Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 14. Juli 2009

Der Westen jubelt über die Montazeri Fatwa – verfrüht?

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

Heute brachte die „Süddeutsche“ einen ausführlichen Artikel über Ayatollah Montazeri und seine aktuelle Fatwa, die in den hiesigen Medien so gedeutet wird, dass er Imam Chamenei als Staatsoberhaupt für abgesetzt erklärt. Leider habe ich den Wortlaut der Fatwa noch nicht auf Deutsch online gefunden, hier auf Englisch.

Groß-Ayatollah Montazeri ist ein Kritiker der iranischen Regierung seit vielen Jahren und hat dafür auch einige Einschränkungen erfahren müssen. Ich habe zu wenig Kenntnisse über sein Wirken, um ihn wirklich beurteilen zu können, allerdings halte ich die Bewertung seiner Person und seiner Äußerungen durch unsere Medien für falsch und übertrieben. Hier kommt einmal mehr zu Tage, dass man nicht akzeptieren will, dass das iranische Volk seine Wahl getroffen hat. Montazeri ist wohl kaum jemand, der den Feinden des Iran in die Hände spielen will. Im Gegenteil, er war aktiv in der islamischen Revolution, ein Vertrauter des Revolutionsführers Imam Khomeini und auch als sein Nachfolger im Gespräch. Dass letztendlich die Entscheidung für Imam Chamenei fiel, wird von den Medien jetzt als fragwürdige Entscheidung gesehen, angeblich verfügt Imam Chamenei nicht einmal über die erforderlichen Qualifikationen, dabei handelt es sich eindeutig um Lügen und Propaganda, wie jeder erfährt, der sich informieren will.

In der Folge der islamischen Revolution hat sich Ayatollah Montazeri gegen die Hinrichtung von Angehörigen der Volksmudschaheddin, einer Terrorgruppe im Widerstand gegen die Islamische Revolution gewendet. Man kann sicherlich geteilter Meinung sein über manche Handlungen in Folge der islamischen Revolution, in einer Zeit als die IRI noch nicht zur Stabilität gefunden hatte. Für mein Empfinden ist damals in vieler Hinsicht überreagiert worden und es auch zu Ungerechtigkeiten gekommen, allerdings kann kein Staat Terrorgruppen tolerieren.

Daraus, dass Ayatollah Montazeri dagegen protestiert hat, nun zu schließen, er würde das System der IRI grundsätzlich in Frage stellen, ist wohl ein Beispiel für „der Wunsch ist der Vater des Gedankens“. Zumal sich die Medien widersprechen: Einerseits beschreiben sie Ayatollah Montazeri als eigentlichen Erfinder der Statthalterschaft der Rechtsgelehrten, andererseits behaupten sie, die Groß-Ayatollahs seien geschlossen gegen das iranische Staatssystem (so die \“Süddeutsche\“ am 24.6.).

Nun hat sich Ayatollah Montazeri in seiner Fatwa deutlich gegen Übertretungen des islamischen Gesetzes ausgesprochen, in Form von Unterdrückung, Verleumdung und Gewalt gegen Unschuldige. Etwas, dass jeder vernünftige Mensch und Muslim jederzeit unterschreiben würde. Ebenso geißelt er natürlich Wahlmanipulationen.

Aber: die angebliche Wahlfälschung ist nicht bewiesen worden, und wie schon oft gesagt, das Wahlergebnis ist absolut plausibel. Natürlich wäre es den westlichen Regierungen sehr angenehm, wenn der Iran eine Regierung hätte, die sich nicht so klar gegen die Einflussnahme einer imperialistischen Macht wie der USA abgrenzt. Tatsache ist aber, dass eine überwältigende Mehrheit der Iraner sich für eine Fortsetzung der jetzigen Regierung einsetzt. Proteste gegen das Wahlergebnis gab es unter einer wohlhabenden Elite, während Präsident Ahmadinedschad große Unterstützung in der ärmeren Bevölkerung hat.

Dass friedliche Demonstrationen gewaltsam niedergeschlagen wurden, ist ebenfalls unrichtig. Begonnen haben die Gewalttaten mit Brandstiftung, Zerstörung des Eigentums von Bürgern und Steinwürfen von Seiten der Demonstranten. Natürlich muss man klären, ob es zu Übertretungen seitens der Sicherheitskräfte gekommen ist – aber dabei muss man ebenso klären, welche Rolle Einflussnahme und Provokationen westlicher Geheimdienste gespielt haben. Hier dazu ein ausführlicher Artikel von Thierry Meyssan,(«La CIA et le laboratoire iranien»). Wer ein bisschen aufmerksam den Medien-Hype verfolgt hat, kann auf viele Ungereimtheiten stoßen, auch was den Tod der jungen Frau Neda betrifft. Hier darf man nicht vorschnell urteilen, gerade mit den Erfahrungen der Versuche den Iran zu destabilisieren im Hintergrund.

