Archiv für den Monat März 2009

Wes Geistes Kind ist Erdogan?

Wes Geistes Kind ist Erdogan?

So fragt Martin Winter im gestrigen Kommentar in der SZ – heute schon wieder ein Kommentar über Tayyip Erdogan, von Kai Strittmatter, schon milder gestimmt: “Fromm aber konform”

Es geht – natürlich um die Ernennung von Fogh Rasmussen zum NATO Generalsekretär, die “unser Tayyip” (mein Mann hat ihn sozusagen zum Familienmitglied gekürt) kritisiert hat. Herr Winter sieht einen wütenden Islamisten, der die Meinungsfreiheit beschränken will – wie kann man auch gegen Kritik an Religion, Propheten und Gott sein? Wo doch an Herrn Rasmussens Qualifikation nichts auszusetzen sei. Die Glaubwürdigkeit der NATO, die doch “überall in der Welt eingreifen will, wo Völkern Gewalt angetan wird und Terroristen ihr Unwesen treiben” stünde auf dem Spiel. “Die NATO kann sich doch keinen partiellen oder temporären Werteverzicht leisten”.

Nun-Herr Winter vergisst dabei, dass das mächtigste NATO Land einen Staat völkerrechtswidrig besetzt hat und dadurch vielleicht einen Gewaltherrscher gestürzt, aber dem Terror alle Tore geöffnet hat. Welches Recht hat die NATO, sich zur Weltpolizei zu ernennen? Ganz ungenannt bleibt auch, dass Dänemark unter Herrn Rasmussen der PKK, einer Terrororganisation, erlaubt einen Fernsehsender zu betreiben.Während die PKK Terroristen im irakisch-iranisch-türkischen Grenzgebiet auf eigentümliche Weise in den Besitz amerikanischer Waffen gelangen. Die Army kann sich dann jeweils gar nicht erklären, wie ihnen die Hunderte Schusswaffen abhanden kommen konnten. Vom Laster gefallen wahrscheinlich.

Komisch-die einen Terroristen kommen einem gerade recht, um die eigene Einflusssphäre zu vergrößern, oder zu erhalten – und bei den anderen verlangt man die Unterstützung derer, die man an anderer Stelle bedrängt?

Der heutigeKommentar von Herrn Strittmatter ist ausgewogener. Immerhin kann er feststellen, dass in der Tat die Ernennung Herrn Rasmussens eine große Unruhe auslösen würde in allen muslimischen Ländern. Weshalb Erdogan sich zum Sprecher dieser Länder gemacht habe, aber letzten Endes sich nicht dagegenstellen werde. Und er lässt auch den Terroristensender nicht unerwähnt. Dass Erdogan ein gewisses polteriges Temperament hat und nicht das diplomatische Feingefühl, das ist ihm natürlich auch aufgefallen.

Also, wes Geistes Kind ist er denn nun, der Ministerpräsident?

Frommer Muslim ist er – und das beinhaltet natürlich Respekt vor Religon, vor Propheten und Heiligen und religiösen Symbolen. Sehr sympathisch finde ich und die Karikaturen waren unsäglich. Was keine Ausschreitungen rechtfertigt, aber da wurden Menschen aufgehetzt – und wer das letzten Endes warum getan hat, wissen wir auch nicht. Wär doch eine geschickte Strategie, solche Karikaturen noch mal zu veröffentlichen (die waren ja nicht neu) und damit mal wieder den Islam in Mißkredit zu bringen. Leider gibts ja genug Muslime, die in diesem Moment keine Selbstbeherrschung nach Art des Propheten, Friede und Segen sei mit ihm, pflegen.

Die Türkei hat sicher ein anderes Verständnis von Medienfreiheit und der Regierungschef hat dort die Befugnis, Unliebsames aus der Welt zu schaffen. Was er bisher genutzt hat, um einige mediale Verwirrungen untersten Niveaus von den Bildschirmen zu entfernen, so im Stil von billigen Nachmittags-Beschimpfungs-Talkshows.

Ansonsten ist er der erste Ministerpräsident seit Jahrzehnten, der eine wirkliche Veränderung im Land in Gang gebracht hat. Dinge die jeder Bürger ganz praktisch erfahren kann, gerade in den viele Jahre lang vernachlässigten Gebieten im Osten. Die Menschen lieben ihn, weil es jetzt eine Krankenversorgung für alle gibt, Kindergeld, Schulbusse, Strassenbau, einen anständigen Mindestlohn usw.

