Bismillah
Dies ist eigentlich eine Buchbesprechung, die Lebensgeschichte von Fausia Kufi passt aber gut in die Reihe. Fausia Kufi ist Parlamentsabgeordnete im afghanischen Parlament und ihr Buch entstand aus Briefen, die sie an ihre Töchter schreibt, wenn sie auf Reisen geht – da sie ununterbrochen unter Todesdrohungen der Taliban lebt, weiß sie nie, ob sie zurückkehren wird. So schreibt sie an ihre Töchter über ihre Liebe zu ihnen, aber auch zu ihrem Land und versucht ihre Werte zu vermitteln und zu erklären, warum sie nicht nur einfach Mutter sein kann. Um diese Briefe herum rankt sich ihre Lebensgeschichte und die ist wirklich atemberaubend.
Fausia Kufi stammt aus Badachschan, das ist ein Provinz im Norden Afghanistans und eines der abgelegendsten und ärmsten Gebiete des Landes. Sie wird als 19. von 23 Kindern ihres Vaters geboren, der insgesamt sieben Frauen hatte – nie mehr als vier zur Zeit, wie es islamisch vorgeschrieben ist. Ihre Mutter ist die zweite Ehefrau des Vaters, Herrscherin über den Haushalt und sein Liebling – das heißt aber nicht, dass er sie nicht schwer mißhandelt, so schwer, dass ihre Hände von Schlägen verkrüppelt sind. Ein normales Verhalten im Afghanistan der 70er Jahre und kein Grund für Fausias Mutter, ihren Mann nicht zu lieben. Fausia ist das 8. Kind ihrer Mutter, die zu der Zeit schwer erschöpft ist und sie wird geboren, als ihre Mutter mit anderen Angehörigen des Haushalts auf die Sommerweiden gezogen ist – eigentlich eine gute Zeit, in der die Frauen den Haushaltspflichten entkommen.
Aber Fausia ist ein Mädchen und ihre Mutter deprimiert, weil ihr Ehemann sich seiner neuesten, jüngsten Frau zugewandt hat. Sie will dieses Kind nicht und fordert die Hebamme auf, es in die Sonne zu legen, damit es dort stirbt. Fausia stirbt aber nicht, und als sie nach einem Tag in der prallen Sonne überlebt hat – mit Verbrennungen dritten Grades im Gesicht – bereut ihre Mutter ihre Entscheidung und nimmt ihr Kind an. Sie liebt Fausia nun um so mehr.
Im Haushalt der Familie geht es lebhaft zu – der Vater ist Parlamentsabgeordneter, wie auch sein Vater schon Stammesältester und Politiker war. Sich in die Politik einzumischen hat also Tradition in der Familie und Fausias Geschwister nehmen es später auch erstaunlich gut auf, dass sie zur Abgeordneten kandidiert und gewählt wird. Sogar männliche Familienmitglieder verzichten ihretwegen auf eine Kandidatur. Fausias Großvater hat einmal den Bau einer Paßstraße in das abgelegene Tal durchgesetzt, in dem er einen Ingenieur, der das Projekt für unmöglich erklärt hatte, eine Nacht in der Kälte auf dem Berg stehen ließ, damit er mal sieht, wie gefährlich es für die Bauern ist, das Gebirge zu überqueren.
Fausias Vater ist ebenfalls aktiv und sehr geschickt im Knüpfen von Verbindungen – dazu gehören auch seine vielen Ehen. Und er lässt sich nicht einschüchtern, auch nicht vom damaligen Regime, das seine Gegner verfolgt. Sie hat aber nicht viel Zeit von ihm zu lernen, denn er stirbt schon als sie drei Jahre alt ist. Nur zweimal hat er überhaupt bewußt Notiz von ihr genommen und sie behält ihn trotzdem als großes Vorbild im Gedächtnis. Er wird auf einer diplomatischen Mission bei den Mudschahedin von diesen ermordet.
Es folgt die Zeit der sowjetischen Besatzung und anschließend der afghanische Bürgerkrieg. Fausia Kufis Familie muss ihr Dorf verlassen und zieht jahrelang durch das Land – mal in die Stadt, nach Kabul, mal wieder hinaus aufs Land. Einige Mitglieder der Familie gehen nach Pakistan. Die Familie verliert einen großen Teil ihres erheblichen Vermögens und ist immer wieder auf die Hilfe anderer angewiesen.In all dieser Unruhe setzt Fausia durch, dass sie zur Schule gehen darf. Im Bürgerkrieg ist es mit Lebensgefahr verbunden, durch die Stadt zum Unterricht zu gehen, aber sie schafft trotz aller Unterbrechungen ihren Abschluß und möchte Medizin studieren.
Als Fausia 18 Jahre alt ist, liegt ihre Mutter im Sterben. Ein junger Mann möchte um Fausias Hand anhalten und ihre Mutter lernt ihn noch kennen und gibt ihre Zustimmung, bevor sie verstirbt. Auch Fausia ist angetan von dem jungen Hamid – allerdings dauert es weitere vier Jahre und viele Vorstöße seitens Hamids, bis Fausias Bruder mit der Heirat einverstanden ist. Keine ruhige Zeit, sondern wieder einmal muss die Familie flüchten und das ohne das Fausia Hamid eine Nachricht zukommen lassen kann. Er findet sie aber wieder und bringt auch den hohen Brautpreis auf, den Fausias Bruder fordert, obwohl seine Familie viel weniger wohlhabend ist als Fausias. Das ist auch ein Grund, warum ihr Bruder so viele Bedenken hat.
Als die beiden heiraten, sind gerade die Taliban an die Macht gekommen. Anfangs bejubelt, weil sie dem Bürgerkrieg ein Ende machten, erkennen die Afghanen sehr schnell, dass die sogenannten “Engel” keine sind,sondern eine völlig fremde Kultur und Auslegung des Islams mitgebracht haben. Fausia kann nicht mehr studieren, die Hochzeitsfeier muss im Verborgenen stattfinden und Fausias Bruder wird als ehemaliger Polizeichef von den Taliban verfolgt. Auch Hamid wird sehr schnell in die Verfolgung einbezogen, einfach wegen der Verwandtschaft. Viermal wird er verhaftet und mehr oder weniger lange festgehalten – Fausias Talent zum Knüpfen und Nutzen von Beziehungen verhilft ihm immer wieder zur Entlassung, aber schließlich ist er gesundheitlich schwer angeschlagen und hat sich mit Tuberkulose angesteckt. Es bleiben ihnen nur wenige Ehejahre und noch viel weniger Zweisamkeit unter diesen Bedingungen. Immer wieder müssen sie flüchten.
Das Ehepaar bekommt zwei Töchter – während Hamid die erste noch voll Freude begrüßt, ist er bei der zweiten Tochter doch sehr ablehnend. Die Kultur, die von ihm Söhne fordert, lässt auch ihn nicht in Ruhe, obwohl er in vieler Hinsicht ein sehr fortschrittlicher Mann ist. Aber auch bei Fausai wiederholt sich etwas: sie lehnt ihre zweite Schwangerschaft anfangs total ab und versucht ihr Kind abzutreiben. Eine Parallele zu ihrer Mutter, die sie natürlich erkennt und wie ihre Mutter bereut sie und liebt ihre Tochter um so mehr. Fausia wurde schwanger, als sie gerade eine erfolgreiche Englischschule aufgebaut hat – die Taliban sind vertrieben – sie muss ja für den Familienunterhalt sorgen. In die Ehe bringt die Ablehnung ihrer Tochter durch Hamid einen Knacks – bevor er stirbt, versöhnen sich die Eheleute aber wieder und auch seine Töchter lässt Hamid nicht merken, dass er gerne einen Sohn gehabt hätte.
Fausia bleibt 2003 nach nur secht Ehejahren mit zwei Kindern als Witwe zurück. Sie erhält eine Anstellung bei UNICEF – als Dolmetscherin. Als sie ihre Heimatprovinz mit der Hilfsorganisation bereist, wird aber deutlich, wieviel Ansehen ihre Familie genießt und Fausia wird die eigentliche Ansprechperson für die Bürger. So wächst sie in immer größere Verantwortung hinein und als schließlich 2004 die ersten Wahlen nach dem Bürgerkrieg abgehalten werden, entschließt sie sich, für ihre Heimatprovinz zu kandidieren. Dieses neue Ziel reißt sie aus der tiefen Depression in die sie nach Hamids Tod verfallen ist. Ein Wahlkampf, in dem sie dauernd bedroht wird und massive Wahlfälschungen – Fausia gewinnt trotzdem und – was ihr sehr wichtig ist – wird auch in der nächsten Legislaturperiode wiedergewählt.
Sie wächst mit ihren neuen Aufgaben und versucht für die Bevölkerung zu verbessern, was nur zu verbessern geht. Korrupt ist sie nicht und sie sieht mit Trauer, dass es andere Abgeordnete nicht schaffen, sich gegen ihren Eigennutz oder gegen die geballten familiären und gesellschaftlichen Ansprüche auf Bevorzugung zu wehren. Fausia glaubt daran, dass Afghanistan ein freies und frei regiertes Land werden kann, aber sie sagt auch, dass es kein Wunder ist, dass nach 30 Jahren Krieg die politische Kultur unterentwickelt ist.
Was gibt es noch zu sagen? Warum habe ich erwähnt, dass Fausia Kufi eine starke Frau im Islam ist? – weil sie das immer wieder betont und das finde ich sehr beeindruckend: sie ist eine gläubige Muslima, sie glaubt, dass Gott ihr diese Aufgaben gegeben hat – warum hat ER sie sonst so oft vor dem Tod errettet? – und sie glaubt an die Scharia und daran, dass der Islam in seiner ursprünglichen Form das Beste für uns Menschen ist.
Wirklich eine große Stärke in einem derartig vom Krieg gebeutelten Land in dem Mädchen fast keinen Wert haben, sich ihre Ausbildung zu erkämpfen, den Mann zu heiraten den sie liebt, einen Beruf auszuüben und schließlich auch als Witwe und Mutter von zwei Kindern ihren Weg ungebrochen zu verfolgen, gegen so viel Widerstand und trotz ständiger Angst, umgebracht zu werden. Das geht nur mit Vertrauen in Gott.
Kritik habe ich auch: Fausia ist unkritisch, was die amerikanische und internationale Besatzung angeht, sie glaubt an das Märchen von 9/11 und hat Verständnis für die amerikanische Politik. Sie lernt Bush und seine Frau kennen und ist beeindruckt, wie auch von anderen westlichen Politikern. Vielleicht verständlich, denn in ihren Augen gab es keine Rettung vor den Taliban, als durch diese Besatzung. Allerdings ist sie keine, die sich für Parolen gegen andere islamische Länder benutzen lässt.
Einer ihrer Briefe an ihre Töchter:
Liebe Schuhra, liebe Schaharasad,
das Leben ist ein Wunder, das uns von Gott gegeben wurde. Manchmal empfinden wir es als Segen, manchmal als Fluch. Manchmal wird es uns zu viel, und wir zweifeln daran, ob wir noch damit zurechtkommen. Aber dann schaffen wir es doch, denn wir Menschen haben die großartige Fähigkeit, Leid zu ertragen.
Aber wir selbst sind nicht großartig. Nur Gott ist großartig. Menschen gleichen winzig kleinen Insekten im weiten Universum. Unsere Probleme, die uns manchmal riesig und unüberwindlich erscheinen, sind es in Wahrheit gar nicht.
Selbst wenn wir lange leben, ist unsere Zeit auf Erden sehr kurz. Es zählt nur, wie wir unsere Zeit hier verbringen und was wir denen , die auf der Erde bleiben, zurücklassen. Deine Großmutter hinterließ uns allen viel mehr, als sie je ahnte oder hätte begreifen können.
In Liebe,
eure Mutter
