Archiv für den Monat Juni 2011

Warum lassen die Türken gewählte Abgeordnete nicht ins Parlament ?

Warum lassen die Türken gewählte Abgeordnete nicht ins Parlament ?

 Bismillah

Die Wogen schlagen hoch in der Türkei, nachdem der „Hohe Wahlausschuß“ insgesamt 5 neu gewählten Abgeordneten den Abgeordnetenstatus aberkannt hat. Dafür kann die AKP nichts, auch wenn man das gerne glauben soll, aber diese YSK ist mit niemandem gut Freund scheint mir. Sie haben jedenfalls dafür gesorgt, dass Türken im Ausland nicht wählen konnten, obwohl die Regierung darauf drängte und bei jedem noch höheren Wahlerfolg hat die AKP weniger Sitze erhalten, weil die Stimmengewichtung geändert wurde. Sehr eigenartig. Aber hier geht es um die gesperrten potentiellen Abgeordneten, die außerdem alle in Untersuchungshaft sitzen.Und um drei, die das Gericht nicht aus der Untersuchungshaft entlassen hat.

Ich hab mal versucht, was darüber rauszufinden. Als erstes las ich über Hatip Dicle und zwar bei wiki. Der Herr war schon in 1991 in das Parlament gewählt worden und begann seine Laufbahn damit, dass er den Eid nur „unter dem Zwang der Verfassung“ ablegen wollte. In 1994 wurde seine Immunität aufgehoben und er wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (PKK) und Landesverrat zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. In 2004 wurde er vorzeitig entlassen, erhielt aber erst mal ein Politikverbot. Er wurde Mitglied der Unterorganisation der PKK: Koma Civakên Kurdistan Diese sagt über ihre Ziele:

“Die Führung der Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan obliegt Abdullah Öcalan. Er ist der philosophische und strategische Theoretiker einer auf Ökologie und Geschlechterbefreiung aufbauenden Demokratie.”

Ansonsten maßt sie sich an, Bedingungen für ein Ende des Kurdenkrieges stellen zu dürfen und stellt Forderungen wie die Anerkennung der kurdischen Identität unter dem Dach der Türkei. Etwas das unter der AKP längst umgesetzt wurde.

Ich frage mich, wieso jemand der ganz offensichtlich nichts von der parlamentarischen Demokratie hält, sondern einen selbsternannten Führer, der wegen Mordes und anderer Verbrechen inhaftiert ist und den er befreit sehen möchte, bevorzugt, sich in ein Parlament wählen lässt?

Dazu kommt, dass er wegen der Mitgliedschaft in der KCK inhaftiert wurde und seit April 2010 wieder im Gefängnis sitzt. Noch ist kein neues Urteil gesprochen, hat er sich Immunität erhofft? Wie auch immer: es handelt sich um ein anscheinend unverbesserliches Mitglied von Terrororganisationen und nicht um jemanden, der wegen ein paar kurdischer Worte verhaftet wurde. Und die kurdischen Gemeinden bedanken sich sicherlich dafür, dass man ihnen einen Führer wie „APO“ aufzwingen will.

Mit der KCK haben noch andere gesperrte Abgeordnete zu tun:

Ibrahim Aydan sagt in seiner Biografie nur Unverfängliches über sich aus: Lehrer von Beruf, verheiratet, zwei Kinder, im Interesse seines Volkes für die DTP (verboten) und BDP (Nachfolgerin) tätig. Verhaftet im September 2010. Hier seine homepage Sitzt ebenfalls wegen Mitgliedschaft in der KCK.

Kemal AKTAŞ sitzt ebenfalls seit September 2010 wegen KCK-Mitgliedschaft in U-Haft.

Faysal Sarıyıldız erinnert mich zwar optisch an „Shaban“den beliebten Komiker, aber er ist wohl nicht so lustig, ihm wird ebenfalls die KCK-Mitgliedschaft vorgeworfen.

