Türkisches Flugzeug von Syrien abgeschossen – Cui bono?

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Bismillah i rahmani rahim

Erfreulicherweise hat mein Mann hat mich immer noch nicht gesteinigt, obwohl ich ihm widersprochen habe (https://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/2012/06/23/turkisches-flugzeug-uber-syrischem-hoheitsgebiet-versehen-oder-wer-provoziert-hier-wen/), aber ich freue mich natürlich über Besorgnis aus meinem Fanclub, vor allem von denen, die so zahlreich von einer gewissen „Madrassa“ hierhergeleitet werden. Das verschafft dem blog noch bessere Besucherzahlen und vielleicht regt er ja die Hirnfunktion der Besucher an.

Aber zu der Flugzeug-Abschuss-Affäre. Entgegen den Meldungen zu Anfang, sind die beiden Piloten nicht aufgefunden worden, allerdings wurde inzwischen das Flugzeug vom türkischen Militär geortet. Und zwar nach türkischen Angaben.in internationalen Gewässern, in 1300 m Tiefe. Es ist noch nicht geborgen worden. Nach Aussage der Türken hat das Flugzeug, eine F-4, den syrischen Luftraum tatsächlich kurzzeitig verletzt, wurde aber von seiner Bodenstation „zurückgepfiffen“. Der Abschuss sei 10 min. später und ohne Vorwarnung erfolgt, als die Maschine den syrischen Luftraum bereits verlassen hatte. Das würden die Funkprotokolle und der Fundort bestätigen. Das Flugzeug sei unbewaffnet und die Kennzeichnung sichtbar gewesen.

Ebenfalls im Gegensatz zu ersten Meldungen, haben das syrische und das türkische Militär nicht bei der Suche nach dem Flugzeugwrack zusammengearbeitet. Im Gegenteil, am Freitag sei ein Suchflugzeug ebenfalls aus Syrien beschossen worden. Die Türkei hat deshalb den UN-Sicherheitsrat angerufen.( http://www.todayszaman.com/news-284694-turkey-appeals-to-un-security-council-following-jet-crisis-with-syria.html)

Bei „Mein Parteibuch“ werden die Medienberichte und Karten genauer analysiert (http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2012/06/25/nato-medien-verzerren-darstellung-zum-syrischen-abschuss-der-turkischen-f-4-phantom/). Demnach ist der Fundort sehr wohl in syrischen Gewässern. Interessant finde ich auch die Vermutungen eines deutschen ehemaligen F4-Piloten:

Da glaube ich eher an einen Flug, bei dem die Luftabwehr getestet werden sollte. Man fliegt langsam immer näher an den möglichen Standort des Gegners ran, beobachtet das Aufschalten des Suchradars, und wenn dann das Zielradar aufschaltet dreht man ab. Jetzt hat man erfahren wie sich das System auf den bordeigenen Warnsystemen darstellt, zum Beispiel das neu stationierte russische Rakentenabwehrsystem. Daraus lassen sich dann Gegenmaßnahmen und neue Taktiken entwickeln. Dass man hierfür keine bewaffnete Maschine nimmt sondern einen Aufklärer und dass man das mit einem einzelnen Flugzeug macht und nicht in Rotte ist auch klar, man will sich ja unbedarft stellen wenn man bei der Sache erwischt wird.

Ist schief gegangen und den Verantwortlichen ist das auch bewusst, was man an den moderaten Reaktionen der Türkei wie auch am Verhalten der Nato sehr schön ableiten kann.

Originalquelle hier: http://www.flugzeugforum.de/syrien-66075-12.html#post1751781

Heute hat der NATO-Rat über den Vorfall diskutiert und den Abschuss „aufs Schärfste“ verurteilt. Ein Militärschlag sei nicht vorgesehen. (http://german.irib.ir/nachrichten/politik/item/207853-ausserordentliche-sitzung-der-nato-zu-angriff-auf-syrien).

Interessant ist, dass die Türkei berichtet, dass syrische Hubschrauber seit Beginn des Jahres fünfmal den türkischen Luftraum verletzt hätten, ohne gewaltsame Konsequenzen. Sie seien lediglich aufgefordert worden, sich zurückzuziehen. Insgesamt berichtete die Türkei über 114 Luftraumverletzungen seit Januar (Länder wurden nicht genannt, erfahrungsgemäß handelt es sich um israelische und griechische Flugzeuge). Solche Vorfälle seien also durchaus nicht selten und würden nicht gleich mit Schusswaffeneinsatz geahndet.

