Gedächtnismanipulation-Entwicklung von menschlichen Kampfmaschinen schreitet voran

Gedächtnismanipulation-Entwicklung von menschlichen Kampfmaschinen schreitet voran

Die “Süddeutsche” hat in ihrer letzten Wochenendausgabe einen Artikel mit dem Titel Reset-Taste für das Gehirn veröffentlicht, der mich seither gedanklich sehr beschäftigt.

Zunächst wird anhand eines Fallbeispiels besprochen, dass Gedächtnisverluste weit häufiger vorkommen als allgemein bekannt. Nicht neu ist, dass diese durch Verletzungen des Gehirns, aber auch durch Stress und Traumata ausgelöst werden. Was mir aber neu war ist, wie sehr die Forschung sich bemüht,  Methoden zur gezielten Löschung von Erinnerungen zu entwickeln.

An Ratten wird mit Hilfe von Dopaminblockern, die in den Hippocampus des Gehirns gespritzt werden, die Erinnerung an angsterregende Situationen ausgelöscht. Wie Menschen Traumata verarbeiten, habe ich hier schon mal beschrieben. Passend dazu ist die Erkenntnis, dass solche medikamentösen Eingriffe nur in den ersten Stunden nach einem Trauma wirken können, bevor sich die Erinnerung sozusagen im Gehirn einbetoniert hat.

Es gibt aber inzwischen Studien an Patienten, sowohl an solchen, die gerade ein Trauma wie z.B. einen Verkehrsunfall erlitten hatten, als auch an solchen, die schon länger an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Mit Hilfe eines Betablockers (Propranolol), der die Rezeptoren für das Stresshormon Adrenalin besetzt, kann der Angstpegel deutlich gesenkt werden und die emotionale Bewertung von Gedächtnisinhalten verändert. Dazu war aber bei den Langzeiterkrankten eine Reaktivierung der Erinnerung nötig. Das erinnert an die Technik der “EMDR”, mit der Traumata psychotherapeutisch bearbeitet werden.

Allerdings ist diese psychotherapeutische Methode erstens nicht für jeden geeignet, zweitens gehört dazu eine in Ruhe aufgebaute vertrauensvolle Beziehung, das “Heraufholen” von belastenden Erinnerungen ist schließlich für die geistige Gesundheit eines Menschen nicht ungefährlich.

Außerdem sind eben die Erinnerungen nicht auf Wunsch verfügbar, sondern tauchen oft unvermittelt auf (“flash-backs”), wenn Reize auf die betroffenen Personen einwirken, die mit diesen Erinnerungen unbewußt verbunden sind. Deshalb ist in diesem Fall eine medikamentöse Behandlung wohl kaum wirksamer als eine psychotherapeutische, auch wenn in den Studien Erfolge zu verzeichnen waren, aber die betrafen wohl eher Patienten bei denen das auslösende Trauma bekannt war. Beispielsweise eine U-Bahn-Fahrerin, die einen Selbstmörder überfahren hatte.

Eigentlich sollte ich ja froh sein, als Betroffene, wie auch einfach als Mitmensch, wenn sich die Forschung mit diesen Dingen beschäftigt. Außerdem ist hier noch nicht die Rede vom “Löschen” der Erinnerungen, sondern von der Veränderung der emotionalen Bewertung. Das Gedächtnis lässt sich allerdings auch was Inhalte angeht, leicht manipulieren, auch dazu werden Forschungen beschrieben. Wenn man den Menschen aber Erinnerungen nimmt, egal welcher Art – dann nimmt man ihnen ja auch einen Teil ihrer Persönlichkeit – die Jahre, die sie damit verbracht haben, auf ihre Art mit dem Trauma umzugehen. Auch wenn ihr Leben in dieser Zeit schwer war – wer kann wissen, was übrig bleibt, wenn man ihnen dieses nimmt?

