Türkisches Tagebuch 15 – Wir haben Keuchhusten und keiner glaubt mir

Türkisches Tagebuch 15 – Wir haben Keuchhusten und keiner glaubt mir

Bismillah

Die ganze sechsköpfige Familie krebst hier mit Hustenattacken rum, die einen mehr, die anderen weniger. Ich hab sonst nie Bronchitis, deshalb kam mir vorletzte Nacht die Eingebung: solche einen Husten hab ich nur einmal in meinem Leben gehabt, da war ich halb so alt wie jetzt, mein Sohn war vier und er hatte Keuchhusten, ich dann auch nur nicht mit solchen Hustenanfällen wie jetzt. Also hab ich versucht rauszukriegen, ob die Kinder geimpft sind – soll wohl so sein – und ob noch mehr Kinder in der Schule betroffen sind. Da kam ich aber nicht wirklich weiter. Unser Erkan hatte damit ja angefangen und gute 10 Tage später waren wir alle dran – je älter je schlimmer. Da die Impfung sowieso nicht 100% sicher ist, kann ich mir vorstellen, dass die Zeit die seither vergangen ist die Wirkung abschwächt. Und ob die Große damals schon geimpft wurde weiß ich nicht. Die Impfpässe sind in der Schule. Na ich kann es auch nicht ändern, wenn wir jetzt alle verpesten, ich mach schon Bögen um kleine Kinder und alte Leute. Denn auch der Arzt konnte mir meine Vermutung nicht bestätigen, na klar, dazu müssten sie eine Kultur anlegen und da war ich wohl nicht überzeugend genug – bei 50jährigen rechnet man damit nicht.

Na jedenfalls hat mir das einen Kontakt mit dem türkischen Gesundheitswesen beschert, denn weil mir vom Husten schon alles weh tat, bin ich gestern in der Poliklinik gewesen. Glücklicherweise waren 2 Nachbarinnen gerade auch dort, so dass sie angerufen wurden dass ich komme und mich dann am Bus abgeholt haben. Dann mussten wir wegen Mittagszeit sowieso erstmal Tee trinken gehen, gab mehrere schöne Teegärten dort und viel Personal machte da auch Pause.

So also der Erstkontakt mit dem “Devlet Hastanesi” in der Provinzhauptstadt. Alleine wäre ich da wohl auch verwirrt herumgeirrt – allerdings standen auch überall freundliche junge Frauen, die einem den Weg wiesen, mit Hilfe der farbigen Streifen auf dem Boden. Aber die Nachbarinnen kannten sich ja schon aus und haben mich gleich zum richtigen Doktor gebracht. Der praktizierte in einem recht kleinen Zimmerchen, in dem saß die Arzthelferin an ihrem Schreibtisch, ein Arztschreibtisch und dann paßte nur noch die Untersuchungsliege samt Vorhang rein.

Ich also mit Händen, Füßen  und Wörterbuch dem Arzt was vorgehustet und dann wurden wir auf den Diagnoseweg geschickt, Spirometrie und Röntgen. Da der Arzt offensichtlich keine Lust auf Komplikationen im Sinne von Bürokratie hatte, wurde ich in Fatma umbenannt. In der Spirometrie waren nachher alle ganz verzweifelt, weil sie dachten ich verstehe die Funktion nicht, dabei war es mir einfach nicht möglich in das Gerät zu pusten, denn beim Ausatmen musste ich sofort husten. So war der Befund auch ganz schlecht, :-)

Das Röntgen ging dann auch ganz fix, mit Kleidung vor die Platte gestellt und abgedrückt. Geröntgt wurde noch mit den guten alten Filmen, aber das Bild war dann beim Herrn Doktor auf dem PC. Der hat die Bronchitis diagnostiziert und mich mit einem Rezept für Antibiotika und Hustensaft entlassen. Fatma soll ich drei Wochen wiederkommen, aber da bin ich ja schon fast nach Hause unterwegs.

Die Klinik hat einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht, sie ist schon älter, aber gut in Schuss gehalten. Da kenne ich im reichen Deutschland andere Zustände, sowohl als Patientin wie als Mitarbeiterin. Auch eklige Feudel wie ich sie noch vor ein paar Jahren in einer anderen Klinik gesehen habe, sind wohl inzwischen durch moderne Putzsysteme ersetzt. Obwohl es überall voll war, ging es ganz gut voran. Man bekommt eben seinen Laufzettel, wo man hin soll und zieht sich an den Automaten die rumstehen dazu eine Nummer.

Ich hab selber in Bremen in einer Ambulanz gearbeitet, da war immer aggressive Stimmung weil die Leute unglaublich lange warten mussten. Und dann noch wieder beim Röntgen oder was auch immer. Also soweit ich gesehen habe sind Abteilungen für alle moderne Diagnostik die man so braucht dort. Und da es viel Personal gibt, war auch keiner genervt.

Das  war nun das staatliche Hospital – es werden gerade Ableger gebaut, dann wird das jetzige wohl gynäkologisch und geburtshelferisch – weil es so schön zentral liegt.

Es gab ganz viele Frauen die mit Hijab arbeiteten – ich kann so auf einen ersten Blick nicht schätzen wie viele, aber ich glaube, es war die Mehrheit.