Weil unter seiner Regierung der “Staat im Staate”, das Militär und seine Geheimorganisation Ergenekon, die für unzählige Tote im Kurdengebiet verantwortlich ist, entlarvt und bestraft wird.

Aber weil er trotzdem nicht zulässt, dass Terror der PKK unter dem Deckmantel von “Freiheitskampf” ungeahndet bleibt. Wofür ihm auch viele Kurden dankbar sind, die genauso Opfer von PKK Angriffen und auch von kriminellen Machenschaften im Land geworden sind.In Westeuropa dagegen scheinen die Verbrechen der PKK gegen ihre abtrünnigen Mitglieder, die Schutzgelderpressungen und ihre Verstrickung in den Drogenhandel vergessen zu sein.

Weil er der Erste ist, der zugestanden hat, dass die Türkei ein Vielvölkerstaat ist, seit Atatürk alle nur und ausschließlich zu Türken ernannt hat-aus damaliger Sicht vielleicht klug, denn zu gerne hätten die Westmächte das Land zerschlagen. Aber heute kann man Türke und Kurde oder Laz, oder Tscherkesse, oder Syriani, oder Assyrin oder oder oder sein.

Weil er sich nachdrücklich gegen Folter und Korruption ausgesprochen hat und entsprechend auch viele höhere und niedrige Beamte aus ihren Ämtern entfernt hat.

Es freut die Menschen, dass er sich nicht von den USA kaufen ließ, als diese das Land zum Truppenaufmarsch Richtung Irak benutzen wollten. Und dass jetzt in jedem amerikanischen Militärflieger, der von der Türkei aus startet, weil es dort ja leider noch US-Basen gibt, jetzt ein türkischer Militär sitzt, zur Kontrolle.

Solch Geistes Kind ist der Ministerpräsident, mag er auch Fehler haben und im Moment auch in Bedrängnis sein, weil er es nicht immer schafft, alle Skandale gleichzeitig in den Griff zu bekommen. Die Menschen nehmen ihm übel, dass er nicht voll konsequent gegen die Verantwortlichen der “Leuchtturm”-Affäre angegangen ist.

Und natürlich macht die Wirtschaftskrise Angst und gerne macht man die Regierung verantwortlich. Und vergisst dabei, dass das Land sich entschuldet hat, seit die AKP regiert, über 300 Milliarden Dollar wurden in den sechs Jahren Regierungszeit zurückgezahlt-nur 8 Milliarden Dollar Schulden bei der Weltbank sind geblieben-trotz all dieser Investitionen die getätigt wurden. Wo haben die Vorgängerregierungen das ganze Geld gelassen?

Zu behaupten, die Türkei würde noch nach einer Aufnahme in die EU drängen, entspricht nicht mehr der Stimmung im Land. Die Mehrheit will das gar nicht mehr und der angebliche “Wertekanon” wie Herr Winter es nennt, hat für die Menschen dort eben keinen Wert. Wegen all der genannten Widersprüchlichkeiten.

Mag er seine Fehler haben, “unser Tayyip” – eine Persönlichkeit mit solchem Mut und solchen Werten könnten wir auch gut gebrauchen.

Ein Dorf in Südostanatolien

Ein Dorf in Südostanatolien

landschaft-fluss001klein1Ich stelle meine zukünftige Wahlheimat vor, ein Dorf in Südostanatolien.

Hier will ich später mal mit meinem Mann leben, der großes Heimweh hat und mit mindestens seinem halben Herzen bei der Familie ist. Da aber das Häuschen noch bezahlt werden will, bleiben wir noch eine Weile hier.

Und außerdem: so ganz einfach ist das nicht für eine Europäerin, sich dort zu “integrieren”. Mir gefällt vieles dort, vieles ist fremd und manches befremdlich.

Ich werd mal in unregelmäßigen Abständen erzählen, was gerade so los ist.

Gestern z.B. waren ja Kommunalwahlen in der Türkei. Es hat landesweit 6 Tote gegeben-hab ich heute in der Zeitung gelesen. Na so dolle haben sie es “bei uns” nicht getrieben. Aber die Wahlen haben schon eine besondere Qualität.

