Bismillah
Günter Grass hat sich, “gealtert und mit letzter Tinte” zum Atomkonflikt mit Iran geäußert. Ich bin natürlich nicht einverstanden mit seiner Beschreibung Irans,
, aber wo er Recht hat, hat er Recht. Natürlich brodert schon die Welle der Antisemitismusvorwürfe durch die Medien. Aber auch das steckt ein Günter Grass auf seine alten Tage wohl weg. Natürlich wirft man ihm auch wieder vor, dass er seine Mitgliedschaft als 17jähriger in der Waffen-SS jahrzehntelang verschwiegen hat. Fand ich auch dumm, aber schließlich hat er sich ja selber geoutet – und dass er als im Nationalsozialimus aufgewachsener Junge damals einen Irrweg ging – das kann man ihm wohl kaum vorwerfen. Übrigens erfüllt Iran das, was Grass fordert: “eine unbehinderte und permanente Kontrolle” seiner Atomanlagen durch eine internationale Instanz (die IAEA) schon längst. Israel braucht das ja nicht zu tun, da es dem NPT gar nicht erst beigetreten ist.
Was gesagt werden muss
Von Günter GrassWarum schweige ich, verschweige zu lange,was offensichtlich ist und in Planspielengeübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt ‘Antisemitismus’ ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.
zum medialen Wellenschlag bei “Mein Parteibuch”: http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2012/04/04/zionisten-versuchen-sich-mit-personlichen-angriffen-und-lugen-gegen-grass-gedicht-zu-wehren/
Kommentar vom Fuße des Hochblauen: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17655
aus jüdischer Sicht: http://www.derisraelit.org/2012/04/was-gesagt-werden-muss-solidaritat-mit_06.html
Offener Brief des Vorsitzenden der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft (DPG) und der Palästinensischen Gemeinde Deutschland (PGD)
Auch wenn einige Vertreter der deutschen politischen Elite meinen, dass sie das Licht der Sonne mit bloßen Händen verdecken könnten – dies wird an der Tatsache nichts ändern, dass sie nicht nur realitätsfern sind und sich überdies von der Meinung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung weit entfernt haben.
Die Debatte, die Nobelpreisträger Günter Grass angestoßen hat, hat in der Tat eine heilige Kuh getroffen. Israel nicht nur zu kritisieren, sondern die ganze Wahrheit auszusprechen, war der Kern seines Gedichtes. Israel beansprucht für sich – und das seit Jahrzehnten – über dem Recht zu stehen und dort Recht zu haben, wo kein Recht greift.
Die blinde Solidarität mancher deutscher Politiker, darunter einige, die sich zu Grass Gedicht geäußert haben, zeigt, wie verkrampft die deutsche politische Elite mit der Thematik umgeht. Ihnen geht es kaum um die Sache, ihnen geht es um ihren Heiligen Stuhl. Sie meinen, mit einer blinden Solidarität für eine koloniale, rechtsgerichtete, israelische Politik und mit dem Schweigen über die israelische Realität, dem Zorn der herrschenden Klasse in Jerusalem und ihrer Handlanger in Deutschland zu entgehen.
Das mag zutreffend sein. Die Meinung der deutschen Gesellschaft vertreten diese Politiker in dieser Sache aber kaum mehr. Die Umfrage unter europäischen Jugendlichen zeigte bereits vor einigen Jahren, dass die Mehrheit von ihnen die israelische Politik als große Gefahr für den Weltfrieden sieht. Die letzte Forsa-Umfrage vom Juli 2011 verdeutlichte ebenfalls, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, das Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung – ein Recht, das von Israel weiterhin verhindert wird – unterstützt.
Israel ist, und das ist kein Geheimnis, eine Atommacht, die als einziges Land auf der Welt die Gebiete dreier Nachbarsländer seit Jahrzehnten besetzt. Das muss einmal gesagt werden.
Israel verweigert einem ganzen Volk seine minimalen Menschenrechte, Israel hält Millionen von Menschen in Gefangenschaft und kolonialisiert sein Land. Auch das muss einmal mehr gesagt werden.
