der Aufklärung die Menschen in Europa überhaupt erst etwas über andere Religionen erfahren haben und ein Aspekt der Bewegung, der der Religionsfreiheit und Toleranz war.

Ansonsten ging es darum, sich von überholten Vorstellungen frei zu machen, die Ergebnisse der Wissenschaft allen Menschen zugänglich zu machen und nicht zuzulassen, dass diese im Interesse des Machterhaltes von Kirche und absolutistischen Herrschern unterdrückt wurden.

Immanuel Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Hier gibt es keinerlei Widerspruch zu unserer religiösen Basis, dem heiligen Koran. Wieder und wieder werden die Menschen darin aufgefordert, sich ihres Verstandes zu bedienen.

Gotthold Ephraim Lessing: „An die Stelle der Religion muss die Überzeugung treten.“

Muslime werden nicht aufgefordert, blind zu glauben, sondern ihre Erkenntnis Gottes aus den Zeichen in seiner Schöpfung zu gewinnen.

Das „Glaubensbekenntnis“ der Muslime beinhaltet dann auch: „ich bezeuge dass es keinen Gott gibt, außer Gott“ – also ist es eher ein Überzeugungsbekenntnis. Im Koran finden sich viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die der damaligen Zeit weit voraus sind, islamische Gelehrte haben sich immer auch mit den Naturwissenschaften beschäftigt. Die Muslime haben Europa im Bereich von Mathematik, Medizin und Astronomie vorangebracht.

Eine jüdisch-christlich geprägte Gesellschaft, kann also, sofern sie sich auf ihre eigenen religiösen Wurzeln beruft, wohl kaum bemängeln, dass es Naturwissenschaftler gibt, die an Gott glauben.

Bleibt der Vorwurf bestehen, die islamischen Gesetze seien im Widerspruch zu den säkularen Gesetzen Europas-ja wie denn nun?

Sind wir hier säkular, dann gehört der Begriff der jüdisch-christlichen Wurzeln nicht in die Diskussion.Ansonsten: wo sind die Widersprüche? Muslime glauben an den gleichen (weil einzigen und allmächtigen) Gott wie Christen und Juden.

Sie achten die Propheten beider Religionen, wenn sie auch nicht an die Gottessohnschaft Jesu (Friede sei mit ihm) glauben. Das tun die Juden aber auch nicht. Das heißt aber nicht, dass wir nicht seine Botschaft des Friedens akzeptieren, genauso wie sie auch die 10 Gebote Moses, Friede sei mit ihm, befolgen.

Die islamischen Gesetze bringen, was z.B. die Speisevorschriften angeht, Erleichterungen im Vergleich mit den jüdischen Gesetzen, sind aber konkreter was die Gesetzgebung des Staates und Alltags angeht, als das was uns von Jesus überliefert wurde.In diesem Zusammenhang wurden Frauen erstmals überhaupt Rechte eingeräumt, auf Erbe, auf Besitz, auf Scheidung, auf Unterhalt. Es gibt weitgehende Vorschriften, was den Umgang mit den Mitmenschen angeht, sogar zur menschenwürdigen Behandlung von Kriegsgefangenen-woran sich heutzutage mancher angeblich demokratische Staat ein Beispiel nehmen könnte. Angriffskriege sind verboten, ebenso das Töten von Zivilisten, was den Einsatz von Massenvernichtungswaffen ausschließt.

Ein Wirtschaftssystem mit dem islamischen Zinsverbot , Verbot von Spekulation und Wucher hätte uns vor einer weltweiten Krise wie wir sie jetzt erleben bewahrt – und hat nicht auch Jesus die Wucherer aus dem Tempel vertrieben?

Hierzulande wird die „Sharia“ in der Diskussion in der Regel auf das Strafrecht beschränkt, ohne alle diese Aspekte zu bedenken und ebenfalls, was gerade das Strafrecht angeht, zu erwähnen, dass die meisten der Strafen aus dem Judentum herrühren. Wobei die Bedingungen für Verhängung schwerer Körperstrafen so schwer zu erfüllen sind, dass sie kaum angewendet werden können.

Damit will ich nicht abstreiten, dass es viele Staaten gibt, die sich islamisch nennen, aber diese Gesetzgebung nicht korrekt anwenden, sondern die einen unterdrückerischen Charakter haben. Ebenso wie die meisten Kriege, die von islamischer Seite geführt wurden, nicht Verteidigungskriege waren. Dafür kann man aber nicht die Religion in ihren Wurzeln verantwortlich machen. Niemand wirft ja Jesus die Kreuzzüge oder die Inquisition vor.

