Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 28. Juni 2009

Das Haus am Bosporus von Irfan Orga

Dieses von mir gerade verschlungene Buch über eine Familie in der Zeit des Umbruchs in der Türkei, ist von einem ganz anderen Format, als das kürzlich von mir testgelesene \“Der letzte Harem\“. Stilistisch und auch inhaltlich, denn es handelt sich um die biographische Schilderung des Autors über seine Kindheit und besonders über die komplizierte Beziehung zu seiner Mutter.

Die ersten Lebensjahre verbringt er mit seinem 4 Jahre jüngeren Bruder in einem herrschaftlichen Haus am Bosporus gelegen, umsorgt von seinem Kindermädchen, Mutter und Großmutter, in absolutem Wohlstand. Herrliche Sommer auf dem Landsitz des Onkels machen das Paradies perfekt. Wir erleben die Beschneidungsfeierlichkeiten Irfans mit und bekommen einen Einblick in das heitere Leben einer reichen Familie im alten Istanbul.

Es zeichnet sich der Umbruch in der Türkei ab und sein Vater sorgt dafür, dass die Familie in ein kleineres Haus umzieht und ein Teil des Personals entlassen wird – etwas, dass von seiner Mutter, die zeitlebens eine stolze Frau bleibt, nicht gutgeheißen wird, sich aber als klug erweist. Den Kindern macht das nicht viel aus, sie finden auch in dem kleineren Anwesen genug geheimnisvolle Ecken zum Spielen.

Nicht lange danach, werden Vater und Onkel zum Militär einberufen, der erste Weltkrieg steht vor der Tür und die Türkei wird sich daran auf der Seite der Deutschen beteiligen. Zurück bleiben die Kinder mit ihrer gerade erst 22jährigen, schwangeren Mutter und der Großmutter. Diese-in der Mitte der Vierziger schon als alte Frau betrachtet, nimmt den Heiratsantrag eines wirklich alten Mannes an, dem sie fortan das Leben schwer macht und der sich dadurch rächt, dass er ihr den Kontakt zur Familie erschwert.

Irfans Mutter hat noch nie Verantwortung tragen müssen, versteht nichts von Geld und Haushaltsführung – wird aber gefordert, als sich die Lebensverhältnisse verschlechtern. Kaum ist Brot zu bekommen, geschweige denn andere Lebensmittel. Eine kleine Schwester wird geboren, die aber ihren Vater nicht kennenlernen wird, denn dieser ist bald im Krieg verstorben, geschwächt von Hunger und Überanstrengung.

Der Autor hat einen wunderbar klaren Blick auf die Persönlichkeit seiner Mutter und beschreibt, wie sie sich immer wieder aus Phasen tiefer Depression aufrappelt und lernt, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Gleichzeitig bemerkt er, wie sie immer weniger Kraft für ihre Kinder aufbringen kann – wohl für sie sorgt, aber nicht zärtlich ist und wie die Kinder darunter leiden, dass es keine Zuverlässigkeit bei ihr gibt.

Die ganz große Katastrophe tritt ein, als das Haus der Familie mitsamt der Ersparnisse abbrennt und endgültig Armut und Hunger einkehren. Nur dem Ehemann der Großmutter ist zu verdanken, dass sie eine primitive Unterkunft in einem Armenviertel erhalten. Die Mutter schafft es, daraus ein lichtes und einigermaßen komfortables Zuhause zu machen und verschafft sich, trotz ihrer fortschrittlichen Einstellung – sie legt den Gesichtsschleier ab – Ansehen im Viertel. Sie erweist sich als hilfsbereit und einfühlsam und Irfan registriert das verwundert, kann sie sich doch in ihre Kinder nicht einfühlen.

Schwere Jahre folgen, in denen die beiden großen Kinder ins Waisenhaus müssen, dort fast verhungern, während ihre Mutter in einer Fabrik schuftet und die inzwischen verwitwete und enterbte Großmutter die kleine Enkeltochter versorgt.

Später setzen die Jungen durch, auf die Militärschule gehen zu dürfen und nach einigem Chaos, durch den Übergang in die neue türkische Republik bedingt, erhalten sie auch eine gute Ausbildung, während die Mutter auch wieder Fuß fasst und mit Stickereien Geld verdient. Ihre Tochter Muazzez verheiratet sich gut und geht mit ihrem Mann nach Ankara, wonach sie nie wieder viel für die Familie tut.

Irfan, endlich Offizier geworden, nimmt Mutter und Großmutter jeweils mit an seine Standorte und versucht für seine Mutter zu sorgen, so gut er kann. Sie jedoch beklagt sich ständig, sie würde von ihm nicht verstanden und er habe kein Herz. Dieser lebenslange Konflikt zwischen Mutter und Sohn, die beide das Gefühl des Unverstanden- und Verlassenseins beklagen, das aus der Zeit der großen Not stammt, ist herzzerreißend geschildert. Auch Großmutter und Mutter leben zeitlebens im Streit, wobei die Großmutter sich bei aller Arroganz als die lebenstüchtigere Person erweist.

Irfans Mutter jedoch, nach zeitweiligem Umzug zum anderen Sohn und seiner Ehefrau, zurückgekehrt, entwickelt immer bizarrere Verhaltensweisen – einige jedoch geprägt von ihrem zeitlebens vorhandenen Mitgefühl für andere – sie verliert ihre gepflegte Fassade, wird am Ende gewalttätig und stirbt in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Aus dem Nachwort seines Sohnes, der das weitere Leben von Irfan schildert, erfahren wir einiges, dass er verschwiegen hat, wie seine Beziehung zu der Adoptivtochter Atatürks (jetzt weiß ich, woher der zweite Flughafen Istanbuls seinen Namen hat), die schwierige Ehe seiner Eltern, seine Flucht aus der Türkei wegen der unerlaubten Beziehung als Soldat zu einer Ausländerin, seiner schriftstellerischen Erfolge und seine lebenslange Sehnsucht nach der Heimat. Irfan Orga ist 1970 in England verstorben.

Dieses Buch erschien schon 1950 in England und Amerika und wurde in viele Sprachen übersetzt. Warum es so lange gedauert hat, bis es auf Deutsch erschienen ist, ist mir schleierhaft. Ich kann es absolut empfehlen, es liest sich wie ein Roman und ist doch ein Tatsachenbericht.


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