Archiv für den Tag 1. März 2011

Irak-Reise – Ziyarat 2011 – Teil 2

Irak-Reise – Ziyarat 2011 – Teil 2

Bismillah

Auf diesem Bild sieht man den Weg zum Schrein von Imam Ali, a.s. Man soll ihn mit möglichst kleinen Schritten gehen und dabei unentwegt Dhikr machen, d.h. Lobpreisungen Gottes – “Subhanallah, Alhamdulillah, La ilaha il Allah, Allahu akbar”

denn jeder Schritt auf diesem Weg zählt für viele gute Taten, die uns am Jüngsten Tag auf die Waagschale gelegt werden. Ich weiß, ich habe nichtmuslimische Leser, manchmal schauen auch Atheisten rein – es ist nicht so leicht zu erklären, was die Ursache dieser tiefen Verehrung der Märtyrer ist. Imam Ali, a.s., war der Cousin, der Schwiegersohn und der vom Propheten, s.a.s., ernannte Nachfolger nach dessen Ableben. Er hat sein ganzes Leben mit dem Propheten verbracht, bis zu dessen Tod. Er hat seine Tochter Fatima, a.s. geheiratet, die die beste Frau in der gesamten Menschheitsgeschichte war. Er hat sich schon als Junge zum Islam bekannt, er war der erste, der dem Propheten Treue geschworen hat, er hat ihm in vielen Kämpfen beigestanden und er hat von ihm so viel Wissen erworben, dass die Menschen in Najaf heute noch sagen, dass es Imam Ali a.s. zu verdanken ist, dass aus der Stadt eine Hochburg der Gelehrsamkeit, nicht nur der Islam- sondern auch vieler anderer Wissenschaften geworden ist.

Leider wurde sein Wissen und seine Weisheit nicht genug geschätzt und obwohl es zahlreiche Überlieferungen für den Befehl des Propheten, s.a.s. gibt, dass Ali a.s., sein Nachfolger sein sollte, haben das die Gefährten des Propheten nicht eingehalten und die Nachfolge auf ihre Weise geregelt – was für den Islam eine Tragödie war und letztlich zum Massaker in Kerbela geführt hat. Ali a.s. wurde der 4. Kalif nach dem Propheten und als solchen schätzen ihn auch die sunnitischen Geschwister hoch. Das war die extreme Kurzfassung, einen kleinen Einblick findet man auch hier. Ali a.s. wurde wegen seiner Verweigerung, von den Prinzipien des Islam abzuweichen schließlich ermordet, als er sich im Ritualgebet befand und wurde in Najaf beerdigt und sein Schrein ist eine der islamischen Pilgerstätten.

Er ist der erste der Märtyrer nach Prophet Muhammed, a.s. und wurde wie seine Nachfolger umgebracht, weil er die Veränderung des gerechten Gesellschaftssystems, dass mit dem Islam eingekehrt war nicht hingenommen hat. Und er wird für seine Unbestechlichkeit, Standhaftigkeit und große Weisheit geschätzt.

Wir Muslime suchen ihn auf, um von ihm Fürsprache bei Gott zu erbitten und unsere Beziehung zu der Familie des Propheten zu stärken, da diese die größten Vorbilder hervorgebracht hat – so sagt auch der Koran, dass wir dazu verpflichtet sind, nachzulesen in Sure 42:23. Es ist allerdings schwer heute zu sagen, dass man Märtyrer verehrt, weil dieser Begriff fast immer mit “Selbstmordattentäter”  gleichgesetzt wird. Dabei kennen doch auch andere Religionen Persönlichkeiten die sich im Interesse der Menschen und der Wahrheit geopfert haben und dadurch diese nicht untergehen ließen. Es gibt im Islam Strömungen die das Ersuchen von Fürsprache durch heilige Personen ablehnen und behaupten das wäre Götzendienst. Dabei sagt Allah im Koran, dass er Fürsprache annimmt, aber eben nur von Personen denen er diese erlaubt hat. Man betet ja auch die Person nicht an, sondern festigt über diese würdige Persönlichkeit seine Beziehung zu Gott.

Genug des  kurzen theoretischen Exkurses, wer das wirklich verstehen möchte, sollte sich schlau fragen oder lesen. Ich will ja von meinem eigenen Reiseerleben erzählen.

Nachdem wir die kurze aber lange dauernde Anreise von Bagdad nach Najaf hinter uns gebracht hatten, wollten wir am nächsten Morgen unbedingt zum Schrein Imam Alis, a.s.. Über die Hindernisse auf dem Weg erzähle ich inschallah später.

