Aber warum sollte sie das tun, die US-Army? Ganz einfach, weil die Türkei natürlich gekränkt auf den “Beschluss” des US-Repräsentantenhauses reagiert, die Verbrechen gegen Armenier 1915/16 als Völkermord zu deklarieren. In den USA ist sicherlich bekannt, dass so etwas beleidigte Reflexe in der Türkei auslöst, vielleicht will man ja gerne die Incirlik-Basis schließen und weiß nur nicht, wie begründen?
Spaß beiseite: wahrscheinlich bleibt das ein Traum, dass die Türkei die Amerikaner samt ihrer Atombomben rauswirft. Aber schön wär´s doch und immerhin wird darüber nachgedacht. Schließlich gibt es keinen Grund, von türkischem Boden aus die Nachbarstaaten zu bedrohen, mit denen die Beziehungen immer gutnachbarlicher werden, während die amerikanischen “Verbündeten” nicht nur in der armenischen Angelegenheit ein mindestens doppeltes Spiel spielen. Raus aus der NATO und bloß gar nicht erst rein in die EU, statt dessen ein souveränes Land mit guten Beziehungen zu seiner Nachbarschaft, das wär mein Traum für meine zukünftige Heimat.
In die EU will die türkische Bevölkerung sowieso nicht mehr – wer kann es ihnen verdenken. Und die Türkei braucht auch die EU nicht, andersherum sieht das ganz anders aus. Griechenland müht sich gerade redlich, die Beziehungen zu verbessern – die Türkei ist nämlich nicht pleite, im Gegenteil.
Achso, ich war ja bei den Armeniern. Also, warum ist es wichtig, wie man diese Verbrechen nennt? Es hat sie gegeben, das streitet wohl niemand ab und da es sich nicht um “diesen” türkischen Staat gehandelt hat, wüßte ich nicht, warum man sich dafür mehr schämen sollte, als wir Deutschen für die Verbrechen der Nazis: nicht in Vergessenheit geraten lassen, aber keine persönliche Erbschuld. Und die Türken haben diese Zeit durchaus nicht vergessen – allerdings sehen sie auch eine andere Seite und die zeigt, dass ebenso zigtausende Türken Opfer der von Russland benutzten Armenier waren.
In unserer türkischen Familie ist unvergessen, dass 7 (!) Brüder des Großvaters meines Mannes verschleppt wurden und nie zurückkehrten. Der Stein, auf dem der Kleinste damals gesessen hat und seinen Brüdern nachgewunken, ist heute noch ein Gedenkplatz für die Familie. Solche Geschichten haben viele Familien im türkischen Osten. Und die Türkei hat seit Jahren Austausch unter Historikern angeboten, Armenien ziert sich aber noch. Wobei das armenische Volk, dem es dreckig geht, ebenfalls abwinkt was die “Völkermord”-Bewertung angeht. Dort will man nichts als friedliche, nachbarschaftliche Beziehungen.
Also kann man wohl diesen ganzen Resolutionsquatsch als einen unter vielen Versuchen bewerten, die Türkei seitens ihrer amerikanischen “Freunde” zu ducken und kleinzuhalten. Nur sind diese Zeiten vorbei und das Land ist selbstbewußt geworden und macht sich nicht wirklich was draus (dass man laut tönt, gehört zum Spiel). Im Gegenteil, da diese Resolution seit Jahren immer wieder im Frühjahr diskutiert wird, freut man sich, wenn sie jetzt durchgeht. Dann haben die Amerikaner erstmal nichts, womit sie noch drohen könnten. Im Gegensatz zu den Türken, die können mit Rauswurf drohen – ach, es wäre zu schön.
interessant: wer ist wirklich verantwortlich?
P.S. Haben eigentlich die Amerikaner ihren Völkermord an denen, die das Land vor ihnen bewohnt haben, schon beim Namen genannt?
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“Denn sie wissen nicht, was sie tun.”
DAS ist es, was mir bei den Amerikanern vor allem auffällt.
Marschieren in den Irak ein, ohne viel Ahnung zu haben, worauf sie sich da einlassen.
Lassen erst einmal jahrelang Afghanistan aus dem Ruder laufen.
Ruinieren sich ihre Reputation durch Guantanamo etc..
Deregulieren ihre Wirtschaft in einer Weise, die für sie selber katastrophal ist.
Wählen Senatoren und Abgeordnete ohne große Rücksicht auf deren Kompetenz und und ihr eigenes sachliches Interesse.
Undsoweiter.
Die idiotische Armenier-Resolution ist da nur ein kleines Beispielchen in einer langen Liste.
Ein Fall von Dummheit.
Es wird nicht der letzte und nicht der schlimmste bleiben.
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PS: Ich bin mir aufgrund meiner Lektüre der verfügbaren Dokumente ziemlich sicher, dass ein Genozid vorliegt und dass die Zahl der Opfer wohl um eine Million liegen müsste.
Die Türkei sollte es zulassen, dass ALLE Dokumente dazu in der Türkei veröffentlicht und diskutiert werden können.
Warum ich dann über die Armenier-Resolution von einer Dummheit spreche?
In der Politik zählt Politik – und nur Politik. Ich bin halt Realist und Machiavellist, wie du weißt. Die Wirkung zählt. Die Folgen sind es, auf die man schauen muss – und die man verantworten muss.
Der politische Realist fragt: WAS KOMMT RAUS?
Kommt nix g’scheites raus, ist die Politik Mist.
Moinmoin,
hast Du den sehr interessanten MM Artikel dazu gelesen?
Ich versteh auch nicht die Empfindlichkeit der Türkei dazu, aber das liegt wohl am hoffentlich bald auf Normalmaß reduziertem Nationalismus.Nur ist das nicht Sache des Parlamentes eines anderen Landes, zu entscheiden wie sich eine Angelegenheit nennt. Und dass die Armenier nicht bereit sind, ihren Anteil an Verbrechen aufzudecken, wundert mich nun auch, die Zahl der türkischen Opfer dürfte nicht so hoch sein. Wobei es egal ist, welchem Volk ein Ermordeter angehört.
In der Türkei ist unter Historikern sicher die Arbeit schon möglich, aber lautes Aussprechen – na Erdogan kann nicht unbedingt noch eine Baustelle gebrauchen.
In dem Fall schaden die Amerikaner sich wenigstens nur selber, stört also nicht weiter. Wär doch zu schön, wenn die TR atomwaffenfrei wäre, wo das doch mit der ganzen Welt nicht klappen will….
Ich mache da Erdogan und Gül keinen Vorwurf. Sie haben in der Tat genug Baustellen, und sie haben die Entspannung mit Armenien tapfer eingeleitet – genau das war der erste notwendige Schritt, dem – vielleicht – eines Tages weitere Schritte und eine offene Debatte über die Armenier-Genozid-Frage folgen werden.
Das ist MEIN Grund, warum ich in dieser Frage persönlich duldsam bin: Wenn ich sehe, dass der Weg in die richtige Richtung führt, dann übe ich mich in Geduld. Die amerikanischen Deppen, die diese Genozid-Resolution verabschiedet haben, haben keinen Sinn für eine solche Art der Betrachtung. Als ob sie kleine Kinder wären, so gibt es für sie nur das Jetzt, die pure Gegenwart – aber keinen Weg, keine Richtung, keine Entwicklung …
(Oder erklärt man das besser über den Einfluss einer Lobby?)