Selma Irmak , ebenfalls Vorwurf der KCK-Mitgliedschaft

In der Tat haben sich die Untersuchungshäftlinge auf ihre „legislative Immunität“ berufen beim Antrag auf Entlassung aus der Untersuchungshaft, dieser wurde jedoch wegen Verdunklungsgefahr abgelehnt

Erst einmal gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Trotzdem ist es eigenartig, aus dem Untersuchungsgefängnis heraus für das Parlament zu kandidieren. Jeder vernünftige Mensch wird wohl erstmal seinen Freispruch abwarten (ich weiß gar nicht, ob man in Deutschland so kandidieren dürfte?). Aber wenn man sich Straffreiheit durch parlamentarische Immunität verspricht, lässt das an der Unschuld zweifeln. Ich frage mich, wer solche Leute wählt?

Inzwischen erklärt die PKK einmal wieder den Krieg, während ihre „unabhängigen“ Abgeordneten auf die Weisung ihres inhaftiertenTerroristenchefs warten. Ist es nicht unglaublich, dass anscheinend gestandene politische Persönlichkeiten sich von den Anweisungen eines verurteilten Mörders abhängig machen?

Terroristen von der anderen Seite:

Engin Alan ehemaliger General, Kandidat der MHP sitzt wegen des Verdachts der Teilnahme an den „Vorschlaghammer“-Putschplänen in Untersuchungshaft. Immerhin hat die MHP deswegen nicht die Vereidigungssitzung des Parlamentes boykottiert.

Mehmet Haberal Kandidat der CHP, verdienter Arzt und Hochschulprofessor, sitzt wegen Beteiligung an der Ergenekon Verschwörung seit 2009 in Untersuchungshaft – nein, das stimmt nicht, er sollte dort sitzen, verbrachte die Zeit aber komfortabel im Krankenhaus, angeblich transportunfähig. Hier kann man den Schwerkranken sehen:

Dass die bei ihm angestellten Ärzte ihm ein solches Attest ausstellen, wundert nicht, wenn sie sich weigern, wären sie dort wohl keine Ärzte mehr. Was besonders interessant am Prof. Haberal ist, ist seine mögliche Beteiligung am Ableben des ehemaligen Ministerpräsidenten Ecevit, einemParteikollegen.

Mustafa Balbay, Journalist, inhaftiert seit 2009 wegen mutmaßlicher Beteiligung an der Ergenekon Verschwörung – man kann z.B. in der zaman nach seinem Namen oder nach den Ergenekon-Files suchen, dort kommt er häufig vor.

Vermutlich wären alle froh, wenn die Ergenekon Ermittlungen endlich so weit wären, dass die Gerichtsverhandlungen beginnen könnten. Andererseits sind diese Verstrickungen so unglaublich tief, dass man wohl kaum erwarten kann, dass die Staatsanwaltschaft damit schon fertig ist. Was jetzt Kılıçdaroğlu wiederum bewogen hat, diese zwei Kandidaten, gegen den Widerstand seiner Parteifreunde aufzustellen, das würde ich auch gerne mal wissen. Meine Phantasie sagt mir so einiges dazu, aber wir wollen ja nur von Tatsachen sprechen.

Wir wechseln den Telefonanbieter, Teil 1

Wir wechseln den Telefonanbieter, Teil 1

Bismillah

Ich hoffe, das wird hier jetzt keine lange Artikelserie – aber wir müssen den Telefon- und Internetanbieter wechseln, weil uns M-net, mit dem ich soooooooo zufrieden war, leider die internationale flat gekündigt hat. Also nicht nur uns, sondern allen.Bei der Auswahl musste also diese flat zu haben sein und wir wurden bei 1&1 fündig, da soll es auch noch superturboschnelles Internet geben. Soweit ist auch alles startklar und bestellt, gestern sollte die Hardware geliefert werden. Sollte.

Morgens in die Sendungsverfolgung bei GLS geschaut – Päckchen ist an Bord. Den ganzen Tag hab ich hier rumgelungert, mich nicht getraut den Staubsauger anzumachen, nicht auf den Balkon gelegt (na da war ja auch noch der Baustellenkrach) – nichts.

Heute morgen in die Sendungsverfolgung geschaut: “Paket konnte nicht zugestellt werden, Nachricht hinterlassen” *grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*

Mit GLS erleben wir das nicht zum ersten Mal. Die haben angeblich schon bei uns in Haar geklingelt, lange nachdem wir nach Unterschleißheim umgezogen sind. Unser Name stand also lange nicht mehr am Klingelschild und am Briefkasten, trotzdem haben sie das Paket  bei einer ehemaligen Nachbarin abgegeben und wollten dann noch, dass ich es selber abhole. Das hab ich aber natürlich nicht gemacht und sie mussten selber hin. Ich fahr doch nicht drei Stunden S-Bahn weil die eine falsche Adresse im System hatten. Denn das war wohl das Problem, die Sendung war richtig adressiert, aber sie hatten uns anscheinend schon mal gespeichert. So was Dämliches.