Und jetzt warte ich, dass das Antibiotikum wirkt – ich möchte nämlich noch etwas von der Zeit hier haben. Es ist zwischendurch immer noch regnerisch, aber lange nicht mehr so kalt, inzwischen ist alles grün, auf den Felder blühen gelbe Blumen mit ein bisschen Klatschmohn dazwischen. Schööööööön. Hier noch ein wolkiger Blick von Besni aus:

6 Antworten »

  1. Salam, Meryem
    Oje oje… Nochmal ein GEÇMİŞ OLSUN an alle Kranken.. inşallah hilft es dieses Mal.

    Ja.. die Krankenhäuser in Deutschland.. Meine Tochter hat sich am Dienstag beim Herumtoben einen Zeh gebrochen. Die Betreuerin der Ferienveranstaltung ist mit ihr in unser Provinzkrankenhaus gefahren in die Notaufnahme. Als ich dann auch dort war habe ich festgestellt, dass unser Krankenhaus ganz schön nachgelassen hat. Die beiden Herren Doktoren haben auf mich den Eindruck gemacht als ob sie nicht wirklich wüssten was sie tun. Erschreckend. Ich bin dann vorsichtshalber noch zu einem anderen Arzt gegangen. Einem richtigen Unfallchirurgen, in einer anderen Stadt. Der hat erstmal den Zeh geschient (auf diese Idee ist von den beiden anderen keiner gekommen) und hat meiner Tochter ein Schmerzmittel verschrieben für alle Fälle.
    Dagegen scheinen ja bei euch richtig paradiesische Zustände zu herrschen. Zumindest die Doktoren sind dort nicht betrunken.. (bei dem einen hier, einem Russen, hatte ich nämlich diesen Eindruck)
    Nochmal Gute Besserung an alle Kranken. Ich denk an euch.
    wa salam

    • Wa aleikum salam, ja über das Krankenhaus kann man sich nicht beschweren und es sind auch immer Rettungswagen unterwegs, zwischen Besni und Adiyaman kommen die ja bei uns vorbei. Dass sie allerdings deutsche Großstadtzeiten erreichen, das bezweifle ich, in D soll es ja nicht länger als 12 min. dauern, bis der Notarzt da ist. Aber das klappt bei uns auf dem Land sicher auch nicht. Die Kliniken haben sich wirklich verbessert seit Erdoğans Leute aufgeräumt haben, vor acht Jahren gab´s hier nichts. Also ein Krankenhaus schon, aber richtig was beschickt haben die auch nicht. Auf einmal sind alle so arbeitssam. Z.B. hat er die Herren ausbildenden Universitätskliniksärzte verdonnert, ihre volle Arbeitszeit in der Klinik abzuleisten und sich um ihre Studenten zu kümmern.. Früher ging das so: Doktor kommt zwei Stunden auf die Station schaut mal rüber über die Kranken und ihre Akten, muss vielleicht noch mal in eine Konferenz und dann geht er in seine Privatpraxis. Dort laufen dann die Patienten auf, bei denen er sich lohnenswert vorstellte, sie privat einzubestellen und die das in ihrer Sorge auch in Anspruch nahmen. Dann hat er sie dort angeschaut und abkassiert und für die weitere Diagnostik, sowas ist ja teuer, wieder in die Klinik gescheucht. Um dann hinterher den Befund privatärztlich mitzuteilen und, was bei Operateuren auch üblich war, ein “Messergeld” zu verlangen. Es ist noch keine 10 Jahre her, da haben sich Klinikärzte geweigert ein sterbendes Kind aus dem Dorf aufzunehmen, weil keine “grüne Karte” vorhanden war.

      Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn hin und wieder erboste Familienclans ein Krankenhaus stürmen und alles niederschlagen was einen weißen Kittel trägt, auch wenn es nur der Friseur war.

  2. Salam
    na du machst mir Hoffnungen. Wir husten hier auch mächtig rum. Und ich krieg nirgends mein heissgeliebtes ACC. Hier gibts immer nur Hustensaft oder Antibiotika… Also mal sehen was wird
    Gute Besserung
    wa salam

    • Wa aleikum salam – ich glaub bis zu Euch fliegen unsere Erreger nicht. Obwohl – wenn ich an den Sand denke den Ihr so rumfliegen lasst – womöglich doch? Ich hab Antibiotikum und Hustensaft und ACC – ich find alles gleich eklig und dass ich alles schlucke ist der Beweis dass ich echt krank bin. Heute morgen musste ich trotzdem schnell nach Besni rein zur Bank, ehemenschlicher Auftrag, und die Landschaft sieht jetzt so schön aus – und ich kann nicht spazierengehen. Mit dem Bus vor der Haustür und dem Stadtbus bis zur Bank und zurück haben mich total geschafft. Naja es regnet sowieso wieder. Wir hatten ein tolles Gewitter hier über dem Tal und danach ist das Licht immer wunderbar. Es wird bestimmt wieder schön morgen. Na, nützt ja nichts, wenn ich komme regnets immer. Die Bauern freuen sich.

      • Salam

        ach du liebes Bisschen, das klingt ja fürchterlich. Was mein Mann vom Istanbuler Capa geschrieben hat, klang schlimmer als eure Provinzklinik. Frauen mit Hijab gabs da schon mal gleich nicht.
        Dann wirds aber Zeit, dass du nach deutschland kommst, kannst uns auch etwas Regen bringen. Die Bauern jammern hier schon, dass es zu trocken ist.

        wa salam und gecmis olsun “Fatma” *lol*

      • Wa aleikum salam,
        also das Krankenhaus fand ich ja wirklich gut, das Behandlungszimmer ist natürlich zu klein, aber sonst war ja alles da. Ich komm ja inschallah Ende Mai zu einer Konfirmation(aber das ist eine Geschichte für sich) nach Bremen, dann kann ich ja Regenwetter liefern. Hier ist nun langsam mal genug. Und dann zu Pfingsten nach HH, vielleicht kommt dann ja in DEL auch noch was runter, :-)

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