Im Dorf gibt es knapp über 1000 Wahlberechtigte. Gewählt wurden gestern der “Dorfmeister” (Muhtar) und noch Posten für die naheliegende Kleinstadt und die Bezirkshauptstadt. Wie genau das da heißt weiß ich nicht, wahrscheinlich vergleichbar mit Stadtrat und Kreistag bei uns.Diese Kandidaten sind jeweils einer Partei zugehörig, aber interessant ist eigentlich die Wahl des Muhtars.

Der wird nämlich nicht nach Partei- sondern nach Familienangehörigkeit aufgestellt. Nun hat die Familie meines Mannes fast schon die Mehrheit im Dorf, also ist eine ziemlich große Sippe. Also man guckt sich einen geeignet erscheinenden Kandidaten aus und dann werden die einzelnen Familien bearbeitet, auch entsprechend zu stimmen. Selbst mein Mann war wochenlang telefonisch tätig, einzelne Familienmitglieder anzurufen. So gab es schon eine ungefähre Ahnung ob das klappt oder nicht. Hat geklappt, mit 100 Stimmen Vorsprung.

Komplikationen gab es aber auch – so hatte viele Wähler keinen Personalausweis, bzw. einen abgelaufenen. Spielt dort sonst nie eine Rolle, aber gestern mussten sie dann schnell noch in die Kleinstadt sausen, wo das Amt trotz Sonntags geöffnet hatte, für solche Fälle. Dass die nicht auf die Idee kommen, das vorher mal zu überprüfen!

Was ist nun entscheidend für die Aufstellung? Nun ich behaupte mal, man sucht sich jemanden aus, dem man vertraut, dass er schon was Gutes für das Dorf tun wird, aber im Zweifelsfall lieber für die Dorfteile die in Familienhand sind.

Z.B. hatten sie in den letzten Jahren einen Muhtar, den sie mit 18(!) Jahren ins Amt gehievt haben. Erstens, weil die Familie arm war und sie dem ältesten Sohn ein Einkommen verschaffen wollten, zweitens haben sie wohl geglaubt der wäre fügsam. Pustekuchen. Nichts ist für das Dorf getan worden. Im Gegenteil, die 5000-7000 Euro Wassergeld, die im Monat bezahlt werden, sind voll in dessen Familie gelandet (deshalb sagte ich auch, die Familie “war” arm). Merkwürdig, dass es keine Kontrolle, keine Vorschriften gibt, wie das gehandhabt werden muss, dabei sind die Türken sonst noch bürokratischer als wir Deutschen. Na gut, diese Familie ist ja nun saniert und der Fehler soll wieder gut gemacht werden (ich hätte denen gleich sagen können, dass das schiefgeht, aber wie mein Mann sagt: “die hören Frauen gar nicht”).

Also wurde ein neuer Kandidat ausgeguckt. Was dem amtierenden Muhtar ja nun nicht verborgen blieb. Was machte der in der heißen Wahlkampfphase? – Das Wasser für das ganze Dorf abstellen. Was der sich dabei wohl gedacht hat? Meinte er, das steigert seine Wiederwahlchancen? Wollte er nochmal seine Macht beweisen?

Letzten Endes sind die Männer selbst hingegangen und haben den Generator wieder angestellt (das Wasser wird mit einer Pumpe gefördert).

Nun hoffen wir auf Straßenbau und andere Verbesserungen unter dem neuen Muhtar.

Die Dorfgemeinschaft kann aber auch sehr,sehr lieb sein – da gibt es noch eine Geschichte zum Thema Wasser: Es gibt einen Angestellten, der die Pumpe und den Generator wartet. Nun, irgendwann letztes Jahr, muckte das Gerät und er hat es abgebaut – was er nicht bedachte war, dass das Förderrohr dranhing-das hat sich dann in die Tiefe verabschiedet. Hoppla. Ein Schaden von ein paar Tausend Euro, denn es musste neu gebohrt werden und alle haben zähneknirschend dazugezahlt (wobei ich mich heute frage, warum das der Muhtar nicht finanziert hat).

Na jedenfalls ich war auch sauer, hab ja auch mitgezahlt und fragte, was das denn nun für Konsequenzen für diesen Arbeiter hat – keine.Weil, der Mann ist arm und wenn er die Arbeit verliert, dann hungert die Familie. Das ist nun wieder sehr fürsorglich und ich hab mich etwas geschämt für mein: “den muss man doch rausschmeißen”.