Dass uns hier im „Westen“ die positiven Aspekte des Islams verschwiegen werden und eine grundlose Phobie gezüchtet wird, hat ganz gewiß keine religiösen oder ethischen Gründe, denn es gibt dort schlicht kaum Unterschiede. Hier wird Hass geschürt nach dem Motto „Teile und herrsche“-ist doch wunderbar, wenn man Sündenböcke finden kann, die Juden wissen doch, wie sich das auswirkt.

Gleichzeitig wird die Abkapselung von Muslimen in der Gesellschaft gefördert-wer sich nicht willkommen fühlt, zieht sich in seine vertraute Gesellschaft zurück. Auch hier darf man nicht verschweigen, dass es große soziale Probleme gibt, die mit mangelnder Bildung und Erziehung zu tun haben. Das liegt aber nicht an „zuviel Islam“, sondern an zu wenig islamischer Bildung. Und damit meine ich wirkliche islamische Bildung und nicht das, was Traditionen vermitteln.

Glücklicherweise gibt es zunehmend Konvertitinnen und Konvertiten. Wir haben den Vorteil, dass wir uns unbelastet von Traditionen von Grund auf mit der Religion auseinandersetzen können und dass wir hier zu Hause sind. Ist manchmal nicht einfach, wenn die einen wie die anderen uns nicht akzeptieren wollen, trotzdem ist das eine Chance zur Verständigung.

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Gerne gehe ich in die Diskussion-mache aber darauf aufmerksam, dass hetzerische Beiträge nicht veröffentlicht werden. So manches, was ich hier als Blog-Neuling gefunden habe, hat mich zutiefst erschreckt. Unglaublich, auf welches Niveau manche Menschen sinken können.

Was Deine Freiheit ist, bestimme ich!

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Bismillahir rahmanir rahim

Am Dienstag dieser Woche nahm ich an einer Podiumsdiskussion teil, die die Bremer TAZ anlässlich des sogenannten Kopftuchurteils veranstaltet hat. 11074179_10204005069475771_682727475_o

Hier das Podium noch ohne den Überraschungsgast. Von links nach rechts: Claudia Bernhardt, die Linke – Luisa Katharina Häsler, CDU -, Gönül Bredehorst, SPD, Benno Schirrmeister TAZ-Moderator, Henrike Müller, Grüne – Kübra Gümüsay, Publizistin.

und hier der Überraschungsgast:11153499_10204005065515672_1212467699_oHabibe Rode, Referendarin

Ich hatte hitzige Debatten erwartet, wurde aber angenehm davon überrascht, dass die politischen Vertreterinnen im Großen und Ganzen sehr gelassen bis erfreut auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts reagierten. Nur die Vertreterin der CDU wünschte sich, dass die Lehrerinnen mit Kopftuch doch lieber an muslimischen Privatschulen unterrichten sollten (Kübra dazu: „Habe ich richtig verstanden, das die CDU sich mehr islamische Schulen wünscht?“).  Es ist zum Glück keine Debatte über Privatschulen und Chancengleichheit entstanden. Was von allen bemängelt wurde, war dieser schwammige Begriff  „Schulfrieden“ im Urteil und dass es bislang gar keine Handlungsanweisungen dazu gibt – einig waren sich alle, dass nicht ein paar raffinierte -gida-AnhängerInnen unter den Eltern die Gunst der Stunde nutzen können sollten und unter Berufung auf den „Schulfrieden“ Hetzkampagnen gegen betuchte Lehrerinnen starten. Ob man in Bremen dazu nun doch das Schulgesetz ändern müsse, oder man mit anderen Ausführungsbestimmungen zurecht kommt, da war sich das Podium nicht so einig.

Sehr angenehm fand ich, dass man die Diskussion über die Kopfbedeckung von Lehrerinnen getrennt hat von der angstbestimmten „Islam“-Debatte. Kübra, deren freundliche und humorvolle, aber zielgenaue Art ich sehr schätze, brachte sehr früh ein, dass in Deutschland die Kopftuchdiskussion sich inhaltlich seit vielen Jahren nicht bewegt hat und wir heute genauso dastehen wie vor dem ersten Urteil 2003. In England, wo sie nun lange gelebt hat, interessierten sich die Leute für ganz andere Dinge. Und dass, obwohl es diverse Studien zu dem Thema gibt, die belegen, dass das Kopftuch im Unterricht gar kein Problem ist. Auch Habibe Rode hat für ihre Masterarbeit, dazu Untersuchungen angestellt, von denen sie berichtet hat. Nach kurzer Neugier und Nachfragen der Schüler, vergessen diese das Thema einfach und es zählen ganz andere Kriterien bei ihrer Lehrkraft.

