Bagdad brennt – kennt Ihr Riverbend? Eine ganz andere Buchbesprechung.

Bagdad brennt – kennt Ihr Riverbend? Eine ganz andere Buchbesprechung.

Bismillah

Ich kannte sie nicht – warum auch immer, sie ist mir nicht begegnet, bzw. ihr blog, bis vor ein paar Wochen mich Freundinnen auf das Buch (“Bagdad burning”) aufmerksam machten, das Ihren blog aus den Jahren 2003 und 2004 abbildet. Bei amazon bestellt und da lag es eine Weile im Nachtschrank weil ich noch andere Bücher in Arbeit hatte. Heute morgen dann in der S-Bahn hab ich angefangen zu lesen und am liebsten würde ich es in einem Rutsch auslesen, aber ich kann auch irgendwie nicht mehr.

Dieses Buch kann ich nicht einfach so “besprechen”. Ich hab schon andere Bücher über die Situation im Irak gelesen, auch über den Widerstand – auch über Terrorismus, aber die waren in Romanform und schon traurig genug, aber dieses ist das wahre Leben. Riverbend ist das Pseudonym für eine junge Frau Mitte 20, sie schreibt in Englisch und ist einen Teil ihres Lebens im Ausland gewesen, sie hat studiert und war vor dem Krieg Netzwerkadministratorin. Mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder lebt sie in einem Mittelstandsviertel in Bagdad – so jedenfalls in der Zeit, die das Buch abbildet.

Beim Lesen schwanke ich zwischen Lachen und Weinen – River ist unglaublich sarkastisch und schafft dadurch in ihren Beschreibungen der Nachkriegssituation und ihrer politischen Analysen Distanz zu ihrer anderen Seite: ein junge Frau die aus ihrem hoffnungsvollen Leben gerissen wurde und nun versucht, mit ihrer Familie das Entsetzen, die Trauer, die Angst und auch den Alltag unter schwierigsten Umständen zu bewältigen.

Über die Marionettenregierung der amerikanischen Besatzer macht sie sich überwiegend lustig und diese Abschnitte sind Satire – aber man spürt die große Wut für die Verachtung der Besatzer für die irakische Kultur, für die Fähigkeiten der Iraker und die absolute Ahnungslosigkeit über den Lebensstil der Bürger dieses Landes. Ironisch zerpflückt sie die amerikanischen Analysen des irakischen (Groß)familienlebens und der angeblichen Unterdrückung der irakischen Frauen (die die islamische Verschleierung tragen müssen, damit keine anderen Männer als die Cousins die sie doch heiraten sollen, sie zu Gesicht bekommen).

Wütend ist sie über die Arroganz die vollkommen ignoriert, was die Bürger dieses Landes unter den schwierigen Bedingungen der Sanktionen geleistet haben – der Wiederaufbau nach dem 1. Golfkrieg, die gut ausgebildeten Ärzte, Ingenieure, Naturwissenschaftler. Den hohen Anteil studierender Frauen. Nach dem Krieg können Frauen kaum noch auf die Straße gehen, auch Riverbend verliert ihren Arbeitsplatz als Netzwerkadministratorin. Der gelassene Umgang mit der Religion – sie ist Muslima und zieht daraus ganz viel Kraft – geht verloren. Konnten Frauen vor dem Krieg selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht, ist auf einmal Vollverschleierung angesagt und die Frauen gehen nur selten und in Begleitung bewaffneter Verwandter nach draußen.

Die Besatzer haben das Land nach dem Motto “Teile und Herrsche” in Gebiete aufgeteilt, Shiiten, Sunniten, Kurden, Armenier ….auf einmal herrscht Feindseligkeit dort, wo es bis dahin eine friedliche Nachbarschaft gab. Diverse paramilitärische Organisationen nutzen die Gunst der Stunde und werden von der Besatzung noch eingesetzt und bewaffnet um für Ruhe zu sorgen. Riverbend ist dabei sehr kühl analysierend und sie schont niemanden dabei, egal welcher Konfession oder Volksgruppe angehörig.

Die Marionettenregierung ohne jegliche Befugnis, deren willkürlich eingesetzte Mitglieder sich meistens im Ausland aufhalten und dort ihren üblichen Geschäften nachgehen – die meisten haben Jahre bis Jahrzehnte nicht im Irak gelebt ist ihr nur Zynismus wert – und Berechnungen, wieviel Geld diese kassieren. Ebenso wie Firmen aus dem Umfeld von Bush und Co. die sich die lukrativen Wiederaufbauaufträge sichern, für die das Land noch viele Jahre bezahlen wird – tausendfach höhere Preise als die Berechnungen irakischer Spezialisten ergeben haben. Die vorgeblichen Kriegsgründe der USA sind ihr kaum ein müdes Lächeln wert, so offensichtlich ist, worum es wirklich geht.

