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Was gesagt werden muss – Günter Grass (mit kleiner Linksammlung und Kommentaren)

Was gesagt werden muss – Günter Grass (mit kleiner Linksammlung und Kommentaren)

Bismillah

Günter Grass hat sich, “gealtert und mit letzter Tinte” zum Atomkonflikt mit Iran geäußert. Ich bin natürlich nicht einverstanden mit seiner Beschreibung Irans, :-) , aber wo er Recht hat, hat er Recht. Natürlich brodert schon die Welle der Antisemitismusvorwürfe durch die Medien. Aber auch das steckt ein Günter Grass auf seine alten Tage wohl weg. Natürlich wirft man ihm auch wieder vor, dass er seine Mitgliedschaft als 17jähriger in der Waffen-SS jahrzehntelang verschwiegen hat. Fand ich auch dumm, aber schließlich hat er sich ja selber geoutet – und dass er als im Nationalsozialimus aufgewachsener Junge damals einen Irrweg ging – das kann man ihm wohl kaum vorwerfen. Übrigens erfüllt Iran das, was Grass fordert: “eine unbehinderte und permanente Kontrolle” seiner Atomanlagen durch eine internationale Instanz (die IAEA) schon längst. Israel braucht das ja nicht zu tun, da es dem NPT gar nicht erst beigetreten ist.

Was gesagt werden muss

Von Günter Grass
Warum schweige ich, verschweige zu lange,was offensichtlich ist und in Planspielen

geübt wurde, an deren Ende als Überlebende

wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,

der das von einem Maulhelden unterjochte

und zum organisierten Jubel gelenkte

iranische Volk auslöschen könnte,

weil in dessen Machtbereich der Bau

einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,

jenes andere Land beim Namen zu nennen,

in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -

ein wachsend nukleares Potential verfügbar

aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung

zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,

dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,

empfinde ich als belastende Lüge

und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,

sobald er mißachtet wird;

das Verdikt ‘Antisemitismus’ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,

das von ureigenen Verbrechen,

die ohne Vergleich sind,

Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,

wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch

mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,

ein weiteres U-Boot nach Israel

geliefert werden soll, dessen Spezialität

darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe

dorthin lenken zu können, wo die Existenz

einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,

sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?

Weil ich meinte, meine Herkunft,

die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,

verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit

dem Land Israel, dem ich verbunden bin

und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,

gealtert und mit letzter Tinte:

Die Atommacht Israel gefährdet

den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,

was schon morgen zu spät sein könnte;

auch weil wir – als Deutsche belastet genug -

Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,

das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld

durch keine der üblichen Ausreden

zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,

weil ich der Heuchelei des Westens

überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,

es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

den Verursacher der erkennbaren Gefahr

zum Verzicht auf Gewalt auffordern und

gleichfalls darauf bestehen,

daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle

des israelischen atomaren Potentials

und der iranischen Atomanlagen

durch eine internationale Instanz

von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

mehr noch, allen Menschen, die in dieser

vom Wahn okkupierten Region

dicht bei dicht verfeindet leben

und letztlich auch uns zu helfen.

zum medialen Wellenschlag  bei “Mein Parteibuch”: http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2012/04/04/zionisten-versuchen-sich-mit-personlichen-angriffen-und-lugen-gegen-grass-gedicht-zu-wehren/

Kommentar vom Fuße des Hochblauen: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=17655

aus jüdischer Sicht: http://www.derisraelit.org/2012/04/was-gesagt-werden-muss-solidaritat-mit_06.html

Offener Brief des Vorsitzenden der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft (DPG) und der Palästinensischen Gemeinde Deutschland (PGD)

 

Auch wenn einige Vertreter der deutschen politischen Elite meinen, dass sie das Licht der Sonne mit bloßen Händen verdecken könnten – dies wird an der Tatsache nichts ändern, dass sie nicht nur realitätsfern sind und sich überdies von der Meinung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung weit entfernt haben.

 

Die Debatte, die Nobelpreisträger Günter Grass angestoßen hat, hat in der Tat eine heilige Kuh getroffen. Israel nicht nur zu kritisieren, sondern die ganze Wahrheit auszusprechen, war der Kern seines Gedichtes. Israel beansprucht für sich – und das seit Jahrzehnten – über dem Recht zu stehen und dort Recht zu haben, wo kein Recht greift.

 

Die blinde Solidarität mancher deutscher Politiker, darunter einige, die sich zu Grass Gedicht geäußert haben, zeigt, wie verkrampft die deutsche politische Elite mit der Thematik umgeht. Ihnen geht es kaum um die Sache, ihnen geht es um ihren Heiligen Stuhl. Sie meinen, mit einer blinden Solidarität für eine koloniale, rechtsgerichtete, israelische Politik und mit dem Schweigen über die israelische Realität, dem Zorn der herrschenden Klasse in Jerusalem und ihrer Handlanger in Deutschland zu entgehen.

 

Das mag zutreffend sein. Die Meinung der deutschen Gesellschaft vertreten diese Politiker in dieser Sache aber kaum mehr. Die Umfrage unter europäischen Jugendlichen zeigte bereits vor einigen Jahren, dass die Mehrheit von ihnen die israelische Politik als große Gefahr für den Weltfrieden sieht. Die letzte Forsa-Umfrage vom Juli 2011 verdeutlichte ebenfalls, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, das Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung – ein Recht, das von Israel weiterhin verhindert wird – unterstützt.

 

Israel ist, und das ist kein Geheimnis, eine Atommacht, die als einziges Land auf der Welt die Gebiete dreier Nachbarsländer seit Jahrzehnten besetzt. Das muss einmal gesagt werden.

 

Israel verweigert einem ganzen Volk seine minimalen Menschenrechte, Israel hält Millionen von Menschen in Gefangenschaft und kolonialisiert sein Land. Auch das muss einmal mehr gesagt werden.

 

Die Aussage, Israel sei ein demokratischer Staat, ist nicht mehr als eine Floskel. Und das nicht nur, weil Israel eine Besatzungsmacht ist – was an sich schon ein Widerspruch zum demokratischen Grundgedanken ist – sondern weil Israel ein Sechstel seiner Bevölkerung, nämlich die palästinensische Minderheit, lediglich als ungeliebter Gast betrachtet und behandelt. Das Adjektiv „arabisch“ ist im  demokratischen Israel ein Synonym für primitiv, schmutzig, unfähig und vor allem für minderwertig. Arabische Arbeit, auf Hebräisch „avoda aravit“, ist der Ausdruck oder der Begriff für schlechte Arbeit oder minderwertige Arbeit. Diese Fakten scheinen aber die eifrigen Politiker in Deutschland, die blind die israelische Politik unterstützen, kaum zu stören. Auch nicht, weil sie all diese Begrifflichkeiten und ihre Aussage aus der deutschen Geschichte heraus sehr genau kennen müssen.

 

Fakt ist: Israel wird nicht zum Frieden mit sich selbst und mit seinen Nachbarn gezwungen, sondern wird mit deutschen U-Booten und anderen Waffenlieferungen, mit denen es ein anderes Volk unterdrückt, belohnt. Der Rechtsruck in der israelischen Politik und die rassistische Gesetzgebung sollte eigentlich ein Alarmzeichen für Israels „echte Freunde“ sein. Aber stattdessen werden immer und immer wieder die Sprechblasen vom „demokratischen Staat“ und der „Historischen Verantwortung“ in die Welt gesetzt.

 

Deutschland hat in der Tat eine historische Verantwortung für die Verbrechen, die  begangen wurden – aber nicht gegenüber einem Staat, der seinerseits unterdrückt und Menschenrechte mit Füßen tritt. Das muss einmal gesagt werden.

 

Günter Grass hat ausgesprochen, was viele Deutsche seit Langem wahrnehmen – aber nur wenige haben den Mut, dieses auch laut zu formulieren. Und erst recht nicht an der Spree. Günter Grass hat mit seiner zutreffenden Kritik genau wiederholt, was Siegmar Gabriel, bevor er zurück gepfiffen wurde, in Hebron wahrgenommen und zum Ausdruck gebracht hat. Die heftige Reaktion der „Freunde Israels“ in Berlin zeigt, dass die heilige Kuh zum Schlachthof geführt wurde. Es ist kein Tabu mehr, die israelische Realität genau zu skizzieren. Wer das bis heute noch nicht begriffen hat, hat leider die Signale der Gesellschaft nicht wahrgenommen.

 

Die deutsche Gesellschaft lässt sich nicht mehr den Mund verbieten. Sie nimmt aktuelle Realitäten wahr, spricht sie aus – ohne dabei die eigene Historie unter den Tisch zu kehren. Das muss einmal gesagt werden.

 

Die Kritik von Günter Grass beschönigt die Realität im Iran nicht. Der Iran ist ein Land, in dem Menschenrechte nicht viel wert sind. Ein Despot ohnegleichen herrscht in Teheran mit der Unterstützung des Klerus und strebt nach regionalem Einfluss. Es ist nicht bewiesen, dass der Iran und sein Despot Atomwaffen entwickeln. Es ist aber beweisen, dass Israel Atomraketen besitzt. Es ist auch ein Signal, ein warnendes Signal, was Günter Grass den Herrschenden in der westlichen Welt gibt. Schließlich wurde vor einigen Jahren ein verheerender Krieg gegen ein Volk geführt, weil man seinem Despoten Saddam Hussein nachgesagt hat, dass er Vernichtungswaffen besitzen würde. Damals haben hochrangige westliche Politiker und Medien die Sprechblasen von „Vernichtungswaffen im Irak“ so aufgeblasen, bis die Mehrheit der Menschen das Licht der Wahrheit nicht mehr sehen konnte. Es folgte ein Krieg mit hunderttausenden Toten und totaler Vernichtung. Tausende Milliarden wurden und werden weiterhin ausgegeben für einen Krieg, der uns Al Khaida und Terrorismus noch stärker gemacht hat. Und zum Schluss musste doch festgestellt werden, dass die Menschen von ihren politischen Eliten im Westen belogen wurden. Und genau eine Wiederholung eines solch tragischen Szenarios möchte Grass mit seinen Worten verhindern. Das nenne ich Verantwortung und Mut. Das ist genau die Aufgabe von Denkern.

 

Netanjahus rechtsgerichtete Regierung in Israel ist politisch pleite. Sie hat keine Lösung für die dramatische wirtschaftliche und soziale Situation im Land. Sie strebt eindeutig nicht nach Frieden mit den Palästinensern. Ein Krieg gegen den Iran würde die Rettung für die rechtsgerichtete Regierung in Israel bedeuten – denn dann hätte sie endlich was getan und muss nicht über die neuen Realitäten im Nahen Osten nach dem arabischen Frühling nachdenken und darauf reagieren. Sie instrumentalisiert die Angst der eigenen Bevölkerung und die Angst der westlichen Länder für ihre billigen Pläne. Pläne, die doch eigentlich so durchschaubar sind.

 

Der Status Quo würde für die Herrscher in Jerusalem das Aus bedeuten. Ein Krieg aber war ja schon immer der Ausweg aus einer heiklen politischen Situation. Ein Ausweg, der aktuelle Tatsachen verdeckt. Ein Ausweg, der andere politische Abgründe im Land für Wochen und Monate vergessen lässt. So war es 2006 als Israel den Libanon überfallen hat. Und so war es auch 2008, als Israel den Gazastreifen überfallen hat.

 

Die Angst in Israel wird „gezüchtet“. Mit der Angst in der Bevölkerung lassen sich viele Themen unter den Teppich kehren – und die gibt es in Israel en masse. Das muss einmal gesagt werden.

 

Die Debatte, die Günter Grass dankenswerterweise angestoßen hat, könnte endlich einmal zum Befreiungsschlag der deutschen Doppelmoral-Politik im Nahen Osten. Führen. Könnte….

