Archiv für den Tag 30. März 2009

Ein Dorf in Südostanatolien

Ein Dorf in Südostanatolien

landschaft-fluss001klein1Ich stelle meine zukünftige Wahlheimat vor, ein Dorf in Südostanatolien.

Hier will ich später mal mit meinem Mann leben, der großes Heimweh hat und mit mindestens seinem halben Herzen bei der Familie ist. Da aber das Häuschen noch bezahlt werden will, bleiben wir noch eine Weile hier.

Und außerdem: so ganz einfach ist das nicht für eine Europäerin, sich dort zu “integrieren”. Mir gefällt vieles dort, vieles ist fremd und manches befremdlich.

Ich werd mal in unregelmäßigen Abständen erzählen, was gerade so los ist.

Gestern z.B. waren ja Kommunalwahlen in der Türkei. Es hat landesweit 6 Tote gegeben-hab ich heute in der Zeitung gelesen. Na so dolle haben sie es “bei uns” nicht getrieben. Aber die Wahlen haben schon eine besondere Qualität.

Im Dorf gibt es knapp über 1000 Wahlberechtigte. Gewählt wurden gestern der “Dorfmeister” (Muhtar) und noch Posten für die naheliegende Kleinstadt und die Bezirkshauptstadt. Wie genau das da heißt weiß ich nicht, wahrscheinlich vergleichbar mit Stadtrat und Kreistag bei uns.Diese Kandidaten sind jeweils einer Partei zugehörig, aber interessant ist eigentlich die Wahl des Muhtars.

Der wird nämlich nicht nach Partei- sondern nach Familienangehörigkeit aufgestellt. Nun hat die Familie meines Mannes fast schon die Mehrheit im Dorf, also ist eine ziemlich große Sippe. Also man guckt sich einen geeignet erscheinenden Kandidaten aus und dann werden die einzelnen Familien bearbeitet, auch entsprechend zu stimmen. Selbst mein Mann war wochenlang telefonisch tätig, einzelne Familienmitglieder anzurufen. So gab es schon eine ungefähre Ahnung ob das klappt oder nicht. Hat geklappt, mit 100 Stimmen Vorsprung.

Komplikationen gab es aber auch – so hatte viele Wähler keinen Personalausweis, bzw. einen abgelaufenen. Spielt dort sonst nie eine Rolle, aber gestern mussten sie dann schnell noch in die Kleinstadt sausen, wo das Amt trotz Sonntags geöffnet hatte, für solche Fälle. Dass die nicht auf die Idee kommen, das vorher mal zu überprüfen!

Was ist nun entscheidend für die Aufstellung? Nun ich behaupte mal, man sucht sich jemanden aus, dem man vertraut, dass er schon was Gutes für das Dorf tun wird, aber im Zweifelsfall lieber für die Dorfteile die in Familienhand sind.

Z.B. hatten sie in den letzten Jahren einen Muhtar, den sie mit 18(!) Jahren ins Amt gehievt haben. Erstens, weil die Familie arm war und sie dem ältesten Sohn ein Einkommen verschaffen wollten, zweitens haben sie wohl geglaubt der wäre fügsam. Pustekuchen. Nichts ist für das Dorf getan worden. Im Gegenteil, die 5000-7000 Euro Wassergeld, die im Monat bezahlt werden, sind voll in dessen Familie gelandet (deshalb sagte ich auch, die Familie “war” arm). Merkwürdig, dass es keine Kontrolle, keine Vorschriften gibt, wie das gehandhabt werden muss, dabei sind die Türken sonst noch bürokratischer als wir Deutschen. Na gut, diese Familie ist ja nun saniert und der Fehler soll wieder gut gemacht werden (ich hätte denen gleich sagen können, dass das schiefgeht, aber wie mein Mann sagt: “die hören Frauen gar nicht”).

Also wurde ein neuer Kandidat ausgeguckt. Was dem amtierenden Muhtar ja nun nicht verborgen blieb. Was machte der in der heißen Wahlkampfphase? – Das Wasser für das ganze Dorf abstellen. Was der sich dabei wohl gedacht hat? Meinte er, das steigert seine Wiederwahlchancen? Wollte er nochmal seine Macht beweisen?

Letzten Endes sind die Männer selbst hingegangen und haben den Generator wieder angestellt (das Wasser wird mit einer Pumpe gefördert).

Nun hoffen wir auf Straßenbau und andere Verbesserungen unter dem neuen Muhtar.

Die Dorfgemeinschaft kann aber auch sehr,sehr lieb sein – da gibt es noch eine Geschichte zum Thema Wasser: Es gibt einen Angestellten, der die Pumpe und den Generator wartet. Nun, irgendwann letztes Jahr, muckte das Gerät und er hat es abgebaut – was er nicht bedachte war, dass das Förderrohr dranhing-das hat sich dann in die Tiefe verabschiedet. Hoppla. Ein Schaden von ein paar Tausend Euro, denn es musste neu gebohrt werden und alle haben zähneknirschend dazugezahlt (wobei ich mich heute frage, warum das der Muhtar nicht finanziert hat).

Na jedenfalls ich war auch sauer, hab ja auch mitgezahlt und fragte, was das denn nun für Konsequenzen für diesen Arbeiter hat – keine.Weil, der Mann ist arm und wenn er die Arbeit verliert, dann hungert die Familie. Das ist nun wieder sehr fürsorglich und ich hab mich etwas geschämt für mein: “den muss man doch rausschmeißen”.