Wir machten uns also gemeinsam auf den Weg, wie beschrieben Lobpreisungen betend. Unsere Unterkunft war nicht weit entfernt, wenige Minuten zu Fuss, allerdings mit mehreren Sicherheitskontrollen. Und da gab es ein für mich peinliches Erlebnis. Wir mussten Kameras und Handys abgeben und das habe ich auch mit der Kamera getan, aber das Handy das ich im Zimmer wähnte fand sich bei der Personenkontrolle in den Tiefen meiner  Tasche. Da die Kontrolleurin mich vorher gefragt hatte, ob ich ein “mobile” habe, wurde sie richtig sauer, als sie es gefunden hat und ich konnte kaum Luft holen, da war ich wieder rausgesetzt. Die anderen Gruppenmitglieder waren natürlich besorgt und warteten lange auf mich, während ich das Handy abgab und mich wieder in die lange Warteschlange einreihte. Man sagt, dass man den Schrein nicht betreten kann, wenn der Imam es nicht erlaubt – na das war ein eindeutiger Rauswurf. Reuig erneut um Einlass bittend kam ich nun auch durch die Kontrolle – aber das war einiges an Wartezeit. Die anderen der Gruppe hab ich nicht mehr gesehen, aber ich meinte ja, den Treffpunkt zu wissen und so hab ich mich erstmal zum Schrein begeben, um meine Ziyara, also den Besuch beim Imam Ali, a.s. zu machen. Es war sehr voll und leider sind die Frauen dort sehr undiszipliniert und ruppig wie ich feststellte, aber in dem Moment hatte ich nur ein Ziel und das war, das Gitter des Schreines zu berühren und diesmal half auch mein Bittgebet und ich habe ihn erreicht.

Es war ein ganz besonderes Erlebnis: sofort platzten alle Sorgen aus mir heraus, als habe ich sie dort abgeladen. Viele Tränen flossen und ich konnte auch nicht lange stehenbleiben, weil so ein Gedrängel war, aber ich fühlte mich um einen Zentner erleichtert. Mir fällt es nicht leicht um Beistand zu bitten, aber es ist respektlos, es nicht zu tun. Also arbeite ich daran.

Im Anschluss habe ich mein Ziyarat Gebet gemacht, das sind zwei Gebetseinheiten, die zu Ehren des Imams gebetet werden. Es gibt auch spezielle längere Bittgebete die man meistens mit einem Vorbeter liest, hier ist z.B. eines für Imam Ali, a.s.

Schließlich wartete ich am vermuteten Treffpunkt, weil ich nicht mitbekommen hatte in dem Gewühl, dass noch ein anderer vereinbart wurde, bis mich schließlich einer unserer “bodyguards” aufgesammelt hat. Das war mir wirklich peinlich, gleich bei der ersten Gruppenaktivität solch eine Aufregung verursacht zu haben. Danach bin ich aber nicht mehr verlorengegangen.

In den nächsten Tagen haben wir noch andere Orte besucht, an denen Imam Ali,a.s, gewirkt hat, davon inschallah später. Wir waren glaube ich alle sehr bewegt. Kennt Ihr es, dass es bestimmte Orte gibt, die eine besondere Anziehung und Bedeutung für einen entwickeln? Es gibt in meinem Leben zwei Kirchen, in denen ich “vorislamisch” ein solches Gefühl hatte, aber das war von der Intensität nicht zu vergleichen. Hier ist eben auch eine Person, zu der man eine Liebe fühlt. Für mich war das ein geborgenes Gefühl, so als habe ich einem Vater etwas anvertraut. Wir wollten alle in den nächsten Tagen so oft wie möglich den Schrein und die Moschee besuchen und manchmal war es schön einfach dort im Hof zu sitzen.

Zu all diesen Gefühlen kommt noch, dass der Schrein einfach wunderschön gestaltet ist. Vergoldete Kuppel und Mauern, Mosaike und, was ich noch nie gesehen hatte, Mosaike aus Spiegelscherben, die im Sonnen- und dem Licht bunter Lampen schillerten. Einfach überwältigend. Und obwohl die Bevölkerung im Irak mit so vielen Schwierigkeiten und Kriegsfolgen beschäftigt ist, gibt es unzählige Geldspenden für den Ausbau der Moschee. Imam Ali, a.s., braucht diesen Prunk nicht, aber  uns Gläubigen tut diese Atmosphäre offensichtlich gut. Ich hab an die Beschreibungen des Paradieses gedacht und dass es diesen ähneln soll, wenn auch das Paradies nicht wirklich in diesem Leben verstanden werden kann. Wir durften ja meistens nicht fotografieren, aber im Rahmen unserer VIP-Führung durften wir in einem Nebenraum der gerade im Ausbau war, ein paar Aufnahmen machen.

und hier die Künstler bei der Arbeit:


Leider ist eben die Beleuchtung nicht so, dass man das Funkeln sehen kann. Hier professionelle Bilder.