Dass Tayyip Erdoğan harte Worte gegen die Syrer gerichtet hat, war zu erwarten, dass es keine überstürzte Vergeltungsaktion gegeben hat, finde ich erfreulich. Trotzdem zieht die türkische Armee Kräfte an der syrischen Grenze zusammen und Erdoğan äußerte, dass jegliche Grenzverletzung durch die syrische Armee als Angriff gewertet würde. (http://www.todayszaman.com/news-284663-army-on-high-alert-on-syrian-border-as-turkey-warns-of-retaliation.html). Im April hat es einen syrischen Beschuss über die türkische Grenze hinweg gegeben. Die Syrer sagen, sie hätten auf „Rebellen“ geschossen, die aus dem türkischen Gebiet heraus operierten. Das ist durchaus glaubhaft, da die Türkei ja nicht bestreitet, dass sie den „Widerstandskämpfern“ eine Basis bietet.
Gefährlich ist die Situation für die inzwischen mehr als 30000 syrischen Flüchtlinge die nahe der Grenze in Lagern untergebracht sind.
Die Kritik an der türkischen Reaktion geht dahin, dass das türkische Militär ermächtigt worden sei, bei vermuteter Gefahr schon über die Grenze hinweg gegen syrisches Militär vorzugehen (http://www.jungewelt.de/2012/06-27/038.php).
Interessant ist  die Anmerkung von Abdullah Bozkurt, Kolumnist bei der Today´s Zaman, dass möglicherweise die Türkei sogar das Recht habe, in den syrischen Luftraum zu fliegen auf Grund von bilateralen Abkommen zur Bekämpfung des Terrorismus. Den Kommentar von Bozkurt  (http://www.todayszaman.com/columnist-284587-is-turkey-itching-for-war-with-syria.html) finde ich aber vor allem aus anderen Gründen interessant. Er spricht nämlich an, was auch hier bei der Bloggerin zu Hause Diskussionsthema ist, und zwar nicht einmal besonders strittig, nämlich:
  • dass vermutlich die syrische Regierung von Bashar Assad nicht involviert war in den Befehl zu diesem Abschuss
  • dass es Interessengruppen innerhalb und außerhalb der Türkei gibt, die nichts lieber sähen, als das die Türkei sich in einen Krieg mit Syrien verwickelt. Z.B. in den USA aus denen im April auch unerwartet und unüblich die Senatoren John McCain und John Liebermann die Türkei (und die türkisch-syrische Grenze besuchten). Auch andere Länder des Mittleren Ostens seien interessiert daran, dass die Türkei Krieg gegen Syrien führe.
  • Bozkurt erinnert ebenfalls daran, dass es erst neun Jahre her ist, dass Beteiligte an der „Vorschlaghammer“-Verschwörung planten, die Türkei sich in einen Krieg mit Griechenland verwickeln zu lassen, indem sie selber für einen Abschuss einen türkischen Jets sorgen wollten um die Schuld dann den Griechen zuzuschieben. Das Ziel sollte die Schwächung der damals noch neuen AKP-Regierung sein und der Vorwand für einen erneuten Militärputsch. Die Gerichtsverfahren um die Verschwörer laufen derzeit und die Lobbyarbeit der Militärs ließe trotz allem vermuten, dass es im Militär noch immer starke Kräfte gibt, die sich mit der Demokratisierung der Türkei nicht abgefunden hätten.
  • Bedenklich sei, dass Regierungskräfte der Türkei in den USA dafür plädieren würden, einen Militäreingriff in Syrien nicht bis nach den US-Präsidentschaftswahlen aufzuschieben. Bozkurt warnt davor, türkische Ressourcen für einen militärischen Weg zu verschwenden, statt sich für den Ausbau der Zivilgesellschaft in der Türkei zu engagieren.
  • Die Amerikaner hätten geäußert, dass „kein amerikanischer Stiefel“ syrischen Boden betreten würde. Ein Militäreinsatz der Türkei in Syrien, auch mit Rückendeckung der USA, würde also bedeuten dass das Risiko alleine bei der Türkei liegt – mit ungeahnten Folgen und ungeheurem Blutvergießen unter türkischen Soldaten.