Die Aussage, Israel sei ein demokratischer Staat, ist nicht mehr als eine Floskel. Und das nicht nur, weil Israel eine Besatzungsmacht ist – was an sich schon ein Widerspruch zum demokratischen Grundgedanken ist – sondern weil Israel ein Sechstel seiner Bevölkerung, nämlich die palästinensische Minderheit, lediglich als ungeliebter Gast betrachtet und behandelt. Das Adjektiv „arabisch“ ist im demokratischen Israel ein Synonym für primitiv, schmutzig, unfähig und vor allem für minderwertig. Arabische Arbeit, auf Hebräisch „avoda aravit“, ist der Ausdruck oder der Begriff für schlechte Arbeit oder minderwertige Arbeit. Diese Fakten scheinen aber die eifrigen Politiker in Deutschland, die blind die israelische Politik unterstützen, kaum zu stören. Auch nicht, weil sie all diese Begrifflichkeiten und ihre Aussage aus der deutschen Geschichte heraus sehr genau kennen müssen.
Fakt ist: Israel wird nicht zum Frieden mit sich selbst und mit seinen Nachbarn gezwungen, sondern wird mit deutschen U-Booten und anderen Waffenlieferungen, mit denen es ein anderes Volk unterdrückt, belohnt. Der Rechtsruck in der israelischen Politik und die rassistische Gesetzgebung sollte eigentlich ein Alarmzeichen für Israels „echte Freunde“ sein. Aber stattdessen werden immer und immer wieder die Sprechblasen vom „demokratischen Staat“ und der „Historischen Verantwortung“ in die Welt gesetzt.
Deutschland hat in der Tat eine historische Verantwortung für die Verbrechen, die begangen wurden – aber nicht gegenüber einem Staat, der seinerseits unterdrückt und Menschenrechte mit Füßen tritt. Das muss einmal gesagt werden.
Günter Grass hat ausgesprochen, was viele Deutsche seit Langem wahrnehmen – aber nur wenige haben den Mut, dieses auch laut zu formulieren. Und erst recht nicht an der Spree. Günter Grass hat mit seiner zutreffenden Kritik genau wiederholt, was Siegmar Gabriel, bevor er zurück gepfiffen wurde, in Hebron wahrgenommen und zum Ausdruck gebracht hat. Die heftige Reaktion der „Freunde Israels“ in Berlin zeigt, dass die heilige Kuh zum Schlachthof geführt wurde. Es ist kein Tabu mehr, die israelische Realität genau zu skizzieren. Wer das bis heute noch nicht begriffen hat, hat leider die Signale der Gesellschaft nicht wahrgenommen.
Die deutsche Gesellschaft lässt sich nicht mehr den Mund verbieten. Sie nimmt aktuelle Realitäten wahr, spricht sie aus – ohne dabei die eigene Historie unter den Tisch zu kehren. Das muss einmal gesagt werden.
Die Kritik von Günter Grass beschönigt die Realität im Iran nicht. Der Iran ist ein Land, in dem Menschenrechte nicht viel wert sind. Ein Despot ohnegleichen herrscht in Teheran mit der Unterstützung des Klerus und strebt nach regionalem Einfluss. Es ist nicht bewiesen, dass der Iran und sein Despot Atomwaffen entwickeln. Es ist aber beweisen, dass Israel Atomraketen besitzt. Es ist auch ein Signal, ein warnendes Signal, was Günter Grass den Herrschenden in der westlichen Welt gibt. Schließlich wurde vor einigen Jahren ein verheerender Krieg gegen ein Volk geführt, weil man seinem Despoten Saddam Hussein nachgesagt hat, dass er Vernichtungswaffen besitzen würde. Damals haben hochrangige westliche Politiker und Medien die Sprechblasen von „Vernichtungswaffen im Irak“ so aufgeblasen, bis die Mehrheit der Menschen das Licht der Wahrheit nicht mehr sehen konnte. Es folgte ein Krieg mit hunderttausenden Toten und totaler Vernichtung. Tausende Milliarden wurden und werden weiterhin ausgegeben für einen Krieg, der uns Al Khaida und Terrorismus noch stärker gemacht hat. Und zum Schluss musste doch festgestellt werden, dass die Menschen von ihren politischen Eliten im Westen belogen wurden. Und genau eine Wiederholung eines solch tragischen Szenarios möchte Grass mit seinen Worten verhindern. Das nenne ich Verantwortung und Mut. Das ist genau die Aufgabe von Denkern.
Netanjahus rechtsgerichtete Regierung in Israel ist politisch pleite. Sie hat keine Lösung für die dramatische wirtschaftliche und soziale Situation im Land. Sie strebt eindeutig nicht nach Frieden mit den Palästinensern. Ein Krieg gegen den Iran würde die Rettung für die rechtsgerichtete Regierung in Israel bedeuten – denn dann hätte sie endlich was getan und muss nicht über die neuen Realitäten im Nahen Osten nach dem arabischen Frühling nachdenken und darauf reagieren. Sie instrumentalisiert die Angst der eigenen Bevölkerung und die Angst der westlichen Länder für ihre billigen Pläne. Pläne, die doch eigentlich so durchschaubar sind.
