Archiv für den Tag 27. Mai 2011

Rückfluglektüre: Der schmale Pfad von Ayşe Kulin

Rückfluglektüre: Der schmale Pfad von Ayşe Kulin

Bismillah

Ich hatte auf dem Rückflug aus der Türkei so gar nichts mehr zu lesen und darum habe ich mir dieses Buch im duty-free geleistet. Hab etwas mit mir gerungen, weil es um die Kurden-Türkenproblematik geht und da wird ja viel Mist verbreitet. Aber das Buch hat sich dann doch gelohnt.

Eine Geschichte aus dem letzen und diesem Jahrtausend

Nevra Tuna ist Journalistin mit derzeit ungewisser Zukunft. Sie hat durch kräftige Mithilfe unterstützender Personen geschafft, dass sie im Gefängnis Zeliha Bora für ein langes Interview besuchen darf – nicht ganz legal. Zeliha ist Kurdin und Parlamentsabgeordnete und sitzt wegen separatistischer Umtriebe ein.

Beide Frauen sind um die 40 Jahre alt. Es dauert nicht lange, bis sie in Streit geraten – Zeliha zeigt sich als unbeirrbare kurdische Kämpferin – Nevra hat Verständnis für die Bitterkeit, weil sie die türkische Kurdenpolitik auch kritisch sieht, lehnt aber die Vorgehensweise der PKK – hier nicht namentlich sondern nur als “die Organisation” genannt ab.

Als das Gespräch ganz schnell zu scheitern droht und Zeliha abrauschen will, stellt sich Nevra ihr in den Weg und gibt sich als alte Kindheitsfreundin zu erkennen.

Das ändert natürlich den ganzen Verlauf des Interviews, das man ein solches nicht mehr nennen kann. Unter Lachen und Weinen verbringen die beiden Frauen den Tag in dem ungastlichen Besucherraum und berichten sich von ihren Lebenswegen, nach ihrer Trennung in der Kindheit, mit ungefähr 10-12 Jahren. Fünf Jahre hatten sie davor zusammen verbracht, obwohl ihre Welten ganz unterschiedliche waren : Zeliha ist die Tochter eines ostanatolischen kurdischen Stammes und mit den strengen Regeln eines solchen, aber auch mit einem sehr liebevollen Großvater und Ağa aufgewachsen – Nevra ist Kind eines Staatsbeamten, der als Landrat tätig war. Sie freundeten sich damals an, als Zelihas Mutter bei Nevra im Haushalt half, als deren Mutter krank war. Der Großvater ist jemand, der mit alten Traditionen wie Ehrenmorden und Blutrache Schluß machen will – aber das ist schwer durchzusetzen. Immerhin ermöglicht er Zeliha den Schulbesuch, was so gar nicht selbstverständlich ist.

Nevras Vater war in der kurdischen Familie sehr angesehen, einmal weil er ein zupackender Beamter war (dass es  sowas gibt :-)   ), der ehrlich um die Entwicklung in der Region bemüht war – und später erweist er sich als treuer Freund, der seine Karriere ruiniert, weil er Zelihas Familie in einer sehr schlimmen Angelegenheit geholfen hat.

Als Kinder gehen die   Mädchen über alle kulturellen und sprachlichen Hindernisse einfach hinweg. Nevra lernt ebenso kurdisch, wie Zeliha türkisch spricht, aber die Dominanz des Türkischen wird schon daran klar, dass die kurdischen Namen in den Pässen verändert werden. Die Regierungspolitik ist damals so, dass man jeglichen kurdischen Einfluss verhindern will – und es gehen damals schon viele junge Männer als sog. Partisanen in die Berge. Aber das ist den Kindern natürlich nicht wichtig.

Die beiden Frauen schwelgen in ihren Erinnerungen. Es zeigt sich aber, dass das alte Verständnis nicht so einfach zu übertragen geht. Nevra hat studiert, Karriere gemacht und geheiratet, einen Sohn bekommen und schließlich ihre Ehe aus Gründen zerstört, die sie selber nicht mehr überzeugen (dabei spielt eine Küchemaschine als Auslöser eine Rolle, was auch schon ein bisschen komisch ist). Ihr Mann und ihr Sohn Cengiz leben inzwischen in den Niederlanden. Dass ihr Sohn Cengiz heißt, ist für die Geschichte sehr bedeutsam, denn Zelihas Bruder Cengiz war der Anlass für ein Einschreiten des Landrates, Nevras Vater, als dieser im Gefängnis war und sein Schicksal bestimmt auch das von Nevras Familie.

