Archiv für den Tag 19. Mai 2009
Geld ohne Zinsen und Inflation jetzt als pdf
Geld ohne Zinsen und Inflation
Das Buch ist leider schon lange vergriffen, jetzt aber als pdf zu finden. Sehr aufschlussreich über die Geschichte des Geldes und die Auswirkungen des Zinssystems.
Absoluter Tipp von mir!
Wie sich Traumata vererben, Teil 3: Wenn Opfer zu Tätern werden
Es ist bekannt, dass ca. 30% der als Kinder von Gewalt betroffenen Personen, im späteren Leben selber Gewalt ausüben. Aus psychoanalytischer Sicht wird das hier sehr gut beschrieben. Zusammenfassend kann man sagen, dass manche Menschen dazu neigen die Gewalt nach außen weiterzugeben, andere reagieren autoaggressiv. Z.B. ist bei Borderlinestörungen oft eine frühe Traumatisierung festzustellen.
Diejenigen die nicht gewalttätig reagieren, haben in der Zeit der erlittenen Gewalt wenigstens eine zuverlässige Bezugsperson gehabt, die sie wahrgenommen und empathisch reagiert hat.
Die psychoanalytischen Erkenntnisse, die sich auf Einzelpersonen beziehen, lassen sich nicht so einfach auf die Konflikte zwischen Gruppen und Völkern übertragen. Trotzdem kann man sich über die Fortsetzung von Gewalt über Generationen Gedanken machen, sowie darüber wie erlittene Gewalt im Zusammenhang mit kriegerischen oder ähnlichen Konflikten sich auswirken.
Der israelische Psychoanalytiker Avi Rybnicki hat sich zu diesem Thema geäußert.
Ein jüdischer Soldat durchsucht eine palästinensische Wohnung. Im Wohnzimmer trifft er auf einen alten Mann und eine alte Frau. Plötzlich hat der Soldat das Bild vor Augen, wie seine Großeltern von den Nazis abgeholt wurden. Er ist zutiefst beunruhigt: Hat er die Rolle des Aggressors übernommen?
Die Tragödie des Nahen Ostens in den Augen Rybnickis: Juden wie Palästinenser seien gleichermaßen traumatisiert. Die Juden durch den Massenmord des nationalsozialistischen Terrorregimes, die Palästinenser durch die Vertreibungen in der Folge der Gründung Israels im Jahr 1948.
Eine Konsequenz der Traumata: Der jeweils “Andere” wurde entmenschlicht. Das heißt, seine Ängste und sein Leiden werden von der Gegenseite nicht mehr wahrgenommen. Selbst- und Fremdwahrnehmung widersprechen sich gänzlich. So sehen etwa die Juden das palästinensische Volk als Teil riesiger, bedrohlicher arabischer Massen, während sich die Palästinenser als kleines, allein gelassenes Volk fühlen.
Wie ich bereits beschrieben habe, setzen sich die psychologischen Mechanismen über Generationen fort, wenn sie nicht bearbeitet werden können. Mittlerweile sind im Israel-Palästina Konflikt viele Generationen betroffen, ohne dass eine Lösung in Sicht ist. Während sich die Israelis heute nicht mehr wehrlos fühlen müssen und wollen und deshalb keine Einwände gegen massiven Gewalteinsatz haben, sind bei den Palästinensern noch viel bedenklichere Entwicklungen zu erwarten, da sie ständig bedroht sind, ihr Zuhause oder gar ihr Leben zu verlieren. Ich wage zu bezweifeln, dass viele Bezugspersonen unter diesen Umständen in der Lage sind, ihren Kindern genug Trost und Zuspruch zu geben, so dass sie nicht in die Gefahr kommen von Hass erfüllt zu Attentätern zu werden.
Selbstverständlich ist hiermit keine Schuldzuweisung verbunden und diese Mechanismen treffen nicht nur in einem der weltweiten Konflikte zu. Allerdings ist wohl kaum ein Geschehen so gut dokumentiert wie die Shoah und der Konflikt mit den Palästinensern, und es äußert sich hier ein israelischer Psychoanalytiker.