 

Raif Hussein

Hannover, 06.04.2012

Vom Bundesausschuß Friedensratschlag:

Ostermarschierer: Weil Grass Recht hat …

Pressemitteilung des Bundesausschusses Friedensratschlag


Kassel, 6. April 2012 – Zu der medialen Aufregung um Günter Grass erklärte der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag in einer ersten Stellungnahme:

Selten ist ein Literaturnobelpreisträger von den Medien und der herrschenden Politik so schlecht behandelt worden wie Günter Grass nach Veröffentlichung seines Poems “Was gesagt werden muss”. Darin rückt Grass ein paar Tatsachen ins rechte Licht, die hier zu Lande nur zu gern verschwiegen werden:

  • dass nicht der Iran, sondern Israel über Atomwaffen verfügt und somit in der Lage ist, den Iran zu vernichten;
  • dass nicht Iran, sondern Israel dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten ist und keinerlei internationale Kontrolle über sein Atomprogramm zulässt;
  • dass Deutschland mit der Lieferung eines weiteren Atom-U-Boots an Israel sich zum Beihelfer eines möglichen Präventivkrieges gegen Iran machen würde;
  • dass von der realen Atommacht Israel eine Gefahr für den “brüchigen Weltfrieden” ausgeht;
  • dass die Politik des Westens gegenüber Iran und Israel von Heuchelei geprägt ist; und
  • dass, wer Israels Politik kritisiert, all zu leicht unter das Verdikt des “Antisemitismus” fällt.

Den Beweis dafür lieferten postwendend die abfälligen bis geifernden und “empörten” Verrisse, die sich Grass gefallen lassen musste: Der notorische Islamhasser Henrik Broder beschimpfte Grass als “Prototyp des gebildeten Antisemiten”, Micha Brumlik meint in einem taz-Kommentar, “der Grass von 2012″ sei noch “schlimmer als ein Antisemit”, und die israelische Botschaft in Berlin stellt Grass in eine Traditionslinie des europäischen Antisemitismus, der die Juden regelmäßig vor dem Pessach-Fest des “Ritualmords” angeklagt habe. Und die “Bild”-Zeitung titelt in bekannter Manier: “Irres Gedicht gegen Israel”.

Der Bundesausschuss Friedensratschlag findet nichts Irres und keine Spur von Antisemitismus in dem Gedicht von Grass. Und da es in keinem der ablehnenden Kommentare um eine literarische Bewertung des Textes geht, sondern nur um dessen politische Aussage, wollen wir dieser ausdrücklich zustimmen. Die an diesem Wochenende stattfindenden Ostermärsche der Friedensbewegung sind dankbar für die klaren Worte des Nobelpreisträgers – auch wenn er womöglich bei seinem Gedicht nicht an die Friedensbewegung gedacht hat. Grass Thesen decken sich mit den Forderungen der Ostermarschierer, etwa wenn es in der Erklärung des “Friedensratschlags” heißt: “Sofortiger Stopp aller Waffenlieferungen in die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens; dies schließt Schützenpanzer in die Vereinigten Emirate genauso ein wie Kampfpanzer nach Saudi-Arabien oder U-Boote nach Israel.”

Für den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Peter Strutynski (Sprecher)

http://www.ag-friedensforschung.de/bewegung/grass.html:


Starke Frauen im Islam (Teil 9): Fausia Kufi – eine Frau verändert Afghanistan (Buchbesprechung)

Starke Frauen im Islam (Teil 9): Fausia Kufi – eine Frau verändert Afghanistan (Buchbesprechung)

Bismillah

Dies ist eigentlich eine Buchbesprechung, die Lebensgeschichte von Fausia Kufi passt aber gut in die Reihe. Fausia Kufi ist Parlamentsabgeordnete im afghanischen Parlament und ihr Buch entstand aus Briefen, die sie an ihre Töchter schreibt, wenn sie auf Reisen geht – da sie ununterbrochen unter Todesdrohungen der Taliban lebt, weiß sie nie, ob sie zurückkehren wird. So schreibt sie an ihre Töchter über ihre Liebe zu ihnen, aber auch zu ihrem Land und versucht ihre Werte zu vermitteln und zu erklären, warum sie nicht nur einfach Mutter sein kann. Um diese Briefe herum rankt sich ihre Lebensgeschichte und die ist wirklich atemberaubend.

Fausia Kufi stammt aus Badachschan, das ist ein Provinz im Norden Afghanistans und eines der abgelegendsten und  ärmsten Gebiete des Landes. Sie wird als 19.  von 23 Kindern ihres Vaters geboren, der insgesamt sieben Frauen hatte – nie mehr als vier zur Zeit, wie es islamisch vorgeschrieben ist. Ihre Mutter ist die zweite Ehefrau des Vaters, Herrscherin über den Haushalt und sein Liebling – das heißt aber nicht, dass er sie nicht schwer mißhandelt, so schwer, dass ihre Hände von Schlägen verkrüppelt sind. Ein normales Verhalten im Afghanistan der 70er Jahre und kein Grund für Fausias Mutter, ihren Mann nicht zu lieben. Fausia ist das 8. Kind ihrer Mutter, die zu der Zeit schwer erschöpft ist und sie wird geboren, als ihre Mutter mit anderen Angehörigen des Haushalts auf die Sommerweiden gezogen ist – eigentlich eine gute Zeit, in der die Frauen den Haushaltspflichten entkommen.

Aber Fausia ist ein Mädchen und ihre Mutter deprimiert, weil ihr Ehemann sich seiner neuesten, jüngsten Frau zugewandt hat. Sie will dieses Kind nicht und fordert die Hebamme auf, es in die Sonne zu legen, damit es dort stirbt. Fausia stirbt aber nicht, und als sie nach einem Tag in der prallen Sonne überlebt hat – mit Verbrennungen dritten Grades im Gesicht – bereut ihre Mutter ihre Entscheidung und nimmt ihr Kind an. Sie liebt Fausia nun  um so mehr.

Im Haushalt der Familie geht es lebhaft zu – der Vater ist Parlamentsabgeordneter, wie auch sein Vater schon Stammesältester und Politiker war. Sich in die Politik einzumischen hat also Tradition in der Familie und Fausias Geschwister nehmen es später auch erstaunlich gut auf, dass sie zur Abgeordneten kandidiert und gewählt wird. Sogar männliche Familienmitglieder verzichten ihretwegen auf eine Kandidatur. Fausias Großvater hat einmal den Bau einer Paßstraße in das abgelegene Tal durchgesetzt, in dem er einen Ingenieur, der das Projekt für unmöglich erklärt hatte, eine Nacht in der Kälte auf dem Berg stehen ließ, damit er mal sieht, wie gefährlich es für die Bauern ist, das Gebirge zu überqueren.

Fausias Vater ist ebenfalls aktiv und sehr geschickt im Knüpfen von Verbindungen – dazu gehören auch seine vielen Ehen. Und er lässt sich nicht einschüchtern, auch nicht vom damaligen Regime, das seine Gegner verfolgt. Sie hat aber nicht viel Zeit von ihm zu lernen, denn er stirbt schon als sie drei Jahre alt ist. Nur zweimal hat er überhaupt bewußt Notiz von ihr genommen und sie behält ihn trotzdem als großes Vorbild im Gedächtnis. Er wird auf einer diplomatischen Mission bei den Mudschahedin von diesen ermordet.

Es folgt die Zeit der sowjetischen Besatzung und anschließend der afghanische Bürgerkrieg. Fausia Kufis Familie muss ihr Dorf verlassen und zieht jahrelang durch das Land – mal in die Stadt, nach Kabul, mal wieder hinaus aufs Land. Einige Mitglieder der Familie gehen nach Pakistan. Die Familie verliert einen großen Teil ihres erheblichen Vermögens und ist immer wieder auf die Hilfe anderer angewiesen.In all dieser Unruhe setzt Fausia durch, dass sie zur Schule gehen darf. Im Bürgerkrieg ist es mit Lebensgefahr verbunden, durch die Stadt zum Unterricht zu gehen, aber sie schafft trotz aller Unterbrechungen ihren Abschluß und möchte Medizin studieren.

Als Fausia 18 Jahre alt ist, liegt ihre Mutter im Sterben. Ein junger Mann möchte um Fausias Hand anhalten und ihre Mutter lernt ihn noch kennen und gibt ihre Zustimmung, bevor sie verstirbt. Auch Fausia ist angetan von dem jungen Hamid – allerdings dauert es weitere vier Jahre und viele Vorstöße seitens Hamids, bis Fausias Bruder mit der Heirat einverstanden ist. Keine ruhige Zeit, sondern wieder einmal muss die Familie flüchten und das ohne das Fausia Hamid eine Nachricht zukommen lassen kann. Er findet sie aber wieder und bringt auch den hohen Brautpreis auf, den Fausias Bruder fordert, obwohl seine Familie viel weniger wohlhabend ist als Fausias. Das ist auch ein Grund, warum ihr Bruder so viele Bedenken hat.

Als die beiden heiraten, sind gerade die Taliban an die Macht gekommen. Anfangs bejubelt, weil sie dem Bürgerkrieg ein Ende machten, erkennen die Afghanen sehr schnell, dass die sogenannten “Engel” keine sind,sondern eine völlig fremde Kultur und Auslegung des Islams mitgebracht haben. Fausia kann nicht mehr studieren, die Hochzeitsfeier muss im Verborgenen stattfinden und Fausias Bruder wird als ehemaliger Polizeichef von den Taliban verfolgt. Auch Hamid wird sehr schnell in die Verfolgung einbezogen, einfach wegen der Verwandtschaft. Viermal wird er verhaftet und mehr oder weniger lange festgehalten – Fausias Talent zum Knüpfen und Nutzen von Beziehungen verhilft ihm immer wieder zur Entlassung, aber schließlich ist er gesundheitlich schwer angeschlagen und hat sich mit Tuberkulose angesteckt. Es bleiben ihnen nur wenige Ehejahre und noch viel weniger Zweisamkeit unter diesen Bedingungen. Immer wieder müssen sie flüchten.

Das Ehepaar bekommt zwei Töchter – während Hamid die erste noch voll Freude begrüßt, ist er bei der zweiten Tochter doch sehr ablehnend. Die Kultur, die von ihm Söhne fordert, lässt auch ihn nicht in Ruhe, obwohl er in vieler Hinsicht ein sehr fortschrittlicher Mann ist. Aber auch bei Fausai wiederholt sich etwas: sie lehnt ihre zweite Schwangerschaft anfangs total ab und versucht ihr Kind abzutreiben. Eine Parallele zu ihrer Mutter, die sie natürlich erkennt und wie ihre Mutter bereut sie und liebt ihre Tochter um so mehr. Fausia wurde schwanger, als sie gerade eine erfolgreiche Englischschule aufgebaut hat – die Taliban sind vertrieben – sie muss ja für den Familienunterhalt sorgen. In die  Ehe bringt die Ablehnung ihrer Tochter durch Hamid einen Knacks – bevor er stirbt, versöhnen sich die Eheleute aber wieder und auch seine Töchter lässt Hamid nicht merken, dass er gerne einen Sohn gehabt hätte.

Fausia bleibt 2003  nach nur secht Ehejahren mit zwei Kindern als Witwe zurück. Sie erhält eine Anstellung bei UNICEF – als Dolmetscherin. Als sie ihre Heimatprovinz mit der Hilfsorganisation bereist, wird aber deutlich, wieviel Ansehen ihre Familie genießt und Fausia wird die eigentliche Ansprechperson für die Bürger. So wächst sie in immer größere Verantwortung hinein und als schließlich 2004 die ersten Wahlen nach dem Bürgerkrieg abgehalten werden, entschließt sie sich, für ihre Heimatprovinz zu kandidieren. Dieses neue Ziel reißt sie aus der tiefen Depression in die sie nach Hamids Tod verfallen ist. Ein Wahlkampf, in dem sie dauernd bedroht wird und massive Wahlfälschungen – Fausia gewinnt trotzdem und – was ihr sehr wichtig ist – wird auch in der nächsten Legislaturperiode wiedergewählt.

Sie wächst mit ihren neuen Aufgaben und versucht für die Bevölkerung zu verbessern, was nur zu verbessern geht. Korrupt ist sie nicht und sie sieht mit Trauer, dass es andere Abgeordnete nicht schaffen, sich gegen ihren Eigennutz oder gegen die geballten familiären und gesellschaftlichen Ansprüche auf Bevorzugung zu wehren. Fausia glaubt daran, dass Afghanistan ein freies und frei regiertes Land werden kann, aber sie sagt auch, dass es kein Wunder ist, dass nach 30 Jahren Krieg die politische Kultur unterentwickelt ist.

Was gibt es noch zu sagen? Warum habe ich erwähnt, dass Fausia Kufi eine starke Frau im Islam ist? – weil sie das immer wieder betont und das finde ich sehr beeindruckend: sie ist eine gläubige Muslima, sie glaubt, dass Gott ihr diese Aufgaben gegeben hat – warum hat ER sie sonst so oft vor dem Tod errettet? – und sie glaubt an die Scharia und daran, dass der Islam in seiner ursprünglichen Form das Beste für uns Menschen ist.

