Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema Traumafolgen – aus eigener Betroffenheit, aus privatem und politischem Interesse und auch beruflich. In neuerer Zeit rückt dabei die Frage “Vererben sich Traumafolgen” mehr in mein Bewußtsein – wie ich feststellen kann, geht es mir nicht alleine so, denn die Forschung ist auch sehr daran interessiert.
Bevor ich aber auf die Vererblichkeit von Traumafolgen eingehen kann, sollte ich wohl erst einmal darüber schreiben,wie sich Traumata im Gehirn auswirken-schließlich ist das kein Thema mit dem sich jeder beschäftigt.
Die ersten Hinweise auf seelische Störungen hat man im 18. und 19. Jahrhundert erkannt, war aber noch nicht soweit, sich damit eingehender zu befassen, genauso wie Soldaten nach dem 1.Weltkrieg, die aus heutiger Sicht an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten, als “Kriegszitterer” und Simulanten diffamiert wurden.
Eine sehr gute Erklärung für die neurobiologischen Geschehnisse im Gehirn, fand ich beim EMDR-Institut Deutschland (EMDR ist eine Behandlungsmethode bei posttraumatischer Belastungsstörung):
“Wenn wir etwas erleben, erreichen zunächst die verschiedenen Sinneseindrücke über unsere Sinnesorgane die verschiedenen ersten Zentren in unserem Gehirn. Eindrücke des Auges das Sehzentrum, Eindrücke des Riechens das Riechzentrum, ebenso ist es mit Eindrücken auf der Haut wie Kälte , Schmerz usw. Sie rufen auch Gefühle hervor. Dies ist aus unserer Entwicklung gesehen logisch, denn bei gewissen Gefahren ist es wichtig, z.B. sofort Angst zu entwickeln, die uns darauf vorbereitet, zu reagieren, um unser Leben zu schützen. Stellen Sie sich einfach vor, sie sind ein Urmensch, mit nichts als einem schweren Stock bewaffnet und sehen sich plötzlich einem Raubtier gegenüber – dann ist es wichtig, dass Ihr Körper unmittelbar darauf reagiert, dafür sorgt Angst: Es werden Hormone ausgeschüttet, die dafür sorgen, dass das Herz schneller schlägt, der Blutdruck steigt, man schmerzunempfindlicher wird usw. – alles Reaktionen, die sowohl für Flucht als auch für Angriff erforderlich sind.In der heutigen Zeit hat man oft nicht mehr diese körperlichen Möglichkeiten, sich zu verteidigen und diese Reaktionen laufen ins Leere, dennoch bestehen sie weiter.Aber zurück zu den Zentren unseres Gehirns: Diese Zentren sind voneinander getrennt – wie also kommen diese unterschiedlichen Sinneseindrücke zusammen? Wie wird aus diesen Bruchstücken (Fragmenten) eine “Geschichte”?Ein wichtiger nächster Schritt scheint die Weiterleitung an die Amygdala (Mandelkerne) zu sein. Die Amygdala haben nach den Forschungen der letzten 10-15 Jahre die Funktion eines Zwischenspeichers. Zwar liegen weiterhin nur Bruchstücke vor, d.h. die verschiedenen `Sinneseindrücke und Gefühle liegen unreflektiert und nicht miteinander verbunden in diesem ersten Gedächtnisspeicher. Information aus den Amygdala ist sehr leicht und sehr schnell abrufbar – wenn wir an den Urmenschen denken, ist auch das sinnvoll, reduziert es doch seine Reaktionszeit auf Gefahr erheblich und ist es doch äußerst sinnvoll, in einer Gefahrensituation nicht gleichzeitig die gesamte Gefühlspalette bewusst wahrnehmen zu müssen. Vielleicht hatten Sie schon einmal eine gefährliche Situation im Straßenverkehr, einen “Fast” – Unfall. Wenn Sie sich genau erinnern, werden Sie feststellen, dass Sie Ihre Angst erst fühlten und die Knie erst weich wurden und zitterten, nachdem Sie die Gefahr überwunden hatten. Stellen Sie sich das Überwinden der Gefahr vor, wenn sie Ihre ganze Angst gespürt und die Knie von Beginn an gezittert hätten – die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls wäre viel höher. Vielleicht wären Sie dabei zu schwerem Schaden gekommen. Diese Art der Speicherung ist also überlebensnotwendig.Doch auch, wenn Sie in solch einer Situation ihre Gefühle nicht bewusst wahrnehmen, sie sind dennoch da – abgespalten (dissoziiert), für sich allein vorliegend.Wenn die Gefahr vorbei ist, dann werden diese Informationen, die bis dahin unverbunden (fragmentiert) in den Amygdala gespeichert wurden, an die linke Großhirnhälfte weitergeleitet. In der linken Großhirnhälfte, bilden wir logische Verknüpfungen, “übersetzen” Eindrücke und Gefühle in Sprache (was im sog. Broca-Zentrum geschieht). Erst hier werden diese Eindrücke in einen Zusammenhang gebracht, erst hier entstehen die Worte für das, was da gerade passiert ist. Wenn diese erzählbare Geschichte nun endlich entstanden ist, dann kann sie weitergeleitet werden an den Hippocampus, den ersten richtigen Gedächtnisspeicher, zumindest nach allgemeinen Verständnis davon, was die meisten unter Gedächtnis verstehen. So funktioniert unsere “normale” Informationsverarbeitung und Speicherung.” Quelle
Besser hätte ich es auch nicht erklären können,
Wenn das traumatische Ereignis sehr einschneidend ist, mehrere Traumata hintereinander folgen, oder der Zustand lange Zeit anhält und die Situation ausweglos erscheint, dann kann die oben geschilderte Informationsverarbeitung gestört werden und es kommt zu dem was man eine posttraumatische Belastungsstörung nennt.
Man kann sich das ungefähr so vorstellen, dass der Mensch von seinem Bewußtsein her, in dieser belasteten und gefährlichen Situation “steckenbleibt”, mit allen dazugehörigen Gefühlen, bzw. auch der Abspaltung von Gefühlen.
Wir sind alle in der Lage, unsere Gefühle für eine Zeitlang abzuspalten und zu funktionieren, auch wenn wir eigentlich nicht mehr können. Traumaopfer haben diese Fähigkeit in besonderem Maße entwickelt, gerade wenn das Trauma sich wiederholt oder anhält – so z.B. bei den Opfern sexuellen Mißbrauchs. Die “Dissoziation (Abspaltung)” kann sehr weitgehend sein, bis zu dem Phänomen der “strukturellen Dissozisation” manchmal auch “dissoziativen Persönlichkeitsstörung”, die früher “multiple Persönlichkeit” genannt wurde.
Eine Traumafolgeerkrankung muss aber nicht diese Form annehmen und kann vor allem auch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.
Als Symptome treten grundsätzlich die Reaktionen auf, die auch im Moment des Geschehens vorhanden sind (s.o.): erhöhte Anspannung, Adrenalinausschüttung, Schmerzunempfindlichkeit – auch ein “Totstellreflex” im Fall akuter Bedrohung. Depressionen, besonders bei langanhaltenden oder wiederkehrenden Traumata – aus dem Gefühl der eigenen Machtlosigkeit entstehend. Schuldgefühle – gerade auch bei Opfern sexueller Gewalt. “Flash-Backs” – das sind auftauchende innere Bilder, ausgelöst durch bestimmte Reize, wie Gerüche, Stimmen, Farben usw., die den Betroffenen denken lassen, die traumatische Situation sei wieder akut. Schlafstörungen. Emotionale Instabilität. Suchterkrankungen in der Folge. Beziehungsstörungen, wie Gefühlskälte, Bindungsängste. Körpersymptome wie Kopfschmerzen. Essstörungen.
Kein Anspruch auf Vollständigkeit, eigentlich muss man bei fast allen psychischen Störungen nachforschen, ob es sich um eine Traumafolge handeln kann, ebenso wie bei körperlichen oder psychosomatischen Erkrankungen.
Ein großer Teil der posttraumatischen Störungen klingt nach einer Weile von selbst ab. Wir beschäftigen uns hier aber mit denen, die anhalten und sich vor allem über Generationen auswirken.
Fortsetzung folgt, in scha Allah (so Gott will)
Danke für den Artikel. Sehr interessant. Alles Gute.