Ein Leserbrief, der wahrscheinlich mal wieder nicht gedruckt wird:
Tomas Avenarius lässt sich heute in der SZ über den Islam der Zukunft aus. Auf der Titelseite angekündigt als Beitrag, der endlich mal eingesteht, dass man zum Islam auch mal mit den Muslimen reden sollte, erwartet einen auf Seite 4 allerdings eine Enttäuschung.
Erst einmal muss der “islamische” Terror mit seinen (angeblich seinen) aktuellen Beispielen von Detroit, über Malaysia nach Ägypten reichenden Beispielen angeführt werden – freundlicherweise wird allerdings bestritten, dass der Islam deshalb eine “Religion des Terrors” sei – das ist ja schon deshalb unmöglich, weil es sich ja letztendlich um eine Synthese von Juden- und Christentum handele und deshalb diese sonst auch von dieser Titulierung betroffen wären.
Das zeigt schon den gönnerhaften Ton des ganzen Kommentars. Ohne die Muslime einzubeziehen, kann man den Islam nicht “reformieren”, am besten “säkularisieren”. Damit sei man immer wieder gescheitert, also muss man notgedrungen akzeptieren, dass sich die Muslime nicht so schnell erlösen lassen aus ihrer Rückständigkeit, wie es die fortschrittlichen Kräfte allüberall gerne wollten.
Selbstverständlich steht der Gehorsam gegenüber Gott einer Weiterentwicklung im Weg und die Rückständigkeit so viele islamisch geprägter Staaten ist eine Folge dieser Religiosität und nicht etwa die Folge der Unterwerfung unter “westliche”, kapitalistische und menschenfeindliche Maßstäbe.
T.Avenarius sagt also nichts Neues: ein guter Islam ist der, der keiner mehr ist, der Islam (also die Unterwerfung unter den Willen des Allmächtigen) steht dem Fortschritt und der Gerechtigkeit im Weg und letzten Endes auch dem Frieden: denn wenn der Terror aus der islamischen Welt verschwindet, dann auch aus der nicht-islamischen…..äh – dann ist wohl doch der Islam für den Terror verantwortlich.
Das grundlegende Konzept einer Denkweise wie der von Avenarius ist, dass Glaube der Entwicklung im Wege steht. Demokratie bedarf ständigen Wandels, meint der Autor – und der Gehorsam gegenüber Gott steht diesem im Wege. Solche Äußerungen sollten auch Gläubige anderer Religionen aufschrecken lassen – denn das impliziert ja, dass Gottes Entwurf für ein richtiges menschliches Leben korrekturbedürftig wäre ebenso wie, dass Gott uns von persönlicher Weiterentwicklung abhalten wolle – tschuldigung – so ein Schwachsinn.
Wieder mal eine Chance vertan, sich wirklich mit der islamischen Botschaft auseinanderzusetzen und etwas über das islamische Lebens- und Gesellschaftsmodell zu erfahren. Womöglich könnte man zu der Erkenntnis kommen, dass Gott derjenige ist, der die wirklich “fortschrittlichen” Ideen für uns hat.
Man kann nicht bestreiten, dass die islamische Welt größtenteils rückständig ist. Das liegt allerdings nicht daran, dass der Islam dort gelebt wird, sondern am Gegenteil. Würden sich die Muslime darauf besinnen, dass nicht der Konsum und die Unterwerfung unter imperialistische Mächte der Lebenszweck sind, sondern dass ein Muslim sich nur Gott unterwirft, dass er (ebenso wie sie )die Pflicht hat, sich zu bilden und zu arbeiten, liebevoll zu seiner Familie zu sein, sein soziales Gewissen wach zu halten – dann hätten diese Länder ihre Probleme nicht.
Allerdings: die säkulare , imperialistische, kapitalistische, geldgierige Weltordnung, die die Probleme der heutigen Zeit verursacht hat, als Medizin gegen die “Krankheit” des Glaubens und Gewissens einzufordern, ist ziemlich zynisch. Auch wenn Avenarius großzügig eingesteht, dass die Muslime nun mal ihre Zeit brauchen, bei der Entwicklung aufzuholen.
Ich gehe jetzt auf die Terrorthese und ihre Fragwürdigkeit nicht weiter ein, das ist ein Thema für sich.
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