Na heute kommen sie wohl nicht mehr, so schnell kapieren sie ihren Fehler nicht. Ich kann dann also mal das Haus verlassen.

 

Türkische Wahlen und ihre Nachwehen – wen haben die Kurden gewählt?

Türkische Wahlen und ihre Nachwehen – wen haben die Kurden gewählt?

Bismillah

Gestern war die erste Sitzung des neugewählten Parlaments und die “unabhängigen” kurdischen Abgeordneten und die CHP sind nicht zur Vereidigung erschienen, weil insgesamt 8 Abgeordnete nicht ins Parlament einziehen konnten, da sie im Gefängnis sitzen – in Untersuchungshaft. Einer davon gehört zur MHP, aber die haben deswegen nicht gestreikt.

Ich will aber vorwiegend mal etwas zum Anspruch der BDP, bzw. ihrer als Unabhängige gewählten Abgeordneten sagen(die BDP hat als Partei nicht kandidiert, da sie landesweit nicht die 10%-Hürde überspringen könnte), dass sie exklusiv die kurdischen Interessen vertreten. Darum schreib ich mal die Wahlergebnisse der kurdischen Provinzen hier rein, und wenn man schaut, haben zwar die BDPler in 2 Provinzen über 70%, in Hakkari sogar fast 80%,  die AKP allerdings in 8 Provinzen mehr als 60%. In einigen weiteren Provinzen gibt es fast ein Kräftegleichgewicht von AKP und BDP.Ein paar interessante Ausrutscher gibt es auch, z.B. die hohe CHP-Mehrheit in Tunceli und ein paar Provinzen mit großer Stimmenanzahl für die MHP, die ansonsten kaum eine Rolle spielt.

(Ich hab ein Formatierungsproblem, darum rutscht die Tabelle ganz nach unten, :-)   )

Der gestrige Boykott fand statt, weil 6  gewählte Abgeordnete nicht in das Parlament einziehen konnten, da sie in Untersuchungshaft sitzen. einer wegen einer rechtskräftigen Verurteilung( BDP), 4 der BDP, 2 der CHP (und einer der MHP, aber die hat nicht boykottiert)

In Hakkari war kein anderes Ergebnis zu erwarten – aber bestimmte Wahlbeobachter der ausländischen “Linken” wollen massive Beeinträchtigungen sowohl im Vorfeld der Wahlen bemerkt haben:

Während im Vorfeld der Wahlen schon die Repressionsschraube angezogen worden war, und erneut tausende kurdische Politker_innen, Aktivist_innen und Mitarbeiter_innen der linken, prokurdischen BDP oder ihrer Stadtverwaltungen festgenommen worden waren, setzte die Regierungspartei AKP gleichzeitig auf Bestechung der verarmten Bevölkerung durch Geld- und Sach- „Geschenke“, die gegen Schwur auf den Koran die AKP zu Wählen ausgehändigt worden sind. Daneben setzte der Staat auf Einschüchterung und Bedrohung der Bevölkerung insbesondere in ländlichen Gebieten, sowohl mit Hilfe der Polizei, des Militärs oder aber auch den über 70.000 paramilitärischen Dorfschützern, die in den kurdischen Provinzen stationiert sind.weiter bei indymedia

als auch bei den Wahlen selber.

Die Sache mit den “Geschenken” und auf den Koran schwören ist  ein lächerliches  Gerücht, leider scheinen die “AktivistInnen” nicht unabhängig beobachtet zu haben und fallen auf solche Aussagen rein, erwähnen allerdings im Gegenzug nichts von Straßenschlachten mit BDP-Beteiligung, bei denen auch häufig Molotow-Cocktails fliegen. Da wundert die Militärpräsenz nicht.