Bozkurt, durchaus Kritiker der syrischen Regierung, mahnt also zur Besonnenheit, um türkische Leben zu bewahren, auch wenn er das Blutvergießen in Syrien verurteilt. Damit spricht er aus, worüber wir hier im Haus der Bloggerin uns durchaus einig sind: Die Türken sollen sich nicht zur Durchsetzung amerikanischer Interessen benutzen lassen.

Nach Auskunft meines Mannes, der die original türkischsprachigen Medien samt der Leserkommentare natürlich sehr viel gründlicher liest als ich, ist „Volkes Stimme“ durchaus auf dieser Linie. Das Volk will keinen Krieg gegen Syrien, auch wenn es naürlich auch Stimmen gibt, die „Vergeltung“ fordern. Die Mehrheit des Volkes scheint besonnen zu reagieren. Mein Mann meint, dass das durchaus nicht Erdoğans Linie wäre, der dazu neigen würde, in Syrien einzumarschieren, aber um seine Wählerstimmen fürchtet (http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2012/06/26/erdogan-lost-all-legitimacy/#more-4625)

Ob Erdoğan tatsächlich mehr als seine übliche starke Rhetorik, die ja schon bei kleineren „Vergehen“ gegen türkische Interessen (man denke an die Armenier-Krise mit Frankreich https://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/?s=armenier) gewaltige Formen annehmen kann, im Sinn hätte? Kann ich nicht beurteilen, wenn ihn aber seine Wählerschaft ausbremst, ist das nur erfreulich und spricht dafür, dass man die Türken eben nicht, wie von mir gerne behauptet, durch Druck auf den „nationalistischen Knopf“ instrumentalisieren kann.

Es bleiben wieder reichlich Fragen offen. Einig sind die Bloggerin und ihr Gatte sich weiterhin nicht über die Einschätzung des syrischen „Aufstandes“. Während mein Mann weiterhin Assad als den größeren Terroristen sieht, auch wenn er mittlerweile zugibt, dass die sogenannte Opposition auch aus ferngesteuerten Terroristen besteht, bin ich der Meinung, dass die syrische Demokratiebewegung gekapert wurde und dass es eine Schande für die Türkei ist, dass sie derartig einseitig die „Rebellen“ unterstützt, die sich grausame Verbrechen zuschulden kommen lassen. Ob das nun mehr oder weniger als die der Regierungsseite sind, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls darf man sie nicht unterstützen, es handelt sich nicht um Freiheitskämpfer. Dass diese sich in der Türkei aufhalten und von dort aus agieren dürfen, spricht dafür, dass die Türkei sich instrumentalisieren lässt. Umso besser, dass das Volk sich nicht blindlings in einen Krieg führen lässt.

Allerdings fürchte ich, wie übrigens auch Bozkurt schreibt, dass sich weitere „Vorfälle“ mit Syrien ereignen werden, eben mit dem Ziel, dass die Bevölkerung schließlich doch überzeugt wird, man müsse mit Syrien Krieg führen. Das ist leider absehbar.

Was nun die Ausgangsfrage betrifft, „wem nützt es“ – also dieser Flugzeugabschuss: Also Assad nützt es nichts und ich glaube auch daher nicht, dass die syrische Regierung involviert war. Ob es sein kann, dass ein syrischer Soldat am Radar überreagiert hat, bezweifle ich. Wir wissen aber ja, dass es in der syrischen Armee durchaus Sympathisanten und Überläufer zu den „Rebellen“ gibt. Es scheint mir also nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein solcher dort beauftragt war, für einen Kriegsanlass zu sorgen. Immerhin eine Möglichkeit, oder?

Dem syrischen Volk, ob es nun noch innerhalb seiner Grenzen lebt, oder als Flüchtlinge in den Nachbarländern, wünsche ich von Herzen, dass dieses Blutvergießen bald ein Ende hat und das Land Frieden findet. Ich bin aber leider pessismistisch, dass sich dieser Wunsch so bald erfüllt, angesichts der Interessen anderer Länder, das Land zu destabilisieren, um dort ihren Einfluss zu verstärken. Die USA und ihre arabischen Verbündeten wollen dort keinen Frieden und auch keine Demokratie.

Was ich übrigens erstaunlich finde, aber wozu ich noch nichts finden konnte ist, dass, so berichtet mein Mann aus türkischen Medien, Israel neuerdings für Assad Stellung beziehen würde. Diesen würden die Zionisten inzwischen als das kleinere Übel sehen, da sie eine Machtübernahme von „Islamisten“ wie in Ägypten fürchten würden. Mal sehen, ob ich dazu was zu berichten finde.

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