Archiv für den Monat März 2011

Türkisches Tagebuch 5 – Haus und Hof

Türkisches Tagebuch 5 – Haus und Hof

Bismillah

Vorgestern ist der gekaufte Computer gekommen und das hat mich den ganzen Tag beschäftigt. Dabei wollte ich doch was im Garten tun. Aber windows 7 kenne ich nicht und schon gar nicht auf türkisch. Nun hat die Große beim rumspielen schon so einen komischen weißen Streifen fabriziert, der immer hin und her wandert. Und was bedeutet bloß „smart picture“? Na, irgendwann werden wir das wohl wieder los werden.

Ich brauch ja nicht viel Hausarbeit zu machen – und wenn dann lachen sich innerlich bestimmt alle schlapp, hier sind alle so Superhausfrauen. Ich hab zu meiner Freude aber auch ein paar Stellen entdeckt, die ich penibler putze. Dafür fällt mir nicht ein, jeden Tag Staub zu saugen, die Türen abzuwischen und die Fenster zu putzen. Gerne wird hier mit viel Wasser geputzt, der Balkon z.B. wird alle paar Tage mit dem Schlauch abgespritzt. Die Bodenfliesen drinnen dürfen aber nicht unter Wasser gesetzt werden, damit sich die Türen nicht verziehen und auch die Wände dürfen sie nicht mit dem Schlauch putzen, :-) . Wände abwaschen ist nämlich auch alle paar Monate mal dran.

Heute hat meine Mitbewohnerin ein 2kg Glas Brombeermarmelade mitgebracht. Wenn schon, denn schon, eingekauft wird immer in Mengen. So stehen in einem Zimmer diverse „Oskar“-Tonnen mit Reis, Bulgur, Würfelzucker, Knabberkram herum. Der Kühlschrank muss große Ausmaße haben, weil „Schrank“ heißt hier eigentlich immer „Kühlschrank“. Palettenweise Eier, Joghurt selbstgemacht in Eimern, gerne viel Fleisch im Gefrierfach, Tomaten, Salatgurken, Petersilie. Das erste Mal hab ich heute gesehen wie der leckere Zitronen geschmack an so viele Gerichte kommt: Da gibt es so getrockneten Zitronenextrakt und der wird dann gemörsert, wie auch Pfefferminze und schwarzer Pfeffer.

Wir essen hier sehr gesund: frisches Brot (o.k. Weizenbrot, aber jeden Morgen frisch gebacken), Gemüse geschnippelt oder gebraten und viele Kräuter. Gelegentlich komme ich mir wie ein Hase vor, wenn wir Salatblätter einfach nur so knuspern. Bulgur gibt es fast jeden Tag, da freu ich mich mal über Spaghetti. Manchmal gibts auch Reis statt Bulgur, :-) . Aus dem, also aus dem Bulgur, nicht aus dem Reis, kann man vegetarische Köfte machen, den kann man in Brot einrollen oder in Gemüse füllen. Gegessen wird am Boden, mittags jetzt immer auf dem Balkon, morgens und abends ist es noch zu frisch. Ein Tischtuch wird ausgebreitet und alles draufgestellt. Und nach dem Essen gibt es natürlich Tee.

Neuerdings ist es Mode einen Eßtisch zu haben, aber ich glaube der würde hier nur Platz wegnehmen. Ich komm zwar nach dem Essen kaum noch hoch, bin nämlich das dauernde Sitzen auf dem Boden nicht gewöhnt, aber hier macht das niemandem etwas aus.

So gibt es also einiges, was von den Umbrüchen im Land zeugt: Geschirrspülmaschine und Backstelle im Freien, Internetcomputer und Holzofen…

Als der Computer übrigens kaum aktiviert war, wurde die Große schon beauftragt für eine Verwandte online einen Arzttermin auszumachen – das gibt es also auch schon.


Die Meinungsfreiheit im Fo(k)cus

Die Meinungsfreiheit im Fo(k)cus

Bismillah

Ratet mal: Wer bin ich?

Der Focus hat sich ein richtig dickes Ding geleistet und ein Interview mit einer ehemaligen (?) Terroristin geführt, die sich als iranische Widerstandskämpferin ausgibt, ja gar als Exil-Präsidentin. Sie gehört der MEK an, die als sektenartige Terrorgruppe sich mit Saddam Hussain verbündet hat, die Terror-Ausbildungslager unterhält. Die betreffende Person ist von Human Rights Watch beschuldigt, an Mißhandlungen Ausstiegswilliger Mitglieder beteiligt zu sein. Na, wer ist das wohl? Richtig: Mariam Radjani heißt diese Verbrecherin, die gerne von Politikern hofiert wird. Die Iraner wollen allerdings bestimmt nicht von ihr „befreit“ werden.

Iranopoly hat einen mehrere ausführliche Berichte dazu geschrieben. Dem gibt es eigentlich nichts mehr hinzufügen, außer dass der Focus kritische Kommentare, wenn sie nicht windelweich sind, zensiert.Ich weiß von mindestens dreien.

Mir ist übel, wenn in unserem Staat die Machenschaften solcher Verbrecher als Vorbild gelten sollen. Das fällt m.E. nicht mehr unter Meinungsfreiheit, dass man Reklame für derartige Organisationen oder Personen macht. Widerspruch will man da aber nicht dulden.

Auch dazu:

Ein Aussteiger erzählt

So arbeitet die MEK

Also mich erschreckt, dass es anscheinend völlig egal ist, mit wem man sich gegen Iran verbündet.


Hab ich doch gleich gesagt

Hab ich doch gleich gesagt

Bismillah

Die Türkei ist in Provinzen aufgeteilt und in der Provinz befinde ich mich auch gerade. Im türkischen Fernsehen komme ich oft nicht so schnell mit und die Erklärungen der Familie verstehe ich auch nicht unbedingt. Nachrichten im Netz zu lesen hab ich auch kaum Zeit und so  bin ich ziemlich ab von allen großen Ereignissen – auch weil hier niemand sich für die weite Welt interessiert. Na zum Wahltag musste ich aber doch mal bei der Tagesschau reingucken und siehe da, es gibt den ersten grünen Ministerpräsidenten – Wer hätte das vor 30 Jahren gedacht? Damals hab ich mit am Gründungsstammtisch meines ebenso provinziellen Städtchens gesessen, aber wie auch schon bei der Gewerkschaft gemerkt, dass mir das organisierte Politische so gar nicht liegt. Die Partei war noch nicht trocken hinter den Ohren, da wurden schon die Pöstchen verschachert. Na inzwischen ist die Partei lange eine etablierte, hat Angriffskriegen zugestimmt und einen Vorsitzenden der wie die Schwaben so sind, ein Häusle bauen wollte, sich das Geld aber nicht von der Bank lieh. Und dann war da auch noch die Freude an schicken Klamotten, na aber wer kann ihm das verdenken wo doch selbst ein Kanzler Reklame für eine Klamottenfirma machen kann. So war der Cem auch nur kurz im Exil.

Ihren Erfolg hat die Partei aber wohl am ehesten dem „Glücksfall“ der japanischen Katastrophe zu verdanken. Die Kanzlerin war eben doch nicht so überzeugend mit ihrm „Moratorium“. Na ist jetzt ja sowieso schon egal, sie kann die AKWs wieder hochfahren, auf ein bisschen Strahlung kommt es nun auch nicht an, wo sich die Plutoniumwolke gerade über die Welt verteilt. Dann ist Japan plötzlich ganz nahe und wir können uns nicht mehr am St.Florians-Prinzip erfreuen – nun ist die Welt auf eine ganz andere Art globalisiert.

Für mich fühlt es sich trotzdem weit weg an, auch wenn ich natürlich an unsere Kinder denke. Wie überhaupt an alle, die jetzt womöglich sterben müssen und das auf eine sehr schwere Art. Und da wir sowieso nicht weglaufen können, bringt es ja nichts sich zu fürchten. Beten ist da besser.

Also ich reite gerade auf dem verhassten Satz rum: „hab ich doch gleich gesagt“. Gestern waren ja mehr Menschen auf der Straße als bei den „alten“ Anti-Akw Demonstrationen. Es waren aber auch noch die Alten dabei,:-). Ich nicht, ich bin ja grade nicht da. Und ich freu mich einerseits, andererseits denk ich mir: „warum kommen die erst jetzt aus ihren Löchern?“. Jetzt auf einmal, wo alles ganz nahe ist, da ist der Aufschrei groß, aber wie gesagt: auf unsere Atomkraftwerkchen kommt es ja nun auch nicht mehr an.

Wir sind über die Risiken von Kernkraftwerken immer belogen worden, die Lüge vom billigen Strom haben leider viele geglaubt-für wen ist es billig, wenn man über Jahrtausende auf die Überreste dieser Technologie aufpassen muss? Richtig: für die Betreiber. Für die Kunden nicht, die müssen als Steuerzahler dafür bezahlen und als Patienten sowieso. Aber man kann sich ja nicht ständig aufregen und dann hatten wir ja auch diesen Ausstiegsbeschluß und nur zu unserem Besten ist das verlängert worden.

Wer macht sich jetzt Gedanken, wie man alle Japaner evakuieren kann? Wer will die Flüchtlinge aufnehmen? Und sind die womöglich ansteckend so verstrahlt? Ich glaube, da wird es ganz schnell vorbei sein mit dem Mitgefühl. Und anders als auf Haiti, wo man sich noch Märkte sichern konnte als Helfer, ist dort dochin Japan  nichts mehr zu holen. Na auch darüber wird die Wahrheit noch durchsickern. Ich hab das doch schon gleich gesagt, dass man uns nicht die Wahrheit erzählt. Die kommt so tröpfchenweise. Zuviel davon ist ja unbekömmlich.

Ob Länder wie die Türkei, die es ja leider auch versuchen will, oder Iran ihre AKWs noch in Gang setzen werden? Hier in der Türkei argumentieren sie ja mit dem umgekehrten St.Florian: wenn die anderen uns verstrahlen, dann können wir das ja auch noch gleich selber tun, ist ja sonst ungerecht.

Wer hat all die Jahre nicht ernsthaft die Nutzung alternativer Energiequellen angestrebt? Klar, wir haben jetzt Windmühlenwälder – das hätten wir uns kaum träumen lassen, damals. Und in Bayern gibts auch ganz viele Solaranlagen. Hier in der TR machen wir immerhin das Wasser so warm. Hätte man es aber ernsthaft gewollt, hätte jedes Haus seine Windmühle und sein Solardach und wir würden alle in „Null-Energie“-Häusern leben. Dass es nicht so ist war gewollt – wer sitzt denn wohl in den Aufsichtsräten?

Also wenn ich nicht sicher wäre, dass unsere Welt noch nicht untergeht, denn es kommt noch eine ganz andere Zeit – dann würde ich womöglich verzweifeln. Jetzt nehme ich es als ein weiteres Zeichen – sterben müssen wir schließlich alle. Ich wünsche mir nur, dass es uns allen nicht qualvoll passiert.

Grüße aus Anatolien!

Türkisches Tagebuch 4 – Computerkauf mit Telefonkonferenz

Türkisches Tagebuch 4 – Computerkauf mit Telefonkonferenz

Bismillah

Eigentlich wollten wir ja erstmal nur gucken – unsere Große soll einen PC bekommen, schließlich zahl ich das Internet ja auch für die viele Zeit, die ich nicht hier bin. Und sie ist soooooooo fleißig, dass sie den auch gerne haben darf. Also sind wir, d.h. der Herr des Hauses, Sohn Erkan und seine Anne und ich in die Großstadt gefahren, nach Adiyaman. Die wird übrigens immer größer, die Wohnviertel wachsen und wachsen – wenn das so weitergeht werden wir noch eingemeindet. Schicke neue Wohnblocks, da wird wohl auch einiges an sozialem Wohnungsbau dabei sein – gibt´s in der Kleinstadt bei uns auch und zwei Familien aus dem Clan haben schon eine 120qm Wohnung zum Spottpreis bekommen. Nur mal wieder für die bemerkt, die an Tayyip Erdogans Regierung rummeckern. Wie der Straßenbau gewaltig vorankommt, so ist auch die staatliche Baufirma auf einmal richtig produktiv nach jahrzehntelangem Trödeln. Aber das nur nebenbei.

Also wir in die Stadt und losmarschiert, keine Ahnung, wo es PCs geben könnte. Den ersten Fund machten wir in einem Laden für Elektrogeräte, Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher und eben auch Computer. Zwei Laptops hatten sie da, aber wir wollten einen PC. Nach etwas radebrechen mit Minitürkisch, Englisch und Deutsch fand sich aber noch ein Katalog und das erste Modell, das in Frage kommen könnte. Jetzt ging das los: bei meinem Mann anklingeln, auf Rückruf warten, die Lage schildern, an den Verkäufer weitergeben – und noch ein paarmal hin und her. Schließlich sagte der Chef, wir sollen noch in den anderen Laden gehen, bei dem wir unseren Kühlschrank gekauft haben, :-) . Ok, dort gefragt, die hatten sogar ein Modell da, das ich gut fand, aber es war teurer als in dem anderen Laden. Ich hab ziemlich diskutiert weil mir die Marke gefiel, aber nein, wir sollten erstmal essen gehen und drüber nachdenken. Was auch gut war, denn während wir im Restaurant saßen, rief ein Neffe meines Mannes an und kam dann, mich zu begrüßen. Nochmal mit meinem Mann telefoniert und dann beschlossen samt Neffen nochmal loszuziehen. Und sie an, wir fanden zwar dort wo er Computer vermutete keinen, aber gleich nebenan war ein „Bilgisayar hastanesi“, also ein Krankenhaus für Computer – das sich als richtiger Computerladen entpuppte. Hurra, da wurden wir endgültig fündig und jetzt kommt Montag der relativ günstige aber bestens ausgestattete PC. Die Verhandlungen gingen aber wieder telefonisch über inzwischen 4 Personen.

- nicht dass Ihr glaubt ich müsse bei allem meinen Mann fragen. Aber er kann den PC nicht kaufen, weil er davon nichts versteht, während ich ein bisschen mehr Ahnung habe, aber kein Geld, :-)

Dann brauchten wir noch einen Schreibtisch, aber der sollte jetzt wirklich billig sein. Haben wir auch gefunden und den finde ich ziemlich hässlich. Da der in meinem Zimmer stehen wird, ist das hoffentlich nur eine Zwischenlösung. Der kommt auch Montag. Ein bisschen Möbelrücken wird morgen noch anstehen.

Ich war mal wieder völlig geschafft heute. Zu Hause ist es dann doch am schönsten:

Türkisches Tagebuch 3

Türkisches Tagebuch 3

Bismillah

Hier ist es nicht aufregend, :-) . So wollte ich es ja auch haben. Inzwischen spielt sich ein Tagesrhythmus ein wie er mir gefällt, was heißt das ich normalerweise einen Mittagsschlaf halten kann. Dafür stehe ich auch ohne meckern um 7 Uhr auf. Um 8 gehen die großen Kinder in die Schule und die Kleinste ist auch meistens unterwegs. Ich bin von der körperlichen Hausarbeit befreit und darf morgens an meinen Minijob, geh dann vielleicht noch mal im Garten ein bisschen was tun, und bespaße nachmittags die Kinder. Ich muss wohl mal erklären, wie die Familie hier zusammengesetzt ist: Wir haben ein Haus gebaut weil wir ja irgendwann mal in die Türkei ziehen wollen, aber das kann ja noch dauern, weil das Häusle auch bezahlt werden will. Die Tochter meines Mannes, 12 wird sie dieses Jahr schon, hat immer bei Pflegeeltern gelebt, seit ihre Mutter die Familie verlassen hat. Mein Mann hat ja immer auswärts gearbeitet und war monatelang weg.  Sie war aber bei mehreren Verwandten nicht wirklich gut behütet und hat sich dann sozusagen selbst ihre Pflegefamilie ausgesucht, sie ist einfach immer dorthin gegangen und nicht zu Onkel und Tante nach Hause gekommen. Da haben wir beschlossen, dass sie mit der Familie in unser Haus ziehen kann, dann hat sie es gut und auf das Haus wird aufgepasst. Das ist jetzt seit gut drei Jahren so und inzwischen wohnen im Ergeschoss noch ein altes Ehepaar, die wurden zu Oma und Opa ernannte und deren Tochter samt erwachsenem Sohn. Die gehören auch zur Familie, hier wird immer zusammen gekocht und gegessen. Und meine Stieftochter ist jetzt „Abla“ von drei jüngeren Geschwistern. Sie ist total aufgeblüht.

Aufblühen tun hier auch gerade die Bäume. In der Sonne ist es schön warm, aber abends freue ich mich doch, dass der Ofen noch aufgebaut ist.

Hier kann man die Dorfschule sehen