Aber so weit sind wir Gott sei Dank noch nicht. Was mich aber erschreckt ist die Tatsache, dass sich das amerikanische Militär sehr für diese Forschungen interessiert. Und zwar hat die Militärpsychiatrie größtes Interesse daran, die Soldaten nach traumatisierenden Ereignissen wieder einsatzfähig zu bekommen. Da bietet sich natürlich eine sofortige Behandlung mit dem Betablocker an, um die Bewertung des Ereignisses sofort in eine Richtung zu lenken, die der Soldat als nicht so schlimm empfindet. 6,7 Millionen Dollar investiert das Militär gerade in eine solche Forschung.

Es ist ja bekannt, dass US-Soldaten reichlich Medikamente und Drogen konsumieren, siehe z.B. hier und hier. Da wäre natürlich eine Methode, die sie, ohne sie zu betäuben, wieder einsatzfähig macht, für militärische Zwecke ideal. Das hieße aber, dass Menschen die angegriffen und verletzt wurden, aber auch getötet und vielleicht misshandelt haben, dahingehend beeinflusst werden, dass sie das alles ganz normal finden.. Und natürlich entsprechend weder Angst noch Schuld empfinden. Wir haben alle vor Augen, welche Kriegsverbrechen schon begangen wurden, nicht nur von der US-Army. Aber in den Ländern, die wissenschaftlich und technologisch weit entwickelt sind, werden diese Methoden natürlich als erstes eingesetzt.

Es gibt natürlich unter Wissenschaftlern eine Diskussion über die ethischen Aspekte solcher Manipulationen. Dass sich das Militär darum schert, glaube ich nicht. Zu schön, wenn man Menschen zu gewissenlosen Kampfmaschinen machen kann.

Mich gruselt es bei dieser Vorstellung. Und ich finde entsetzlich, dass sich eine medizinische Disziplin wie die Psychiatrie dazu benutzen lässt, auch wenn natürlich nur eine winzige Anzahl von Ärzten und Forschern mit diesem Ziel daran arbeitet.

Wer für solche Bilder verantwortlich ist, braucht dann keine Angst vor Alpträumen und Schuldgefühlen zu haben:

Bildquelle bei Urs1798

2 Antworten »

  1. Ich denke mal, der Drogenkonsum bei allen Soldaten wird recht hoch sein, ob nun aus den USA oder aus anderen Ländern. Die existentielle Gefahr in die man sich begibt sorgt einfach für extremen Streß, den man mit “normalen” Mitteln nicht bekämpfen kann.

    Zusätzlich sind viele nach den Kampfhandlungen traumatisiert. Hier Medikamente und Verfahren zu besitzen diese Traumata zu beseitigen, halte ich für positiv. Auch Flüchtlinge sind häufig von Gewalterfahrungen traumatisiert, auch dies ist ein mögliches Einsatzfeld.

    Das kann natürlich in Manipulation ausufern. Darüber würde ich mir aber erst Gedanken machen, wenn handfeste Beweis vorliegen.

    • Hallo Pollux,
      gegen Behandlungsmethoden bei Traumata kann man natürlich prinzipiell nichts haben und wenn es eine medikamentöse Möglichkeit gibt, kurz nach einem Ereignis wie einem Selbstmord vor der U-Bahn, oder einem Verkehrsunfall, einzugreifen, dann kann man u.U. jahrelanges Leiden verhindern – wenn man das allerdings nach Kampfhandlungen einsetzt, damit diese Erfahrung emotional milde bewertet wird, dann ist das schon eine kritische Angelegenheit. Und bei Personen die länger an PTBS erkrankt sind, ist diese Methode sehr abenteuerlich, zumal wenn sie nicht in ein langfristiges therapeutisches Konzept eingebettet ist. Und ist sie das, hat man längst andere, psychotheraöeutische, Methoden um den gleichen Zweck zu erfüllen. (s.EMDR). Mich stimmt es schon sehr bedenklich, wenn Psychiatrie im Dienste des Militärs sich an solchen Methoden versucht, ebenso wie die reichliche Verordnung von Psychopharmaka an eigentlich gesunde Soldaten. Da lässt sich eine medizinische Disziplin benutzen. Grüße von Meryem

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