Da wird es jetzt spannend, ob inschaAllah nicht das eintritt, wass Habibe Rode als Erfahrung aus Hamburg anbrachte: da gab es nie ein Kopftuchverbot, und trotzdem wurden Lehrerinnen mit Kopftuch nicht eingestellt. Natürlich ohne die Begründung, dass es daran gelegen hätte.

Recht witzig war es, als auf einmal aufkam, dass sich beim Thema Kopftuch in der Politik Leute für die  „Befreiung“ der Frau einsetzten, die sonst weit davon entfernt seien, Frauenrechtler zu sein. Genauso wie sich „Besserwisser-Feministinnen“ (Fr. Bernhardt outete sich als eine, die aus dieser Tradition stammt) anmaßen, den Frauen ihre Entscheidungsfreiheit abzusprechen. Die sind damit in einer Tradition die aus dem Kolonialismus stammt und die Frauen benutzt, um die unterdrückten Völker zu spalten und ihre Kultur zu zerstören. Dazu gleich mehr.

Also im Großen und Ganzen war die Diskussion nicht sehr kontrovers, so dass der Moderator, der dort mit einer fetten Erkältung saß und nicht in Höchstform war, schon aus Verzweiflung die unfreiwillig verschleierten Schülerinnen einbrachte, aber recht elegant von diesem Seitenweg wieder abgebracht wurde, eben weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Solche Stimmen kamen aber durchaus aus dem Publikum, das wohl teilweise gerne eine Islamdebatte gehabt hätte, die aber dort nicht hingehörte. Neben mir zwei grantelnde ältere Herren aus der Gruppierung der „Laizisten in der SPD“, deren einer auf den großen Anteil der „Ungläubigen“ in unserer Gesellschaft hinwies, die ein Recht darauf hätten, von allem Religiösen im öffentlichen Raum ferngehalten zu werden – wenigstens dort, wo man gezwungen ist hinzugehen, wie in der Schule. Der ließ auch einen Stuhl zwischen sich und mir frei – *lol* – danke. Eigentlich würde ich ganz gerne mit solchen Leuten diskutieren, aber hier war schon wieder so ein genervter bis verzweifelter Tonfall, weil sich nun gerade keiner mehr für ihre Argumente interessiert. Alle Aufklärung vergebens? So jemand kann kaum verstehen, dass ich gerade weil ich meinen Verstand benutzt habe, zum Islam gekommen bin.

Auch eine Frau aus Syrien meldete sich lautstark zu Wort. Aus ihren Äußerungen kann man schon erahnen, dass sie in ihrem Leben sehr traumatische Erfahrungen gemacht hat. Was sie jetzt dem Islam anlastet und von sich behauptet, „den Koran besser zu kennen als jeder andere“. Darüber hab ich ein bisschen gelacht, was mir jetzt leid tut, denn sie hat sicherlich Schlimmes durchgemacht, wenn sie vom Kopftuch der Lehrerin auf das angeblich im Koran erlaubte Schlagen von Frauen kommt. Aber auch hier ließ sich das Podium nicht in Falle der „Islamdebatte“ locken. Dazu gibt es vielleicht nächste Woche Dienstag noch Gelegenheit bei dieser Veranstaltung:

11130276_1578650035718272_3438283951187360539_nAlso, diese Podiumsdiskussion war jetzt nicht sehr aufregend. Was mir durchaus gefallen hat. Ich bin jetzt eben doch im hanseatisch-kühlen Norden angekommen und nicht mehr im polternden Bayern. Da sind die Politiker doch tendenziell lautstärker und nicht so sachlich.

Zu der ganzen Debatte hab ich noch einige interessante Artikel gefunden. Einiges hab ich bei Mariams Aussichten verarbeitet. Das hätte vielleicht besser hierhin gepasst, da der andere Blog ja mehr für das sehr Persönliche sein soll. Aber egal, wozu kann man verlinken.

Aber jetzt gibt es gerade aktuell ein paar gute Hintergrundartikel – z.B. wie oben erwähnt, über die Parallelen der derzeitigen Diskussion „Entschleiert Euch“ von angeblichen Frauenbefreiern und Dinosaurier-Feministinnen zum Verhalten der Kolonialherren in muslimischen Ländern.