Wirklich eine große Stärke in einem derartig vom Krieg gebeutelten Land in dem Mädchen fast keinen Wert haben, sich ihre Ausbildung zu erkämpfen, den Mann zu heiraten den sie liebt, einen Beruf auszuüben und schließlich auch als Witwe und Mutter von zwei Kindern ihren Weg ungebrochen zu verfolgen, gegen so viel Widerstand und trotz ständiger Angst, umgebracht zu werden. Das geht nur mit Vertrauen in Gott.

Kritik habe ich auch: Fausia ist unkritisch, was die amerikanische und internationale Besatzung angeht, sie glaubt an das Märchen von 9/11 und hat Verständnis für die amerikanische Politik. Sie lernt Bush und seine Frau kennen und ist beeindruckt, wie auch von anderen westlichen Politikern. Vielleicht verständlich, denn in ihren Augen gab es keine Rettung vor den Taliban, als durch diese Besatzung. Allerdings ist sie keine, die sich für Parolen gegen andere islamische Länder benutzen lässt.

Einer ihrer Briefe an ihre Töchter:

Liebe Schuhra, liebe Schaharasad,

das Leben ist ein Wunder, das uns von Gott gegeben wurde. Manchmal empfinden wir es als Segen, manchmal als Fluch. Manchmal wird es uns zu viel, und wir zweifeln daran, ob wir noch damit zurechtkommen. Aber dann schaffen wir es doch, denn wir Menschen haben die großartige Fähigkeit, Leid zu ertragen.

Aber wir selbst sind nicht großartig. Nur Gott ist großartig. Menschen gleichen winzig kleinen Insekten im weiten Universum. Unsere Probleme, die uns manchmal riesig und unüberwindlich erscheinen, sind es in Wahrheit gar nicht.

Selbst wenn wir lange leben, ist unsere Zeit auf Erden sehr kurz. Es zählt nur, wie wir unsere Zeit hier verbringen und was wir denen , die auf der Erde bleiben, zurücklassen. Deine Großmutter hinterließ uns allen viel mehr, als sie je ahnte oder hätte begreifen können.

In Liebe,

eure Mutter

Monat Ramadan: Denken an Imam Ali, a.s.

Monat Ramadan: Denken an Imam Ali, a.s.
Monat Ramadan: Denken an Imam Ali, a.s.

Bismillah

Der Fastenmonat ist schon weit fortgeschritten. Ich habe nicht viel geschrieben, was nicht schlimm ist, weil ich mit anderen Dingen beschäftigt bin, auch mit Koranlesen, Bittgebeten,  Suren lernen und lesen rund um Islam. So soll es ja auch sein. Fasten habe ich probiert, das tut aber meiner Gesundheit nicht gut und darum lasse ich es mal wieder, das ist leider schon das dritte Jahr in dem ich nicht fasten kann. Ich weiß, dass es in Ordnung ist nicht zu fasten wenn man krank ist, aber ich bin doch nie ohne schlechtes Gewissen und ohne Traurigkeit, dass ich nicht mit unserer Ummah dabei sein kann. Die letzte Nacht war die erste, die möglicherweise die Lailat-ul-qadr sein konnte – ich war zwar nicht die ganze Nacht wach, aber ich habe trotzdem versucht zu spüren, ob es die richtige war. Es hat sich gut angefühlt – aber vielleicht werden die nächsten ja noch deutlicher, wer weiß.

In dieser letzten Nacht hat sich das Attentat auf Imam Ali, a.s. gejährt, das zwei Nächte später zu seinem Tod führte. Etwas worüber die Muslime sehr trauern, nicht nur die Shiiten. Ali a.s., der Befehlshaber der Gläubigen, der Freund Allahs, hat in seinem Leben unglaublich viel für den Islam und die Muslime getan, angefangen damit, dass er als erster seine Zugehörigkeit zum Islam bekannte und sich viele Male als treuer Gefährte und Unterstützer des Propheten Muhammed, s.a.s., erwies. Weshalb dieser ihn dann auch viele Male als seinen Treuhänder und Nachfolger vorstellte. Dass die Muslime nach dem Tod Muhammeds, s.a.s., Ali , a.s., das Kalifat verweigerten, ist die Hauptursache für das Leiden der Muslime, ja der Menschen überhaupt, über viele Hundert Jahre. Durch das Kalifat der anderen drei, der von den Sunniten als rechtgeleitet bezeichneten Kalifen, hatten sich, bis Ali a.s. endlich die Regierung übernahm schon viele Änderungen der Lehre des Propheten, s.a.s., durchgesetzt, wie z.B. die Bevorzugung von Stammesangehörigen für Ämter im Gegensatz zur Bevorzugung der am besten für ein Amt geeigneten Personen.

So kam es, dass Ali a.s. nur wenige Jahre regieren konnte – nach dem Tod Uthmans bis zu seiner  Ermordung im Jahr 662 nach christlicher Zeitrechnung. Da war Ali a.s. 62 Jahre alt und der Prophet, s.a.s., schon fast 30 Jahre tot – in 30 Jahren kann man viel zerstören statt aufzubauen. Uthman hatte sich selbst diejenigen zu Feinden gemacht, die seine Wahl unterstützt hatten, u.a. auch Aisha, eine der Witwen des Propheten. Schließlich musste Imam Ali, a.s. trotz seiner politischen Gegnerschaft zu Uthman diesen sogar beschützen, was aber nicht verhinderte, dass er anschließend von eben den Feinden Uthmans wiederum für dessen Ermordung verantwortlich gemacht wurde. Eine völlig unsinnige Unterstellung, die aber schließlich dazu führte, dass ein Auftragsmörder auch Imam Ali, a.s. ermordete.

Es ist nicht möglich, alles aufzuzählen was Imam Ali, a.s. uns an vorbildhaftem Verhalten und an Weisheit hinterlassen hat. Deshalb möchte ich nur ein Thema besprechen, nämlich sein politisches Vorgehen, was natürlich nicht von seiner religiösen Einstellung zu trennen ist. Warum hat sich Imam Ali a.s., nicht gegen seine Entmachtung aufgelehnt und warum hat er sich schließlich sogar dagegen gewehrt, endlich doch die Regierung zu übernehmen? Das war seine Standhaftigkeit und Geduld. Was hätte es genutzt, sich mit Gewalt das Kalifat zu erobern, wenn nicht die Mehrheit des Volkes ihn anerkannt und unterstützt hätte? Trotzdem hat er nicht still geschwiegen, sondern im Gegenteil die Muslime ständig ermahnt und kritisiert. Weshalb er doch zu einem geschätzten Ratgeber wurde, den selbst die die ihn entmachtet hatten, befragten. Ein großer Teil seiner Predigten und Briefe sowohl aus der Zeit vor, als auch während seines Kalifates findet man in Nadsch-ul-Balagha, in dem es sich lohnt zu lesen und deshalb zitiere ich hier auch nicht, weil ich gar nicht wüsste, welcher der dort zu findenden Schätze hier ein kleines Bild seiner Weisheit darstellen könnte. Das Vorbild dieser Standhaftigkeit und der Ablehnung eines bewaffneten Kampfes zu unrechten Zeit findet sich natürlich in der mekkanischen Zeit des Propheten, s.a.s., in der dieser den Frieden bewahrte, auch wenn es schwere Bedingungen waren unter denen seine Anhänger aushalten mussten.

Die politische Situation während Alis, a.s.,  Kalifates war auch darum schwierig, weil seine Gegner nach ihrem eigenen Bekenntnis Muslime waren. Auch wenn es sich in Wirklichkeit um Heuchler handelte, konnte man sie doch nicht offensichtlich als Polytheisten bekämpfen. Dazu erfuhr Ali, a.s. ungewollte Unterstützung durch die Gruppe der Charidschiten die sich als ganz besonders fromme Muslime verstanden, aber die Botschaft des Islams mangels Bildung nicht verstanden hatten.  Ayatollah Motahhari hat sie anhand von Überlieferungen als Menschen beschrieben, die verbohrt, bigott und überfromm waren. Ihre Stirnen verhornt von stundenlangen Niederwerfungen, jedoch in Unkenntnis über die koranische Botschaft. Von der Liebe Gottes haben sie nichts verstanden.

Diese Leute waren in der Schlacht von Siffin aufsässig. Sie fielen auf die List Muawiyas herein, der seine Leute Qurantexte auf die Lanzen spießen ließ. Sie weigerten sich, “gegen den Koran” zu kämpfen und erkannten die Autorität Imam Alis, a.s., als lebenden Vertreter des Korans nicht an. Durch ihre Verweigerung zwangen sie Ali,a.s., einem Schiedsgericht zuzustimmen, was schließlich durch einen Trick der Anhänger Muawiyas dazu führte, dass Ali, a.s., das Kalifat entrissen wurde. Was nun wiederum den Charidschiten auch nicht recht war, so dass sie Ali, a.s., als einen Ungläubigen bekämpften, genauso wie Muawiya. Mit dem Unterschied, dass sie Imam Ali, a.s. ermordeten, während der Anschlag auf Muawiya mißlang. Der weiter regierte und schließlich seinen Sohn Yazid an die Macht brachte, mit dem dann endgültig düstere Zeiten für die Muslime anbrachen. Nachzulesen in den Geschichten um Imam Hussain, a.s. und Kerbela.

Ali,a.s., ist wie der Prophet, s.a.s.,sagte, die Pforte zur Stadt des Wissens. Unwissen über den Islam, hat zum Sturz Alis, a.s., geführt. Die Charidschiten haben ihre Nachfolger gefunden in den Machthabern, die ihre Untertanen zu einem blinden Gehorsam zwingen, verbrämt mit offensichtlicher Frömmigkeit ohne den Islam als Botschaft der Liebe und der Gerechtigkeit verstanden zu haben. Sie bezeichnen die Mehrheit der Muslime als Ungläubige und züchteten eine Schicht von Terroristen heran, die heutzutage Angst unter den Muslimen und der ganzen Welt verbreiten. Die Wahabiten/Salafiten.

Viel können wir von Ali, a.s., lernen. Für die Politik die absolute Geradlinigkeit und das Fehlen jeglichen Taktierens. Nicht ein Stückchen ist er von seinen Überzeugungen abgewichen, um sich Freunde zu schaffen. Keine Ungerechtigkeit hat er zugelassen, um sich Leute gesonnen zu machen. Jegliche seiner Entscheidungen hat er auf seine Motivation überprüft, nichts geschah aus anderen Gründen als aus Gehorsam und Liebe zu Gott und zu seinen Mitmenschen.

Heute will man uns weis machen, dass zur Politik dieses Taktieren gehört. Und dass die Religion nichts in der Politik zu suchen hat. Schauen wir uns die Welt an, dann sehen wir, wohin uns das gebracht hat.

Darum hat er nicht geschwiegen, sondern uns immerhin einen Teil seiner Weisheit hinterlassen. Aber er hat auch niemals den bewaffneten Kampf gewählt, wenn es vermeidbar war. Hat er aber gekämpft, dann mit ganzer Hingabe. Seine Ermordung hat er vorausgesehen, in der Nacht vor dem Anschlag. Verletzt wurde er dann beim Gebet in der Moschee in Kufa, gleich bei seinem Amtssitz. Es wäre ihm nicht der Gedanke gekommen zu fliehen.

Sein Grab wurde, so schreibt Ayatollah Motahhari, für über hundert Jahre verborgen gehalten, bis die Umayyaden gestürzt sind und die Abbassiden an diesen “alten Geschichten” kein Interesse  mehr hatten. Erst danach wurde die Gedenkstätte erbaut, die heute so vielen Menschen als Quelle spiritueller Kraft zur Verfügung steht und die auch ich dieses Jahr besuchen durfte, alhamdulillah.

In Kufa:

Eingang zur Moschee und zum Regierungssitz Imam Alis,a.s., in Kufa:

Türkisches Tagebuch 17 – Blick aus Anatolien in die weite Welt. Auch hier glauben wir nicht an…

Türkisches Tagebuch 17 – Blick aus Anatolien in die weite Welt. Auch hier glauben wir nicht an…

Bismillah

…den Coca-Cola Weihnachtsmann 9/11 und Osama bin Laden. Da sitz ich nun in der Provinz und Osama ist tot! Bisschen spät, dass das aufgefallen ist, oder? Also meine Theorie war schon immer: entweder ist er tot, oder er genießt seinen Ruhestand in einem komfortablem Seniorenheim der USA, nur dafür, dass er ab und zu mal ein Filmchen dreht. Na die Filmchen sind schon seltener geworden und jetzt ging es wohl nicht mehr anders – die Leichenstank und darum ist sie auch auf See bestattet.

In letzter Zeit lassen aber die Bemühungen, uns einfachem Volk etwas vorzulügen nach. Vermutlich ist aufgefallen, dass sowieso keiner mehr glaubt, was zu 9/11, Afghanistan, Bin Laden und Co. verbreitet wird. Warum werden dann die Fälschungen nicht gleich weggelassen?

Also: schon 2001 wurde BL von Pakistan an die USA ausgeliefert. Darüber wurde nicht berichtet, denn man hätte ja keinen Grund gehabt, das strategisch so wichtige Afghanistan zu überfallen. Gab´s ja auch so eigentlich nicht, denn BL war ja Saudi, und Afghanistan hatte mit 9/11 nichts zu tun. Haben wir ja sowieso nicht geglaubt.

Warum wird jetzt der Tod von BL verkündet? Kann es sein, dass ein kleines bisschen abgelenkt werden soll vom libyschen Desaster?

Die interessanten Details von heute:

April 2011: Bin Laden ist schon lange tot

Das hätte sogar ich hinbasteln können

Wanted – nicht wegen 9/11

Jürgen Elsässer

Unser bekanntester Kettenraucher konstatiert: Bruch des Völkerrechts (na das ist doch schon normal)

Also Obama ist ein Held, Libyen auf Seite 2 gerutscht, Amerika nicht mehr pleite und die Welt ist sicher. Oder? Und unsere “Sicherheitskräfte” haben mal wieder einen Grund, Terrorwarnungen auszusprechen.

güle.güle Obama Osama, Du hast Deinen Freunden unschätzbare Dienste geleistet, hast zwei Kriege für sie gerechtfertigt, und jahrelang Deinen Kopf hingehalten für alle möglichen Schweinereien an denen Du  gar nicht mehr beteiligt sein konntest – nun bist Du nicht mehr von Nutzen und darum Fischfutter. Über alles andere was Dich betrifft wird keine irdische Instanz entscheiden.

Tja, das war nun nicht so tagebuchmäßig, aber trotzdem aus der Türkei. Hier ist auch sonst nicht viel los, außer das bei jedem Gewitter, d.h. täglich der Strom ausfällt und es kein Wasser gibt, weil das Becken des Dorfbrunnens gefliest wird. Müssen wir also Eimer schleppen wie früher. So ein sechsköpfiger Haushalt plus drei Mieter braucht ziemlich viel Wasser. 10 Tage soll das dauern. Und der Wahlkampf: heute wurden zwei Kemalmobile mit überhöhter und ein konkurrierendes Mobil einer Konkurrenz gesichtet. Gelb/Rot – muss wohl AKP gewesen sein – ich muss mir deren Farben noch mal angucken. Und abends gab es Torte. Das waren die Nachrichten des Tages.


Und dieses zum Aufheitern

Irak-Reise – Ziyarat 2011 – Teil 2

Irak-Reise – Ziyarat 2011 – Teil 2

Bismillah

Auf diesem Bild sieht man den Weg zum Schrein von Imam Ali, a.s. Man soll ihn mit möglichst kleinen Schritten gehen und dabei unentwegt Dhikr machen, d.h. Lobpreisungen Gottes – “Subhanallah, Alhamdulillah, La ilaha il Allah, Allahu akbar”

denn jeder Schritt auf diesem Weg zählt für viele gute Taten, die uns am Jüngsten Tag auf die Waagschale gelegt werden. Ich weiß, ich habe nichtmuslimische Leser, manchmal schauen auch Atheisten rein – es ist nicht so leicht zu erklären, was die Ursache dieser tiefen Verehrung der Märtyrer ist. Imam Ali, a.s., war der Cousin, der Schwiegersohn und der vom Propheten, s.a.s., ernannte Nachfolger nach dessen Ableben. Er hat sein ganzes Leben mit dem Propheten verbracht, bis zu dessen Tod. Er hat seine Tochter Fatima, a.s. geheiratet, die die beste Frau in der gesamten Menschheitsgeschichte war. Er hat sich schon als Junge zum Islam bekannt, er war der erste, der dem Propheten Treue geschworen hat, er hat ihm in vielen Kämpfen beigestanden und er hat von ihm so viel Wissen erworben, dass die Menschen in Najaf heute noch sagen, dass es Imam Ali a.s. zu verdanken ist, dass aus der Stadt eine Hochburg der Gelehrsamkeit, nicht nur der Islam- sondern auch vieler anderer Wissenschaften geworden ist.

Leider wurde sein Wissen und seine Weisheit nicht genug geschätzt und obwohl es zahlreiche Überlieferungen für den Befehl des Propheten, s.a.s. gibt, dass Ali a.s., sein Nachfolger sein sollte, haben das die Gefährten des Propheten nicht eingehalten und die Nachfolge auf ihre Weise geregelt – was für den Islam eine Tragödie war und letztlich zum Massaker in Kerbela geführt hat. Ali a.s. wurde der 4. Kalif nach dem Propheten und als solchen schätzen ihn auch die sunnitischen Geschwister hoch. Das war die extreme Kurzfassung, einen kleinen Einblick findet man auch hier. Ali a.s. wurde wegen seiner Verweigerung, von den Prinzipien des Islam abzuweichen schließlich ermordet, als er sich im Ritualgebet befand und wurde in Najaf beerdigt und sein Schrein ist eine der islamischen Pilgerstätten.

Er ist der erste der Märtyrer nach Prophet Muhammed, a.s. und wurde wie seine Nachfolger umgebracht, weil er die Veränderung des gerechten Gesellschaftssystems, dass mit dem Islam eingekehrt war nicht hingenommen hat. Und er wird für seine Unbestechlichkeit, Standhaftigkeit und große Weisheit geschätzt.

Wir Muslime suchen ihn auf, um von ihm Fürsprache bei Gott zu erbitten und unsere Beziehung zu der Familie des Propheten zu stärken, da diese die größten Vorbilder hervorgebracht hat – so sagt auch der Koran, dass wir dazu verpflichtet sind, nachzulesen in Sure 42:23. Es ist allerdings schwer heute zu sagen, dass man Märtyrer verehrt, weil dieser Begriff fast immer mit “Selbstmordattentäter”  gleichgesetzt wird. Dabei kennen doch auch andere Religionen Persönlichkeiten die sich im Interesse der Menschen und der Wahrheit geopfert haben und dadurch diese nicht untergehen ließen. Es gibt im Islam Strömungen die das Ersuchen von Fürsprache durch heilige Personen ablehnen und behaupten das wäre Götzendienst. Dabei sagt Allah im Koran, dass er Fürsprache annimmt, aber eben nur von Personen denen er diese erlaubt hat. Man betet ja auch die Person nicht an, sondern festigt über diese würdige Persönlichkeit seine Beziehung zu Gott.

Genug des  kurzen theoretischen Exkurses, wer das wirklich verstehen möchte, sollte sich schlau fragen oder lesen. Ich will ja von meinem eigenen Reiseerleben erzählen.

Nachdem wir die kurze aber lange dauernde Anreise von Bagdad nach Najaf hinter uns gebracht hatten, wollten wir am nächsten Morgen unbedingt zum Schrein Imam Alis, a.s.. Über die Hindernisse auf dem Weg erzähle ich inschallah später.

Wir machten uns also gemeinsam auf den Weg, wie beschrieben Lobpreisungen betend. Unsere Unterkunft war nicht weit entfernt, wenige Minuten zu Fuss, allerdings mit mehreren Sicherheitskontrollen. Und da gab es ein für mich peinliches Erlebnis. Wir mussten Kameras und Handys abgeben und das habe ich auch mit der Kamera getan, aber das Handy das ich im Zimmer wähnte fand sich bei der Personenkontrolle in den Tiefen meiner  Tasche. Da die Kontrolleurin mich vorher gefragt hatte, ob ich ein “mobile” habe, wurde sie richtig sauer, als sie es gefunden hat und ich konnte kaum Luft holen, da war ich wieder rausgesetzt. Die anderen Gruppenmitglieder waren natürlich besorgt und warteten lange auf mich, während ich das Handy abgab und mich wieder in die lange Warteschlange einreihte. Man sagt, dass man den Schrein nicht betreten kann, wenn der Imam es nicht erlaubt – na das war ein eindeutiger Rauswurf. Reuig erneut um Einlass bittend kam ich nun auch durch die Kontrolle – aber das war einiges an Wartezeit. Die anderen der Gruppe hab ich nicht mehr gesehen, aber ich meinte ja, den Treffpunkt zu wissen und so hab ich mich erstmal zum Schrein begeben, um meine Ziyara, also den Besuch beim Imam Ali, a.s. zu machen. Es war sehr voll und leider sind die Frauen dort sehr undiszipliniert und ruppig wie ich feststellte, aber in dem Moment hatte ich nur ein Ziel und das war, das Gitter des Schreines zu berühren und diesmal half auch mein Bittgebet und ich habe ihn erreicht.

Es war ein ganz besonderes Erlebnis: sofort platzten alle Sorgen aus mir heraus, als habe ich sie dort abgeladen. Viele Tränen flossen und ich konnte auch nicht lange stehenbleiben, weil so ein Gedrängel war, aber ich fühlte mich um einen Zentner erleichtert. Mir fällt es nicht leicht um Beistand zu bitten, aber es ist respektlos, es nicht zu tun. Also arbeite ich daran.

Im Anschluss habe ich mein Ziyarat Gebet gemacht, das sind zwei Gebetseinheiten, die zu Ehren des Imams gebetet werden. Es gibt auch spezielle längere Bittgebete die man meistens mit einem Vorbeter liest, hier ist z.B. eines für Imam Ali, a.s.

Schließlich wartete ich am vermuteten Treffpunkt, weil ich nicht mitbekommen hatte in dem Gewühl, dass noch ein anderer vereinbart wurde, bis mich schließlich einer unserer “bodyguards” aufgesammelt hat. Das war mir wirklich peinlich, gleich bei der ersten Gruppenaktivität solch eine Aufregung verursacht zu haben. Danach bin ich aber nicht mehr verlorengegangen.

In den nächsten Tagen haben wir noch andere Orte besucht, an denen Imam Ali,a.s, gewirkt hat, davon inschallah später. Wir waren glaube ich alle sehr bewegt. Kennt Ihr es, dass es bestimmte Orte gibt, die eine besondere Anziehung und Bedeutung für einen entwickeln? Es gibt in meinem Leben zwei Kirchen, in denen ich “vorislamisch” ein solches Gefühl hatte, aber das war von der Intensität nicht zu vergleichen. Hier ist eben auch eine Person, zu der man eine Liebe fühlt. Für mich war das ein geborgenes Gefühl, so als habe ich einem Vater etwas anvertraut. Wir wollten alle in den nächsten Tagen so oft wie möglich den Schrein und die Moschee besuchen und manchmal war es schön einfach dort im Hof zu sitzen.

Zu all diesen Gefühlen kommt noch, dass der Schrein einfach wunderschön gestaltet ist. Vergoldete Kuppel und Mauern, Mosaike und, was ich noch nie gesehen hatte, Mosaike aus Spiegelscherben, die im Sonnen- und dem Licht bunter Lampen schillerten. Einfach überwältigend. Und obwohl die Bevölkerung im Irak mit so vielen Schwierigkeiten und Kriegsfolgen beschäftigt ist, gibt es unzählige Geldspenden für den Ausbau der Moschee. Imam Ali, a.s., braucht diesen Prunk nicht, aber  uns Gläubigen tut diese Atmosphäre offensichtlich gut. Ich hab an die Beschreibungen des Paradieses gedacht und dass es diesen ähneln soll, wenn auch das Paradies nicht wirklich in diesem Leben verstanden werden kann. Wir durften ja meistens nicht fotografieren, aber im Rahmen unserer VIP-Führung durften wir in einem Nebenraum der gerade im Ausbau war, ein paar Aufnahmen machen.

und hier die Künstler bei der Arbeit:


Leider ist eben die Beleuchtung nicht so, dass man das Funkeln sehen kann. Hier professionelle Bilder.

Und jetzt ist aber wirklich Schluß für heute.