Bismillah
Wieder ein Buch, das ich verschlungen habe. Es spielt in Tripolis in Libyen im Sommer 1979. Der neunjährige Suleiman lebt dort mit seiner Mutter und einem viel zu oft abwesenden Vater. Er spielt auf der Straße mit den Nachbarskindern, vor allem Karim ist sein bester Freund. Wenn der Vater verreist ist, wird Suleimans Mutter “krank”. Sie braucht dann eine große Flasche mit Medizin, die beim Bäcker als “Bückware” zu erhalten ist. Dann raucht sie Kette, trinkt und redet viel zu viel, vor allem über Angelegenheiten die Suleiman sehr verwirren, z.B. dass sie ihn nicht haben wollte und versucht hat, ihn abzutreiben, oder dass man sie zur Heirat gezwungen hätte. Suleiman macht sich in diesen Tagen viele Sorgen um seine Mutter, merkt aber auch, dass ihr Verhalten irgendwie nicht richtig ist. Sobald der Vater seine Ankunft ankündigt wird die Mutter wieder gesund und ist er zu Hause, versucht sie ängstlich ihm alles recht zu machen. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt – aber das wird Suleiman erst viele Jahre später bewußt. Die Geschichte um die Zwangsheirat seiner Eltern ist eine Nebengeschichte dieses Buches.
Suleiman meint, seinen Vater in der Innenstadt am Märtyrerplatz gesehen zu haben, was ja nicht sein kann, da der Baba doch auf Geschäftsreise im Ausland ist. Bei seinem Freund Karim wird der Vater verhaftet und seine Mutter verbietet ihm, weiter mit Karim zu spielen. Die Eltern streiten um etwas, das Suleiman nicht versteht. Dann verbrennen die Mutter und Musa, ein ägyptischer junger Freund und Geschäftspartner des Vaters sämtliche im Haus vorhandenen Bücher und viele Papiere – Suleiman ist darüber sehr erschrocken und rettet ein einziges der Bücher “Demokratie jetzt” heißt es. Warum verbrennen sie alle diese Schätze, die sein Vater so liebt?
Geheimnisvolle Telefonate werden geführt, bei denen geklärt werden muss, ob ein “Echo” in der Leitung ist. Und schließlich parkt der weiße Kleinbus vor der Tür, der den Nachbarn abgeholt hat und fährt tagelang nicht weg. Der Fahrer macht Suleiman Angst, scheint es aber gut zu meinen. Suleiman ist viel zu jung um zu merken, wie er ausgehorcht wird – ob am Telefon oder am Auto – unabsichtlich gibt er die Kontakte seines Vaters zum Widerstand gegen Ghaddafi preis. Die bedrohliche Atmosphäre führt auch dazu, dass er seine Freunde verrät und schließlich einen Spielkameraden verletzt, so dass er in der Straße ganz alleine ist, während seine Mutter und Musa auch keine Zeit und Geduld für ihn haben, denn nun ist auch der Vater entdeckt und verhaftet worden.
Anbiederung an die sonst so verachteten Nachbarn, deren Hausherr bei der Regierung arbeitet, führt schließlich dazu, dass der Vater, wenn auch schwer verletzt, nach Hause entlassen wird. Suleiman soll ihn erst nicht sehen, als er es doch tut, erkennt er den zerschlagenen Vater – der auch unter der Folter zum Verräter wurde – erst gar nicht.
Das glückliche Ende ist für Suleiman ein trauriges: Die Eltern sind auf einmal nach diesen Erlebnissen zusammengerückt, der Vater geht nicht mehr auf Geschäftsreisen sondern sucht sich eine andere Arbeit, die Mutter wird nicht mehr krank – aber Suleiman wird aus diesem neuen Familienleben ausgeschlossen und nach Kairo in´s Exil geschickt, wo er zukünftig bei Musa und dessen Familie lebt. Da er auch später nicht heimkehrt um seinen Militärdienst zu leisten, kann er nie mehr in die Heimat zurück. Erst als er selber 24 Jahre alt und sein Vater gestorben ist, kommt es zu einem Wiedersehen mit seiner geliebten Mutter und erst da erkennt er, wie jung sie war als sie Mutter wurde und wie überfordert.
Das Buch ist so rührend, weil es die Gefühlswelt dieses kleinen Jungen so glaubhaft schildert, was ja nicht jedem Schriftsteller gelingt. Abgesehen von der ganzen spannenden Familien- und politischen Geschichte, finde ich ganz besonders entzückend das Kapitel, in dem Suleiman, der übrigens oft mit dem Kosenamen “Sluma” gerufen wird, sich beim Stibitzen von Maulbeeren aus Nachbars Garten so in einen regelrechten Maulbeerrausch fallen lässt, dass er sich einen Sonnenstich zuzieht. Und dann erzählt er die Geschichte von den Engeln, die hinter dem Rücken Allahs (wobei auch Sluma klar ist, dass Allah alles sieht) die Maulbeeren auf die Erde gebracht haben, zum Trost für Adam und Eva, als sie aus dem Paradies vertrieben wurden.