Bismillah
Die ganze sechsköpfige Familie krebst hier mit Hustenattacken rum, die einen mehr, die anderen weniger. Ich hab sonst nie Bronchitis, deshalb kam mir vorletzte Nacht die Eingebung: solche einen Husten hab ich nur einmal in meinem Leben gehabt, da war ich halb so alt wie jetzt, mein Sohn war vier und er hatte Keuchhusten, ich dann auch nur nicht mit solchen Hustenanfällen wie jetzt. Also hab ich versucht rauszukriegen, ob die Kinder geimpft sind – soll wohl so sein – und ob noch mehr Kinder in der Schule betroffen sind. Da kam ich aber nicht wirklich weiter. Unser Erkan hatte damit ja angefangen und gute 10 Tage später waren wir alle dran – je älter je schlimmer. Da die Impfung sowieso nicht 100% sicher ist, kann ich mir vorstellen, dass die Zeit die seither vergangen ist die Wirkung abschwächt. Und ob die Große damals schon geimpft wurde weiß ich nicht. Die Impfpässe sind in der Schule. Na ich kann es auch nicht ändern, wenn wir jetzt alle verpesten, ich mach schon Bögen um kleine Kinder und alte Leute. Denn auch der Arzt konnte mir meine Vermutung nicht bestätigen, na klar, dazu müssten sie eine Kultur anlegen und da war ich wohl nicht überzeugend genug – bei 50jährigen rechnet man damit nicht.
Na jedenfalls hat mir das einen Kontakt mit dem türkischen Gesundheitswesen beschert, denn weil mir vom Husten schon alles weh tat, bin ich gestern in der Poliklinik gewesen. Glücklicherweise waren 2 Nachbarinnen gerade auch dort, so dass sie angerufen wurden dass ich komme und mich dann am Bus abgeholt haben. Dann mussten wir wegen Mittagszeit sowieso erstmal Tee trinken gehen, gab mehrere schöne Teegärten dort und viel Personal machte da auch Pause.
So also der Erstkontakt mit dem “Devlet Hastanesi” in der Provinzhauptstadt. Alleine wäre ich da wohl auch verwirrt herumgeirrt – allerdings standen auch überall freundliche junge Frauen, die einem den Weg wiesen, mit Hilfe der farbigen Streifen auf dem Boden. Aber die Nachbarinnen kannten sich ja schon aus und haben mich gleich zum richtigen Doktor gebracht. Der praktizierte in einem recht kleinen Zimmerchen, in dem saß die Arzthelferin an ihrem Schreibtisch, ein Arztschreibtisch und dann paßte nur noch die Untersuchungsliege samt Vorhang rein.
Ich also mit Händen, Füßen und Wörterbuch dem Arzt was vorgehustet und dann wurden wir auf den Diagnoseweg geschickt, Spirometrie und Röntgen. Da der Arzt offensichtlich keine Lust auf Komplikationen im Sinne von Bürokratie hatte, wurde ich in Fatma umbenannt. In der Spirometrie waren nachher alle ganz verzweifelt, weil sie dachten ich verstehe die Funktion nicht, dabei war es mir einfach nicht möglich in das Gerät zu pusten, denn beim Ausatmen musste ich sofort husten. So war der Befund auch ganz schlecht,
Das Röntgen ging dann auch ganz fix, mit Kleidung vor die Platte gestellt und abgedrückt. Geröntgt wurde noch mit den guten alten Filmen, aber das Bild war dann beim Herrn Doktor auf dem PC. Der hat die Bronchitis diagnostiziert und mich mit einem Rezept für Antibiotika und Hustensaft entlassen. Fatma soll ich drei Wochen wiederkommen, aber da bin ich ja schon fast nach Hause unterwegs.
Die Klinik hat einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht, sie ist schon älter, aber gut in Schuss gehalten. Da kenne ich im reichen Deutschland andere Zustände, sowohl als Patientin wie als Mitarbeiterin. Auch eklige Feudel wie ich sie noch vor ein paar Jahren in einer anderen Klinik gesehen habe, sind wohl inzwischen durch moderne Putzsysteme ersetzt. Obwohl es überall voll war, ging es ganz gut voran. Man bekommt eben seinen Laufzettel, wo man hin soll und zieht sich an den Automaten die rumstehen dazu eine Nummer.
Ich hab selber in Bremen in einer Ambulanz gearbeitet, da war immer aggressive Stimmung weil die Leute unglaublich lange warten mussten. Und dann noch wieder beim Röntgen oder was auch immer. Also soweit ich gesehen habe sind Abteilungen für alle moderne Diagnostik die man so braucht dort. Und da es viel Personal gibt, war auch keiner genervt.
Das war nun das staatliche Hospital – es werden gerade Ableger gebaut, dann wird das jetzige wohl gynäkologisch und geburtshelferisch – weil es so schön zentral liegt.
Es gab ganz viele Frauen die mit Hijab arbeiteten – ich kann so auf einen ersten Blick nicht schätzen wie viele, aber ich glaube, es war die Mehrheit.
Und jetzt warte ich, dass das Antibiotikum wirkt – ich möchte nämlich noch etwas von der Zeit hier haben. Es ist zwischendurch immer noch regnerisch, aber lange nicht mehr so kalt, inzwischen ist alles grün, auf den Felder blühen gelbe Blumen mit ein bisschen Klatschmohn dazwischen. Schööööööön. Hier noch ein wolkiger Blick von Besni aus:
