Verfasst von: meryemdeutschemuslima | 22. April 2009

Iran und Apostaten, Ergänzung 16.7.09

So, ich versuche ja schon eine Weile Informationen bekommen zur angeblich jetzt verordneten Todesstrafe bei Abfall vom islamischen Glauben, heute konnte ich dazu ein gutes Gespräch führen. Ich poste meinen Kommentar zu einer anderswo geführten Diskussion auch hier mal rein:

Salam aleikum, alhamdulillah, heute hatte ich die Gelegenheit ein ausgiebiges Telefonat mit einem Islamwissenschaftler, angestellt an einer iranischen Behörde zu sprechen.

Also: er bestätigt, dass ein Gesetzentwurf zur Todesstrafe bei Abfall vom Glauben beim Wächterrat vorliegt. Beschlossen ist das Gesetz vom Parlament, das nicht aus Islamwissenschaftlern besteht.

Er sagte ausdrücklich, dass es natürlich immer wieder Entwicklungen im Iran gibt, die dem Islam widersprechen, deshalb ja auch der Wächterrat, der das Parlament beaufsichtigt. In diesem Fall gibt es wohl die Idee, man könne Menschen mit Zwang abhalten, ihrer Überzeugung zu folgen, was dem Koran widerspricht.

Eine kleine Minderheit unter den shiitischen Rechtsgelehrten folgt der Meinung, dass man Apostaten mit der Todesstrafe belegen dürfe.

Die überwiegende Mehrheit folgt diesem nicht, unter Berufung auf den Koran, s. schon zitierte Verse:

„Kein Zwang im Glauben“ 2:256

„Wer nun will, der soll glauben, und wer will, der soll ungläubig sein.“ (Heiliger Qur’an 18:29)

Für Anhänger des wahren Islam, zu denen Du Dich ja auch zählen möchtest, sind allein der heilige Quran, der Prophet Muhammed, s.a.s. und die Ahl-u-bait, a.s., verbindliche Vorbilder, und diese haben solche Strafen niemals ausgesprochen. Todesurteile zu Zeiten des Propheten, s.a.s., haben sich niemals auf den Abfall vom Glauben alleine bezogen. Auch Imam Ali, a.s., wurde mal angesprochen warum er eine ganze Gruppe von Menschen (ich konnte mir den Namen nicht merken, aber da suche ich noch mal), die den Islam verlassen hat, nicht bestraft und er hat das abgelehnt.

Überlieferungen die dem heiligen Quran widersprechen können niemals authentisch sein, weshalb die angeblichen Hadithe, die behaupten Prophet Muhammed, s.a.s., habe solche Urteile verhängt, keine Relevanz haben.

In scha Allah wird dieser Gesetzentwurf also niemals in Kraft treten.

Es hat mich wirklich gefreut zu erfahren, dass es im Iran in der Tat rege Diskussionen und Kritik gibt, ohne dass man Ängste haben muss.

Also möchtest Du Dich zur Shia zählen, überdenke, wem Du zu folgen hast.

Wassalam, Meryem

Die Diskussion ist hier zu finden:

http://islamicrevolutionservice.wordpress.com/2009/03/25/ein-antiautoritares-volk/#comment-2434

16.7.09 Heute erhielt ich eine mail von IRIB , die haben freundlicherweise meine Frage nicht vergessen.:

Sehr geehrte Frau D.

vor längerer Zeit hatten Sie sich wegen verschiedener Fragen, u.a. auch
bezüglich der Bestrafung von Islamabtrünnigen, an uns gewendet und wir
hatten Ihnen auch einen Kontaktmail-Adresse für die Beantwortung Ihrer
Fragen gegeben.
Hier noch eine schriftliche Antwort aus unserem Hause bezüglich der o.g.
Frage. Sie finden diese Ausführungen im Anhang dieser Mail.

Mit freundlichen Grüßen
i.A. M. S.
16.07.09

(Namen von mir gekürzt)

Hier ist der Text:

Antwort auf folgende Fragen

Droht jemandem, der sich vom Islam abkehrt das Todesurteil? Steht etwas im Koran darüber, dass jemand bestraft wird, der sich abkehrt?

Wenn ein Muslim, ohne sich richtig zu informieren, einen anderen Weg als den Islam wählt, aber nicht vor hat, gegen den Islam zu sabotieren, wird er von allen in Ruhe gelassen und grundsätzlich gilt keine Strafe für ihn. Zugleich wird empfohlen, dass Freunde und Bekannte, die von seiner Denkweise wissen, versuchen, ihm den richtigen Weg zu weisen.

Wenn sich aber jemand vom Islam abkehrt und die Wahrheit des Islams zu verdecken sucht oder durch ein Buch oder einen Artikel versucht, Zwietracht zu stiften, um die geistige Einstellung in der Gesellschaft zu trüben und die Menschen auf Abwege zu bringen, dann hat er den Islam beleidigt. Er hat ein Komplott gegen den Islam geschmiedet und aufgrund der Lehre des Islams ist es notwendig, gegen ihn vorzugehen.

Es ist aber auch noch ein Punkt zu beachten: Die Abkehr vom Islam muss von renommierten islamischen Rechtsgelehrten, die in dieser Religion versiert sind, bestätigt werden. So hat Imam Chomeini als hoher islamischer Rechtsgelehrter das Urteil gefällt, dass Salman Rushdie ein Abtrünniger ist und dementsprechend sein religiöses Gutachten (Fitwa) herausgegeben, denn Salman Rushdie hat nach seiner Abkehr vom Islam bewusst eine Sabotage gegen diese Religion Gottes begangen. Auf eine äußerst beleidigende Art hat Rushdie die Heiligkeiten von anderthalb Milliarden Muslimen verspottet und durch Lügen und Verbreitung falscher Behauptungen versucht, den Koran und den Propheten in ein schlechtes Licht zu rücken und die öffentliche Meinung vom klaren Weg des Rechtes abzuhalten.

Grundsätzlich ist niemand so leicht als Abtrünniger zu verurteilen und bevor die Entscheidung darüber, ob jemand abtrünnig geworden ist, getroffen werden kann, muss ein komplizierter Zusammenhang von Voraussetzungen religionsrechtlich überprüft werden. Daher ist die Entscheidung über Abtrünnigkeit und Nicht-Abtrünnigkeit nicht Sache einer normalen Person. Nur einige wenige hochrangige Fachleute können diese feststellen.

Im Zusammenhang mit der Islamischen Republik Iran ist außerdem zu sagen: Die IR Iran, in der die islamischen Gesetze die Tragachse des Planens und Handelns sind, ist ein freies Land, in dem die Ansichten anderer respektiert werden. In diesem Land leben die Anhänger verschiedener göttlicher Religionen, wie Christen, Juden und Zoroastrier oder Zarathustrier. Sie haben freie Hand in Bezug auf ihre religiösen Angelegenheiten, genießen die Bürgerrechte und können, wenn sie das Gesetz und die Bestimmungen einhalten, wie jeder andere Bürger im Iran leben. Die Regierung verteidigt ihre Rechte und niemand darf diese verletzen.

Es sei auch erwähnt, dass die iranischen Gesetze keine Nachforschungen über die Überzeugung zulassen und niemand nur wegen der Änderung seiner Religion als Straftäter betrachtet wird. Wenn jemand der Abtrünnigkeit anheim fällt, wird nicht gegen ihn vorgegangen, solange er sich keine Intrige gegen die Religion des Islams zuschulden kommen lässt.

3.8.2009: Seit heute ist dieser Artikel auch auf IRIB nachzulesen


Antworten

  1. Salam alaikum Meryem,
    ist unsere Konversation gelöscht? Ich hätte da noch eine kleine Anmerkung schreiben wollen. Etwa so:
    Man stelle sich vor, in Deutschland würde heute (2009) vom Parlament ein Gesetz erlassen, daß für Apostasie (Abfall vom christlichen Glauben und Annahme des Islam) die Todesstrafe verhängen will. Natürlich muß dieses Gesetz vom Papst geprüft und genehmigt werden. Der nimmt sich Zeit oder läßt es erst einmal in der Schublade verschwinden.

    Naja, dann ma’a salama

    • Wa aleikum salam,
      nein hier ist nichts gelöscht alles da.
      Und Deine Anmerkung: der kleine feine Unterschied ist, dass sich das deutsche Volk keine katholische Verfassung gegeben hat. Sonst wär das womöglich drin. Und dann wären wir doch froh, wenn der Papst es nicht beschließt, weil in der Bibel nichts davon steht, oder? Ich würd mich ja auch freuen, mal etwas über eine Entscheidung zu lesen, die m.E. nur in eine Richtung gehen kann, aber da machen die Iraner ihren Job wie sie wollen und hören nicht auf mich. Völlig unverständlich, aber wahr, :-)

      Wassalam, Meryem

  2. Masaa al khair Meryem (bei mir ist es schon später Abend),

    zwei Fragen Meryam:
    a)
    wenn es so eindeutig ist, dass die Todesstrafe für Apostasie selbst von einer in Deutschland lebenden eifrigen Konvertitin als nach dem Koran unzulässig erklärt werden kann, – wie kann es sein, dass die angeblich so demokratischen Vertreter des gesamten iranischen Volkes ein solches Gesetz im angeblich so demokratischen Parlament beschließen können? Haben die allesamt keinerlei Kenntnisse des Islam und haben den Koran und die Ahadith nie gelernt?

    b)
    Wieso hat, wenn ihre so selbstsicheren Aussage über die Unzulässigkeit der Todesstrafe für Apostasie von Islamwissenschaftlern geteilt wird, der Wächterrat dieses vom Parlament beschlossene Gesetz nicht längst vom Tisch gewischt (nach nunmehr fast einem Jahr). Was ist denn da so lange zu prüfen? Ist doch alles so klar nach dem Koran —- oder? Kommen Sie mir nicht mit langen Entscheidungsprozeduren. Schauen Sie mal nach, wie schnell der Wächterrat üblicherweise Beschlüsse fasst.