Der Iran ist kein perfekter Staat, aber auch keine Diktatur. Wie man sieht, haben kontroverse Meinungen ihren Platz und werden auch geäußert. Imam Chamenei hat in seiner Freitagspredigt vom 19.6. sehr deutlich gemacht, dass allein die Stimme des Volkes zu zählen hat. Er hat allen Kandidaten der Wahl und denjenigen, die andere Meinungen als er vertreten, die Hand gereicht und sich für einen freien Austausch innerhalb des islamischen Staatssystems ausgesprochen. Was er selbstverständlich nicht dulden will und kann, ist die Aggression anderer Mächte gegen die IRI. Damit ist er sich wohl mit allen Gelehrten, Politikern und Bürgern einig, die in Treue zu ihrem Volk halten und sich nicht haben kaufen lassen. Nicht zu vergessen: die Staatsführung der IRI ist, wie im obigen link beschrieben, nur eine Statthalterschaft des im Verborgenen lebenden Imam Mahdi, möge Allah seine Rückkehr beschleunigen. An ihn hat sich Imam Chamenei in seiner Freitagsansprache persönlich gewandt, ihm ist jeder Rechenschaft schuldig, der im Iran Macht ausübt. Wer will ernsthaft behaupten, dass eine religiöse Persönlichkeit wie Imam Chamenei sich dieser Verantwortung nicht bewusst ist und nicht in der Kenntnis lebt, für seine Handlungen einstmals vor Gott zur Verantwortung gezogen zu werden?

Ein Auszug aus einer Freitagsansprache, gehalten in Wien von Hodschatol Islam Ramezani, über einen Ausspruch von Imam Ali, a.s.:

„Wenn man Toleranz für Gewalt hält, so wird Gewalt Freundschaft und Toleranz
ersetzen.“ Mit diesem kurzen Satz weist der Imam (a.s.) auf ein sehr wichtiges Thema
hin, dass man dort, wo Toleranz für Gewalt gehalten wird, Gewalt anwenden muss.
Wenn Liebe und Sanftmut eines Menschen nicht geschätzt werden, ja sogar für Gewalt
und Intoleranz gehalten werden, dann muss man härter durchgreifen, damit es zum
Überdenken und zur Wertschätzung des Gemeinwohls erachtet wird.Diesen Worten ist zu entnehmen,dass Toleranz nicht immer und überall angebracht ist, da sie missbrauchtwerden kann,und deshalb muss man in solchen Situationen strenger sein.“

Quelle und vollständiger Text

Alles in allem: es bleibt spannend, wie der Iran seine aufgetretenen inneren Konflikte lösen wird. Ich bin zuversichtlich, dass die IRI gestärkt daraus hervorgehen wird, dass Ungerechtigkeiten beseitigt werden, aber auch das Volk noch mehr zusammenstehen wird gegen die Versuche von außen, seine Selbstbestimmung zu untergraben.

„Unterdrückt nicht und lasst Euch nicht unterdrücken“

(Islamisches Prinzip nach einem Ausspruch Imam Alis, a.s.)



Antworten

  1. Salam aleikum,
    he-nichts gegen die Bayern, obwohl ich immer noch keine Halal-Weißwurscht entdeckt habe.

    Aber zu Montazeri: ich kannte den bisher auch kaum, neulich hab ich mal einen Artikel von ihm gelesen.
    Dass er sich derartig verhalten hat, wusste ich nicht.

    Schon traurig, wie sich jemand so verändern kann.

    Dass die Geschichte hochgespielt wird, hab ich mir ja schon gedacht. Immerhin hat die SZ daraufhin ausgiebig über die Shia berichtet, :-) .

    Wassalam, Meryem

  2. Salam,

    Hauptsache, es geht gegen Imam Khamenei, dann ist auch ein „Mullah“ gut genug für den Westen. Da kann einem echt übel werden.
    „Montazeri ist wohl kaum jemand, der den Feinden des Iran in die Hände spielen will. “

    Leider ist das Gegenteil der Fall. Er hatte natürlich genauso wie Rafsanjani seine Meriten in der Revolutionszeit, aber wie viele Prophetengefährten, die ehemals opferbereite Kämpfer für den Islam waren, haben sich nach dem Tode des Propheten (sa.s.) „auf ihren Fersen umgedreht“, wie der Quran sagt? Warum soll es im Falle Iran anders sein? Montazeri hatte damals heimlich Kontakte mit dem USA aufgenommen und schwer gegen Imam Khamenei intrigiert. Warum wird er jetzt wieder aus dem Hut gezaubert, nachdem er politisch praktisch kaltgestellt war? Die ganzen Jahre interessierte sich der Westen nicht für Montazeri, aber nun, da Imam Khamenei angegriffen wird, ist er wieder „gebrauchsfähig “ für die westliche Propaganda. Im übrigen interessieren seine Fatwas im Iran ungefähr in dem Maße, wie wenn in Bayern eine Weißwurscht platzt ;-) )

    wa salam


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