Kurz vor den Wahlen war auch der Wahlkampftross Erdoğans Opfer eines Mordanschlags, dem zwei Sicherheitskräfte zu Tode kamen. Wenn also die freien Wahlen so beeinträchtigt wurden, ist es doch erstaunlich, dass die BDPler solche Erfolge haben konnten.

Man macht es sich schon etwas einfach, wenn man die Ergebnisse in den kurdischen Provinzen als manipuliert bezeichnet. Unsere Familie hat ja auch gewählt und das Ergebnis im Dorf, habe ich ja schon mal gepostet. Eine Behinderung der Wahlen würde die Dorfbevölkerung niemals hinnehmen.Die Vorwürfe der Einschüchterung kann man gut an die PKK-Freunde zurückgeben, denn Erpressung von Wahlberechtigten, Drohungen, Brandstiftungen sind aus kurdischen Städten und Dörfern bekannt.

Zu den einzelnen Kandidaten, die nicht ins Parlament einziehen durften, werde ich dann inschallah noch etwas schreiben. Wenn man das auch der bösen AKP zuschreiben will, ist man auf dem falschen Dampfer. Der YSK, der hohe Wahlausschuss der Türkei, steht über allen die Wahlen betreffenden Angelegenheiten und ist nicht gerade AKP-freundlich. So kann es nämlich sein, dass die AKP trotz steigender Prozentzahlen nach jeder Wahl weniger Parlamentssitze hat. Gegen Entscheidungen der YSK kann auch das Verfassungsgericht nichts tun (von em  haben die  Türken bloß dieses Modell abgeguckt?)

Soweit erstmal – das Thema wird wohl noch eine Weile aktuell bleiben.

AKP BDP CHP MHP
Mardin 32,11 61,03 3,66 0,63
Bingöl 67,13 23,94 3,97 1,33
Van 40,26 49,0 3,74 2,99
Diyabarkır 32,95 61,83 2,18 0,77
Batman 36,98 51,76 6,56 0,57
Hakkari 16,47 79,89 0,9 1,03
MUŞ 42,94 44,4 4,14 4,12
BİTLİS 50,7 40,4 1,72 3,17
SİİRT 47,13 42,71 2,79 1,11
AĞRI 47,62 40,62 2,22 2,22
Erzurum 69.29 8,13 4,84 13,31
IĞDIR 28,28 31,48 1,67 34,09 Interessantes Kräftegleichgewicht
ELAZIĞ 67,42 —– 13,18 14,46
TUNCELİ, 16,25 22,91 56,25 2,16 Hochburg kurdischer Aleviten
ŞANLIURFA 64,86 26,25 3,03 3,00
MALATYA 68,5 1,04 19,65 8,14
ERZİNCAN 57,42 —- 30,42 9,37
GAZİANTEP 61,88 5,07 19,43 9,48
ADIYAMAN 67,42 6,42 16,57 4,6
K.MARAŞ 69,65 —— 11,5 12,98
KILIS 59,53 —— 15,2 20,94
HATAY 44,66 1,14 38,41 12,64 Sehr gemischte Bevölkerung, aber kurdische Mehrheit
SİVAS 63,35 4,62 15,28 9,9
KARS 42,62 19,42 16,6 17,25
ŞIRNAK 20,07 72,08 2,55 1,18

Gemecker des Tages

Gemecker des Tages

Bismillah

 

Endlich mal so richtiges Balkonwetter – und schon wird unten die Straße aufgerissen. Letztes Jahr haben sie das dreimal gemacht, inschallah gibt´s das nicht dieses Jahr schon wieder. Was soll das bloß, kann man nicht alles auf einmal erledigen?

Geht echter Dialog?

Geht echter Dialog?

Bismillah

Auf der Hamburger Tagung gab es auch eine Arbeitsgruppe zum Dialog. Leider hatte ich mich für eine andere Gruppe entschieden, die nicht wirklich ergiebig war und konnte daher nur die kurze Zusammenfassung hören. Aber eins hab ich mir als wichtig gemerkt: echter Dialog bedeutet, sich auf den anderen und sein Weltbild wirklich einzulassen? Wann tun wir das schon?