Hier ein Artikel aus Qantara:

Bereits vor über hundert Jahren wurde argumentiert, das Kopftuch stehe für männliche Unterdrückung, was unvereinbar mit der westlichen Zivilisation und Werteordnung sei. In Frankreichs Kolonien ließ man daher auf Worte Taten folgen und zwang Musliminnen dazu, die Verschleierung abzulegen. Historische Einblicke von Susanne Kaiser

Es muss ein sonderbares Spektakel gewesen sein: Auf einer Bühne versammelt sich eine Gruppe traditionell gekleideter Musliminnen. Vor den Augen gespannter Zuschauer und der eigens geladenen internationalen Presse beginnen sie auf ein Zeichen hin gleichzeitig, sich zu entschleiern. Vielleicht ist auch jede von ihnen einzeln aufs Podest gestiegen, hat sich das Kopftuch heruntergezogen und öffentlich erklärt, sich von der patriarchalen Tradition zu befreien und zur Emanzipation zu bekennen.

Soldaten erhalten den Befehl, sich unters Publikum zu mischen und unverschleierte Einheimische mit Beifall und Sympathiebekundungen zum Mitmachen zu bewegen, um die Selbstentblößungen auf der Bühne zu unterstützen. Alles ist sorgfältig inszeniert, kein dramaturgisches Detail dem Zufall überlassen. Ob sich die Musliminnen nach dieser öffentlichen Zurschaustellung wohl vom männlichen Joch befreit gefühlt haben?

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An Frauen wie ihnen wollten französische Generäle ein Exempel statuieren und der ganzen Welt zeigen, wie das moderne Frankreich über die archaischen Länder im islamischen Afrika triumphierte.

Die Briten waren da nicht besser:

In Ägypten hatten die Briten schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt, dass der Schlüssel zur Beherrschung der Kolonien die Frauen waren und eine öffentliche Debatte über den Hidschab angezettelt. Die feministische Intellektuelle Leila Ahmed zeigt, wie Lord Cromer die Kopfbedeckung für seine Zwecke instrumentalisierte, um „den Islam“ als vollkommenen sozialen Fehlschlag zu entlarven. Die Frau werde durch die geschlechtersegregierende Verhüllung als minderwertig und dem Manne Untertan gebrandmarkt. So versuchte Cromer, die Ägypterinnen gegen ihre Männer, Väter und Brüder auszuspielen.

Um den „mittelalterlichen und barbarischen Sitten des Islam“ ein Ende zu setzen, wurden ganze Heerscharen von wohlmeinenden Aufklärern auf die koloniale Zivilbevölkerung losgelassen: Missionare, Feministinnen, sogar Ärzte sollten den unterdrückten und benachteiligten Frauen solidarisch gegen die orientalische Männerherrschaft zur Seite stehen und sie retten. Nicht selten verteilten sie Handbücher zur Anleitung für eine schrittweise Entschleierung.

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In England machte sich Cromer, dem die Freiheit der Frauen so am Herzen lag, als Aktivist gegen das Frauenwahlrecht einen Namen. In Ägypten setzte er durch, dass keine Ärztinnen mehr ausgebildet wurden – als Krankenschwestern konnten Frauen ihre naturgegebenen Eigenschaften besser verwirklichen. Es gibt Gerüchte, dass es Cromer gar nicht um die Freiheit der Ägypterinnen ging, sondern er nur nicht ertrug, von Frauen gesehen zu werden, die er unter dem Hidschab selbst nicht sehen konnte.

Es lohnt sich, den ganzen Artikel zu lesen, u.a. darüber, wie dann die zwangsentschleierten Frauen auf Stöckelschuhen in ihren Handtaschen Waffen für den antikolonialen Widerstand schmuggelten. Der Abschluss der Ausführungen:

Heute wehren sich Musliminnen in Europa nicht militant, sie ziehen vors Bundesverfassungsgericht oder schreiben Bücher. Während Feministinnen wie Alice Schwarzer noch immer in dieselbe Kerbe hauen, wie schon vor über hundert Jahren: Der Schlüssel zur Emanzipation muslimischer Gesellschaften ist die Stellung der Frauen. Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation.

Dabei scheint ihnen nicht bewusst zu sein, vor welches Dilemma sie muslimische Kopftuchträgerinnen damit stellen. Frauen haben dann nur noch die Wahl, sich von Männern beherrschen zu lassen oder von Pseudofeministinnen. Da nimmt man doch lieber den Schleier.

Haha…nein, das ist nicht der Grund für das Tragen des Hidschabs. Meiner jedenfalls nicht. Aber witzig.

Bei Qantara wird die Debatte ausgiebig dokumentiert. U.a. in diesem Artikel der auch einen Link zur Studie „Postmigrantisch II“ enthält: Im Zwist um ein Stück Stoff.

