Bismillah
Gestern war nach dem islamischen Kalender der 25. des Monats Schawwal und somit der Todestag unseres 6. Imams Dschafar al-Sadiq, der als Begründer der shiitischen (dschafaritischen) Rechtsschule angesehen wird. Nicht weil er etwas anderes gelehrt hätte, als die Imame, a.s., vor ihm, sondern weil er in einer Zeit eines relativen Machtvakuums lebte und somit mehr Möglichkeiten hatte, Gelehrte auszubilden, als andere vor ihm. Unter anderem war auch Abu Hanifa bei ihm, der später die hanefitische Rechtsschule begründete, eine der vier sunnitischen Schulen. Ein großer Unterschied war zwischen Lehrer und Schüler ein Bestandteil der Methoden zur islamischen Rechtsfindung. Abgesehen von
- dem heiligen Quran
- der Sunna, dem Vorbild des Propheten, s.a.s., und bei den Shiiten auch dem der lebenden Ahl-u-bait, a.s., der Nachfolger des Propheten
- der Übereinstimmung in der islamischen Umma, der islamischen Weltgemeinschaft
gibt es bei den Sunniten noch den Analogieschluß und darin besteht der Unterschied zu den Shiiten, die diesen ablehnen und den Vernunftschluß praktizieren. Dass dieser benötigt wird, liegt daran, dass das derzeit lebende Mitglied der Ahl-u-bait, Imam Mahdi, a.s., in der Verborgenheit lebt. Deshalb, wenn alle anderen Methoden nicht weiterhelfen, wird auf die Vernunft zurückgegriffen, die eine Basis der Religion ist, denn nichts im Islam ist unvernünftig.
Imam Dschafar al-Sadiq lehnte den Analogie (Vergleich)-Schluß mit folgenden Begründungen ab (so berichtet sein Schüler Abu Hanifa selber):
“der Erste, der gegen Gottes Befehle nach dem Vergleich gegriffen hat, war der Teufel: als Allah ihm befahl, sich vor Adam,a.s., niederzuwerfen, verweigerte der Teufel das mit der Begründung, er sei aus reinem Feuer erschaffen und der Mensch aus Erde. Somit sei er dem Menschen überlegen.”
Ein weiteres Beispiel:
Der Imam, a,s, sagte: “Ya Abu Hanifa, was ist in deinen Augen die größere Sünde: einen Menschen zu Unrecht zu töten, oder Unzucht zu betreiben?”
Ich (Abu Hanifa) antwortete dem Imam, a.s.: “Jemanden zu Unrecht töten”
Der Imam antwortete: “Warum verlangt dann Allah für den Beweis des Mordes zwei Zeugen, für den Beweis der Unzucht vier Zeugen? Ist es somit möglich, diese beiden Taten miteinander zu vergleichen?”
Ich verneinte. Weiter:
Der Imam,a.s., fragte: “Was ist unreiner, Urin oder Sperma?”
Ich antwortete: “Urin”
Der Imam daraufhin: “Warum befiehlt Allah dann, dass wir bei Beschmutzung mit Urin Wudhu (die Teilwaschung) machen müssen und bei der Beschmutzung mit Sperma Ghusl (die Vollkörperreinigung”? Kann man die beiden miteinander vergleichen?”
Ich sagte: “Nein”
Der Imam fragte: “Ist das rituelle Gebet wichtiger, oder das Fasten?”
Ich anwortete: “Das rituelle Gebet”
Der Imam darauf: “Warum ist es dann für die Frau die ihre Periode hat, Pflicht die nicht gefasteten Tage nachzuholen, aber nicht das rituelle Gebet? Besteht die Möglichkeit,diese beiden Dinge miteinander zu vergleichen?”
Ich sagte “Nein”
Imam Sadiq, a.s. fragte: “Ist die Frau (was die körperliche Kraft angeht) schwächer, oder der Mann?”
Ich antwortete: “Die Frau ist schwächer”
Imam Sadiq, a.s.: “Warum hat Gott dann beim Erbe dem Mann zwei Teile zugesprochen und der Frau einen Teil? Kann man diese Dinge miteinander vergleichen?”
Ich antwortete: “Nein, das kann man nicht”
Imam Sadiq, a.s.: “Warum befiehlt Gott, dass man jemandem der 10 Dirham gestohlen hat, die Hand abzuhacken, während jemand der einem anderen die Hand abtrennt, 500000 Dirham Entschädigung zu zahlen hat?* Kann man einen Vergleich aus diesem Beschluss ziehen?”
Ich sagte: “Nein”
Imam Sadiq, a.s. sprach: ” Mir ist zu Ohren gekommen, dass du bei der Deutung des koranischen Verses: Am Tag der Auferstehung werdet ihr über die Gaben Gottes befragt werden, diesen so ausgelegt hast, dass die Gaben Gottes die guten, süßen Speisen und das erfrischende kühle Wasser, das man an einem heißen Tag trinkt, gemeint seien?”
Ich antwortete: “ja, das habe ich so gedeutet und geschrieben”
Imam Sadiq, a.s.: “Wenn dich ein Mann einlädt, dir gute Speisen und Getränke gibt, aber nachher Dankbarkeit von dir verlangt – was würdest du von ihm denken?”
Ich sagte: “dass er ein geiziger Mann ist”
Imam Sadiq, a.s.: “nun: ist Gott geizig, weil er uns am Tag der Auferstehung nach den guten Gaben fragt, die er uns gewährt hat?”
Ich fragte Imam Sadiq, a.s.: “Was ist denn mit den Gaben Gottes gemeint?”
Der Imam, a.s., sagte: ” damit ist die Liebe und das Verhältnis zu uns, den Ahl-u-bait, gemeint”
(*Diese Bestrafung ist von mehreren schwerwiegenden Bedingungen abhängig und darf nicht ohne ordentliche Gerichtsverhandlung verhängt werden. Viele Rechtsgelehrte der heutigen Zeit lehnen auch solche Körperstrafen heutzutage ab.)
Dieses Beispiel sollte auch für die vielen, meistens jungen, Geschwister ein Zeichen sein, die der Meinung sind, selber aus dem Koran Schlußfolgerungen für wichtige Lebensentscheidungen treffen zu können. Mich erschreckt das: meistens noch nicht einmal des Arabischen kundig, geschweige denn wirklich islamisch gebildet, erlassen sie sich ihre eigenen Fatwas (islamische Rechtsurteile) und begründen das auch noch damit, dass der Koran an unsere Vernunft appelliert. Inschallah (so Gott will) ist das obige Beispiel ein Zeichen dafür, wieviel Wissen für die Fähigkeit zum Idschtihad (selbständige islamische Rechtsfindung) notwendig ist und warum Ali und Fatima Normalmuslim diese Kompetenz nicht besitzen. Vernünftig ist in diesem Fall, sich vertrauenswürdige Personen zu suchen, deren Urteilen man folgt. Unvernünftig ist es, sich da auf seine eigene Auslegung des Korans zu verlassen und sich daraufhin etwas zu erlauben, oder zu verbieten.
Frisch konvertiert, habe ich das auch anders gesehen, damals war ich aber noch viel unwissender als jetzt – jetzt weiß ich immerhin, dass ich nichts weiß – während ich mich anfangs voll Begeisterung auf meine Koranübersetzungen gestürzt habe und genauso verglichen habe. Da bin ich inzwischen sehr viel demütiger und ich finde auch, dass ich mehr Freiraum für wirklich wichtige Dinge im Glauben habe, wenn ich bei religiösen Urteilen auf meinen Marja (Vorbild der Nachahmung) vertraue. Shiiten sind dazu verpflichtet, sich einen Marja zu wählen, den den sie für den am meisten Wissenden halten. Man kann dann in seinem religiösen Regelwerk (Risala) nachschlagen, oder auch sein Büro mit einer Frage anschreiben, wenn man keine Antwort findet. D.h., dass man einem lebenden Gelehrten folgen muss – es sei denn, der eigene Marja verstirbt, dann darf man anhand seiner Risala im weiter folgen. Man kann sich dann aber auch einen neuen wählen.
Ich plädiere hier keineswegs dafür, nicht im Koran zu lesen, im Gegenteil. Jedes mal wenn ich mich wieder dem Koran widme, verstehe ich ein bisschen mehr und lerne aus den Geschichten über die Propheten,a.s., die Völker und die Schöpfung. Koran lesen ist wichtig um den Islam ins Herz zu lassen. Nur gehe ich nicht hin und fälle Gerichtsurteile aus dem, was darin steht.
Heute jedenfalls fürchte ich für die Geschwister die so vergnügt ihre eigenen Fatwas erlassen, dass sie sich damit in Gefahr begeben. Abu Hanifa hat übrigens weiterhin den Analogieschluß angewendet, warum auch immer.
Die Zeit die ich nicht damit verplempere, mir laienhaft meine eigene Koranauslegung zu basteln, kann ich viel besser nutzen um in meinem Herzen die Verbindung zu Gott zu verbessern. Imam Dschafar al-Sadiq,a.s., gibt auch dazu Anleitungen:
“Jedem Muslim der uns kennt, obliegt die Pflicht, seine Handlungen an jedem Tag und in jeder Nacht seiner Seele vorzuhalten und seine Seele zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn er dann eine gute Tat sieht, macht er mehr davon. Wenn er aber eine schlechte Tat sieht, bittet er um Vergebung, damit er am Tag der Auferstehung nicht erfolglos wird” Quelle
Von Imam Sadiq, a.s., sind auch sehr viele Aussagen zum Umgang mit den Mitmenschen überliefert, mit deren Befolgung die menschliche Gemeinschaft es viel besser hätte. Und weil ich sehr fehlerhaft bin, schließe ich mit einer weiteren Überlieferung:
“Der liebste zu mir unter meinen Brüdern, ist derjenige, der mich auf meine Fehler hinweist”
Zur Biographie von Imam Dschafar Sadiq, a.s.