Erstmal ein kleiner Ausflug nach wikipedia. Da kann man sehen, dass das Wort durchaus unterschiedlich besetzt ist, von der Vermittlung von Wissen (aber das nicht im Monolog), zum erforschen des Wissens anderer, bis zur Gestaltung von Arbeits- und privaten Beziehungen (und in diesen Bereichen ist es ganz wichtig, dass keine Angst aufkommt). Eine Grundfrage wird dort genannt: Was tust Du da, und wie kommst Du dazu, das … so zu verstehen, wie Du es tust?

Ich rede hier jetzt hier vom interreligiösen Dialog. Das kann durchaus auch der innerislamische sein. Wer sich auf youtube umschaut, wird sehen wie kompliziert das ist. Eher geht es um Belehrung, als um Verständnis. Mir ist das verständlich, denn es sträuben sich ja auch mir die Nackenhaare bei den Ansichten mancher islamischen Geschwister. Da gibt es so viele Meinungen, die meinem Islamverständnis so völlig entgegenstehen, dass ich eigentlich nur schreien möchte und keineswegs gewillt bin, das zu verstehen. Es sind nicht nur die Salafiten/Wahabiten bei denen ich mich grusele – das sind die sog. “Hardliner”, sondern auch diejenigen, die alles so locker nehmen, dass sie ihren eigenen Islam zurechtbasteln und sich selber Fatwas geben (natürlich nennen sie das nicht so). Ich sehe mich da in einer Mitte und als Shiitin ist mir auch klar, dass ich mich in islamischen Rechtsfragen an meinen Marja wende, bzw. in seiner Risala nach bereits vorhandenen Antworten blättere. Ich wage es nicht, den Koran selber auszulegen, wo ich doch nicht mal arabisch kann.

Also bei der einen wie bei der anderen islamischen Gruppe hab ich keine Geduld mich in deren Einstellung einzufühlen. Kann das jemand? Ein gutes Beispiel für innerislamischen Dialog ist Al Muradschat – die Konsulation hier schreiben sich ein sunnitischer und ein shiitischer Gelehrter Frage und Antworten. Wobei eher der Sunnite Antworten vom Shiiten will – und durch Nachfragen immer tiefer in das shiitische Wissen eintaucht. So gesehen ist der Dialog eher ein Erfragen, als ein Austausch. Aber was sicherlich bemerkenswert ist, dass man am Ende einfach die Meinung des anderen stehenlässt – so haben es jedenfalls die beiden Gelehrten geschafft, die durch ihr islamisches Studium auch die Fähigkeit zum respektvollen Verhalten erworben haben.

Mir fällt das nicht so leicht. Wenn ich auf in meiner Überzeugung völlig falsche Islam-Auslegung stoße, möchte ich die Geschwister am liebsten schütteln.

Manchmal ist es eher leichter im interreligiösen Dialog. Da erwarte ich ja nicht, dass der andere den Islam schon kennt. Aber ich gebe zu, dass ich auch keinen völlig einfühlsamen Dialog führen kann. Schließlich habe ich ja meine Überzeugung. Geht es nicht den meisten so, dass wir am Ende doch recht behalten und überzeugen wollen? Und umgekehrt ist das genauso. Wenn ich meine Erfahrungen anschaue, möchten mich am Ende die Christen doch überzeugen. Beide Seiten sind nur begrenzt bereit, sich auf die andere Religion einzulassen, gerade nur soweit, dass man genug versteht um am Ende doch gegenhalten zu können.

Wenn man es dann am Ende schafft, das Ergebnis der Diskussion einfach stehen zu lassen, dann ist das schon viel. Aber kann es dadurch wirklich so weit kommen, dass die Angst vor dem anderen verschwindet? Denn der Gegenpart spürt natürlich, dass der andere etwas anderes möchte, gerade auch weil er es gut meint mit dem Gesprächspartner. Während man sich selber gar nicht sicher fühlt vor dem Überzeugungsanspruch des anderen? Irgendwie sind alle auf Missionierung aus?

Ich möchte nicht behaupten, dass Dialog nicht anders geht, ich beschreibe nur, was in mir selber vorgeht und was ich auch bei anderen bemerke. Sowohl bei Muslimen, als auch bei Christen (den islamisch-jüdischen Dialog lasse ich mal beiseite, weil der nach meiner Erfahrung meist noch weniger gelingt, weil die Trennung zwischen Jude/Zionist schon selten zu finden ist).