Was Herr Rybnicki zu einer möglichen Lösung sagt, zitiere ich wieder:
….zwei Grundbedingungen, “die womöglich im Widerspruch zueinander stehen”. Zunächst müssten sich die realen Umstände ändern, “und das erfordert massive internationale Einmischung. Nicht von irgendeinem Dritten, sondern von einem Freund.” Eskalieren dann nicht mehr täglich Konflikte, müssten beide Parteien nach einer Identität suchen, die sich nicht mehr über den “Feind” definiert. “Israel müsste sich etwa fragen, wie wir zu einer Gesellschaft ohne Bedrohungsangst, ohne Opferstatus kommen.”
Damit schließe ich diese Artikelreihe, in der Hoffnung, dass meine Leser einen Einblick in psychologische und neurobiologische Mechanismen bekommen haben und auch darüber nachdenken, was Unversöhnlichkeit in Konflikten über viele Generationen anrichtet.
Wir deutschen “Kriegsenkel”, geboren nach dem Naziregime und in einem langdauernden Frieden in Deutschland aufgewachsen, sind doch, zu einem nicht unerheblichen Teil nicht frei von den Wunden, die der Krieg hinterlassen hat, egal, ob unsere Großeltern Opfer, Täter oder beides waren. Viele andere Völker sind überhaupt nicht so lange zur Ruhe gekommen und können sich kaum darüber Gedanken machen. Deshalb haben wir da auch eine besondere Chance zur Aufklärung.
Aktualisiert 8.6.09 (Videos):Israel,Palästina – noch mehr Gedanken zur Gerechtigkeit – Jeff Halper in München
“Seien wir ausnahmsweise mal ehrlich:
Das Problem im Nahen Osten ist nicht das palästinensische Volk, nicht Hamas, nicht die Araber,
nicht die Hisbollah, nicht die Iraner, nicht die gesamte islamische Welt -
wir die Israelis, sind das Problem”
Diese Worte sprach Jeff Halper, Anthropologieprofessor aus Israel und seit kurzem Träger des Kant-Weltbürgerpreises
schon 2006. Gestern Abend hatte ich die Gelegenheit, einen Vortrag von ihm in München zu hören.
Jeff Halper ist Koordinator des Israelischen Komitees gegen die Zerstörung von Häusern und in dieser Funktion weltweit unterwegs zu Vorträgen, Gesprächen mit Politikern und zum Sammeln von Spenden, für den Wiederaufbau zerstörter Häuser und die juristischen Auseinandersetzungen.
Sein Vortrag war sehr klar und einfach gehalten und anhand von Landkarten deutlich nachvollziehbar.
Jeff Halper beschreibt zunächst die “Israelischen Glaubenssätze”, Überzeugungen die dem mangelnden Friedenswillen Israels – das wird noch erläutert- zu Grunde liegen:
- Das Land Israel (gemeint ist das historische Palästina) gehört ausschließlich dem Jüdischen Volk. Araber (das Wort Palästinenser wird selten benutzt), wohnen hier aufgrund von Duldung und nicht, weil sie ein Recht darauf hätten
- Das Problem ist der unversöhnliche Hass und der Terror der Araber, die unsere ewigen Feinde sind und bleiben. Deshalb kann es in dem Konflikt keine politische Lösung geben
- Israels Politik wird ausschließlich von der Sorge um seine Sicherheit bestimmt
- Die Araber haben alle unsere zahlreichen Friedensangebote zurückgewiesen
- Wir sind das Opfer, das um seine Existenz kämpft. Israel kann deshalb nach internationalem Recht (Völkerrecht) und nach den Menschenrechtskonventionen für sein Handeln nicht zur Verantwortung gezogen werden
- Jede “Lösung” des Konflikts muss Israel die Kontrolle über das gesamte Gebiet lassen. Ein palästinensischer Staat wird demnach nur eine stark eingeschränkte Souveränität haben können
- Der Konflikt ist eine Gewinner-Verlierer-Situation: entweder wir gewinnen, oder sie
- Die einzige Antwort auf die Sicherheitsfrage ist ein militärisch starkes, mit den USA verbündetes Israel
In allen Vorschlägen zur 2-Staaten-Lösung, wie sie die Palästinenser schon 1988 (und 2002 die Arabische Liga) akzeptiert haben, werden Israel 78% des historischen Palästinas zugesprochen. Und das, obwohl es sich bei der jüdischen Bevölkerung um eine Minorität handelt.