Und jetzt ist aber wirklich Schluß für heute.

Irak Reise – Ziyarat 2011 – Teil 1

Irak Reise – Ziyarat 2011 – Teil 1

Bismillah

So liebe Fangemeinde, Salam aleikum, Grüß Gott und moin – da bin ich wieder, heute morgen in München gelandet nach einer Reise, wie ich sie noch nie erlebt habe. Wo soll ich da anfangen zu erzählen? Vielleicht erstmal die ganz profanen Dinge wie den Verlauf der Reise u.ä.?

Wir sind am 14. Februar am frühen Abend von München aus gestartet. “Wir” meint eine Gruppe von 16 Muslimas und 8 Muslimen, in multi-kulti Zusammensetzung die Frau Merkel Lügen straft: deutsch, österreichisch, schweizerisch, tunesisch, iranisch, irakisch,pakistanisch, türkisch, aserbeidschanisch. Manche aus mehreren Nationalitäten zusammengesetzt, :-) (Sollte ich eine Nationalität vergessen haben, bitte ich meine Mitreisenden zu reklamieren.Die jüngste Mitreisende ist gerade 18 geworden, aus meiner Altersklasse um die 50 waren wir zu dritt. Natürlich alles Shiiten, denn die Einladung erfolgte durch shiitische Gelehrte. Unter uns Konvertierte, konvertierte Sunniten und islamisch aufgewachsene Geschwister. Also Multikulti ist nicht tot, denn trotz aller Unterschiede sind wir weitgehend gut miteinander ausgekommen. Natürlich kann man sich auch mal auf die Nerven gehen in zwei intensiven Wochen.

Wir flogen zunächst nach Süleymaniye im kurdischen autonomen Nordirak. Und als wir gegen 2 Uhr ankamen, stellte sich heraus, dass unser Anschlussflug nach Bagdad erst um 14 Uhr gehen würde. Das war die erste Übung in Geduld auf dieser Reise, denn unerwartete Planänderungen haben uns begleitet. Viele von uns waren ja schon stundenlang nach München angereist und nicht wie ich vor der Haustür gestartet. Aber wir waren erfinderisch und funktionierten den Gebetsraum des “International Airport”s Süleymaniye zum Schlaf und Picknickplatz um.


Am Nachmittag landeten wir dann schließlich schon recht erschöpft in Bagdad und wurden dort mit dem Bus abgeholt und nach Najaf gefahren, wo wir eine gute Woche verbringen sollten. Die Reise die wir machten war keine gewöhnliche Urlaubs- und auch keine Studienreise, obwohl wir natürlich auch viel gelernt haben. “Ziyarat” bedeutet Besuch und in diesem Fall den Besuch einiger Gräber von islamischen Märtyrern und heiligen Persönlichkeiten. Wir konnten längst nicht alle Stätten aufsuchen, aus Zeitmangel oder aus Sicherheitsgründen, aber das was wir gesehen haben war auch schon überwältigend.

Sehr bemerkenswert war, dass wir während der ganzen Reise einen “VIP” Status hatten, ich kam mir fast wie auf Staatsbesuch vor, da wir mehrfach zu hohen Gelehrten eingeladen waren, Führungen hatten in Bereichen die andere Pilger nicht zu sehen bekommen, bewirtet wurden, d.h. Gäste der Imame waren (die dort bestatteten Imame a.s., die durch ihre Institute vertreten werden) und alle Schwierigkeiten die auftraten irgendwie aus dem Weg geräumt wurden – vor allem durch unseren unermüdlichen und unendlich geduldigen Reisebegleiter.  Einen Großteil der Zeit waren wir mit Bodyguards versehen, ein Kamerateam begleitete uns und wir gaben Interviews. Schon ein komisches Gefühl.

Mich hat sehr gefreut zu erleben, dass es in den islamischen Ländern Menschen gibt, die sich für die Situation der Muslime in Europa interessieren, und auch, dass ich erfahren habe, wie die Gelehrten sich auch sozial verantwortlich fühlen und gesellschaftliche Projekte wie das Vorgehen gegen Gewalt an Frauen unterstützen, in dem sie dazu Bücher verfassen oder einen ganzen Monat dem Thema widmen. Da es viele religiöse Medien im Irak gibt, kommt diese Botschaft inschallah auch bei vielen an. Gleichzeitig haben sie uns gebeten sie mit fundierten Informationen zu versorgen.

Ja das soll erstmal als Anfang genügen,  Teil 2 über Najaf, Imam Ali, a.s. und die dortigen Hochschulen folgt inschallah.

Tschador - total unpraktisch