Noch viel bedrohter fühle ich mich natürlich von denen, die gar keinen Dialog wollen, auch wenn sie es manchmal so verpacken, dass man in ihre Veranstaltungen oder in ihre webseiten stolpern kann um dann schleunigst wieder die Flucht zu ergreifen. Diejenigen, die nur beweisen wollen, dass meine Religion eine unterdrückerische und gefährliche ist. Ich könnte hier jetzt seitenweise blogs verlinken, aber ich will die ja nicht fördern.

Ein gutes Beispiel für das was ich interreligiös für schwierig halte, gibt es hier auf einer Diskussion bei theolounge.

Ausgangspunkt ist ein Artikel über “Al Andalus” – die gemeinsame Kultur von Christen, Juden und Muslimen in Andalusien. Der Artikel verklärt diese Zeit durchaus nicht. Aber ich wollte ja etwas aus der Diskussion posten:

Ich zitiere hier Rainer Braendlein, dessen Argumentation ich typisch finde (und nicht übel nehme) und ich setze mal meine Gedanken dazwischen:

„… Muslime, Juden und Christen zueinander fanden?“

Die folgenden Zeilen schreibe ich in dem Bewußtsein, daß mir als Christ geboten ist, meinen Nächsten zu lieben unabhängig von seiner Religion, Hautfarbe, Herkunft, usw..

Wenn ich auch meinen muslimischen Nachbarn lieben soll, muß ich deswegen nicht seine Religion lieben.

Das ist eine Liebe, die mich als insuffizient betrachtet. Kann das Liebe sein? Das kann ich übrigens umgekehrt auch mich und meine Glaubensgeschwister fragen, wobei ich allerdings glaube, dass wir weniger Probleme mit dem Christentum haben, als die Christen mit dem Islam.

Jeder Christ sollte das Christentum für die richtige Religion halten, denn wie kann ich an etwas glauben, von dem ich nicht überzeugt bin?

Das kann ich gut verstehen. Warum wäre ich sonst Muslima?

Kein Christ wird versuchen andern Menschen das Evangelium aufzuzwingen, sondern er wird es nur freundlich anbieten.

ja das wäre angebracht, auch umgekehrt

Das Christentum paßt sehr gut zu einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft. Christliche Liebe ist Demokratie!

Na unter Demokratie verstehe ich schon eine Herrschaft des Volkes. Mit Vor- und Nachteilen, Gottes Gesetze darf man nicht vergessen. Die Nächstenliebe die Gott uns über die Propheten lehrt ist allerdings nicht christlich sondern universell

Der Koran ist in mehrfacher Hinsicht antichristlich:

- er lehnt die Dreieinigkeit ab

klar

- er lehnt die Gottessohnschaft Jesu Christi ab

ebenso klar, der Koran lehrt uns, dass Jesus, Friede sei mit ihm, einer der großen Propheten und Gesandten ist, ein heiliges Buch mitgebracht hat und  nicht gekreuzigt wurde, sondern von Allah davor bewahrt und in den Himmel erhoben wurde – er wird mit Imam Mahdi, Friede sei mit ihm, zurückkommen und für eine gerechte Welt sorgen

- er ruft Muslime zum Kampf gegen Juden und Christen auf

das ist nicht wahr und kommt davon, wenn man den Koran anhand der fehlerhaften Übersetzungen auslegt, was sowohl unter Nichtmuslimen wie unter Muslimen vorkommt. Da soll man sich doch lieber auf kompetente Gelehrte hören und man wird feststellen, dass die Kampfaufrufe im Zusammenhang mit Angriffen der Nichtmuslime gelten. Muslime dürfen niemals einen Angriffskrieg führen. Diese Auslegung wird aber gerne von Islamfeinden vertreten und selten hinterfragt

- der Islam soll herrschen und andere Religionen verdrängen

das ist ebenso falsch, s.o. – “verdrängen” ist nicht das richtige Wort. Überzeugen, dass der Islam die Religion Gottes vollendet hat und ein allgemeingültiges System des Zusammenlebens bildet schon

- Mohammed wird über Christus gestellt!!!

