Der große Dschihad, Teil 1

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Bismillah-i-rahmani-rahim (Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen)

„Wahrlich, beim Anblick des vom Schlachtfeld zurückkehrenden Truppenteils sagte Allahs Prophet (a.):

„Gesegnet sind, welche die kleine Anstrengung (dschihad) vollbracht haben und nun die große noch vollbringen müssen“

Als man ihn fragte, was denn die große Anstrengung (dschihad) sei, antwortete der Prophet (a.): “ Die Anstrengung der eigenen Seele“

(Hadith (Überlieferung) aus dem Leben des Propheten Muhammed, so bei Al-Kafi, ähnlich in sunnitischen Büchern zu finden)

Mit diesem Zitat zur Einleitung möchte ich gleich erläutern, dass die häufige Übersetzung des Begriffs Dschihad als „Heiliger Krieg“ keine islamische Grundlage hat. Dschihad bedeutet „Anstrengung auf dem Wege Allahs“. Einen sogenannten „heiligen“ Krieg gibt es nicht, nur Verteidigungskriege sind islamisch erlaubt.

Und wie wir aus der Überlieferung entnehmen, ist die schwierigere Anstrengung, die der Seele.

Bezugnehmend auf das Buch von Imam Chomeini, „Dschihad un nafs“ möchte ich dazu hier einiges zusammenfassen.

Imam Chomeini erklärt uns, dass der Hadith uns sagt, dass wir Menschen zwei Leben, bzw. zwei Welten in uns vereinigen: die sichtbare, irdische Existenz, die mit seinem Körper und dem Leben auf dieser Erde verbunden ist und die unsichtbare, innere Welt seiner Seele, die zur himmlischen Welt gehört und in verschiedene Stufen eingeteilt wird. Jede Stufe hat ihr eigenes Heer von Wächtern: diejenigen, die die Seele des Menschen zum Guten geleiten wollen, damit er näher zu Gott kommt und diejenigen, die ihn verleiten wollen, sündig, niederträchtig und verantwortungslos zu handeln und sich dadurch für immer von Gott zu entfernen.

Dieser Kampf währt unser ganzes irdisches Leben und ihn zu bestehen ist unsere Aufgabe.

Wir wissen, dass Iblis, der jetzt Satan genannt wird, von Allah Aufschub vor seiner Bestrafung gewährt bekam und die Erlaubnis, uns Menschen in Versuchung zu führen. Das Verbrechen, das er begangen hat, war das des Stolzes und des Hochmuts, als er sich weigerte, sich vor Adam (a.) niederzuwerfen – weil er sagte, er sei besser als der Mensch.

„Ich bin besser als er. Mich hast Du aus Feuer erschaffen und ihn aus Lehm“ (Heiliger Quran, 38:76)

Wir sollten dazu wissen, dass Iblis viele Tausende Jahre Gott treu gedient hat und trotzdem dieser größten Sünde des Ungehorsams und Hochmutes verfallen ist. Weshalb das Denken, man sei besser als ein anderer, den Satan regelrecht einlädt, wie er überhaupt keine Macht über uns hat, es sei denn wir lassen es zu. Satan ist aber trickreich und hat viele Helfer, die uns Dinge richtig oder lohnend erscheinen lassen, die ins Verderben führen. Darum ist der „Dschihad un nafs“ die schwerste Aufgabe in diesem Leben.

Die erste Ebene oder Stufe der menschlichen Existenz, ist die des irdischen, weltlichen, körperlichen Daseins. Die Seele ist noch wenig entwickelt. Sie kontrolliert die körperlichen Fähigkeiten, bzw. Körperteile des Menschen wie Augen, Zunge, Magen, Geschlechtsorgane, Arme und Beine, ebenso wie das Denken und die Vorstellungskraft.

Man kann sich mit ein bisschen Nachdenken schon vorstellen, zu welchen guten Taten oder welchen Sünden diese Kräfte fähig sein können, je nachdem, wie sich die Seele verhält und in welche Richtung sie sich entwickelt. Folgt sie dem Aufruf zu einem guten Leben, geleitet von der Vernunft, wird der Mensch seine Möglichkeiten zu einem Leben nutzen, das im Gehorsam zu Allah besteht und ihn zu einem mitfühlenden, gutherzigen, anständigen Menschen machen wird.

Lässt sich die Seele verleiten, eigennützig, rücksichtslos, verbrecherisch und Allah ungehorsam zu handeln, dann werden die schlechten, die satanischen Kräfte das Kommando übernehmen, bis der Mensch schließlich seelisch ganz verwahrlost ist.

Weil dieser Kampf sich täglich, stündlich, minütlich abspielt und wir ständig in Versuchung geführt werden, doch vermeintliche Kleinigkeiten zu tun, die Allah uns verboten hat, ist dieser „Dschihad“ der wirklich große.

Beispiele für sogenannte Kleinigkeiten: lügen, lieblose Bemerkungen machen, zu spät beten weil man lieber fernsehen oder anderes machen will, stehlen, respektloses Verhalten, über andere schlecht reden, Alkohol trinken („eins macht doch nichts“), unerlaubte Speisen essen, betrügen, seine Aufgaben nicht ernsthaft erfüllen usw.

