Bismillah
Da mir inzwischen der Ruf vorauseilt, ich würde wo ich hingehe Regen mitbringen, überlege ich, ob ich das beruflich ausüben soll. Also immer wenn ich hier bin, gibt es Schnee oder Regen. Ganz untypisch jetzt. Zum Glück hält er nicht mehr tagelang an und störte mich gestern und heute gar nicht, weil wir hier alle vergrippt sind, bestimmt ein Virus, weil alle den gleichen trockenen Husten haben plus mehr oder weniger Fieber und Gliederschmerzen. Heute geht´s mir aber schon besser als gestern und morgen kann ich dann inschallah wieder aufstehen.
Ja also, dieses ist ja der Bericht vom Kindertag, 23. April – da wird er seit Atatürk jedes Jahr begangen. Ich war schon sooooo gespannt – ich hab zwar mal Fernsehberichte gesehen, aber hier sind wir ja doch in einem kleinen Dorf, da kann es keine Paraden durch die Straßen geben, mangels solcher Verkehrswege. Früher hat man die Kinder wohl im Marschierschritt gehen lassen, aber das sei jetzt verboten meint mein Mann.
Ich hab viele Videoclips gemacht, aber ich krieg die hier nicht hochgeladen,
. Hab es bei youtube und bei myVideo versucht. Wahrscheinlich ist die Leitung hier dem doch nicht gewachsen.Ganz süße Fotos habe ich auch, aber da ich keine Eltern fragen kann, ob ich die einstellen darf, lasse ich es lieber. Alle wollten nämlich fotografiert werden, obwohl sie doch erstmal gar nicht davon haben, es sei denn, sie stürmen den Computer unserer Großen und brennen die sich.
Also kann ich nur erzählen wie es war.
Alle Pläne für schicke Kleider mussten verworfen werden, denn in der Nacht hatte es gegossen. Mein dua wurde aber erhört und es blieb während der zwei Stunden trocken und fing gleich nach Abschluß wieder an zu regnen,
Erstmal haben wir Angehörigen auf Bänken Platz genommen von denen man auf den umzäunten Sportplatz guckt. Nachher hat mich aber ein liebes Mädchen hereingelockt und da konnte ich natürlich viel besser filmen.
Los ging es mit einem Appell – also alle haben sich fein aufgebaut, eine Musik wurde gespielt (und der Sound war grauenvoll) und dann die Nationalhymne gesungen. Die ich zugegebenermaßen noch nie bewußt gehört hatte.
Dann gab es von einem größeren Mädchen und einem größeren Jungen einen Text von Atatürk vorgelesen – und das wiederholte sich zwischen jeder Darbietung. Meistens kam auch noch ein kleineres Kind hinzu – ich hab nicht verstanden, was die gelesen haben, wie gesagt, der Sound war schrecklich. Ich nehme mal an, auch Atatürksche Texte, oder Dichter?
Es folgten diverse Darbietungen: die Kleinsten aus der “Anne okula”, dem Kindergarten, der sogar eine betuchte Erzieherin hatte, haben ein bisschen Volkstanz aufgeführt, ganz eifrig mit ihren Tüchern gewedelt. Getanzt wurde noch öfters. Eine Flötenklasse, da war auch unsere Große dabei, hat abwechselnd gespielt und gesungen (hab ich auch nicht verstanden, aber die Flöten sind so penetrant, die kann man nicht überhören. Blockflöten aus Plastik – seit wann gibts denn sowas?) Klang auch ein paarmal recht schräg, aber sonst ganz ordentlich (jedenfalls meinem schrägen Gehör kam es so vor).
Brautwerbung ist wohl ein großes Thema, denn ein Sketch drehte sich um ein kokettes Mädchen, das seinem Verehrer die kalte Schulter zeigt, während ihre Freundinnen in den Hüften wiegend und mit ihren Tanztüchlein wedelnd den Verliebten auf sich aufmerksam machen wollten. Der war ganz lustig mit Jacket und aufgemaltem Bart. Und er wurde von irgendwelchen Widersachern verprügelt. Die andere Geschichte war ein Theaterstück von fast 20 Minuten Länge – Text hab ich nicht verstanden. Also ein Mädchen sollte geworben werden vom Sohn eines Goldschmieds und es machten diverse Familinmitglieder mit. Ich vermute mal, es war eine moralische Geschichte über Geld, das nicht ausschlagebend sein sollte.
Also von Schauspielkunst war nicht viel zu sehen, aber süß waren sie doch – ich bewunderte am meisten die Regieassistentin und gleichzeitige Souffleuse, die huschte mit den Mikrofonen hin und her.
Es gab noch Volkstanz mit einer Gruppe junger Mädchen in traditioneller Tracht und eine Medaillenverleihung an die wohl erfolgreiche Fußballmannschaft. Einer der Jungs geriet schwer in Verlegenheit, weil alle von ihren Lehrern umarmt und auf die Wangen geküsst wurden – nur seine war eine Lehrerin. Die hat das aber ganz cool erledigt. (tja eine strengere islamische Erziehung kann vor manchem bewahren,
)
Ich glaub das war´s an Vorführprogramm. Es gab noch Spiele, z.b. Joghurtwettschlabbern ohne Hände. Wer als erstes ein Geldstück gefunden hatte, war Sieger. Das war unser stolzer Sohn. Eierlaufen und Sackhüpfen und die Reise nach Jerusalem gab es auch noch und am Ende haben alle getanzt, auch die Lehrer die ja vermutlich nicht vom Dorf stammen.
Überhaupt die Lehrer: die gefielen mir sehr gut, fein gemacht, ruhig – ich hab da andere Erinnerungen an meine lang zurückliegende Schulzeit und ganz schauerlich war, was mein Sohn von einem Lehrer erzählt, der sowieso schon ungepflegt war und dann aber auch noch in der Unterrichtsstunde anfing seine Fußnägel zu reinigen. Igitt.
Wenn man die Kinder- und Lehrerzahl so sieht, dann können die Klassen nicht groß sein – ich muss mal nachfragen, darauf bin ich noch nicht gekommen.
Also meistens fand ich das ja eher eine Belustigung für die Familien und nicht so für die Kinder. Aber denen hat es anscheinend Spaß gemacht. Und wenn man nachsagt, die würden da politisch mißbraucht – das finde ich Unsinn. Die Türken haben ihren Nationalstolz, mich mutet das seltsam an, denn ich bin ja mit dem Schuldgefühl aufgewachsen, dass mein Land ein solches Verbrechen begangen hat, dass wir auf Dauer schuldig bleiben. Und ich fand auch immer albern, stolz auf meine Staatsangehörigkeit zu sein, ich hab ja schließlich nichts dafür getan, dort hineingeboren zu werden. Die Türken haben solche Probleme nicht, auch wenn man ihnen unterstellt, sie hätten ebenfalls einen Genozid begangen. Wie bei uns, war das noch in einem anderen Staat, allerdings sind fast gleichzeitig auch viele Türken Opfer von Vertreibungen und Massakern geworden – und haben sie nicht recht, dass man wenn, dann alles berücksichtigen muss? Aber an das Thema wollte ich sowieso noch mal ran.
Apropos Schule: Neulich hab ich in einem Religionsbuch geblättert, 6.Klasse, in die geht unsere große Tochtern. Da waren doch tatsächlich die Ahl-u-bait erwähnt (na hier heißen sie ehl ü beyt oder so). Und zwar in der Zusammenstellung wie wir Shiiten sie sehen, die Personen die der Prophet Muhammed, s.a.s., so oft unter seinen Mantel gebeten hat: seine Tochter Fatima, a.s., sein Schwiegersohn und treuer Gefährte Ali, a.s. und ihre Kinder Hassan a.s. und Hussain, a.s.
Von anderen Sunniten hört man oft, dass damit alle Frauen gemeint wären, was aber nicht viel Sinn macht, denn der Prophet, s.a.s., hat hier viele Male gezeigt, wer seine Aufgabe fortführen würde. Na da war ich doch erfreut. Neulich war auch ein Nachbarjunge hier, der wurde gefragt, warum ich wohl die Arme nicht verschränke beim Gebet und er wusste gleich, dass es die dschafaritische Rechtsschule ist, der ich angehören. Und noch eine Nachbarin hat das Salawat gesprochen, wie es hier üblich ist und ich meines – sie meinte wohl erst, ich bete Ali, a.s. an, aber ich hab ihr erklärt, dass es die “Aile”, die Familie des Propheten ist, der das gilt. Ein bisschen als sonderbar werde ich aber schon beurteilt, wenn ich mir vom Hof der Nachbarn einen Schotterstein aufklaube, wenn ich in deren Haus bete,
Tja leider sind alle Videohochlade versuche gescheitert. Vielleicht finde ich ja eine Möglichkeit, es zu verlinken. Guckt doch einfach noch mal rein. Bei facebook ist für meine Freunde ein bisschen was sichtbar, 