Bei den Ausrufezeichen schütteln Muslime den Kopf. Wenn man Jesus, Friede sei mit ihm, als Gottes Sohn betrachtet, klar, der würde über allen Propheten stehen. Allerdings sehen wir darin ein falsches Verständnis von Gott, weil es nichts und niemanden gibt, der/das Ihm ähnelt Das sagt er uns im heiligen Koran. Für uns ist das keine Mißachtung des Christentums sondern ein gewaltiger Fehler und sicherlich das Trennendste zwischen den Religionen

- Jesus als Erlöser ist dem Koran völlig fremd

Messias nennen wir Jesus, Friede sei mit ihm auch. Aber unsere Verantwortung vor Gott kann er uns nicht abnehmen

Es ist eine sehr gefährliche Tendenz, den Islam zu verharmlosen oder als dem Christentum gleichwertige Religion zu betrachten. Streng genommen, ist der Islam dem Christentum und der westlichen Kultur feindlich. Ich glaube, im Altertum wird sich kaum ein Land darüber gefreut haben, wenn es von einer islamischen Armee angegriffen wurde, die auch Säuglinge abschlachtete und Frau und Kind tötete.

tja, so kann man nur unter dem Eindruck o.g. falscher Informationen denken. Wobei natürlich andersrum der Islam das Christentum unter dem Vorzeichen des großen Unterschiedes im Bild von Gott auch als falsch betrachtet. Von Feindlichkeit kann man aber nicht sprechen und ich glaube, dass es insgesamt Muslimen leichter fällt Respekt vor den Christen zu haben als umgekehrt. Denn wir erkennen in Jesus, Friede sei mit ihm, einen Menschen mit einer großartigen Botschaft von Gott. Während Christen ja weder den Koran als Offenbarung,  noch den Propheten Muhammed, Friede und Segen sei mit ihm, anerkennen. Zur Gewalt unter dem Vorwand beider Religionen kann man schließlich nur Ablehnung vertreten. Da haben sich die Gewaltherrscher beider Kulturen wohl nichts geschenkt, aber sie können sich weder auf das Christentum noch auf den Islam berufen.

Wer sich nur minimal mit Geschichte befaßt, wird schnell das wahre Gesicht des Islam erkennen. Gott behüte uns vor dem Islam.

Da hört es dann wohl auf mit dem Dialog, wenn keine Bereitschaft besteht, sich weiter zu informieren

Zu den Juden:

Sie sind unsere Brüder!!!

ja und? Unsere auch. Allerdings darf man auch seinen Bruder nicht unwidersprochen Verbrechen begehen lassen. Außerdem: die Juden sind den Muslimen vom Monotheismus näher als die Christen. Die Christen sind uns näher von Jesu´, Friede sei mit ihm, Lehre von der Barmherzigkeit. Der Islam liegt dabei also gut in der Mitte und vereint diese Botschaften. Er erkennt dazu Moses, Friede sei mit ihm, und andere jüdische Propheten als solche an und Gott spricht mit uns  im Koran über deren  Leben und Lehren, damit wir davon profitieren. Die Juden erkennen Jesus, Friede sei mit ihm, als gar nichts an und das neue Testament erst recht nicht, oder?

Warum also wird vor dem Islam gewarnt und die Juden als Brüder bezeichnet, wo deren Lehre doch viel weiter vom Christentum entfernt ist?  Hier sehe ich wieder das durch Vorurteile geprägt Menschenbild, dass uns Muslime als insuffizient bezeichnet.

Und was ist nun aus unserem Dialog geworden? Gewiß sind weder Rainer Braendlein noch ich böswillige Menschen. Aber an seinen Aussagen ärgert mich die Einstellung, dass ich was Wesentliches nicht verstanden habe (und dadurch letztlich auch gefährlich bin). Andererseits bin ich natürlich von ihm der gleichen Meinung, wenn ich die positive Grundaussage mal beiseite lassen. Das Fazit “Gott behüte” ist sicherlich eher krass, ich kann bestimmt mit vielen Christen reden, ohne dass einer von uns solch ein Fazit zieht. Aber der Grundgedanke, dass der andere das Wichtigste nicht verstanden hat, bleibt. Da kann man das nur stehen lassen. Und dem anderen und sich selber wünschen, das Gott uns am Jüngsten Tag verzeiht.

Aber wie das mit dem Dialog funktionieren soll, weiß ich immer noch nicht.