Bismillah
Als ich vorgestern meinen ersten Teil Buchbesprechung geschrieben habe, war ich schon sehr bewegt von den Berichten Riverbends aus dem besetzten Irak. Das letzte Drittel des Buches, bzw. blogs, hat aber noch ganz andere Dimensionen. Riverbend geht ihr Sarkasmus weitgehend verloren und damit auch die ironische Distanz zu der Situation in der sie lebt. Immer mehr wird die Erschöpfung spürbar, die die Iraker erfasst – nicht verwunderlich, wenn man in einem besetzten Land lebt, in dem immer wieder Konflikte aufflackern, Bomben fallen, täglich neue Grausamkeiten an´s Licht kommen.
Riverbend kann sich kaum noch lustig machen über die von den Besatzern eingesetzte Marionettenregierung aus dubiosen Gestalten. Entsetzt nimmt sie zur Kenntnis, was an Grausamkeiten aus Abu Ghraib berichtet wird. Dieses Gefängnis war schon zu Saddams Zeiten berüchtigt, aber die gezielte sexuelle Demütigung von Menschen konnte sich niemand vorstellen. Dazu die Massaker von Falludscha – eine Kleinstadt niedergebombt als kollektive Strafe. Überall im Irak eskaliert die Situation, die absichtlich geschürten Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen führen zu ständiger Angst und Unsicherheit. In Bagdad kommen mehr und mehr Flüchtlinge an und suchen bei Riverbends Nachbarn Zuflucht.
Die christlichen Nachbarn im Viertel trauen sich nicht mehr, sich zu erkennen zu geben, geschweige denn Weihnachten oder andere Feste zu feiern, oder in die Kirche zu gehen. River ist zutiefst betroffen davon, haben doch sonst alle ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis gepflegt, ihre Feste gemeinsam gefeiert, ihre Kirchen und Moscheen besucht. Vorbei – wer kann, verlässt das Land. Auch viele Muslime gehen wenn irgend möglich, weil sie die ständige Angst um ihre Familie nicht ertragen.
Manchmal bloggt sie wochenlang nicht – weil es zuviel im Alltag zu tun gibt um durchzukommen, oder weil ihr einfach die Kraft fehlt. Sie beschreibt, wie alle Menschen um sie herum immer blasser, ausgezehrter und erschöpft wirken. Immer wenn wieder geschossen wird, Explosionen erfolgen, fühlen sie sich an die ersten Kriegstage erinnert und fürchten alles noch einmal durchstehen zu müssen.
Der veröffentlichte Teil ihres blogs endet in 2004 und in der Zeit scheint es keine wirkliche Hoffnung zu geben. Sie ist bitter und böse und will nur, dass die Besatzer abziehen, damit das Vergewaltigen und Morden ein Ende hat. Egal, ob inzwischen ein Bürgerkrieg droht zwischen vorher guten Nachbarn.
Schon zu lesen, wie es Riverbend geht tut weh. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemanden unberührt lässt und dass man noch behaupten kann, es gäbe irgendeine Berechtigung dafür, ein Volk in diesen Zustand zu versetzen. Im Vergleich dazu ist die Zeit unter Saddam Hussein eine Epoche des Friedens und der Freiheit. Riverbends blog ist ja, wie ich schon im ersten Teil geschrieben habe, noch bis 2007 nachzulesen. Vielleicht versuche ich mich mal dran (ist auf Englisch). Ihr Buch ist jedenfalls schrecklich traurig.