Der Status Quo würde für die Herrscher in Jerusalem das Aus bedeuten. Ein Krieg aber war ja schon immer der Ausweg aus einer heiklen politischen Situation. Ein Ausweg, der aktuelle Tatsachen verdeckt. Ein Ausweg, der andere politische Abgründe im Land für Wochen und Monate vergessen lässt. So war es 2006 als Israel den Libanon überfallen hat. Und so war es auch 2008, als Israel den Gazastreifen überfallen hat.
Die Angst in Israel wird „gezüchtet“. Mit der Angst in der Bevölkerung lassen sich viele Themen unter den Teppich kehren – und die gibt es in Israel en masse. Das muss einmal gesagt werden.
Die Debatte, die Günter Grass dankenswerterweise angestoßen hat, könnte endlich einmal zum Befreiungsschlag der deutschen Doppelmoral-Politik im Nahen Osten. Führen. Könnte….
Raif Hussein
Hannover, 06.04.2012
Vom Bundesausschuß Friedensratschlag:
Ostermarschierer: Weil Grass Recht hat …
Pressemitteilung des Bundesausschusses Friedensratschlag
Kassel, 6. April 2012 – Zu der medialen Aufregung um Günter Grass erklärte der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag in einer ersten Stellungnahme:
Selten ist ein Literaturnobelpreisträger von den Medien und der herrschenden Politik so schlecht behandelt worden wie Günter Grass nach Veröffentlichung seines Poems “Was gesagt werden muss”. Darin rückt Grass ein paar Tatsachen ins rechte Licht, die hier zu Lande nur zu gern verschwiegen werden:
- dass nicht der Iran, sondern Israel über Atomwaffen verfügt und somit in der Lage ist, den Iran zu vernichten;
- dass nicht Iran, sondern Israel dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten ist und keinerlei internationale Kontrolle über sein Atomprogramm zulässt;
- dass Deutschland mit der Lieferung eines weiteren Atom-U-Boots an Israel sich zum Beihelfer eines möglichen Präventivkrieges gegen Iran machen würde;
- dass von der realen Atommacht Israel eine Gefahr für den “brüchigen Weltfrieden” ausgeht;
- dass die Politik des Westens gegenüber Iran und Israel von Heuchelei geprägt ist; und
- dass, wer Israels Politik kritisiert, all zu leicht unter das Verdikt des “Antisemitismus” fällt.
Den Beweis dafür lieferten postwendend die abfälligen bis geifernden und “empörten” Verrisse, die sich Grass gefallen lassen musste: Der notorische Islamhasser Henrik Broder beschimpfte Grass als “Prototyp des gebildeten Antisemiten”, Micha Brumlik meint in einem taz-Kommentar, “der Grass von 2012″ sei noch “schlimmer als ein Antisemit”, und die israelische Botschaft in Berlin stellt Grass in eine Traditionslinie des europäischen Antisemitismus, der die Juden regelmäßig vor dem Pessach-Fest des “Ritualmords” angeklagt habe. Und die “Bild”-Zeitung titelt in bekannter Manier: “Irres Gedicht gegen Israel”.
Der Bundesausschuss Friedensratschlag findet nichts Irres und keine Spur von Antisemitismus in dem Gedicht von Grass. Und da es in keinem der ablehnenden Kommentare um eine literarische Bewertung des Textes geht, sondern nur um dessen politische Aussage, wollen wir dieser ausdrücklich zustimmen. Die an diesem Wochenende stattfindenden Ostermärsche der Friedensbewegung sind dankbar für die klaren Worte des Nobelpreisträgers – auch wenn er womöglich bei seinem Gedicht nicht an die Friedensbewegung gedacht hat. Grass Thesen decken sich mit den Forderungen der Ostermarschierer, etwa wenn es in der Erklärung des “Friedensratschlags” heißt: “Sofortiger Stopp aller Waffenlieferungen in die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens; dies schließt Schützenpanzer in die Vereinigten Emirate genauso ein wie Kampfpanzer nach Saudi-Arabien oder U-Boote nach Israel.”
Für den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Peter Strutynski (Sprecher)
http://www.ag-friedensforschung.de/bewegung/grass.html:





