Bismillah
Ich habe dieses Buch in der Hörbuch-Version “gelesen”. Da ist es gekürzt, ich kann jetzt natürlich nicht sagen, ob was Wesentliches fehlt – an ein paar Stellen blieb ich doch vorübergehend etwas verwirrt, aber schließlich haben sich alle Rätsel gelöst. Der Vorleser, Rufus Beck, hat mir gut gefallen, er liest humor- und liebevoll und trotzdem kommen auch die traurigen und dramatischen Szenen glaubwürdig rüber.
Tracy Pringle, eine junge Frau aus der gerade-noch-unteren-Mittelschicht lebt mit ihren Eltern in einem heruntergekommenen Sozialwohnungshochhaus im 23. Stock. Diese Tatsache ist nicht ganz unwichtig, denn der Zustand dieses Wohnhauses, samt seines Fahrstuhls spielt einige Rolle in diesem Buch. Tracys Mutter ist Kindergärtnerin, ihr Vater nach einem Arbeitsunfall Frührentner und Gelegenheitshausmeister. Tracy ist eine verträumte junge Frau, die sich ihr Leben durch ihre Phantasie bunter macht – sie verliert ihren Job an der Supermarktkasse durch ihre Tagträume.
Wild entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen geht sie im Sexy-Outfit auf Arbeitssuche. Ein iranisch-vegetarisches Restaurant sucht laut Aushang eine Kellnerin, und da Tracy der Meinung ist, sie könne alles lernen, spaziert sie hinein und verwirrt den Inhaber, Sam, einen iranischen Immigranten. Erst weist er sie ab, aber am nächsten Tag versucht sie es noch mal, da kommt ihr Yvette, die Frau des Chefs zur Hilfe und Tracy ergattert den Job. Ihrer Phantasie kommt die orientalische Atmosphäre gerade recht und da sie ein phantastisches Gedächtnis hat, hat sie auch schnell die Speisekarte auswendig gelernt. Weil sie nun sowieso gerade in ein ganz anderes Leben eintaucht, trennt sich Tracy auch gleich noch von ihrem prolligen und untreuen Freund Ricky, was in der Folge noch Konsequenzen hat.
Sam ist ein charmanter, manchmal aufbrausender, mittelalter, kleiner und etwas übergewichtiger Mann, der seine Eltern in Iran enttäuscht hat, weil er das Familienunternehmen – eine Fleischproduktionsfirma – nicht fortführen wollte. Er wurde stattdessen Gastronom und auch noch ein vegetarischer. Mit der islamischen Regierung kam er nicht zurecht und so ist er nach England ausgewandert, wo er jetzt, 20 Jahre später, britischer ist als jeder Brite, wie man ihm nachsagt. Er ist irgendwie immer noch Muslim, wenn auch kein praktizierender, singt in einem anglikanischen Kirchenchor und verschmäht auch den Alkohol nicht. Auf Tracy wirkt er anfangs einschüchternd, auch wenn seine Frau Yvette ihr Mut macht, er sei gar nicht so. Das bestätigt sich dann, als Tracy ihre Scheu ablegt und beginnt, alle ihre Fragen an ihn loszuwerden, Ihre Bildungslücken füllen sich durch ihr Interesse und Sam genießt es, dass ihm jemand zuhört. So sind ihre Raucherpausen Gelegenheit, sich und die andere Kultur kennen zu lernen. Tracy ist wissensdurstig und beginnt zu lesen über Iran, Islam und anderes, sie blüht auf und beginnt sogar ein Abendstudium über Islam.
Etwas verwirrt sie allerdings: Sam hat nicht nur eine Frau, sondern sogar zwei! Und von der einen auch noch 4 Kinder! Zwei wunderschöne und selbstbewußte Frauen. Tracy muss dann auch gleich mal über Polygamie nachlesen. Und beide Frauen sind sehr reizend zu ihr, laden sie nach Hause ein, machen Späße, geben Kleidungs- und Schminktipps. Sie ermuntern Tracy, Sam näher kennen zu lernen, was diese noch mehr durcheinander bringt. Tatsächlich kommen sie und Sam sich aber näher und beginnen gemeinsam spazieren zu gehen. Und schließlich erfährt sie auch, dass es um Sams Ehen nicht so bestellt ist, wie es aussieht. Die beiden schließen erst einmal eine Zeitehe und beschließen dann, dauerhaft islamisch zu heiraten, bestätigt von Sams beiden ersten Ehefrauen. Es stellt sich heraus, dass die vier Kinder nicht von Sam, sondern von seinem Bruder sind, und er seine Witwe geheiratet hat. Auch um Yvette gibt es eine tragische Geschichte. Und Sam ist nicht der Frauenheld, nachdem seine Situation aussieht, im Gegenteil, es hat sehr lange gedauert bis er geheiratet hat, genauer gesagt bestehen beide Ehen gerade 4-5 Jahre.
Zuerst sind ihre Eltern sehr angetan von ihrem charmanten Chef, der doch tatsächlich auch der tristen Wohnlage noch seine Reize entlocken kann und ihre Tochter fürsorglich nach Hause begleitet, das bleibt aber nicht so, als sie mitbekommen dass die beiden sich verliebt haben und heiraten wollen, gibt es einen Riesenkrach und der Kontakt bricht ab.
Das Eheleben mit Sam als Hahn im Korb gestaltet sich sehr harmonisch und alle sind glücklich. Leider hält das nicht lange an, denn jemand hat die Familie beim Jugendamt angezeigt und es kommt eine Welle ins Rollen, überwiegend gespeist durch die Phantasien, die in den Köpfen der Behördenmitarbeiter angesichts dieses Arrangements entstehen – womöglich finden dort Sex-Orgien statt und auch die Kinder seien in Gefahr. Anfangs versuchen sie noch, diese Gefahr zu ignorieren, aber die Behörden greifen durch und holen die Kinder aus der Familie. Sie müssen sich trennen, Yvette und Tracy ziehen vorläufig in ein Hotel. Gar nicht hilfreich ist außerdem, dass Sams Eltern zu Besuch sind und bis auf die erste Frau, die Mutter der Kinder, keine der Ehen akzeptieren.
Die Geschichte, die anfangs eher humorvoll und romantisch verlief, entwickelt sich zu einem Drama. Nicht nur wegen der Behörden, sondern auch Tracys Exfreund und ihre Eltern tragen zur Eskalation bei. Sie kommen nicht um ein Gerichtsverfahren herum, was alte Wunden aufreißt, denn Sam stand schon einmal vor Gericht, dazu wird er noch überfallen und schwer verletzt. Ich verrate nicht, wie die Geschichte ausgeht, nur dass das Ende wieder glücklich und überraschend ausfällt.
Mir gefiel das Buch sehr gut, aber was ich bemängeln muss, ist, dass bei einem Roman, der so viel über den Islam beinhaltet, so viele inhaltliche Fehler zu dem Thema nicht enthalten sein dürften. Z.B. sind zur Zeitehe sowohl über deren Schließung, wie zu deren Beendigung wirklich peinliche Fehler enthalten und eine shiitische Familie wird ihre Tochter nicht Aisha nennen. Es wird über den Hijab berichtet und der eher als Verführungsinstrument verstanden – oben Schleier, unten Bauchnabelpiercing. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso man zu einem derartig grundlegendem Thema nicht gut recherchiert. Hin und wieder vermischen sich auch Informationen über den Islam, mit solchen über iranische Tradition. Grundsätzlich ist das Buch aber zum Thema Islam sehr wohlwollend.
Insgesamt ist es wirklich eine sehr liebevolle und spannende Geschichte über Liebe und besondere Beziehungen, Vorurteile, Gewalt und Versöhnung.