Wenn also Israel diese Pläne ablehnt, so Jeff Halper, dann kann es nicht um die Frage von Frieden und Sicherheit gehen, das könnte längst geschaffen sein. Das Problem ist die Frage der Exklusivität, wie sie in den obigen Glaubenssätzen beschrieben wird (und wer das in Frage stellt, ist ein Antisemit).
Aus Sicht eines Anthropologen, ist der Zionismus ein Stammesnationalismus, genauso wie ein Germanischer oder Slawischer Nationalismus.
Wenn Israel eine westliche Demokratie wäre, wie es von sich selbst behauptet, dann würde das Land allen Bewohnern gehören. Da das offensichtlich nicht der Fall ist, solle man besser von einer Ethnokratie sprechen.
Israel ist ein militaristischer Staat, so Halper. Die gesamte Politik ist unter Kontrolle des Militärs und auch die Bevölkerung ist durchdrungen von der Haltung des Militärs. Dazu passt auch, dass 50% des Landes dem Militär gehören. Israel ist die viertgrößte Atommacht und bestreitet 10% des weltweiten Waffenhandels. Somit ist es wohl kaum in der Opferrolle und unter ständiger Bedrohung zu sehen.
Gerade eben werden den Palästinensern als Gebiet 40% der 22% (die ihnen laut Vorschlag zur Zweistaatenlösung zugesprochen werden sollen)
zugestanden. In welcher Form wird noch erläutert. Es wird auch darauf bestanden, dass 72% Jerusalems unter jüdischer Kontrolle stehen.
Die israelische Auffassung einer Zweistaatenlösung bedeutet die Schaffung von “Bantustans” -Reservate wie sie die südafrikanische Apartheidregierung einstmals geschaffen hatte, diese werden von der Regierung “Kantone” genannt.
Das sind natürlich keine Voraussetzungen für einen souveränen Staat, zumal in Kombination von israelischen Siedlungen (bis zu 70000 Einwohner) mit dem sogenannten “Sicherheitszaun”, die “Reservate” von jeglicher Kontrolle über die Wasserversorgung abgeschnitten sind (perverserweise braucht man dann auch noch eine Genehmigung für das Sammeln von Regenwasser). Dadurch behält Israel auch die Kontrolle über die jordanische Grenze und isoliert durch Siedlungen auch das Gebiet von “Groß-Jerusalem”, das 40% der palästinensischen Wirtschaftsleistung, vor allem durch Tourismus erbringt. Beispielsweise trennt eine “Siedlung” – eher eine Kleinstadt von 30000 Einwohnern, Jerusalem von Bethlehem. Eine besondere Variante des “Zauns” ist eine Mauer die an einem neugebauten Highway in Jerusalem, palästinensischen von jüdischem Verkehr trennt, eine Trennung des Campus einer Universität oder Trennung von palästinensischen Dörfern (rechts und links des Zaunes also “Feinde”)
Leider stehen mir die Karten die Jeff Halper zur Belegung seiner These gezeigt hat, nicht zur Verfügung. Diese gibt nicht so deutlich wieder, wie die Siedlungen die geplanten “Bantustans” voneinander trennen und für o.g. Effekte sorgen:

Auch diese Karte der Mauer ist ohne genaue Erläuterung nicht so gut zu verstehen, gerade was die Versorgung mit Wasser angeht:

Bei der Jüdischen Stimme gibt es auch noch viele Karten und Abbildungen
Uri Avnery beschreibt die “Lösung” mit den abgetrennten Kantonen in einem kritischen Artikel über Liebermann
Zusammenfassend sagt Jeff Halper also, dass Israel seit Jahrzehnten hätte Frieden haben können, sich aber nicht vom Exklusivitätsanspruch verabschieden will, geschweige denn die 4 Millionen Flüchtlinge zurückkehren lassen will – wobei höchsten 400000 überhaupt den Wunsch dazu haben. Am liebsten wäre es der Regierung, alles Araber würden das Land verlassen. Dass sie damit den Hass schüren und gewalttätige Ausschreitungen fördern wird verschwiegen und jeglicher Widerstand gegen diese Politik ist Terror.
Wenn Israel nicht eine funktionierende Zweistaatenlösung befürwortet, die den Palästinensern wirkliche Souveränität gewährt, sieht Jeff Halper diese Möglichkeit gescheitert. Also sieht er als einzige Möglichkeit, eine “Ein Staat Lösung” und ist als Anthropologe auch der Meinung, dass das mit gutem Willen zu verhandeln ist, so dass alle Bevölkerungsgruppen zusammen leben können.
Solch klare Worte habe ich bisher von israelischer Seite noch nicht gehört, fand aber den Vortrag sehr einleuchtend und er bestätigt, was ich schon lange über israelische Politik denke und mich immer wundere, dass solche offensichtlichen Vorgänge nicht benannt werden.
Kurz ging Jeff Halper noch auf die Aktivitäten des Komitees gegen Hauszerstörungen ein:
Das Komitee beschäftigt sich sowohl mit Aktionen, um die Zerstörung von Häusern zu verhindern, als auch mit dem Wiederaufbau (ein einziges Haus haben sie bereits viermal wiederaufgebaut und es ist erneute Zerstörung angekündigt). Dabei ist interessant, dass im israelischen Gebiet dreimal mehr Häuser zerstört werden als im palästinensischen. Begründet wird das nicht mit Sicherheitsinteressen, sondern beispielsweise mit fehlender Baugenehmigung auf “landwirtschaftlichem Gebiet” – Gebiet das seit vielen Jahren von arabischen Bürgern bewirtschaftet wird. Insgesamt sind seit 1967 24ooo Häuser zerstört worden, alleine dieses Jahr 4000 in Gaza, weiter 500 Dörfer in israelischem Gebiet- ein Dorf im Negev wurde 18 mal platt gemacht.
Zusätzlich zum Elend, dass der Verlust des Heims über die Bewohner bringt, werden noch symbolische Wunden geschlagen, indem beispielsweise jahrhundertealte Olivenbäume entfernt werden – diese findet man dann in Gärten der Neureichen in Tel-Aviv, in Einkaufszentren oder in der Mitte von Kreisverkehren wieder. Bäume die die Existenz der Familien über Generationen gesichert haben.
Hier ein blog, in dem er auch diskutiert wird: Alibijude Jeff Halper kaum mit sachlichen Argumenten, dafür mit laienpsychologischen Bewertungen seiner Persönlichkeit.Wie man an den inhaltslosen Kommentaren sehen kann, die da aus Beer-Sheva kommen,sowie Beleidigungen die dort gerne verteilt werden, kann man den Argumenten kaum etwas entgegensetzen. Zweitunterste Niveauschublade.
Ein weiterer blog der sich viel mit Israel beschäftigt Markus´blog , aus einer gegensätzlichen Sichtweise
Online sind beim googeln noch einige Artikel mehr von Jeff Halper zu finden, zu Aspekten die hier aus Platzmangel zu kurz kamen, wie Israels Rolle im weltweiten Waffenhandel, sowie einige Vorträge auf youtube.
Sein neuestes Buch:
Halper Jeff:
An Israeli in Palestine: Resisting Dispossession, Redeeming Israel
Pluto Press (Uk) , 2008
Quality paperback, 317 pages
Size: 215×135 mm
ISBN: 9780745322261
ISBN-10: 0745322263
24.5. 2009 aktualisiert:
Hier findet man sehr aufschlussreiche Bilder zum Thema und hier erfährt man was das UNO-Komitee für Menschenrechte zu Israels geheimen Gefängnissen sagt.
Hier der schreckliche Mord an Rachel Corrie:
So geht es bei einer Hauszerstörung zu:
