Bismillah
Zum Jahrestag des Ereignisses des Ereignisses von Ghadir Chum, den wir Shiiten heute begehen, passt es doch, endlich an meinen Literaturempfehlungen weiterzuarbeiten. In dem verlinkten Eintrag bei eslam.de wird ja schon benannt, was zur Spaltung der Muslime in die Partei Alis (Shiat Ali) und der Sunniten geführt hat – wobei dieser Begriff erst viel später geprägt wurde und missverständlich ist, denn der „Sunna“ des Propheten Muhammed, s.a.s., wollen alle Muslime folgen – nur messen sie den Quellen der Überlieferung ganz unterschiedliche Bedeutung bei. Auch wenn heute die Spaltung der Muslime gerne herbeigeredet wird im Sinne von „Teile und Herrsche“ sind die Gemeinsamkeiten doch größer als das Trennende. Ich hatte aber das Glück, nicht in die Fänge der wahabitischen Sekte zu geraten, als ich anfing mich mit dem Islam zu beschäftigen – ich wäre niemals Muslima geworden, wenn ich nur deren trostlosen Islam kennengelernt hätte. Für mich war es gut, dass ich auf der einen Seite sunnitische Freundinnen und Familie hatte und auf der anderen Seite schon früh und darum ganz vorurteilslos Shiiten kennenlernte, so dass ich mich unvoreingenommen informieren und schließlich ein Jahr nach meiner Konvertierung mich für die dschafaritische (shiitische) Rechtsschule entscheiden konnte.
Aber nun zur Bücherliste – ich hatte keine Lust, Fotos zu machen, aber da ich fast alle meine islamischen Bücher bei m.-haditec kaufe, verlinke ich da mal jeweils hin, und wenn es etwas online gibt auch:
Ein leicht zu lesendes Buch über einen ehemals leidenschaftlichen Sunniten, der nach vielen Reisen und Begegnungen zum Shiiten wird ist dieses Buch:
Wie ich rechtgeleitet wurde von Dr. Muhammad al-Tijani al-Samaoui. Der Autor ist Tunesier und in der malikitischen (eine der vier sunnitischen) Rechtsschule erzogen worden. Zuerst nach seiner ersten Pilgerfahrt nach Mekka von den Wahabiten beeindruckt, kommt er ins Grübeln als er anfängt mit Shiiten über den Islam zu streiten. Das Buch liest sich auch deshalb angenehm, weil der Autor selbstkritisch und -ironisch von seinem Abstieg vom „hohen Roß“ berichtet. Man kann gut nachvollziehen, wie schwierig es für ihn war, dass was er aus der islamischen Geschichte gelernt hat zu hinterfragen und viele seiner Einstellungen zu verändern. Die wichtigen geschichtlichen Ereignisse und Überlieferungen sind alle in dem Buch erläutert, weshalb es schon einen guten Überblick bietet. In gedruckter Form heißt das Buch soweit ich weiß inzwischen „So wurde ich rechtgeleitet“.
Eine ausführlichere Erläuterung zu den strittigen Überlieferungen findet sich im Buch „Al-Muradscha´at“ – Die Konsultation -Dialog von Sunniten und Shiiten, das findet man onlin hier – ich finde das aber zu umfangreich um es online zu lesen.
hier zu erstehen
Das Buch ist deshalb sehr lesenswert, weil es sehr gründlich alle Themen bearbeitet, die zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Sunniten und Shiiten bestehen – und das alles in einem sehr respektvollen Ton, wie man es von gelehrten Muslimen auch erwartet. Als Autor des Buches antwortet Sayyid al-Musawi seinem Gesprächspartner Scheich al-Bischri auf alle seine Fragen – jede wird in mehrfachem Briefwechsel vertieft besprochen. Es ist also noch gründlicher als das erstgenannte Buch.
Was die strittigen Punkte angeht, hier mal ein paar Hinweise – wie gesagt, werden diese Themen in den Büchern vertieft. Ghadir Chum wurde oben schon genannt, sehr wesentlich ist auch Das Donnerstagsunglück, und die Auseinandersetzung um das Landstück Fadak.
Vordergründig sind sich Sunniten und Shiiten also über die Bewertung historischer Ereignisse uneins. Dahinter stecken aber natürlich tiefere Gründe des Verständnisses von der „Ergebenheit in den Islam“, also die Hingabe an Gottes Willen. Shiiten haben da einen großen Vorteil: da wir nicht nur die Überlieferungen der Gefährten zur Lebenszeit des Propheten, s.a.s., zur Verfügung haben, sondern weil wir auch auf das Vorbild der Familie des Propheten, der Ahl-u-bait. Zu Zeiten des Propheten, s.a.s., selber waren das sein einziges überlegendes Kind, Fatima, a.s., sein Cousin und Schwiegersohn Imam Ali, a.s. – dem nach shiitischer Ansicht das Kalifat nach dem Tod des Propheten zugestanden hätte – und seine beiden Enkel, Imam Hasan, a.s. und Imam Husain, a.s. – die Imame nach Imam Ali, a.s. Es folgen noch 9 weitere Imame aus der Nachkommenschaft des Propheten, s.a.s. Nicht dass es sich um eine dynastische Erbfolge gehandelt hat, nein, die jeweiligen Nachfolger wurden aus der meist zahlreichen Kinderschar ausgewählt nach ihrem Charakter und ihrem Wissen. So haben wir über Jahrhunderte nach dem Propheten, s.a.s., selbst Vorbilder für islamisches Leben und Verhalten und das unter ganz unterschiedlichen Bedingungen. Es gab Zeiten, in denen Shiiten so verfolgt wurden, dass sie ganz zurückgezogen leben mussten, es gab Zeiten der offenen Auseinandersetzung, es gab Zeiten in denen zwar die Imame nicht regierten, aber doch ihr Rat geschätzt wurde. Wir lernen über Standhaftigkeit in Zeiten der Verfolgung und der Haft und über Mitgefühlt und tatkräftiges Eintreten für die Gemeinschaft. Und natürlich, warum wir auf die Wiederkehr des letzten der Imame, Imam Mahdi, a.s., so sehnsüchtig erwarten.
Mein Buchtipp dazu: Kitab al Irshad, das Buch der Rechtleitung. Auch das finde ich schwierig online zu lesen.
also auch hier der link zum shop
Über die Lebensweise der Imame, a.s., unter unterschiedlichen Bedingungen hat auch Ayatollah Motahhari im Buch „Die Imame und ihr Weg“ geschrieben, das 1997 erschienen ist – ich weiß nicht, ob es noch im Handel ist, auf meinem steht die ISBN964-472-062-8. Ayatollah Motahhari legt darin dar, dass sich die Imame trotz ihrer unterschiedlichen Strategien nicht in ihrer grundsätzlichen Haltung unterscheiden.
Und als letztes Buch, von Allama Tabatabai „Die Shia im Islam“ – das ist jedenfalls gebraucht noch zu finden (ISBN 978-3925165092). Das Buch befasst sich zunächst auch mit der islamischen Geschichte, vertieft dann aber die religiösen Sichtweisen und die Glaubensüberzeugungen der Shiiten, abgeschlossen mit der geistigen Botschaft der Shia.
Ja, das war es aus dieser Richtung – natürlich gibt es noch unzählige Bücher über die Taten und Weisheiten der Ahl-u-bait, a.s., und über shiitischen Glauben, aber ich wollte hier ja nur vorstellen, was ich gelesen habe und was mich zu meiner Entscheidung gebracht hat.
Es ist mir nicht wirklich gelungen finde ich, anhand dieser kurzen Buchvorstellungen zu vermitteln, was dieses Wissen und diese Erkenntnisse für eine Bereicherung nicht nur in den rationalen Bestandteilen des Islam bedeuten – und der Islam ist eine rationale Religion und in der shiitischen Rechtsschule darf alles gefragt und erforscht werden – sondern auch im spirituellen Leben bedeutet. Nicht nur der Kopf wird befriedigt durch das Wissen über die Quellen des ursprünglichen Islam, sondern die Beschreibung der Lebensweise unserer Vorbilder ist etwas, was das Herz wärmt und Mut macht.