Zeliha ist früh mit ihrem Geliebten durchgebrannt, weil sie fürchtete mit einem alten Mann verheiratet zu werden. Ihre erste Ehe wird allerdings nicht glücklich, schon bald kommt ihr Mann mit einer zweiten Frau daher und sie trennt sich und kehrt ins Dorf zurück. Dass sie das unbehelligt tun kann, ist ihrem fortschrittlichen Großvater zu verdanken. Sie musste um ihre Ausbildung kämpfen und hat immer noch das Gefühl, dass sie hinterherläuft, bis zu einem Studium hat sie es nicht geschafft.

Nach ihrer Rückkehr lässt sie sich  doch noch verheiraten – ihr Mann ist verwitwet und um einiges älter und er hat zwei Söhne – aber diese Ehe wird tatsächlich glücklicher als ihre erste. Weil ihr Mann engagierter Kurdenpolitiker ist, nimmt auch sie an dem legalen Kampf der Kurden um Anerkennung ihrer Kultur teil – und als ihr Mann inhaftiert wird, macht sie weiter und wird tatsächlich ins Parlament gewählt.

Bei Zelihas Geschichte kommt der Eindruck auf, dass sie mehr oder weniger überrollt wurde von der Entwicklung und vor allem von ihrer eigenen Beteiligung. Das ist auch ein Unterschied, der sehr deutlich wird: während Nevra sich ungebremst von überholten Traditionen durch ihr Leben bewegt, ist Zeliha ihrer Kultur und ihrem Stamm so verpflichtet, dass sie mit ihrem Engagement das Risiko einer Haftstrafe eingegangen ist.

So sind auch bei aller alten Zuneigung ihre unterschiedlichen politischen Meinungen deutlich: Zeliha verteidigt den Chef der “Organisation” – den wir alle als Öcalan kennen, was natürlich im Buch nicht so genannt wird und den bewaffneten Kampf – für Nevra ist das alles blanker Terrorismus und kein Lösungsweg und sie warnt Zeliha davor, dass ihre “Organisation” sich von westlichen Mächten unterstützen lässt, die noch nie uneigennützig geholfen haben.

Darum streiten die beiden Frauen auch und erinnern sich dabei an das, was Zelihas Großvater über die Geschichte der Kurden über Jahrhunderte erzählt hat. Sie schonen sich dabei nicht und streiten über die Schuldfrage, türkische wie kurdische Verbrechen werden diskutiert, am Ende siegt aber doch ihre alte Liebe und Freundschaft und der Wunsch, dass sie etwas zu einem Kompromiss beitragen können. Die politische Situation unter der AKP- Regierung ist dafür so günstig wie nie. Nevra möchte ihre Freundin ermuntern, über Engagement für die kurdischen Mädchen, die zur Schule gehen und dabei Selbstbewußtsein erringen sollen, zu ihrem Kampf beizutragen – und nicht mit den Mitteln des Terrors. Dass die Situation im fernen Südosten der Türkei sich auch in den Familien ändern muss, ist beiden klar.

Der Handlungsstrang um Zelihas Bruder Cengiz, der sich durch das ganze Buch zieht, ist beispielhaft für die Politik in den 70/80er Jahren und zeigt sowohl die erpresserische, mafiöse Struktur der “Organisation”, als auch türkische Behördenwillkür und Folter – die auch Terroristen heranzieht. Durch diese Lebensgeschichte wird noch einmal die Verantwortung beider Konfliktparteien deutlich und die mißlungenen Versuche der beiden Familien, sich nicht in diese Vorgehenweise hereinziehen zu lassen.

Am Ende versprechen die Freundinnen sich, zu einer konstruktiven Politik beitragen zu wollen.

________________________________________

Anfangs war mir das Buch etwas suspekt, Nevra war mir zu sehr auf Friede, Freude, Eierkuchen betont und Zeliha zu radikal. Aber durch ihrer beider Lebensgeschichten werden die Ursachen ihrer Entwicklung klar und durch die geschichtlichen Rückblicke verstand ich besser, wie unterschiedlich ihre Herkunft ist. Das Buch ergreift nicht Partei und schont keine Seite – gerade an der Geschichte von Cengiz wird vieles klar. Aber es ist auch hoffnungsvoll – so wie Zelihas Großvater und Nevras Vater sich angestrengt haben, Frieden und Entwicklung zu schaffen, führe es die beiden Frauen jede auf andere Art fort.

Und das Ganze ist nicht nur ein politischer Roman, sondern widmet den Frauen auch viel Zeit beim Betrachten ihrer Lebenwege – mit allen Irrtümern, Freuden und Verlusten.

Also mir hat es dann doch gefallen, :-)

Erschienen ist es in der türkischen Bibliothek des Unionsverlages.