Der erste Schritt in diesem Dschihad, ist die Innenschau-das Nachdenken über mich selbst.

Als Beispiel, dass dieses Konzept nicht nur im Islam bekannt ist, hier eine Aufzählung der 12-Schritte aus dem Programm der Anonymen Alkoholiker und aus ihnen erwachsenen anderen anonymen Selbsthilfegruppen:

  1. Anerkennen, dass man seinem eigenen Problem gegenüber machtlos ist. Das können beispielsweise der Alkohol, andere Drogen, Sexsucht, die eigenen Gefühle usw. sein; je nach Thematik der Gruppe.
  2. Zum Glauben kommen, dass nur eine Macht, die höher als man selbst ist, die eigene psychische Gesundheit wiederherstellen kann.
  3. Den Entschluss fassen, seinen Willen und sein Leben der Sorge Gottes, wie ihn jeder für sich versteht, anzuvertrauen.
  4. Eine gründliche und furchtlose Inventur von sich selbst machen.
  5. Vor sich selbst und einem anderen Menschen gegenüber seine Fehler eingestehen.
  6. Die Bereitschaft, Charakterfehler von Gott entfernen zu lassen.
  7. Demütig darum bitten, dass Gott sämtliche persönlichen Fehler beseitigt.
  8. Auflistung aller Personen, denen Schaden widerfahren ist und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln.
  9. Wo immer möglich, die Menschen entschädigen, außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt werden.
  10. Innere Inventur fortsetzen und zugeben, wenn man im Unrecht ist.
  11. Durch „Gebet und Besinnung“ versuchen (bzw. die Verbindung suchen), eine tiefe bewusste Beziehung zu Gott, wie ihn jeder für sich selbst versteht, zu verbessern und um die Erkenntnis beten, seinen Willen zu sehen und die Kraft, das umzusetzen.
  12. Nach der nun erfahrenen spirituellen Erweckung versuchen, die Botschaft an andere Betroffene weiterzugeben und seinen Alltag nach den Grundsätzen der jeweiligen 12-Schritte-Gruppe auszurichten.

Dies ist für mich ein weises Konzept und beinhaltet vieles, was wir in unserer Anstrengung bearbeiten sollten. Auch wenn wir jeweils nur kurze Zeit „Innenschau“ halten, sollte uns diese daran erinnern, dass wir alles was wir haben und sind nur Allah zu verdanken haben. Wir sind vollkommen abhängig und keine noch so tolle Leistung können wir ohne seine Erlaubnis vollbringen, kein Besitz ist mehr als nur geliehen und für dieses Leben bestimmt und auch wenn wir auf der Erde die Freiheit haben, gut oder böse zu handeln, werden wir letzten Endes der Rechtfertigung vor Gott nicht entgehen.

Gott verweigert uns nicht die Umkehr, wenn wir uns haben verleiten lassen zu einem Leben das vom Streben nach irdischen Gütern, Rücksichtslosigkeit und unbedingter Erfüllung aller Begierden geprägt ist.

Wir können bereuen und Ihn um Beistand bitten, uns die Stärke zu verleihen, nicht immer in dieselben Fehler zu verfallen. Wenn wir ernsthaft bereuen und uns anstrengen, unser Fehlverhalten nicht zu wiederholen, wird es mit der Zeit leichter werden. Die o.g. Schritte gehen wir nicht nur einmal während unseres Kampfes, sondern wieder und wieder, genauso wie auch die Versuchungen immer wiederkehren. Aber mit Gottes Hilfe geben wir diese Anstrengungen niemals auf.

Die Entscheidung

Imam Chomeini beschreibt im Folgenden, dass wir uns für ein Leben auf Gottes Weg bewusst entscheiden müssen. Damit wir das können,müssen wir die göttlichen Gebote gründlich kennen lernen, d.h. es erfordert das Lernen und Begreifen der religiösen Pflichten.

Dann müssen wir den festen Vorsatz fassen, unseren Körper von allen schlechten Dingen rein zu halten, unsere vergangenen Sünden bereuen, wieder gut machen, was wieder gut zu machen geht (s. obige Schritte 8 u.9) und damit beginnen ein Leben zu führen, das von Glauben und Vernunft geleitet ist, so wie Gott es vorgeschrieben hat. Dazu gehört das Verrichten der religiösen Pflichten, diese dürfen nicht vernachlässigt werden, sie geben uns ein Gerüst, sind wie eine Landkarte oder Wegweiser. Und die die fortgeschritten sind, vernachlässigen das nicht, sondern nutzen es zunehmend freudig, während es uns am Anfang womöglich schwer erscheint.

Gott hat es uns aber nicht schwer gemacht-nur der Satan lässt es uns so erscheinen.

So, für heute muss das genügen, so Gott will setze ich diesen Artikel fort.

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  3. Asalamu ‚Alaykum Wa Rahmatullah

    Ein sehr interessanten Blog führst du hier.
    Ich habe auch vor ein paar Monaten
    einen deutsch-sprachigen Blog gestartet.

    http://siratalmustaqim.wordpress.de

    Vielleicht könnt ihr Geschwister mal vorbei schauen.
    Und mich insha’Allah wissen lassen, was ihr
    von diesem Unternehmen haltet.

    Jazak’Allah khairan

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