Wer sich mal antun will, wie angebliche Frauenrechtlerinnen aus dem Kopftuch ein „blutbesudeltes Stück Stoff“machen, der kann  sich ja mal bei der EMMA umtun. Wenn ich das lese, dann frag ich mich, in welchem Land ich lebe. Das gleiche wie Alice Schwarzers Deutschland kann es nicht sein.

…..Das Kopftuch ist politisch, Kippa und Schleier aber sind heutzutage religiös motiviert. Und: Die Juden missionieren nicht, auch die Christen sind im 21. Jahrhundert nicht so in der Offensive wie die Islamisten.

……

Die Mehrheit der Lehrerverbände und LehrerInnen ist schockiert. Sie befürchten, dass der Krieg um das seit 2003 in der Schule für Lehrerinnen verbotene Kopftuch nun wieder stärker in die Schulen getragen wird und – dank der erneut unsicheren Rechtslage – eine Flut von Prozessen auf die Schulen zurollt. Die kritischen Lehrerinnen, die gerne beschimpft werden als Schlampen? Die werden wohl noch häufiger in die Frühpensionierung flüchten. Und die unverschleierten Mädchen? Die werden sich noch selbstgerechter als „Huren“ beschimpfen lassen müssen. Und die zwangsverschleierten Mädchen? Die haben nun gar keine Chance mehr, sich wenigstens in der Schule als frei und gleich zu erleben….

Jetzt sind wir schuld, wenn die Lehrerinnen ein Burn out haben und nicht deren Überlastung? An den Verbrechen der IS und Konsorten sowieso…Oh, Alice…

Solche Einstellungen – auch wenn Alice „selbstverständlich“ nicht den Frauen im öffentlichen Raum die Kopftücher entreißen will, führen dazu dass junge, gebildete, engagierte, deutsche Frauen in Deutschland solche Erfahrungen machen, wie Kübra Gümüsay bei ihrer Wohnungssuche.

Eine Gefahr für die offene Gesellschaft, wittert die FAZ und findet das Kopftuchurteil lebensfremd. Die Auseinandersetzung darüber ob der „Islam zu Deutschland“ gehört, würde an die Schulen verlegt…bitte? Diese Auseinandersetzung müssen wir nicht führen. Wir sind hier! Und wir gehen auch nicht weg.

Und abgesehen davon: Regina Mönch (*lol*), Autorin dieses Beitrages hat offensichtlich nicht recherchiert, keine Studien gelesen sondern eben nur eine Meinung geäußert. Sonst wüßte sie – wie oben erwähnt – dass das Kopftuch eben gar nicht zu Diskussionen und Auseinandersetzung um den Islam führt.

Wie eine Schülerin in der (anonymen und nicht von ihr persönlich eingebrachten Befragung) für Habibe Rodes Masterarbeit schrieb:

Das Kopftuch zeigt doch nur, dass sie Muslimin ist, was soll daran verwerflich sein?

Genau. In der Podiumsdiskussion oben ist die „Entdämonisierung“ (Claudia Bernhardt) des Kopftuches gelungen.

Wenn auch die sonstige Diskussion über Islam, „Islamismus“ (was das ist, wäre zu klären), islamisches Essen, islamische Kleidung usw. nicht von irrationalen Ängsten getrieben wäre, dann könnten das Land bei diesem Thema weiterkommen.

Leider gibts daran nur begrenzt Interesse, lässt sich doch mit einer Angstdebatte wunderbar unter den Teppich kehren, dass Islam für Befreiung steht. Dafür, sich niemandem zu unterwerfen, außer Gott. Keinem Diktat von Kapitalisten, Bankern, machtbesessenen Politikern („alle Macht geht vom Volke aus“), Patriarchen, Kolonialherren, Besatzern, Waffenlobbyisten, Zionisten, BesserwisserInnen, Ausbeutern (unvollständige Liste).

Wenn diejenigen die meinen, sie könnten in die Köpfe der Musliminnen sehen und deren Motive erkennen doch mal ohne Scheuklappen in ihre eigenen Köpfe schauen würden, ob sich dort nicht vielleicht ein paar Überzeugungen festgesetzt haben, die sie vom Benutzen ihres freien Geistes abbringen, dann würden sie womöglich feststellen, dass sie sich instrumentalisieren ließen für Zwecke, die sie mal abgelehnt haben, bevor sie so satt und träge geworden sind. Wäre möglich, oder? Ich wage natürlich nicht, das zu unterstellen. Ich bin natürlich frei von jeglicher Besserwisserei.

Noch ein kleiner Beitrag zur aufgeregten Debatte von Jan Freitag: Weltreligion unter Verdacht

So das war mein Wort zum Freitag, einen gesegneten solchen wünsche ich allen Geschwistern!