    ma’ as salaama
    Khalid bin Rhub al Khali

    • Salam,
      tja, wie soll ich das beantworten? Die Parlamentarier sind nun mal keine Islamwissenschaftler(also ich vermute allerdings, dass es welche darunter gibt, aber ihre Funktion dort ist nun mal eine andere), das bin ich allerdings auch nicht und mir war es möglich mich darüber zu informieren, sogar im Iran und obwohl ich ansonsten keine Verbindung dahin habe.Mit ein bisschen Geduld habe ich doch Auskunft bekommen. Was soll ich zu deren Motivation sagen, ein derartiges Gesetz zu beschließen? Da müsste man die fragen, die dafür gestimmt haben.
      Und wie soll ich in den Wächterrat reingucken? Anscheinend haben sie das Gesetz in der Schublade verschwinden lassen, oder hat man noch mal was davon gehört? Ich jedenfalls nicht. Womöglich ist es schon abgelehnt? Keine Ahnung, aber wenn IRIB sich schon dazu äußert?
      Dass ich mich damit intensiver beschäftigt habe, lag ja an der Diskussion mit dem jungen shiitischen Bruder (verlinkt), der so vehement die Selbstjustiz bei Apostasie vertreten hat, indem er sich nach einer sunnitischen Fatwa richtete. Alles was ich dazu herausfinden konnte, habe ich hier beschrieben und ist ja durch die Praxis – also dadurch dass das Gesetz nicht durchgegangen ist – bisher bestätigt worden.
      So dass jegliches andere Vorgehen im Iran wohl unter Selbstjustiz oder Rechtsbeugung einzuordnen wäre, wobei da von hier aus schwer herauszufinden ist, was dann jeweils tatsächlich verurteilt wurde, sofern es Gerichtsurteile gab. Die Apostasie an sich ist jedenfalls nicht strafbar. Ob jetzt die hier aufgeführten, angeblichen Straftaten von Familienmitgliedern verfolgt werden oder wurden, kann ich auch nicht sagen, genausowenig wie ich weiß, ob es solche Handlungen überhaupt gab.

      Wassalam, Meryem

  3. Dann erklär mir doch mal, warum regelmäßig Christen ermordet werden, weil sie vom Islam abgefallen sind? Und das teils von ihren eigenen Angehörigen. Warum? Wenn das doch gar nicht im Koran steht?
    Und sag mir nicht, dass die alle nicht rechtgeleitet sind, die armen Unwissenden – den Opfern dürfte das nämlich egal sein…

    • Ja Tina, dann bring Du mir erstmal Nachweise solcher Taten – ich kenne nämlich keine, nur diese Behauptungen.Wo, wer, wann? Im Iran? In Deutschland? Was ist mit der Strafverfolgung? Und zweitens kann ich Dir nicht die Motive von Mördern erklären. Im Koran steht es jedenfalls nicht, ist ja ausgiebig erläutert.

  4. salam alaikum,
    im sunnitischen Islam ist es genauso. Wendet sich jemand vom Islam ab, so ist dessen Privatsache. Stiftet er jedoch danach Aufruhr und Chaos im Lande, dann kann es zu so einem Urteil kommen.

    Und es ist nicht die Sache eines Otto-Normal-Muslims jemand des Abfalls zu bezichtigten, da viele komplexe Dinge berücksichtigt werden müssen. Eine wahre Schande sind die Takfir-Gruppierunngen, denn im Grunde müssten sie wissen, auf welch dünnem Eis sie sich befinden.

    wa salam und danke für den ausfährlichen Bericht.

    • Wa aleikum salam,
      ja da gibt es ja Leute, die praktisch jeden bezichtigen, nicht Muslim zu sein. Und wenn dann noch die Tendenz zur Selbstjustiz dazukommt, na Danke.
      Auslöser meiner ganzen Recherche, war ja dass der Bruder vom Islamic-Revolution-Service behauptet hat, das wäre mit der Todesstrafe zu belegen.
      Bin ja doch erfreut, dass die Ergebnisse meinen Kenntnisstand dahingehend bestätigt haben.

      Wassalam, Meryem

  5. Wa aleikum salam,
    ja wär schön wenn mal jemand glaubt was ich schreibe oder weitergebe, lol. Meistens kommen ja die Argumente nicht an.
    Aber mich hat sehr gefreut, dass IRIB sich noch einmal gemeldet hat.

    Habt Ihr eigentlich die Rushdie-Fatwa im Wortlaut? Kann das nirgends finden. Mich würde insbesondere interessieren, ob sie tatsächlich weltweit gültig sein soll, was ja dem widerspricht, dass man die Landesgesetze achten soll. Aber so wird ja behauptet.

    Wassalam, Meryem

  6. Salam alaikum

    vielen Dank fürs Einstellen! Das öffnet ja hoffentlich auch dem letzten Skeptiker die Augen – ach nee, ich hab vergessen, wir machen ja Taqiyya :-) ))

    wa salam


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