Ganz viel berichtet sie über das Alltagsleben: die Schwierigkeiten mit dem knappen Wasser sich selbst und die Wäsche zu waschen, die ständigen Stromausfälle. Die immer schlechtere Qualität der Lebensmittelrationen, Ramadan im Krieg, Hausputz und die Beschaffung von Radiergummis (in Erdbeerform aber mit Pfirsichduft) für die Kinder der Familie. Wir erfahren, dass die Mädchen dort Barbie lieben und Winnie the Pooh und sogar die Schlümpfe.

Gleichzeitig erleben wir mit, wie ihr Herz fast zerreißt angesichts der Ängste der Kinder, wenn der Strom ausfällt und draußen Schüsse zu hören sind. Wie ihrer kleine Cousine die Zähne vor Angst klappern und sich die Kinder vor der Dunkelheit fürchten. Wie alle nur in Kleidern schlafen, damit es ihnen nicht so geht wie der jungen Frau des Nachbarsohnes die bei einer Razzia im kurzen Nachthemd aus dem Haus gezerrt wurde – von fremden Männern angeschrien und angefasst, ohne Kopftuch. Wie sie den Goldschmuck der Tante im Bett trägt, damit dieser nicht gefunden wird – bei einer Durchsuchung kann man schnell ein langes Kleid überstreifen.

Riverbend hasst die Amerikaner nicht – nicht die einzelnen – jedenfalls nicht immer. Sie bringt Mitgefühl für die jungen Soldaten auf, aber sie ist entsetzt über die Gesetzlosigkeit und Willkür. Sowohl der Besatzungstruppen, die bewaffnete Familienväter zu Terroristen erklären, die morden und stehlen, als auch über den Zerfall der Moral ihrer Landsleute: Entführungen um Lösegeld zu erpressen, Morde, Belästigungen. Sie beschreibt wie es sich anfühlt, so viele trauernde Menschen zu besuchen, Freunde der Familie, die ihre Angehörigen verloren haben. Eine Verwandte hat ihren Mann und beide Kinder verloren und vor diesem Besuch hat sie große Angst – mit Recht, so wie sie den Besuch bei der traumatisierten Frau schildert.

Mit scharfem Blick beschreibt sie, wie ihr Heimatland zerstört wird – und dabei weiß sie in dieser Zeit noch nicht, wie viele Tote dieser Krieg noch kosten wird – heute sind es über 1,4 Millionen. Zu ihrer Zeit unter 10000. Die wahren Ausmaße des Beschusses mit Uranmunition kann sie noch nicht absehen – obwohl sie die ersten mißgebildeten Babies schon gesehen hat, denn das erste Mal wurde der Irak im ersten Golfkrieg damit vergiftet. Von Abu Ghuraib ist noch nichts bekannt in der Zeit ihres blogs, die ich bis jetzt gelesen habe.

Und neben allem tauscht sie sich mit anderen bloggern aus, liest kritische Stimmen im Netz und macht eine Seite mit Kochrezepten auf.

Wie gesagt, ich bin mit dem Buch noch nicht fertig, aber ich musste darüber einfach schon mal berichten. Ich weiß nicht, was aus Ihr geworden ist, in ihrem blog sind die letzten Einträge von 2007. So Gott will, ist sie gesund und ihre Familie auch, vielleicht kann sie wieder arbeiten, vielleicht konnte sie heiraten und eine Familie gründen. Es wäre schön, das zu erfahren und ich werde sicherlich noch ein bisschen im Netz stöbern, ob es darüber Informationen gibt.

Es ist kaum auszuhalten, diesen Bericht zu lesen – aber wir können das zu Hause auf der Couch tun, Riverbend und alle Iraker müssen unter diesen Bedingungen leben. Ein Land wurde zerstört, ein Land in dessen Kultur so viele unserer Wurzeln liegen, aus keinem anderen Grund als Profitgier. Die Iraker haben nichts verbrochen, sie haben niemanden bedroht und ihr Leben war unter den sinnlosen Sanktionen schon schwer genug. Das Leid, dass jetzt über sie gekommen ist, ist aber dagegen unvergleichlich.

Ich höre ja aus dem Freundeskreis Berichte über das Leben im Irak – heute gibt es ja eine gewisse Normalität, immer mal wieder von schlimmen Anschlägen unterbrochen – und natürlich unter den vergifteten Bedingungen und damit meine ich sowohl die Spaltung der Bevölkerung als auch die ganz reale radioaktive und chemische Vergiftung. Vielleicht kann ich in nächster Zeit ein paar Augenzeugenberichte bringen. Aber so ausführlich und persönlich, über einen längeren Zeitraum wie in Riverbends blog werden wir wohl selten etwas erfahren.

Fortsetzung folgt hier

2 Antworten »

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